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Die Werke von dreizehn Künstlern finden derzeit in der Galerie Noir Blanche in Düsseldorf Platz an den Wänden und auch schon mal auf dem Fußboden, um die 36° Sommerausstellung zu zeigen. Galerist Volker Marschall führt den Besucher damit weit in die Vergangenheit der Fotografie zurück.

Den Düsseldorfer Stadtteil Flingern, ursprünglich ein traditionelles Arbeiterwohnquartier, gibt es eigentlich nur noch auf dem Papier. Während Flingern-Süd seine industrielle Prägung bewahrt hat und weiterhin ein Arbeiterviertel mit hohem Migrantenanteil ist, hat der alte Baubestand in Flingern-Nord dafür gesorgt, dass dort der Gentrifikationsprozess inzwischen weit vorangeschritten ist. Rund um den Hermannplatz ist eine schmucke Gegend mit sanierten Hausfassaden, gehobener Gastronomie, Designermodeläden und Kunstgalerien entstanden. Klar, dass hier niedrigere Einkommensgruppen bei steigenden Immobilienpreisen keinen Platz mehr finden. Hier sitzt seit Anfang 2023 auch Noir Blanche, Galerie für Fotografie. 2017 wurde sie von dem Galeristen, Kurator und Fotografen Volker Marschall und seiner Frau Martina „mit dem Fokus auf klassische und moderne zeitgenössische Fotografie“ gegründet. Die Galerie repräsentiert nach eigenen Angaben bekannte internationale Fotografen und aufstrebende Künstler.
Ein Querschnitt solcher Arbeiten wird noch bis Ende September unter dem Titel 36° Sommerausstellung gezeigt. Gleich bei Eintritt in die Galerie-Räume fällt rechts eine Ambrotypie im Glaskasten auf. Sie stammt von Lightcatcher, dahinter verbergen sich Kurt Moser und Barbara Holzknecht, die das Direktpositiv-Verfahren, das in den Jahren zwischen 1852 und 1890 gebräuchlich war, wieder aufgegriffen haben. Warum das Verfahren keine Zukunft hatte? Neben der aufwändigen Technik sind es vor allem die schweren Exponate, die es für die Alltagsfotografie untauglich machte. Zwei Ambrotypien finden sich in der Ausstellung. Ein paar Bilder weiter schaut man irritiert auf ein Foto. Das ist die junge Sophia Loren. In der Tat sind hier Werke von Paolo Costa aus den Jahren 1952 bis 1962 zu sehen. Der Blick wandert zurück auf eine Dame, deren Gesicht durch den Hut verdeckt wird. Bilder von F.C. Gundlach gibt es hier. Paris … heißt das Foto, ein zweites – Op-Art-Silhouette – stammt ebenfalls aus dem Jahr 1966. Und so geht es weiter. Unversehens fühlt man sich in einen musealen Betrieb versetzt.

Da kann man dann auch Namen wie Hans Lux begegnen. Der Düsseldorfer Werbefotograf hat einst Peter Lindbergh die Fotografie beigebracht. Von ihm sind Polaroids zu sehen, die auf Holzträger mit Zwei-Komponenten-Gießharz verewigt wurden. Und wie von etlichen anderen Künstlern auch obliegt Marschall nicht nur die Vermarktung einzelner Werke, sondern gleich die Verwaltung ihrer Archive. Da werden in Zukunft sicher noch zahlreiche Einzelausstellungen aus der Vergangenheit erwartet werden dürfen. Das Archiv von Heinz Neumärker ist allerdings nicht dabei, darum kümmert sich der Sohn mit seinem kunsthistorischen Studium. Neumärker wurde durch seine Zirkusbilder bekannt, von denen fünf Exponate aus dem Rheinland aus den Jahren 1961 bis 1975 zu sehen sind.
Selbst von lebenden Fotografen gibt es Arbeiten aus längst vergangenen Zeiten zu sehen. Wie bei der Fotografin Monika Baumgartl, die 1970 die Serie Coca Cola and the City in Japan erstellt hat, eine Auseinandersetzung mit dem Aufeinandertreffen westlichen Konsums mit fernöstlicher Lebensart. Von Renate Scherra, die über Jahrzehnte ein Fachlabor für Schwarzweiß-Fotografie in Düsseldorf betrieb, bei dem Helmut Newton oder Thomas Ruff ihre Bilder entwickeln ließen, gibt es vier Bilder von 1971 bis 2000 zu sehen, aus denen man bei gutem Willen eine Reise lesen kann.
Um dem Anspruch gerecht zu werden, auch „aufstrebende“ Künstler zu vertreten, muss Antonia Gruber herhalten. Aber selbst die 31-jährige, gebürtige Remscheiderin hätte es wohl kaum in die Ausstellung geschafft, wenn sie nicht hartnäckig insistiert hätte, wie Marschall verrät. So sind von ihr immerhin vier gerahmte Mini-Polaroids und eines der wenigen großformatigeren Bilder, ein Porträt mit dem Titel T.T.C.006.2016, zu sehen.
Gerade in der Fotografie ist immer wieder schwer zu unterscheiden, ob sie ihren Reiz aus dem historischen Dokument oder dem tatsächlichen Kunstwerk bezieht. Aber was interessiert das den ungeschulten Betrachter, dem das Bild einfach gefällt oder nicht? Und damit sei nicht nur der Besuch der Eisdiele an der nächsten Straßenecke empfohlen, die als eine der besten in Düsseldorf gilt, sondern auch die wenigen Meter zur Galerie Noir Blanche zurückzulegen, die mit überraschend viel Kleinformatigem – fast schon ähnlich einem Album – zu einer Reise in die Vergangenheit der Fotografie einlädt.
Michael S. Zerban