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Michael S. Zerban - Foto © Klaus Handner

Ohne jeden Anstand

Man darf, wenn man dazu rheto­risch in der Lage ist, Dinge auch mal sprachlich zuspitzen oder Debatten polari­sierend voran­treiben, um auf Missstände hinzu­weisen. Was man dabei nicht darf, ist: die Würde des Menschen verletzen. Eine „Jury von Fachjour­na­listen“ hat jetzt die Maske fallen lassen und der Öffent­lichkeit gesagt, was sie von Menschen außerhalb ihres erhabenen Dunst­kreises hält. Ohne jede Schamesröte. 

Der Theater­vor­platz in Krefeld als sozialer Brenn­punkt – Foto © Stadt Krefeld

Bereits mehrfach haben wir in O‑Ton darauf hinge­wiesen, dass Preis­ver­lei­hungen und Wettbe­werbe keine Relevanz haben, sondern einzig dem Zweck dienen, als Marketing-Gag den Menschen noch ein bisschen mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Aus gutem Grund verzichten wir norma­ler­weise deshalb darauf, insbe­sondere über Preis­ver­lei­hungen zu berichten. Und eigentlich wollten wir davon absehen, über die großan­ge­legte Marke­ting­aktion der Berliner Zeitung Oper! zu berichten, die sich Oper! Awards nennt. Da werden von einer „Jury aus Fachjour­na­listen“ Preise in 20 Kategorien wie beispiels­weise beste Sängerin, bestes Opernhaus oder beste Nachhal­tig­keits­in­itiative vergeben. Das kann man sich gut vorstellen, wie sich neun Journa­listen tausende von Sängern anhören, um unter ihnen die besten heraus­zu­finden, denn nur dann wäre ja eine Preis­vergabe sinnvoll. Und man kann sich noch besser vorstellen, wie diese Journa­listen mit ihrer Kernkom­petenz über 300 Nachhal­tig­keits­kon­zepte gebeugt entscheiden, welches Haus die beste Initiative gewählt hat. Dabei ist dann auch uninter­essant, dass unter Experten Nachhal­tig­keits­fragen noch gar nicht abschließend geklärt sind. Oder ist es eher so, dass die vielbe­schäf­tigten Kollegen rasch einen Frage­bogen mit ein paar Vorschlägen ausfüllen? Aber warum genauer nachfragen, wenn es dem besseren Abverkauf des Heftes dient, schließlich erreicht die Reduktion der kultu­rellen Bericht­erstattung längst beängs­ti­gende Zustände. Und vielleicht hilft es ja der einen oder anderen eher willkürlich ausge­wählten Karriere zu Sprüngen und Häusern zum dringend benötigten Publikum.

Die Fachjour­na­listen, aus denen sich die „Jury“ zusam­men­setzt, sind „natürlich“ der Chefre­dakteur der Zeitung, Ulrich Ruhnke, und zwei von drei Redak­teuren des Blattes. Hinzu­kommen Manuel Brug, Eleonore Brüning oder auch Christian Wildhagen von der NZZ. Menschen, von denen man bis heute glaubte, ihnen eine bejahende Haltung gegenüber der Würde des Menschen unter­stellen zu können. Bis heute. Denn die Jury hatte noch einen weiteren Preis zu vergeben.

Der Preis in der 21. Kategorie nennt sich „größtes Ärgernis“. Das kann man machen. Die goldene Himbeere oder die goldene Zitrone in anderen Bereichen sind Beispiele dafür. Aller­dings sollte man solche Anti-Preise mit Sachkenntnis verleihen. In diesem Jahr ging der Anti-Preis der Zeitung an den Theater­vor­platz in Krefeld. Und damit lagen die Experten schon mal grund­legend falsch. Ja, der Vorplatz ist ein Problem für die Stadt Krefeld. Und die ist sich des Themas durchaus bewusst. Wäre einer der Kollegen in den letzten Monaten mal vor Ort gewesen, hätte er die Männer von der Security sehen können, die von Ordnungs­be­amten der Stadt sekun­diert werden. Gäbe es irgend­welche Sachkenntnis, hätten die Journa­listen gewusst, dass hier ein Drogen­hil­fe­zentrum geplant ist. Denn selbst­ver­ständlich arbeitet die Stadt an einer Lösung, um für Drogen­süchtige, deren Liefe­ranten oder Obdachlose andere Orte zu finden, an denen sie besser aufge­hoben sind. Und vor allem hätte sich die Jury nicht zu dieser Begründung hinreißen lassen: „Schlei­chend abgehakt und dem Verfall preis­ge­geben wird aber mit dem modernen Inferno des sozial produ­zierten Menschen­mülls zugleich ein Stück Kultur.“ Unter „Menschenmüll“ versteht die Jury, so hat es Ruhnke noch einmal nachträglich via Presse­mit­teilung bestätigt, die Drogen­ab­hän­gigen, ihre Liefe­ranten und die Obdachlosen.

Menschenmüll. Was für eine Haltung steht hinter diesem Wort? Täglich arbeiten Menschen in den Kultur­be­trieben daran, die Würde des Menschen anzuer­kennen und zu achten. Und ausge­rechnet eine Journaille, die es am besten wissen müsste, wähnt sich in einem erhabenen Dunst­kreis, in dem sie sich vom „Menschenmüll“ abheben will. Es ist wohl eher so, dass dieser Begriff solchen Journa­listen zugeordnet werden muss, die ihn für andere Menschen benutzen. Solch eine Ausdrucks­weise haben sich nicht einmal die Natio­nal­so­zia­listen getraut, wenn sie über Juden und Zigeuner sprachen.

Oberbür­ger­meister Frank Meyer spricht zu Recht von einer „ungeheuren sprach­lichen Entgleisung“ und hält damit noch mühsam die Wut zurück, dass es jemand wagt, Menschen aus seiner Stadt als „Menschenmüll“ zu bezeichnen. Ruhnke indes ist so weit von der Wahrnehmung der Wirklichkeit entfernt, dass er der Stadt in einer Erwiderung vorwirft, von der „eigent­lichen Proble­matik“ ablenken zu wollen. Nein, die Stadt will nicht ablenken, sondern arbeitet an der Situation – und sie wäre die erste, die solche Brenn­punkte von heute auf morgen auflösen könnte. Aber sie sucht nach einer würde­vollen Lösung für alle Betei­ligten, was auch Michael Grosse, Intendant des Theaters Krefeld Mönchen­gladbach, noch einmal ausdrücklich bestätigt.

Ich hätte an dieser Stelle gern allen Gewinnern der Preis­ver­leihung gratu­liert. Aber sie müssen jetzt damit leben, dass sie von Menschen belobigt wurden, die eine unerträg­liche Haltung vertreten, indem sie Menschen sozialer Randgruppen in verach­tens­werter Weise diskri­mi­nieren. Um nicht auch noch in den Dunst­kreis einer solchen Einstellung zu geraten, sollten sich die „Preis­träger“ schleu­nigst von dieser Veran­staltung distanzieren.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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