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Immersion beschreibt den Effekt, dass der Betrachter einer virtuellen Umgebung vergisst, dass es sich um eine solche handelt und sie als real empfunden wird. Wie so etwas aussieht, kann man sich seit dem 24. Januar bei Phoenix des Lumières in Dortmund in der Ausstellung Im Reich der Pharaonen anschauen.

Oh Ägypten! Oh Ägypten! Von deiner Gedankenwelt werden nur Mythen bleiben, die deinen Nachfolgern unglaublich erscheinen werden“. So huldigt Apuleius, einer der großen Erzähler der Antike in Asklepios dem Gott der Heilkunst in der griechischen und römischen Mythologie.
Die Faszination Ägyptens mit seinen Göttern und Pharaonen, ihren Grab- und Huldigungsstätten begleitet die Menschheit seit mehr als 3.000 Jahren. In Osiris, dem von allen ägyptischen Göttern den Menschen am nächsten, findet das exemplarisch Ausdruck. Unbeweglich in seinen Mumienbändern eingewickelt, ein wenig abseits des Übernatürlichen, verkörpert er extravagant die elementaren Mächte des Pantheons der ägyptischen Pharaonen.
Vor einigen Jahren reflektierte im Museum Rietberg Zürich die Ausstellung Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens die Kultur- und Kunstgeschichte im Land der Pharaonen. Sie erzählt beispielsweise vom Koloss des Memnon, von den Strahlen der Sonne getroffen – nach der Erzählung von Tacitus – den Klang der Stimme zurückwirft. So leuchtet in der Osiris-Ausstellung in diesem Kontext Herodots berühmter Satz – Ägypten sei ein Geschenk des Nils – aus dem Kanon der Kunstgeschichte heraus, als immersive Ausstellungskonzepte noch nicht die Popularität hatten, wie das heute der Fall ist.
Der beschriebene Klang der zurückgeworfenen Stimme im Zusammenspiel mit bewegten, überblendeten Bildern als sinnlich überwältigende Choreografie perfektioniert aktuell die Hauptausstellung Im Reich der Pharaonen – eine immersive Reise ins Alte Ägypten von Phoenix des Lumières in Dortmund. Ein Mythos zwischen Himmel und Erde, bewirtschaftet von Ackerbau und Viehzucht, der die Menschen die Ehrfurcht vor den Göttern lehrte – und ihnen damit die Zivilisation bringt. In der Halle Phoenix ist eine bildgewaltige, klanglich opulente Inszenierung mit antiken Gemälden, monumentalen Pyramiden und kunstvollem Schmuck einer längst vergangenen Zivilisation zu erleben.
Effektvolle Imaginationen mit aufwändigen 3D-Rekonstruktionen lassen die Besucher teilhaben, wie sich kolossale Steinblöcke zu den Pyramiden von Gizeh auftürmen. Sphinx und der Tempel von Karnak erscheinen zum Greifen nah. In der Phoenix-Schau gibt parallel die Ausstellungsperspektive Die französischen Orientalisten: Ingres, Delacroix, Gérôme die Möglichkeit, in eine romantisierte wie gleichzeitig abenteuerliche Vision des Orients einzutauchen, wie ihn die Maler mit leuchtenden Farben und faszinierenden Motiven im 19. Jahrhundert gesehen haben. Die Beschwernis von Wüstenreisen, die Leben spendenden Oasen in ihnen, die geheimnisvolle Harem-Welt in einem Bilderkosmos der Fantasie zusammengefügt.
Mit einem Zeitsprung in das Hier und Heute eröffnet weiterhin Foreign Nature von Julius Horsthuis futuristische Einblicke in verborgene, fast übernatürlich wirkende Welten. Der Kreis schließt sich im Tierkreis der astronomischen Decke von Dendera, dem Sinnbild des Lebenszyklus. Der von Lukas Boysen komponierte Soundtrack der Schau schafft spirituelle Assoziationsebenen und verbindet die immersiven Ausstellungsteile zu einem Gesamterlebnis von Sehen, Hören und Staunen.
Phoenix des Lumières generiert Kunstgeschichte massentauglich wie anspruchsvoll zugleich. Verstanden als ein Angebot, sich so inspiriert auch dem klassischen Ausstellungsformat wie dem erwähnten in Zürich zu öffnen, könnte sich erfolgreich als kulturelle Teilhabeperspektive auf unterschiedlichen Ebenen herausstellen.
Peter E. Rytz