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Seit Wochen sind Theater, Opernhäuser und andere Spielstätten bereits geschlossen. Auch wenn die Diskussion über die Richtigkeit dieser Maßnahme weiter lodert, bleiben die Künstler zuhause. Zeit, sich Gedanken über den Tod, auch der Oper, zu machen und einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Mit jedem Tag des Lockdowns sterben Manon, Violetta und Mimì ein bisschen mehr. Sie bleiben liegen und stehen nicht mehr auf vom Bühnenboden, um den Applaus der Zuschauer entgegenzunehmen. Sie wurden nicht von der Schwindsucht dahingerafft, sondern von einem Virus. Nicht gestern, sondern heute. Nicht für einen Bühnentod mit schneller Erholung sondern auf unbestimmte Zeit. Die Rede ist von SARS-CoV‑2, einem besonders ansteckenden Erreger aus der Familie der Coronaviren. Das Virus legt die Kulturbranche gnadenlos lahm und mit ihr all die Künstlerinnen und Künstler, die um ihr täglich Brot bangen. Gestorben wird nun ausserhalb der Theatersäle, in den Krankenhäusern, in Notfalleinrichtungen, zu Hause. Nicht gespielt, nein real. Gevatter Tod hat sich zu uns an den Tisch gesetzt. Er war nie fort, wurde im besten Fall auf Abstand gehalten. Nun fordert er wieder seinen Tribut, wie zu jenen Zeiten, als berühmte Opernklassiker wie Massenets Manon, Verdis La Traviata oder Puccinis La Bohème entstanden.
Der Tod war seit jeher ein enger Begleiter der Kunstform Oper. Das spiegelt sich bereits im offiziell ersten Werk der Geschichte wider. In Claudio Monteverdis Fünfakter L’Orfeo wird die Protagonistin Euridice von einer Schlange gebissen und stirbt. Zur Zeit der Entstehung Anfang des 17. Jahrhunderts gab es kein Gegengift, keine Medizin und auch keine Götter in Weiss. Der Tod war allgegenwärtig. Das sollte lange Zeit so bleiben. Als das Meisterwerk Turandot von Giacomo Puccini zwei Jahre nach dessen Tod 1926 an der Scala uraufgeführt wurde, gab es noch nicht mal Penicillin. Das wurde erst 1928 vom schottischen Bakteriologen Alexander Fleming zufällig entdeckt. Die Ära der Antibiotika begann also just dann, als sich die Zeit der grossen Opernhits ihrem Ende neigte.
Die Oper hat in den letzten 400 Jahren alle Schattenseiten des menschlichen Daseins durchlebt. Die Welt wurde von Seuchen und Kriegen heimgesucht, aber die Opernschaffenden blieben standhaft und entwickelten trotz niederschmetternder Schicksalsschläge eine künstlerische Resilienz, die ihresgleichen sucht. Giuseppe Verdi verlor als junger Mann seine beiden Kinder im zweiten Lebensjahr. Kurz darauf, im Jahr 1840, verstarb auch seine Frau Margherita im Alter von nur 26 Jahren an einer Enzephalitis, einer Entzündung des Gehirns. Wenn wir in den Opernsälen sitzen und mit den Protagonisten mitleiden, die auf besonders dramatische Art und Weise ihr Leben verlieren, schwingt der Tod mit seiner Erbarmungslosigkeit stets mit.
Freund Hein wurde von der Künstlergilde gefürchtet, allen voran von Impresarios. Hier reichte bereits eine hartnäckiger Husten eines Protagonisten, der eine Vorstellung gefährden konnte. Viel schlimmer war es natürlich, wenn Seuchen durchs Land zogen und eine sichtbare Schneise der Verwüstung hinterliessen. Pest und Cholera waren für die Künstlergilde regelrechte Aufführungskiller. Die Prä-Antibiotika- wie Prä-Impf-Ära hielten indes weitere teuflische Schrecken bereit wie Typhus, Pocken und Polio. Allein beim Picardschen Schweissfieber zählte man zwischen 1718 und 1874 in ganz Europa 194 Epidemien. 1889 bis 1890, als in Italien Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo den Verismo aus der Taufe hoben und Morde mit realem Hintergrund thematisierten, tobte die Russische Grippe. Diese Pferdeinfluenza schlug weltweit mit einer Million Opfer zu Buche. Die dritte Pestwelle ab 1896 forderte zwölf Millionen Tote auf unserem Planeten.
In der jüngeren Geschichte ist von der Spanischen Grippe die Rede. Vor 100 Jahren überlebten geschätzte 25 bis 50 Millionen Menschen diese aggressive Version eines neuen Influenza-Subtyps nicht, und das notabene bei einer Gesamtbevölkerung von nur zwei Milliarden. Veranstaltungs- und Kontaktverbote gab es auch damals. Die Tempel der schönen Künste blieben grösstenteils geschlossen, darunter Kinos, Theater, Konzertsäle und Tanzlokale.
Auffallend ist, dass der Tod in all seinen Varianten in der Opera seria und im Drama oft einen sicheren Platz hatte. Von Seuchen ließen die Komponisten und Librettisten in der Regel aber die Finger. Mag sein, dass eine Sopranistin mit Beulenpest nicht ins Schema des schönen Sterbegesangs passte. Man kann sich auch vorstellen, dass die Kulturverantwortlichen kein Interesse daran hatten, ihren Zuschauern vor Augen zu führen, dass der Sitznachbar mit der heißen Stirn und dem Ausschlag womöglich eine todbringende Krankheit in sich trägt.
Der englische Komponist Benjamin Britten gilt als einer der wenigen, der sich in einer Oper einer Seuchenthematik angenommen hat und das wohlgemerkt aus einer gesunden Distanz. Flemings Entdeckung der Wunderwaffe Penicillin lag nämlich 45 Jahre zurück. In seiner letzten Oper Death in Venice von 1973 adaptiert Britten die bedeutende und gleichnamige Novelle von Thomas Mann aus dem Jahr 1911. Die Stückwahl hatte jedoch weniger mit der Cholera zu tun, als vielmehr mit dem Thema Homosexualität, die Britten offen mit seinem Partner, dem Tenor Peter Pears lebte, und die auch im Roman von Thomas Mann das zentralere Thema ist.
Zur Oper Das Gelage in der Zeit der Pest verfasste kein Geringerer als Alexander Puschkin 1830 das Libretto. Das weitgehend unbekannte Werk mit der Musik von César Cui von 1900 spielt zur Zeit der grossen Pestplage in London um 1665. Die forderte damals an die 100.000 Todesopfer, 70.000 davon allein in London, was einem Fünftel der Stadtbevölkerung entsprach. Wer weiss, vielleicht kommt der Einakter dereinst wieder auf die Bühnen, wenn das Gröbste der aktuellen Pandemie überstanden ist.
Wir sehen Theater, aber wir fühlen, dass die Emotionen, die in einer Oper mitschwingen, absolut echt sind. Sie wurden geboren im Schmerz und in der Unsicherheit der damaligen Komponisten und Librettisten. Einige Künstler wussten von ihrem nahenden Ende und schrieben trotzdem weiter an ihren Partituren. Ein bekanntes Beispiel ist Gaetano Donizetti, der große Dramatiker und Humorist im italienischen Repertoire, dessen Syphiliserkrankung nicht minder tragisch endete als all die Tode in vielen seiner Dramen.
Und jetzt also das totale Aus auf unbestimmte Zeit für die schönste Kunstform auf Gottes Erden. Die Zuschauer sind degradiert zu Zaungästen, nicht in den Auditorien edler und weniger edler Opernhäuser, sondern zuhause am Bildschirm und per Videostream. Die Künstlerschaft fürchtet um ihre Existenz und einige von ihnen singen notgedrungen von ihrem Balkon, um nicht gänzlich zu verzweifeln. Es ist Oper auf Distanz, so wie es die Regierungen zur Eindämmung des unsichtbaren Eindringlings empfehlen. Das berauschende Live-Erlebnis ist einem Surrogat gewichen, das so manchem nicht richtig schmecken will, auch wenn die Streaming-Angebote meist gratis und rund um die Uhr zu haben sind.
Opernbesucher sehen an ihren Fernsehgeräten und auf ihren Tablets quasi in die Vergangenheit, erinnern sich an das aufdringliche Parfüm der Sitznachbarin und an den lästigen Husten des Herrn zur Rechten. Alles geschenkt! Sobald sich der Vorhang öffnet und die schiere Kraft der Musik und des Gesangs unser Innerstes berührt und in Verzückung versetzt, wissen wir, warum wir live vor Ort sitzen und uns nicht auf dem bequemen Sofa fläzen.
Wenn die Krise überstanden ist, und wenn der erste Opernabend naht, werden einige das Dargebotene mit Sicherheit anders rezipieren. Wenn Violetta mit È strano!… – Che! – Cessarono gli spasmi del dolore ihr junges Leben aushaucht, erinnert der Tod in der Oper vermutlich mehr an die eigene Sterblichkeit. Wir haben dann womöglich eine bessere Ahnung davon, was die Antriebskraft war für Verdi und seine Mitstreiter, die den Kampf ums Überleben in ach so schwelgerische Töne verpackten. Sie dachten damals vielleicht ähnlich wie der Kaiser und Philosoph Marc Aurelis, dessen Zitat wie folgt überliefert ist: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben“.
Die Oper wird auch aus den Corona-Ruinen auferstehen und mit ihr hoffentlich alle Künstler, die aktuell um ihre Berufung gebracht werden und mit realen Überlebensängsten konfrontiert sind. Noch immer posttraumatisiert, werden wir uns hoffentlich auch daran denken, dass der künstlerische Tod in der Oper und das echte Leben viel miteinander zu tun haben und darum diese Kunstform mehr schätzen denn je zuvor.
Peter Wäch