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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Die Alten an die Front

Am 11. Januar hat der Bayerische Rundfunk voller Stolz bekannt­ge­geben, dass er den Dirigenten Simon Rattle als Chefdi­rigent von Chor und Sympho­nie­or­chester gewinnen konnte. Offenbar hat bei dem öffentlich-recht­lichen Sender niemand die Peinlichkeit dieser Entscheidung bemerkt oder sie aber mit viel Süßholz­ge­raspel vernied­lichen wollen. So oder so: 89 Cent sind selbst für diesen Sender zu viel.

Ulrich Wilhelm und Simon Rattle bei der Vertrags­un­ter­zeichnung – Foto © BR

Simon Rattle scheint mit seinen annähernd 66 Jahren ein sympa­thi­scher, älterer Herr zu sein. Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber hätten wir uns auf einer unserer zahlreichen Dienst­reisen am Frühstücks­buffet eines Hotels getroffen, hätten wir uns ganz bestimmt sehr nett unter­halten. Ich mag ja den briti­schen Humor auch sehr. Und der Mann hat sicher viel zu erzählen. Schließlich hat er ein Berufs­leben hinter sich: Er gilt als einer der weltbesten Dirigenten. Großartig. Ich freue mich immer, solche Menschen, ob beruflich oder privat, zu treffen, weil sie am Ende ihres Berufs­lebens eine Menge zu erzählen haben und ja auch kein Blatt mehr vor den Mund nehmen müssen. Und ihn da so kurz vor dem Ende seiner beruf­lichen Laufbahn zu treffen: Das wäre sicher ein ganz beson­deres Vergnügen gewesen. Aber was er zu erzählen gehabt hätte, hätte mich wohl eher erschreckt.

Am 11. Januar hat der Bayerische Rundfunk verkündet, dass er Rattle ab 2023 als Chefdi­rigent für Sympho­nie­or­chester und Chor aus dem eigenen Hause verpflichtet habe. „Der Bayerische Rundfunk ist sehr glücklich, dass Sir Simon als neuer Chefdi­rigent nach München kommen wird. Mit seiner Leiden­schaft, mit seiner künst­le­ri­schen Vielsei­tigkeit und mit seinem einneh­menden Charisma wird er ein überaus würdiger Nachfolger von Mariss Jansons sein. Unser Chor und unser Sympho­nie­or­chester freuen sich sehr darauf, mit ihm gemeinsam die künst­le­rische Konzeption für das neue Konzerthaus im Münchner Werks­viertel Mitte zu entwi­ckeln“, erzählt Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayeri­schen Rundfunks. Was schwafelt der Mann da? Der eine alte, weiße Mann engagiert den anderen alten, weißen Mann, um ein Sympho­nie­or­chester und einen Chor weiter­zu­ent­wi­ckeln für die Zukunft? Da habe ich jetzt etwas falsch verstanden, oder? Rattle ist im Renten­alter. Er hat seine Zeit gehabt, und er hat mit seiner Arbeit vielen Menschen Freude bereitet. Damit ist es gut.

Von Rattle selbst hätte ich erwartet, dass er sagt: „Wie freundlich Ihr Angebot ist, aber ich hätte da eine junge Dirigentin, von der ich weiß, dass sie in meine Fußstapfen treten wird.“ Das wäre die wahre Größe gewesen, die ich von einem engli­schen Edelmann erwartet hätte. „Ich bin begeistert, die Position des Chefdi­ri­genten von Chor und Sympho­nie­or­chester des Bayeri­schen Rundfunks anzunehmen“, lässt er sich statt­dessen vernehmen. Wie peinlich ist das denn? Ist das die geistige Verwirrung eines alten Mannes, der sich in der Gegenwart nicht mehr zurecht­findet? Allein mit seinen zukünf­tigen Gastauf­tritten ist er vermutlich bis zum 80. Lebensjahr ausge­lastet. Und das sei ihm gegönnt! Wenn er denn wirklich den Traum aller Dirigenten träumt, irgendwann tot von der Bühne getragen zu werden.

Das Gesülze der dazuge­hö­rigen PR-Geschichte wollen wir uns hier ersparen. Die ist ja über alle Sender der öffentlich-recht­lichen Medien gelaufen. Dass man sich als alter Mann nicht von der Bühne verab­schieden kann, gehört zu den Erfah­rungen, die das Publikum seit Jopi Heesters kennt. Und bis heute gibt es den Vorwurf gegenüber den öffentlich-recht­lichen Sende­an­stalten, dass sie solch schreck­lichen Auftritten nicht Einhalt gebieten. Was aber bei einem erfolg­reichen Dirigenten wie Simon Rattle hinzu­kommt, ist die Frage: Wie kann der Bayerische Rundfunk sich das leisten? Es ist doch gar kein Geld mehr da. Zumindest wenn man der – geschei­terten – Klage auf Erhöhung der Rundfunk­ge­bühren Glauben schenken darf. 89 Cent sollte die Gebüh­ren­er­höhung betragen – pro Beitrags­zahler. Also wieder Millionen mehr für die öffentlich-recht­lichen Sende­an­stalten. Rattle wird weniger für die 89 Cent als mehr für die Millionen beim Bayeri­schen Rundfunk arbeiten.

Dafür verzichtet der Gebüh­ren­zahler auf junge Dirigenten, die Sympho­nie­or­chester und Chor nach vorn treiben, neue Akzente setzen und neue Hörerleb­nisse schaffen, ganz gleich, ob sie weiblich oder männlich dirigiert sind. Der Bayerische Hörfunk erspart sich damit natürlich viel Arbeit. Die Suche nach neuen Talenten, womöglich nach mehr geschlecht­licher Ausge­wo­genheit, wer will das denn? Wenn man statt­dessen einen großen Namen hat, den man auf die Programm­zettel schreiben kann? Nein, da hat der Bayerische Rundfunk es sich etwas zu einfach gemacht. Und entschieden den Wunsch nach einer Erhöhung der Rundfunk­ge­bühren verwirkt.

Ich möchte Rattle immer noch gern am Frühstücks­buffet treffen. Aller­dings wäre das Gespräch nach der heutigen Verkündung ein anderes. „Sag mal, schämst Du Dich nicht, als Rentner eine Stelle zu besetzen, die eine junge, hoffnungs­volle Fachkraft dringend braucht?“, würde ich ihn auf Englisch fragen. „Ist es mit der Geldma­cherei jetzt nicht endlich mal genug?“, würde ich hinzu­fügen. Und es wäre mir egal, dass er sich beleidigt abwendet und eine Frau im Hinter­grund krakelt: „Das ist der Maestro. Wissen Sie nicht, mit wem Sie reden?“ Doch. Ich weiß es. Jemand, der von sich behaupten darf, ein engli­scher Edelmann zu sein, aber die Gier nicht im Griff hat. Vielleicht, weil er zu alt ist.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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