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Peter Wäch - Foto © privat

Oper für wenige

Nach derzei­tigem Stand spricht einiges dafür, dass es eine Opern­saison 202122 geben kann. Da möchte man erwarten, das Publikum werde nun mit „Appetit­happen“ gelockt, möglichst schnell wieder in die Häuser zurück­zu­kehren. Doch ein Blick in die Schweiz zeigt, dass die Inten­danten von anderen Motiven angetrieben zu sein scheinen, die mit dem Publikum äußerst wenig zu tun haben. Eine falsche Entwicklung, die sich rächen könnte.

Stadt­theater Bern – Foto © Wladyslaw Sojka

Als nach einer gefühlten Ewigkeit in Bern mit Verdis Il Trovatore endlich wieder eine italie­nische Oper aufge­führt wurde, flachste der damalige Intendant Stephan Märki von Konzert Theater Bern mir gegenüber bei der Premie­ren­feier: „Wir haben jetzt wieder mal und extra für Sie diesen Belcanto gemacht!“ In der Tonlage war deutlich jene Despek­tier­lichkeit zu erkennen, die man früher auf dem Pausen­platz zu hören bekam, wenn man die Popgruppe Abba den vier Säulen­hei­ligen von den Beatles vorzog. Es sollten noch ein gelun­gener und ein verun­glückter Verdi in Bern folgen, der ursprüng­liche Belcanto blieb aber weiterhin außen vor im Vierspartenhaus.

Märki fand nach seinem unrühm­lichen Abgang 2018 in der Schweizer Haupt­stadt infolge einer internen Liebes­affäre eine neue Wirkungs­stätte in Cottbus. Auf ihn folgte 2019 Florian Scholz, der zuvor in Klagenfurt gewirkt hatte und ab Herbst 2021 erstmals die künst­le­rische Leitung innehält. Als erste Amtshandlung ersetzte der 51-Jährige praktische beide Ensembles im Schau­spiel und im Musik­theater, was nicht gut ankam bei den Bernern. Immerhin hat der Super­in­tendant, unter dem die Stätten in Bühnen Bern umbenannt wurde, einen späteren und belcan­to­armen Verdi program­miert. Mit dem Fünfakter Don Carlos auf Franzö­sisch hat sich das Haus viel vorge­nommen, weitere Werke stellt der Deutsche in Aussicht. Auch der wuchtige Wagner, der bereits unter der Leitung von Stephan Märki und Xavier Zuber auffallend oft auf dem Spielplan stand, wird weiter­ge­walzt. Hier soll es nun der ganze Ring sein, eine Premiere für das 1903 eröffnete Haus. Auch am ersten Konzert­abend, der Anfang September 2021 über die Berner Bühne geht, erschallt Wagner. Den ursprüng­lichen Schön­gesang gibt’s tatsächlich mit einer selten gespielten Bellini-Oper, die aller­dings nur 40 Kilometer entfernt auch bei der Konkurrenz zur Aufführung kommt.

Während eines Inter­views mit Florian Scholz vor den Sommer­ferien glaubte ich ein Nasen­rümpfen wahrge­nommen zu haben, als die Sprache darauf kommt, dass seit mehr als zehn Jahren kein Donizetti mehr am Berner Haus gespielt wurde. Beim Stichwort Puccini bleibt es nicht bei meinem Argwohn, denn bei Scholz brechen sämtliche Dämme. Er berichtet sogleich namentlich von einem Inten­danten, dem der Maestro aus Lucca überhaupt nicht ins Haus kommt. Puccini kommt ihm, dem gottgleichen General­im­pe­rator, nicht ins Haus! Die Frage sei erlaubt: Lautet so ihr Auftrag, Eure Hoheit?

Giacomo Puccini, so resümiert Scholz im vertrau­lichen Hand-aufs-Herz-Unterton, sei halt etwas einfach gestrickt. Die missratene Madama Butterfly von Regisseur Nigel Lowery in Bern, die kurz vor der Pandemie über den Bühnen­boden flatterte, hält er wohl auch deshalb immer noch für recht gelungen. Die Geschichte mute ohnehin eklek­ti­zis­tisch an und obendrein sei Puccini nie in Japan gewesen, so Scholz weiter. Ob Wagner jemals in Walhalla war? Wahrscheinlich ist er es jetzt, wenn es sich der Komponist mit seinem ausge­prägten Antise­mi­tismus nicht verscherzt hat bei den Göttern.

Man kann sich in etwa vorstellen, wie erst Kompo­nisten aus Puccinis Ära von Scholz klassi­fi­ziert würden. Giordano, Mascagni, Catalani, Leonca­vallo oder Cilea spielen ohnehin schon eine unter­ge­ordnete Rolle im Opern­re­per­toire, das fällt in der Schweiz besonders deutlich auf. Sogar das Opernhaus Zürich hält die begna­deten Vertreter der italie­ni­schen Spätro­mantik und des Verismo deutlich auf Sparflamme. Die löbliche Ausnahme bildete seinerzeit Alexander Pereira, der das Zürcher Haus von 1991 bis 2012 leitete.

Doch was vermittelt uns die einseitige Auswahl an Opern, dekre­tiert von fürstlich entlöhnten Theater­leitern, deren Lohn jenen eines Ensemble-Mitglieds um ein Mehrfaches übersteigt? Sie erraten es womöglich: Theater­ober­häupter orien­tieren sich immer weniger an den Bedürf­nissen des Publikums, sie schielen vielmehr nach Reputation. Der Kultur­auftrag verkommt darin zur Erzie­hungs­kultur. So erstaunt es denn nicht, dass in Bern regel­mäßig Werke von Leos Janáček zu sehen sind und kein einziges Opus von Jules Massenet oder Umberto Giordano. Oper für alle ist das mitnichten. Es ist vielmehr das Steuergeld von allen für die ewig gleiche Minderheit. Mit dem einge­bil­deten Label einfach gestrickt lassen sich keine Lorbeeren holen am Firmament des Hochmuts. Ein Verlust von 12.000 Besuchern in der Saison 201819 in Bern, allein in der Sparte Oper, sollte jedoch zu denken geben.

Man muss bei Kultur­be­auf­tragten von hochsub­ven­tio­nierten Häusern, die einen Puccini oder Belcanto-Meister belächeln und die Wiener Schule der Moderne als Essenz der Opern­ge­schichte betrachten, leider davon ausgehen, dass es nicht darum geht, das breite Spektrum des künst­le­ri­schen Schaffens abzudecken, um damit möglichst ein ebenso breites Publikum abzuholen. Die elitäre Auswahl der Stücke ist vielmehr in einem selbst­re­fe­ren­zi­ellen Kontext zu sehen, der dem eigenen Geschmack und der Gunst der feingeis­tigen Feuil­le­to­nisten zupass­kommt. Letztere haben genauso in einem Elfen­beinturm des erlesenen Gustos Platz genommen wie die Theater­re­genten mit Tunnelblick.

In diesem Zusam­menhang erschließt sich einem wahrscheinlich in Bern auch die Weiter­führung des Wagner-Reigens, gegen dessen Werke ich – punktuell program­miert – überhaupt nichts einzu­wenden habe. Die geplante Tetra­logie in Bern, die zeitgleich in Zürich startet, ist jedoch der ausdrück­liche Wunsch des neuen Hausdi­ri­genten Nicholas Carter, der ohne diese Zusage vermutlich niemals den Weg ins eher provin­zielle Bern gemacht hätte. Vier Jahre muss er laut Vertrag ausharren in der Schweizer Haupt­stadt, dann hat er seinen Wagner auf der Setkarte.

Das Beispiel Bern ist leider kein Einzelfall. Auch in anderen Stätten toben sich Inten­danten nach ihrem persön­lichen Gutdünken aus, wo sich vor allem eins hervorhebt: Abgeho­benheit. Entspre­chend setzen sie – ich bitte die Diffe­ren­zierung zu beachten – zu viele sperrige Stücke auf den Plan, die ohne Subven­tionen gar nicht erst gespielt werden könnten. Und das, obschon man es vielerorts besser wissen müsste. In Bern zum Beispiel wurde die Oper Der Reigen von Philippe Boesmans nach Arthur Schnitzler gleich nach der Premiere abgesetzt. Nur ein gutes Dutzend hartge­sottene Opernfans hatte für ein weitere Vorstellung Karten gekauft.

Auch der neue Intendant vom Theater Basel, Benedikt von Peter, setzte zum Beginn seiner Amtszeit in der Spielzeit 202021 Olivier Messiaens schwer verdau­liches Opus Saint Francois d’Assise an den Start, was dann auch Pandemie-bedingt unterging. Selbst in Bern unter Xavier Zuber und in Genf unter Aviel Cahn sollte der Opern­messias Messiaens das Publikum verzücken, doch das Corona­virus machte ihnen einen Strich durch die teure Rechnung. In Luzern sind es unter der Leitung von Ina Karr die nächste Spielzeit gleich ein paar Werke und Gewer­keltes, die zumindest für eine Mehrheit eher zäher rutschen dürften, darunter Perelà von Pascal Dusapin und gleich davor die wenig eingängige Britten-Oper The rape of Lucretia. Immerhin, das muss man sagen, sind diese Opern garan­tiert nicht einfach gestrickt.

Macht es sich die kultu­relle Obrigkeit, von satten Steuer­geldern alimen­tiert, nicht zu einfach? Und das gerade in Zeiten, in denen aufgrund der Corona­krise Einspa­rungen drohen und es nicht mehr egal ist, wenn die zweite und dritte Vorstellung, gelinde gesagt, dünn besucht ist? Das Argument, man locke mit Opern jenseits des bekannten Kanons junge Leute an, zählt nur bedingt, denn oft handelt es sich dabei um Studenten oder Auszu­bil­dende, die von satten Preis­re­duk­tionen profitieren.

Man werfe auch einen Blick auf Festivals, die nicht vollum­fänglich von Subven­tionen getragen sind und wo dann nicht Wozzeck von Alban Berg der Kassen­magnet ist, sondern Puccinis eklek­ti­zis­tische Butterfly. Nicht mal Richard Wagner schafft es in seiner Breite an Sommer­fest­spielorte wie Bregenz, weil die unauf­ge­klärte Masse dann doch lieber für Rossinis simpleren Il Barbiere di Siviglia oder Puccinis emotionale La Bohème Plätze bucht.

Eine Tosca, so wägt Florian Scholz in gönne­ri­schem Übermut ab, könne es dann doch geben in der Schweizer Haupt­stadt. Grösser ist meiner Meinung nach jedoch die Wahrschein­lichkeit, dass Richard Strauss‘ Dreiakter Die Frau ohne Schatten gezeigt wird, dessen mehrheitlich atonale Tondichtung sich nicht jedem ruckzuck erschließt. Man muss wissen, dass Florian Scholz einst Assistent des damaligen General­inten­danten Stephan Märki am Deutschen Natio­nal­theater in Weimar war und dass mir Letzterer einmal vorschwärmte, wie gerne er die Strauss-Oper, unter Kennern auch FroSch genannt, insze­nieren würde. Unter alten Freunden ist man sich womöglich einen solchen Gefallen schuldig. Bern startet dieses Jahr mit dem Musical Evita von Andrew Lloyd Webber in die – Achtung! – Opern­saison. Etwas gar einfach gestrickt diese Musik, aber garan­tiert kein Kassengift.

Peter Wäch

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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