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Überbordende Vielfalt

Seit 2023 gibt es die Artartist, eine Kunst­messe, die in einem still­ge­legten Gewer­be­be­trieb statt­findet. In diesem Jahr haben sich rund 400 Künstler angemeldet, die ihre Bilder, Fotografien, Skulp­turen oder Instal­la­tionen der Öffent­lichkeit vorstellen. Vom 11. bis zum 13. April haben Besucher die Gelegenheit, sich bei freiem Eintritt einen Überblick über Kunst zu verschaffen, die Galeristen auf der zeitgleich statt­fin­denden Art Düsseldorf nicht zeigen. Ein inter­es­santes Rahmen­pro­gramm rundet den Besuch ab.

Luisa Stehmann hinter Alice Hunter – Foto © Michael Zerban

Bis 2022 unter­hielt die ZF Fried­richs­hafen – Kürzel für eine Zahnrad­fabrik mit Haupt­standort in Fried­richs­hafen – die zu den Weltmarkt­führern in der Antriebs- und Fahrwerk­technik zählt und als einer der größten Automo­bil­zu­lie­ferer gilt, einen Standort in der Hansa­allee im Düssel­dorfer Stadtteil Oberkassel. Noch heute sieht die Gewer­be­im­mo­bilie so aus, als sei sie Hals über Kopf verlassen worden und zeigt, was in deutschen Fabriken an Sicher­heits- und Organi­sa­ti­ons­bü­ro­kratie notwendig ist. Keine Ecke, in der nicht mindestens ein Warnhinweis angebracht ist. Solche Immobilien sind ein Ärgernis. Bis über eine neue Nutzung der Flächen entschieden und die Entscheidung umgesetzt ist, vergehen oft Jahre. Und wenn es für den Besitzer unglücklich läuft, hat er auch noch eine Bürger­initiative am Hals oder autonome Gruppen im Haus, die es besetzen.

Hier hat Marco Fuligni ein Geschäfts­modell entwi­ckelt, mit dem er eine echte Win-Win-Situation schafft. Er tritt als Interims­be­treiber der Immobilie auf und nutzt sie als „Raum für Kunst“, so der Name seines Unter­nehmens. Die Räumlich­keiten werden mit geringst­mög­lichem Aufwand weiter­ge­nutzt, Kunst und Kultur finden dringend benötigten Raum, und die Besitzer brauchen keine Angst vor Protesten zu haben, wenn die Räume und Flächen einer neuen Nutzung zugeführt werden. Denn dann zieht RfK ohne Murren weiter. So geschieht es auch seit 2023 auf der Hansa­allee. Seitdem gibt es dort die Art Artist, eine Kunst­messe, auf der die Künstler ihre Werke selbst ausstellen und vermarkten. Bewusst hat Fuligni die Messe als Gegenpol zur parallel statt­fin­denden Art Düsseldorf gesetzt. Gewiss, hier tritt nicht die Kultur­de­zer­nentin in Vertretung des Oberbür­ger­meisters auf, um die Veran­staltung zu eröffnen, der Champagner wird im Böhler-Areal mit den Galeristen geschlürft. Aber gute Stimmung und rauen Indus­triecharme gibt es auf der Hansa­allee auch – und das bei freiem Eintritt.

Um in diesem Jahr etwa 400 Aussteller, die sich in Kollek­tiven zusam­men­schließen, und ein Rahmen­pro­gramm in den Örtlich­keiten unter­zu­bringen, wird jeder Raum genutzt, von den Verwal­tungs­büros über Garagen bis zur Fabrik­halle, wo die Bedie­nungs­schalter der Lasten­kräne noch in den Räumen hängen. Wer zum ersten Mal zu Besuch kommt, fühlt sich reichlich verloren, weil auf Ansprech­partner und Hinweis­schilder verzichtet wird. Da fragt man sich, ob ein Empfangs­be­reich wirklich zu viel verlangt ist, um wenigstens eine grobe Orien­tierung zu bekommen.

In der überbor­denden Vielfalt des Angebots scheint es kaum möglich, Trends zu erkennen; neue Überflieger oder zumindest eigene Favoriten für sich auszu­machen, wird zur Glücks­sache. Trotzdem macht es den Besuchern Spaß, an jeder Ecke auf neue Kunst zu treffen, und die Künstler zeigen sich auskunfts­freudig. Es lohnt sich, länger zu verweilen, um allmählich die räumlichen Struk­turen zu erkennen und damit selbst­si­cherer durch die Hallen zu flanieren. In dem gemüt­lichen Innenhof werden Speisen und Getränke angeboten, und am Abend treffen sich die Künstler und verblie­benen Besucher hier zu weiter­füh­render Unter­haltung. Bis dahin ist der Nachmittag aller­dings noch lang – und attraktiv. Denn das Angebot der bildenden wird mit einem Programm der darstel­lenden Kunst abgerundet.

Überzeu­gendes Rahmenprogramm

Thomas Huy in großar­tiger Form – Foto © Michael Zerban

Neben Lesungen und Bandauf­tritten ist am frühen Abend auch zeitge­nös­si­scher Tanz zu sehen. Pascal Touzeau und seine Compagnie, die ihre Heimat in der Erkrather Straße 365 haben, einem weiteren für Kunst genutzten Gebäude von Fuligni, zeigen die eigens zu diesem Anlass geschaffene, viertel­stündige Choreo­grafie Synergies zur Musik von Frantumi di Luce. Die Tänze­rinnen Alice Hunter, Luisa Stehmann, Caroline Powell und Valeria di Mauro, die unver­kennbar im klassi­schen Ballett ausge­bildet sind, werden heute von dem Tänzer Wei-Chen Chen unter­stützt. Im grellen Licht der Neonröhren in der ehema­ligen Fabrik­halle prasseln die Töne in miserabler Qualität aus dem Hinter­grund auf die Tänzer ein, die in einer solch unwirklich erschei­nenden Atmosphäre die Zuschauer mit Soli, Duetten und Gruppen­bildern verzaubern. Auch wenn die Choreo­grafie in sich geschlossen wirkt: Die Aufführung hätte gern noch länger dauern dürfen.

Aber es wartet schon die nächste Darbietung, die Urauf­führung eines Lieder­abends der anderen Art. Bass-Bariton Thomas Huy, den man inzwi­schen auch als ständiges Mitglied des Ensembles um Touzeau kennt, lädt zu seinem Solo-Abend Die Nacht der Welt ein. Auf der Bühne gibt es eine Projek­ti­ons­fläche, einen Noten­ständer, auf dem ein Stapel Blätter abgelegt ist, und ein Mikrofon auf einem Stativ. Von hier aus nimmt Huy sein Publikum mit auf eine Reise in den Wahn. Hilfe bekommt er dabei von Florian Etti, der das Kunst­video erstellt hat, auf dem eine ständig sich verän­dernde Dreiköp­figkeit zu erleben ist, und seinem Sohn Caspar Etti, der eigens für das Werk Musik kompo­niert hat, mit der er den Gesang Huys untermalt und die gesun­genen Stücke verfremdet. Huy sieht deutliche Paral­lelen zur Schubert­schen Winter­reise, wenn er sich zwischen Tod, Schlaf, Verdrängung und Wahn bewegt. Expres­sio­nismus bis zur Wut wechselt mit kurzen Momenten des Innehaltens, in denen er versucht zu ergründen, was sich hinter dem Video befindet. Aber schon geht es wieder weiter. In rücksichts­loser Verzweiflung lässt er das Notenpult kippen, zieht anschließend scheinbar wahllos einzelne Blätter aus dem Wust, der sich dabei auf dem Boden verteilt hat. Sind die Stücke vom Blatt abgesungen, fallen die Zettel wieder achtlos zu Boden.

Zur düsteren Seelen­wan­derung auf der Bühne und durch die Publi­kums­reihen passt die Musik. Angefangen mit instru­men­talen Lamen­ta­tions von Alonso Lobo, singt Huy die Geschichte vom Elslein, das nicht zum Geliebten finden kann. Nach der Tristesse von Gabriel Fauré erklingt der Doppel­gänger von Franz Schubert. Weiter geht es mit Monte­verdi-Arien, die den Tod beklagen. Dabei findet der Bariton mit seiner tiefen Stimme zu immer neuen Inter­pre­ta­tionen, die auch schon mal zwischen Gesang und gespro­chenem Wort wechseln. So bleibt auch von Hans Werner Henzes Aggio saputo wie den Roses aus Berlioz‘ Faust oder Gershwins Summertime wenig Erkenn­bares. Mit Wenn ich des Morgens aufsteh von Ludwig Senfl verab­schiedet sich der Sänger von der Bühne in die fernen Gänge des Gebäudes, wo seine Worte nachhallen und langsam verklingen. Darstel­le­risch wie sänge­risch eine ebenso ungewöhn­liche wie tief beein­dru­ckende Dreivier­tel­stunde, für die sich das Publikum bei den drei Künstlern sehr herzlich bedankt. Huy ist mit Unter­stützung über sich hinaus­ge­wachsen, und es wäre sicher angemessen, das Stück bei anderen Gelegen­heiten wieder zu erleben.

Das möchte man in sich nachwirken lassen und sich nicht mehr an den Gesprächen im Innenhof betei­ligen, obwohl die warme Abendluft durchaus noch zum Verweilen einlädt.

Michael S. Zerban

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