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Peter Wäch - Foto © privat

Opernschaffen in Zeiten der Seuche

Seit Wochen sind Theater, Opern­häuser und andere Spiel­stätten bereits geschlossen. Auch wenn die Diskussion über die Richtigkeit dieser Maßnahme weiter lodert, bleiben die Künstler zuhause. Zeit, sich Gedanken über den Tod, auch der Oper, zu machen und einen Blick in die Vergan­genheit zu werfen. 

Rebecca Nelsen als grandios sterbende Violetta an der Volksoper Wien – Foto © Barbara Pálffy

Mit jedem Tag des Lockdowns sterben Manon, Violetta und Mimì ein bisschen mehr. Sie bleiben liegen und stehen nicht mehr auf vom Bühnen­boden, um den Applaus der Zuschauer entge­gen­zu­nehmen. Sie wurden nicht von der Schwind­sucht dahin­ge­rafft, sondern von einem Virus. Nicht gestern, sondern heute. Nicht für einen Bühnentod mit schneller Erholung sondern auf unbestimmte Zeit. Die Rede ist von SARS-CoV‑2, einem besonders anste­ckenden Erreger aus der Familie der Corona­viren. Das Virus legt die Kultur­branche gnadenlos lahm und mit ihr all die Künst­le­rinnen und Künstler, die um ihr täglich Brot bangen. Gestorben wird nun ausserhalb der Theatersäle, in den Kranken­häusern, in Notfall­ein­rich­tungen, zu Hause. Nicht gespielt, nein real. Gevatter Tod hat sich zu uns an den Tisch gesetzt. Er war nie fort, wurde im besten Fall auf Abstand gehalten. Nun fordert er wieder seinen Tribut, wie zu jenen Zeiten, als berühmte Opern­klas­siker wie Massenets Manon, Verdis La Traviata oder Puccinis La Bohème entstanden.

Der Tod war seit jeher ein enger Begleiter der Kunstform Oper. Das spiegelt sich bereits im offiziell ersten Werk der Geschichte wider. In Claudio Monte­verdis Fünfakter L’Orfeo wird die Protago­nistin Euridice von einer Schlange gebissen und stirbt. Zur Zeit der Entstehung Anfang des 17. Jahrhun­derts gab es kein Gegengift, keine Medizin und auch keine Götter in Weiss. Der Tod war allge­gen­wärtig. Das sollte lange Zeit so bleiben. Als das Meisterwerk Turandot von Giacomo Puccini zwei Jahre nach dessen Tod 1926 an der Scala urauf­ge­führt wurde, gab es noch nicht mal Penicillin. Das wurde erst 1928 vom schot­ti­schen Bakte­rio­logen Alexander Fleming zufällig entdeckt. Die Ära der Antibiotika begann also just dann, als sich die Zeit der grossen Opernhits ihrem Ende neigte.

Die Oper hat in den letzten 400 Jahren alle Schat­ten­seiten des mensch­lichen Daseins durchlebt. Die Welt wurde von Seuchen und Kriegen heimge­sucht, aber die Opern­schaf­fenden blieben standhaft und entwi­ckelten trotz nieder­schmet­ternder Schick­sals­schläge eine künst­le­rische Resilienz, die ihres­gleichen sucht. Giuseppe Verdi verlor als junger Mann seine beiden Kinder im zweiten Lebensjahr. Kurz darauf, im Jahr 1840, verstarb auch seine Frau Margherita im Alter von nur 26 Jahren an einer Enzepha­litis, einer Entzündung des Gehirns. Wenn wir in den Opern­sälen sitzen und mit den Protago­nisten mitleiden, die auf besonders drama­tische Art und Weise ihr Leben verlieren, schwingt der Tod mit seiner Erbar­mungs­lo­sigkeit stets mit.

Freund Hein wurde von der Künst­ler­gilde gefürchtet, allen voran von Impre­sarios. Hier reichte bereits eine hartnä­ckiger Husten eines Protago­nisten, der eine Vorstellung gefährden konnte. Viel schlimmer war es natürlich, wenn Seuchen durchs Land zogen und eine sichtbare Schneise der Verwüstung hinter­liessen. Pest und Cholera waren für die Künst­ler­gilde regel­rechte Auffüh­rungs­killer. Die Prä-Antibiotika- wie Prä-Impf-Ära hielten indes weitere teuflische Schrecken bereit wie Typhus, Pocken und Polio. Allein beim Picard­schen Schweiss­fieber zählte man zwischen 1718 und 1874 in ganz Europa 194 Epidemien. 1889 bis 1890, als in Italien Pietro Mascagni und Ruggero Leonca­vallo den Verismo aus der Taufe hoben und Morde mit realem Hinter­grund thema­ti­sierten, tobte die Russische Grippe. Diese Pferde­influenza schlug weltweit mit einer Million Opfer zu Buche. Die dritte Pestwelle ab 1896 forderte zwölf Millionen Tote auf unserem Planeten.

In der jüngeren Geschichte ist von der Spani­schen Grippe die Rede. Vor 100 Jahren überlebten geschätzte 25 bis 50 Millionen Menschen diese aggressive Version eines neuen Influenza-Subtyps nicht, und das notabene bei einer Gesamt­be­völ­kerung von nur zwei Milli­arden. Veran­stal­tungs- und Kontakt­verbote gab es auch damals. Die Tempel der schönen Künste blieben gröss­ten­teils geschlossen, darunter Kinos, Theater, Konzertsäle und Tanzlokale.

Auffallend ist, dass der Tod in all seinen Varianten in der Opera seria und im Drama oft einen sicheren Platz hatte. Von Seuchen ließen die Kompo­nisten und Libret­tisten in der Regel aber die Finger. Mag sein, dass eine Sopra­nistin mit Beulenpest nicht ins Schema des schönen Sterbe­ge­sangs passte. Man kann sich auch vorstellen, dass die Kultur­ver­ant­wort­lichen kein Interesse daran hatten, ihren Zuschauern vor Augen zu führen, dass der Sitznachbar mit der heißen Stirn und dem Ausschlag womöglich eine todbrin­gende Krankheit in sich trägt.

Der englische Komponist Benjamin Britten gilt als einer der wenigen, der sich in einer Oper einer Seuchen­the­matik angenommen hat und das wohlge­merkt aus einer gesunden Distanz. Flemings Entde­ckung der Wunder­waffe Penicillin lag nämlich 45 Jahre zurück. In seiner letzten Oper Death in Venice von 1973 adaptiert Britten die bedeu­tende und gleich­namige Novelle von Thomas Mann aus dem Jahr 1911. Die Stückwahl hatte jedoch weniger mit der Cholera zu tun, als vielmehr mit dem Thema Homose­xua­lität, die Britten offen mit seinem Partner, dem Tenor Peter Pears lebte, und die auch im Roman von Thomas Mann das zentralere Thema ist.

Zur Oper Das Gelage in der Zeit der Pest verfasste kein Gerin­gerer als Alexander Puschkin 1830 das Libretto. Das weitgehend unbekannte Werk mit der Musik von César Cui von 1900 spielt zur Zeit der grossen Pestplage in London um 1665. Die forderte damals an die 100.000 Todes­opfer, 70.000 davon allein in London, was einem Fünftel der Stadt­be­völ­kerung entsprach. Wer weiss, vielleicht kommt der Einakter dereinst wieder auf die Bühnen, wenn das Gröbste der aktuellen Pandemie überstanden ist.

Wir sehen Theater, aber wir fühlen, dass die Emotionen, die in einer Oper mitschwingen, absolut echt sind. Sie wurden geboren im Schmerz und in der Unsicherheit der damaligen Kompo­nisten und Libret­tisten. Einige Künstler wussten von ihrem nahenden Ende und schrieben trotzdem weiter an ihren Parti­turen. Ein bekanntes Beispiel ist Gaetano Donizetti, der große Drama­tiker und Humorist im italie­ni­schen Reper­toire, dessen Syphi­lis­er­krankung nicht minder tragisch endete als all die Tode in vielen seiner Dramen.

Und jetzt also das totale Aus auf unbestimmte Zeit für die schönste Kunstform auf Gottes Erden. Die Zuschauer sind degra­diert zu Zaungästen, nicht in den Auditorien edler und weniger edler Opern­häuser, sondern zuhause am Bildschirm und per Video­stream. Die Künst­ler­schaft fürchtet um ihre Existenz und einige von ihnen singen notge­drungen von ihrem Balkon, um nicht gänzlich zu verzweifeln. Es ist Oper auf Distanz, so wie es die Regie­rungen zur Eindämmung des unsicht­baren Eindring­lings empfehlen. Das berau­schende Live-Erlebnis ist einem Surrogat gewichen, das so manchem nicht richtig schmecken will, auch wenn die Streaming-Angebote meist gratis und rund um die Uhr zu haben sind.

Opern­be­sucher sehen an ihren Fernseh­ge­räten und auf ihren Tablets quasi in die Vergan­genheit, erinnern sich an das aufdring­liche Parfüm der Sitznach­barin und an den lästigen Husten des Herrn zur Rechten. Alles geschenkt! Sobald sich der Vorhang öffnet und die schiere Kraft der Musik und des Gesangs unser Innerstes berührt und in Verzü­ckung versetzt, wissen wir, warum wir live vor Ort sitzen und uns nicht auf dem bequemen Sofa fläzen.

Wenn die Krise überstanden ist, und wenn der erste Opern­abend naht, werden einige das Darge­botene mit Sicherheit anders rezipieren. Wenn Violetta mit È strano!… – Che! – Cessarono gli spasmi del dolore ihr junges Leben aushaucht, erinnert der Tod in der Oper vermutlich mehr an die eigene Sterb­lichkeit. Wir haben dann womöglich eine bessere Ahnung davon, was die Antriebs­kraft war für Verdi und seine Mitstreiter, die den Kampf ums Überleben in ach so schwel­ge­rische Töne verpackten. Sie dachten damals vielleicht ähnlich wie der Kaiser und Philosoph Marc Aurelis, dessen Zitat wie folgt überliefert ist: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben“.

Die Oper wird auch aus den Corona-Ruinen aufer­stehen und mit ihr hoffentlich alle Künstler, die aktuell um ihre Berufung gebracht werden und mit realen Überle­bens­ängsten konfron­tiert sind. Noch immer posttrau­ma­ti­siert, werden wir uns hoffentlich auch daran denken, dass der künst­le­rische Tod in der Oper und das echte Leben viel mitein­ander zu tun haben und darum diese Kunstform mehr schätzen denn je zuvor.

Peter Wäch

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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