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Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Und es werden mehr

Bei den Tiroler Festspielen Erl laufen die Sommer­fest­spiele, als sei nichts geschehen. Gustav Kuhn, inzwi­schen heftig umstrit­tener Künst­le­ri­scher Leiter, will am Sonntag noch die Götter­däm­merung dirigieren. Dabei hat sein Welten­brand längst begonnen. Jetzt haben fünf Künst­le­rinnen in einem öffent­lichen Brief weitere Vorwürfe erhoben. Die Mächtigen verstehen derweil die Welt nicht mehr.

In Erl gibt es wenig zu lachen. – Foto © Xiomara Bender

Früher war irgendwie alles einfacher. Wenn da der lokale Zeitungs­re­dakteur Unregel­mä­ßig­keiten bei den Mächtigen entdeckte und gar beabsich­tigte, darüber zu berichten, wurde er schnell eines Besseren belehrt. So oder so ähnlich muss die Vorstellung bei denen, die sich mächtig fühlen, immer noch in den Köpfen herum­geistern. Und nur so ist zu erklären, dass Hans Peter Hasel­steiner, Festspiel­prä­sident und Haupt­sponsor in Erl, in der Inter­net­be­richt­erstattung eine Vorver­ur­teilung sieht und für „Maestro Kuhn für in höchstem Maße unfair hält“. Gustav Kuhns Anwalt Michael Krüger sprach gar von einer „unwür­digen Menschenjagd gegen einen großar­tigen Künstler, die hier entfesselt wird“. So reden Menschen, die in ihrem eigenen Kosmos leben und ihre ganz eigene Art von Humor entwi­ckeln. „Aus seinen Vorlieben macht (Kuhn) weiterhin keinen Hehl: Wein, Weib und Gesang, was wir gut nachvoll­ziehen können.“ Das soll Hasel­steiner anlässlich der Eröffnung der Festspiele gesagt haben.

Nun ist es in einem Rechts­staat entgegen der Vorstel­lungen der Kuhn-Freunde vollkommen legitim, öffentlich Vorwürfe zu erheben. Gegen jedermann. Diese sind dann juris­tisch zu klären. So ist das Verfahren. Bereits im Mai hatten die Musiker Paul Brugger, Nikolaus Dengg, Markus Obmann, Josef Rein und Marco Treyer in einem offenen Brief Stellung bezogen. Danach habe Kuhn sie als Arsch­löcher, Schwänze, Volltrottel und „anderes mehr“ bezeichnet. Er habe das Spiel der renom­mierten Musiker gar als „Scheiße“ einge­stuft und das Prädikat „nicht festspiel­tauglich“ verliehen. Dass der Dirigent sich damit deutlich außerhalb zivili­sa­to­ri­scher Gepflo­gen­heiten bewegt, wenn das Schreiben zutrifft, ist das eine. Nun aber haben sich auch fünf Künst­le­rinnen aus der Anony­mität gewagt. In ihrem offenen Brief haben Aliona Dargel, Bettine Kamp, Ninela Lamaj, Julia Oesch und Mona Somm Übergriffe seitens Kuhn beschrieben. „Unerwünschtes Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrap­schen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen. Immer wieder wurden die Grenzen der persön­lichen Würde und des Respekts uns gegenüber missachtet und überschritten. Regel­mäßig waren wir der ungehemmten Aggression des künst­le­ri­schen Leiters ausge­setzt.“ Wein, Weib und Gesang eben.

Inzwi­schen hat Kuhn in bekannter Manier reagiert und über seinen Anwalt Michael Krüger Klagen in den Raum gestellt, von denen er ja bekanntlich bereits zwei wieder zurück­ge­zogen hat. Sein Mandant werde sich mit den Mitteln des Rechts­staats zu wehren wissen, äußerte der Ex-Justiz­mi­nister und scheute gleich­zeitig nicht davor zurück, die möglichen Opfer zu diskre­di­tieren. Die „Menschenjagd“ sei von den Künst­le­rinnen offenbar über Veran­lassung des Bloggers Markus Wilhelm in Gang gesetzt worden, mutmaßt der Anwalt, was in der Sache übrigens völlig ohne Belang ist. Und auch für die Medien hat er gleich die nötige Schelte parat. Derart schwer­wie­gende Angriffe ohne jede Rückfrage und ohne Kenntnis der näheren Umstände zu veröf­fent­lichen, sei schlicht verant­wor­tungslos, behauptet der Jurist. Das ist schlicht falsch.

Als Wilhelm die ersten Vorwürfe in den Raum stellte, musste jedem, der sich auf dieser Erde bewegt, klar sein, dass er damit kurz davor war, eine Lawine loszu­treten. Nur jemand, der in einem anderen Universum lebt, konnte ernsthaft glauben, die Vorwürfe mit ein paar markigen Sprüchen und einer Klage­welle in den Griff zu bekommen. Inzwi­schen mag auch die Politik nicht mehr wegschauen. Lange genug hat sie es versucht. Inzwi­schen sei das Thema in Wien angekommen, ist zu hören. Bis nach Deutschland scheint es noch eine Weile zu dauern. Die Bertelsmann-Stiftung, die den Gesangs­wett­bewerb Neue Stimmen ausrichtet, deren Künst­le­ri­scher Leiter Gustav Kuhn nach wie vor ist, mauert. Man werde sich zu Vorgängen in Erl nicht äußern, heißt es. Und Kuhn bleibe Künst­le­ri­scher Leiter des Wettbe­werbs, auch wenn hunderte von Schutz­be­foh­lenen in Gestalt junger Sänge­rinnen davon betroffen sein könnten.

Es stimmt. Von vielen Seiten – selbst Sängerin Elisabeth Kulman äußerte sich in einem eindring­lichen Appell – werden mögliche Opfer aufge­fordert, die Anony­mität zu verlassen und über ihre persön­lichen Erfah­rungen zu berichten. Aber auch das ist vollkommen legitim und abseits von Vorver­ur­teilung und Menschenjagd. Und hoffentlich fühlen sich nach dem offenen Brief der fünf Künst­le­rinnen noch viele Menschen, so es sie denn gibt, verpflichtet, ihr Schweigen zu brechen.

Die Kuhn-Adlaten bauen schon vor, wenn sie immer wieder darauf hinweisen, dass die erhobenen Vorwürfe längst verjährt seien, was bei einem 71-Jährigen durchaus zu vermuten ist. Für die mögli­cher­weise Betrof­fenen darf das keine Rolle spielen. Denn um die gericht­liche Klärung und Recht­spre­chung geht es ausschließlich den Möchtegern-Beratern des Dirigenten. Die mutmaß­lichen Opfer wollen Aufklärung. Und sie wollen die Genug­tuung, egal, wie viele Jahre seit den geschil­derten Demüti­gungen vergangen sind. Dazu ist nicht einmal ein Gerichts­urteil notwendig, und Verjährung ist das Unwich­tigste überhaupt.

Kuhn müsste sich im Klaren darüber sein, dass jede weitere Verzö­gerung mehr Ruß aufwirbeln wird. Aber in Deutschland hat gerade ein zwei Jahre jüngerer Minister gezeigt, um was es tatsächlich geht. Der Alters­starrsinn wird in der demogra­fi­schen Entwicklung ein immer größeres Problem. Dabei hat die Gesell­schaft dafür schon ein probates Mittel parat. In solchen Fällen greift die sofortige Freistellung von der Funktion nachhaltig, bis alle erhobenen Vorwürfe ausge­räumt sind. Im Fall der Tiroler Festspiele Erl wie im Fall des deutschen Innen­mi­nisters zeigt sich aller­dings, dass eine solche Maßnahme nur funktio­niert, wenn das Umfeld nicht ebenfalls fest im Macht­system verstrickt ist.

Eine Prognose aller­dings wage ich: Gustav Kuhn wird sehr tief fallen. Und er wird die Tiroler Festspiele Erl ebenso mitreißen wie Hasel­steiner, Krüger und die Bertelsmann-Stiftung. In dem Moment, in dem die erste Teilneh­merin am Gesangs­wett­bewerb Neue Stimmen in Gütersloh den Mut findet, sich über spezielle Erfah­rungen mit Kuhn zu äußern, egal, wie lange sie zurück­liegen, wird Wein, Weib und Gesang zum Fluch für den Künst­le­ri­schen Leiter werden.

An der Inter­net­be­richt­erstattung wird es dann nicht liegen. Sondern am Alters­starrsinn eines Mannes, der glaubt, sich alles nehmen zu können und darüber die verletzten Seelen seiner möglichen Opfer vergaß. Erst wenn Klarheit herrscht, werden all die Schwänze, Arsch­löcher und Volltrottel Ruhe geben.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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