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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Nicht wissen, nur konsumieren

Die gute Nachricht, dass wieder Konzerte, Theater und Tanz statt­finden, wird überschattet von offenbar neuen Spiel­regeln. Nein, gemeint sind nicht die Hygie­ne­kon­zepte, die für deutliche Einschnitte im Spiel­be­trieb sorgen. Vielmehr entsteht der Eindruck, Auffüh­rungen dienten ausschließlich der Unter­haltung des Publikums. Eine fatale Entwicklung, der die Veran­stalter sofort Einhalt gebieten sollten, wollen sie die Kultur­land­schaft nicht nachhaltig schädigen.

Kurdische Lieder: Über den Inhalt erfährt das Publikum nichts. – Foto © Christoph Krey

Wir haben das alle noch gut im Ohr: Theater dient dem gesell­schaft­lichen Diskurs, zeitge­nös­si­scher Tanz setzt sich mit gesell­schafts­po­li­ti­schen Fragen ausein­ander und dergleichen mehr. Wie ein Mantra wurde das von den Kultur­in­sti­tu­tionen wiederholt, um ihre Relevanz im öffent­lichen Raum zu beschwören. Zumindest galt das bis zum großen Shutdown Mitte März. Seitdem ist Schweigen einge­treten. Oder sagen wir es anders: Die hehren Ansprüche wichen mit den Auftritts­ver­boten der großen Klage­welle über ausblei­bende finan­zielle Unter­stützung seitens der Regierung. Durchaus verständlich. Wenn die eigene Existenz bedroht wird, werden einem die Gesell­schaft und deren Diskurse plötzlich ziemlich egal. Und dass man in einer solchen Situation den Verur­sacher der Not zum Regress bittet, scheint einleuchtend oder zumindest naheliegend.

Aller­dings trat mit dem totalen Still­stand auch einiges zutage, das bislang in der allge­meinen Geschäf­tigkeit gar nicht so auffiel. Theater, Opern­häuser und Tänzer hatten das Internet komplett ignoriert. Gewiss, die Marke­ting­ab­tei­lungen nutzten es unter vertrieb­lichen Aspekten, aber eine inhalt­liche Ausein­an­der­setzung fand nicht einmal in Ansätzen statt. Mit dem Totschlag-Argument, die Insti­tu­tionen seien für die Live-Unter­haltung zuständig, war alles gesagt. Ob mit dem neuen Medium, das in der Zivil­be­völ­kerung immerhin schon seit 1995 eine Rolle spielt, hier mögli­cher­weise neue Formate entstehen oder auch neue Wege der Wissens­ver­mittlung entstehen könnten, inter­es­sierte vom Inten­danten bis zum Pförtner niemanden. Und das ist bis heute so geblieben.

Ja, selbst als die Kultur­be­richt­erstattung in den Druckerzeug­nissen konti­nu­ierlich zurückging und neue Magazine im Internet entstanden, die plötzlich über eindrucks­volle Besucher­zahlen verfügten, nahm das in den Theatern niemand wirklich ernst. Gewiss, „vorsichts­halber“ wurden auch die Journa­listen solcher Inter­net­ma­gazine einge­laden, aber das hindert die Presse­spre­cherin der Oper bis heute nicht, vor dem Kultur­re­dakteur der Lokal­zeitung mit den ständig schwin­denden Auflagen den Kotau zu machen.

Das brachte die Kultur­schaf­fenden im Shutdown in ernste Schwie­rig­keiten. Klar war, dass man sichtbar bleiben musste, aber kaum jemand hatte eine ernst­hafte Antwort zum modus operandi. Es fehlte das Wissen um das Medium und vor allem: der Wille. Schon, als klar war, dass niemand mehr würde so schnell auftreten können, dachten viele darüber nach, wie sie „die Krise überwinden“ wollten, aber die wenigsten, wie man das Internet zukünftig nutzen wollte. Und noch im Mai äußerte sich ein Intendant sinngemäß auf die Frage, was von der Nutzung des Internets nach der Krise bliebe, dass man erkannt habe, dass es auf der Verwal­tungs­seite zukünftig sicher inten­siver genutzt werde.

Inzwi­schen sind Auffüh­rungen vor Ort wieder möglich. Nach der Vorlage eines Hygie­ne­kon­zepts und dessen Bestä­tigung durch Ordnungs- und Gesund­heitsamt darf wieder gespielt werden. Für die Auffüh­renden sind damit in der Regel gewaltige, in erster Linie organi­sa­to­rische Strapazen verbunden, die aber in Kauf genommen werden. Aller­dings entsteht nach dem Besuch der ersten Auffüh­rungen ein fataler Eindruck.

Überall ist die Freude groß. Schau­spieler, Tänzer, Sänger und Musiker strahlen über alle vier Backen, das Publikum, meist früheres Stamm­pu­blikum, hat die Tränen der Wieder­se­hens­freude in den Augen. Da gab es wirklich in den vergan­genen Tagen berüh­rende Momente, die man auch so schnell nicht wieder vergessen wird. Natürlich sind die Künstler schon vor der ersten Aufführung – wenn es denn überhaupt mehrere gibt – vollkommen erschöpft, weil derzeit alles unter einem ungeheuren Zeitdruck geschieht. Und bei all den Auflagen kaum mehr Zeit bleibt, sich auf das Künst­le­rische zu konzen­trieren. Aber, hey, wir sind wieder da. Und ihr auch!

Bei aller Rührung und Freude aber scheint ein Paradigmen-Wechsel einge­setzt zu haben. Haupt­sache, wir spielen, scheint die neue Marsch­richtung. Das Konsu­menten-Theater feiert fröhliche Urständ in allen Sparten. Hingehen, genießen, feiern, nach Hause. Wunderbar. Programm­hefte oder wenigstens Abend­zettel fehlen wie selbst­ver­ständlich. Und natürlich gibt es auch im Internet nur die üblichen Werbe­texte, vielleicht, wenn es hochkommt, noch eine Liste der Akteure. Nichts dazuge­lernt, gar nichts. Eine rühmliche Ausnahme hätte das Theater Augsburg mit seinem ausschließlich digital erschei­nenden Spiel­zeitheft der kommenden Saison bieten können, aber hier sieht man den Text vor lauter Sternchen nicht, ist also auch vollkommen inakzeptabel.

In Zeiten, in denen die Impro­vi­sation die Oberhand behält, Pläne sich beinahe tagtäglich ändern, wird niemand erwarten, ein Hochglanzheft mit Fotos und ausführ­lichen Infor­ma­tionen angeboten zu bekommen. Obwohl das mal eine bedeu­tende zusätz­liche Einnah­me­quelle war. So was geht derzeit einfach nicht. Umbeset­zungen sind an der Tages­ordnung, weil ein Künstler nicht anreisen kann, Planän­de­rungen, weil das Gesund­heitsamt eine gefähr­liche Nähe auf der Bühne festge­stellt hat, können täglich eintreten.

Aber ein paar Seiten DIN A4, schwarzweiß ausge­druckt, gehen immer! Und sind in diesen Tagen dringender nötig denn je. Wollen wir die Idee des Theaters aufrecht­erhalten, das sich durch seine künst­le­rische Einmi­schung in den gesell­schaft­lichen Diskurs von Unter­hal­tungs­for­maten abgrenzt, kommt das Theater, egal, welcher Sparte, um seine Kommu­ni­ka­ti­ons­pflicht nicht herum. Und wer als Kultur­schaf­fender heute glaubt, einfach nur unter­haltsam sein zu müssen, um Besucher in seine Spiel­stätte zu locken, irrt. Das Problem ist, dass derjenige heute Zeichen für morgen setzt. Also, Kultur­schaf­fende, erhaltet auch in schwie­rigen Zeiten das Programmheft, egal, ob ausge­druckt oder im Internet! Die Zukunft wird es Euch danken.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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