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Peter Wäch - Foto © privat

Tschaikowski auf dem Scheiterhaufen

Russische Kultur steht auf dem Index. Grund ist Wladimir Putins Angriffs­krieg in der Ukraine. Russische Künstler und neuer­dings auch Werke russi­scher Kompo­nisten stehen seit dem 24. Februar 2022 zunehmend unter General­ver­dacht. Zum Teil zu Recht. Wer seinen promi­nenten Namen dazu benutzt, einen Krieg zu befeuern, hat auf der Bühne nichts verloren. Wer ihn gutheißt, auch wenig. 

Werner Signer, Geschäfts­füh­render Direktor der St. Galler Festspiele, befürchtet slawische Klänge in der Öffent­lichkeit. – Foto © Who’s who

Es trifft aller­dings auch Promi­nente, die sich in der Vergan­genheit von Putin feiern ließen. Und das nicht immer zu Recht. Die russische Sopra­nistin Anna Netrebko war naiv, als sie ihren 50. Geburtstag vom Kreml ausrichten ließ. War damit eine böse Absicht verbunden? Wohl kaum. Ihre unmiss­ver­ständ­liche Distan­zierung zum brutalen Krieg sollte genügen. Wer vom warmen Sofa aus von Russen in Europa klare Kante gegen den russi­schen Macht­haber verlangt, verkennt womöglich die harten Konse­quenzen, die in der Heimat drohen können.

Doch was hat das alles mit Pjotr Iljitsch Tschai­kowski zu tun? Der Komponist verstarb 1893 in St. Petersburg. Der Mann hatte nicht nur eine immigrierte Mutter aus Frank­reich, er war zu seinen Lebzeiten dem Westen sehr zugetan und verbrachte viel Zeit in Paris. Tschai­kowski zählte sich auch nicht zur „Gruppe der Fünf“ oder „Das mächtige Häuflein“, darunter Kollegen wie Modest Mussorgski oder Nikolai Rimski-Korsakow, die sich zur Förderung natio­nal­rus­si­scher Musik zusam­men­getan hatten. Tschai­kowski gehört genauso zu Europa, wie er ein Teil des russi­schen Kultur­schaffens ist. Als Homose­xu­eller stünde das Genie heute zuoberst auf Putins Schwarzer Liste.

Die St. Galler Festspiele, bekannt dafür, dass sie jeweils an ihren Sommer­fest­spielen selten gespielte Opern aufführen, sehen das nun wesentlich enger. Die Verant­wort­lichen haben eine geplante Tschai­kowski-Oper zwei Monate vor der Premiere im kommenden Juni abgesagt. Die offizielle Botschaft lautet: „Der brutale Einmarsch Russlands in die Ukraine zwingt uns zu einer Programm­än­derung bei den 17. Festspielen. Angesichts des anhal­tenden Kriegs­ge­schehens im Osten Europas können wir es nicht verant­worten, im öffent­lichen Stadtraum ein russi­sches Werk aufzu­führen, dessen Musik kriege­rische Handlungen zugrunde liegen. Anstelle von Pjotr I. Tschai­kowskis Die Jungfrau von Orléans bringen wir deshalb ab dem 24. Juni 2022 Giuseppe Verdis Giovanna d’Arco auf die Freilicht­bühne im Klosterhof.“

Nun hat Tschai­kowski ebenso wenig mit Wladimir Putin zu tun wie Giuseppe Verdi mit Benito Mussolini. Der Entscheid des Theater St. Gallens, zu dem auch die Sommer­fest­spiele gehören, verärgert verständ­li­cher­weise viele Klassik- und Opernfans. In der Medien­mit­teilung versi­chert der Geschäfts­füh­rende Direktor Werner Signer, dass die Oper nicht abgesetzt worden wäre, wenn sie in einem Innenraum statt­ge­funden hätte. Da im Freien geprobt und anschließend dort gespielt wird, könne man das den flanie­renden Klosterhof-Besuchern nicht zumuten. Das Slawische in der Partitur sei unüber­hörbar. Es scheint von vornherein klar zu sein, dass jeder unfrei­willige Zuhörer sofort russische Klänge wahrnimmt, die er zudem einer kriege­ri­schen Handlung zuordnet.

Die Geschichte der Johanna, einer Französin, trug sich während des 100-jährigen Krieges im 15. Jahrhundert zu, der wiederum auf den bewaff­neten anglo­fran­zö­si­schen Konflikt sowie den ebenfalls zu der Zeit statt­fin­denden franzö­si­schen Bürger­krieg der Armagnacs und Bourgu­i­gnons zurück­zu­führen ist. Das Trauer­spiel Die Jungfrau von Orléans wurde 1801 von Friedrich Schiller, einem Deutschen, verfasst. Russen kommen weder im Drama noch in den beiden Opern vor.

So richtig absurd wird es mit der Bekanntgabe des Ersatz­werkes. Verdi vertonte die tragische Geschichte um die junge Freiheits­kämp­ferin, die auf dem Schei­ter­haufen landet, ebenfalls. Und da Italien derzeit keinem anderen Land den Krieg erklärt hat, darf nun Verdis Version im Klosterhof erklingen. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Oper von 1845 bereits 2008 am selben Ort in St. Gallen zu sehen war und Tschai­kowskis Opus von 1881 eine echte Opera rara gewesen wäre. Nimmt man aber den Ansatz der Vulnerabi­lität ernst, müsste man auch Verdis Opus von der Freilicht­bühne verbannen. Möchten nämlich Kultur­stätten wie die Sommer­fest­spiele in St. Gallen in Zeiten des Krieges ein echtes Zeichen für den Frieden setzen, dann würden sie in Gottes Namen vor der katho­li­schen Stifts­kirche auf dem Klosterhof gar keine Kriegsoper aufführen. Krieg erinnert immer an Krieg, an vergangene genauso wie an aktuelle Konflikte.

Die Sommer­fest­spiele St. Gallen verwechseln Haltung mit oppor­tu­nis­ti­schem Einknicken. Wer heute alles Russische von der Bildfläche tilgt, kann sicher sein, dass er gute Presse erhält. Immer mehr Vertreter aus der Schrei­ber­zunft fühlen sich nicht erst seit dem russi­schen Einfall in die Ukraine dem moralis­tisch aufge­la­denen Gesin­nungs- und Haltungs­jour­na­lismus verpflichtet. Das wiederum ist ein unhei­liger Krieg gegen jegliche Sachlichkeit in einer Debatte. Die künst­liche Herstellung von Zusam­men­hängen und die Vorweg­nahme verletzter Gefühle gehören in die Abteilung Generation Schnee­flocke. Die ist schon getriggert, wenn sie beim Discounter eine Flasche Wodka stehen sieht.

Auch in der Schweiz gibt es Journa­listen, die sich als wahre Sitten­wächter aufführen und jede Regung von Anna Netrebko und anderen russi­schen Künstlern akribisch verfolgen und von der richtigen Haltung fabulieren, wenn ein Veran­stalter, wie jetzt die Schweizer Sommer­fest­spiele, die Russen-Guillotine einsetzen. Der Opern­be­sucher ist jedoch in der Regel mündig und kann selbst entscheiden, was er sich zumutet und was nicht.

Doch wie weiter mit Pjotr Iljitsch? Als das Theater Orchester Biel Solothurn dessen Opus Mazeppa nach der Premiere Anfang März abrupt absetzte, konnte man das noch einiger­maßen verstehen. In diesem Stück geht es tatsächlich um einen Unabhän­gig­keits­krieg zwischen der Ukraine mit dem damaligen Zaren-Russland. Dass die für kommende Saison geplante Oper Dämon von Anton Rubin­stein, eines russi­schen Kompo­nisten mit jüdischen Eltern, auch noch über die Klinge springen muss, leuchtet weniger ein. Die Begründung vom Haus, dass derzeit dunkle Wolken über der russi­schen Kultur hingen, lässt hingegen aufhorchen. Was will man dem Publikum mitteilen?

Sollte Putin noch zehn Jahre regieren, wird dann in dieser Zeit kein Tschai­kowski & Co. mehr aufge­führt und wird vorher jeder Künstler aus Russland vertraglich dazu aufge­fordert, sich öffentlich von Putin zu distan­zieren? Das wären wahrlich düstere Wolken, die sich über der europäi­schen Kultur­branche zusam­men­brauen. Die Russen in den westlichen Reper­toires fallen um wie Domino­steine. In Dresden beim „Fest der Farben“ muss Tschai­kowski zusammen mit Sergej Rachma­ninoff dran glauben. Die beiden werden mit Mahler und Mozart ersetzt. Das Musik­theater Will im Schweizer Kanton St. Gallen entblödet sich sogar, Albert Lortzings komische Oper Zar und Zimmermann ohne Ersatz zu streichen, weil sich das Publikum am Wort Zar stören könnte.

Möge dieser Krieg bald enden und mit ihm auch der Krieg in der Kultur. Wer Tschai­kowski verhindert, zerstört europäische Kultur. Putin wird gehen, das enorme Kultur­schaffen aus Russland mit all seinen Künstlern wird bleiben. Auf eine künst­liche Pause können wir gut und gerne verzichten.

Peter Wäch

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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