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Zum dritten Mal wird in der Landeshauptstadt Düsseldorf der Bernd-und-Hilla-Becher-Preis verliehen. In diesem Jahr geht er an Ursula Schulz-Dornburg und der damit verbundene Förderpreis an Farah Al Qasimi. Man gibt sich ja gern international, und so liegt die Betonung auch darauf, dass eine internationale Fachjury die Preisträgerinnen ausgewählt habe.

Wettbewerbe und Preisverleihungen sind hervorragende Mittel der Öffentlichkeitsarbeit, um der Veranstalter Images zu pflegen und Bekanntheit herzustellen. In einigen Fällen führen sie sogar dazu, dass Karrieren befördert werden. Mit dem Bernd-und-Hilla-Becher-Preis verhält es sich nicht anders. Die Stadt Düsseldorf will damit ihre Kompetenz in Sachen Fotografie untermauern. Schließlich soll in der Landeshauptstadt das Deutsche Fotoinstitut seinen Platz und Akzeptanz finden. Da darf die Preisverleihung nicht nur in großem Umfang gefeiert werden, sondern auch gleich noch Chefsache sein. Es findet nicht nur die offizielle Preisverleihung durch Oberbürgermeister Stephan Keller statt, sondern gleich eine ganze Bernd-und-Hilla-Becher-Preis-Woche. Da gibt es im Filmmuseum Kinofilme, Führung und Gespräch im K21, eine Exkursion zur Insel Hombroich, wo sich Fotografien der Preisträgerin seit Jahren befinden, selbstverständlich die Preisverleihung, eine Ausstellung in der Kunsthalle, die bis September zu betrachten sein wird, und vierzehn Plakatwände im Stadtraum. Und „selbstverständlich“ wird die Preisverleihung in der Lokalpresse unkritisch abgefeiert. Da macht Pressearbeit Spaß.
Und wenn man die 87-jährige Preisträgerin erleben darf, sowieso, die wunderbar abgeklärt mit ihrem Alter kokettiert. Ursula Schulz-Dornburg wurde 1938 in Berlin geboren. Im Alter von 20 Jahren zog die Tochter eines Architekten und einer Bildhauerin nach München, um zunächst Ethnologie, ein Jahr später Fotojournalistik am Institut für Bildjournalismus bis zu dessen Schließung im Jahr 1960 zu studieren. Bei einem Aufenthalt in New York sieben Jahre später kam sie mit der Land Art und Konzeptkunst in Berührung. Ein einschneidendes Erlebnis, das vor allem ihre fotografische Entwicklung entscheidend beeinflusste. Vorerst aber kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie sich in der Sozialarbeit, vornehmlich mit Drogenabhängigen, beschäftigte. Hier setzte sie die Fotografie als therapeutisches Mittel ein. Nach einem Fotoprojekt, bei dem sie Abenteuerspielplätze in Amsterdam fotografierte und das die Grundlage für viele Buchprojekte darstellte, begann sie ihre eigentliche Bestimmung. Sie reiste durch die Welt, gern in immer weiter entfernte Regionen. Sie interessierte sich dabei wenig für die Darstellung von Menschen, sondern mehr für die historische Veränderung von Orten, oftmals durch Kriege geprägt. Mit 74 Jahren bereiste sie das ehemalige Atomwaffentestgelände Semipalatinsk in Kasachstan. Dort wurden von den Russen Gebäude allein deshalb errichtet, um zu sehen, wie sich Nuklearexplosionen darauf auswirkten. Es war der Schlusspunkt ihrer Fotografie. Die Erfahrung der extremen Zerstörungskraft des Menschen veranlasste sie, die menschliche Entwicklung nicht weiter zu dokumentieren. „Die Fotografie ist für mich eine zentrale Form des Erzählens. Sie ermöglichte es mir, von Orten des Vergessens und der Zerstörung zu berichten und gleichzeitig von den menschlichen Geschichten, die sich hinter diesen Orten verbergen“, beschreibt die Fotografin, was sie umtrieb, ehe sie ihre Arbeit beendete. Sie verschenkte ihre Fotoausstattung. Vor drei Jahren schenkte Schulz-Dornburg ihr Archiv dem Getty Research Institute in Los Angeles. Auf die Würdigung ihrer Arbeit hat sie lange warten müssen. Erst in den vergangenen Jahren wurde sie im deutschsprachigen Raum (wieder-)entdeckt und hatte in den letzten Jahren mehrere internationale Ausstellungen. Nun also wird sie mit dem Bernd-und-Hilla-Becher-Preis geehrt. Das Preisgeld wird sie einem Projekt spenden, bei dem Flüchtlingskinder sich mit der Fotografie auseinandersetzen sollen. Und wie es ihrem Alter entspricht, kommt sie gar nicht erst auf die Idee, sich mit der modernen digitalen Fotografie zu beschäftigen. Nein, die Kinder sollen durchaus die Dunkelkammer noch physisch kennenlernen. Großartig.
Kein Talent in Düsseldorf?
Mit dem Preis ist auch ein Förderpreis verbunden. Wie es sich für eine Stadt gehört, wird damit dem eigenen Nachwuchs ein Sprungbrett geliefert. Oder vielleicht doch nicht. Entweder gibt es in Düsseldorf keine begnadeten Talente, es erkennt sie keiner, weil das Interesse an der Fotografie vielleicht in der Stadt am Rhein doch eher begrenzt ist, oder es geht doch eher darum, sich mit internationalen Federn zu schmücken, egal, ob sie einen Bezug zur Stadt haben oder nicht.
Also gibt es offenbar keinen Fotografen aus Düsseldorf, der eine Förderung lohnt. Das war übrigens zu Zeiten von Bernd und Hilla Becher anders. Zahlreiche Becher-Schüler gingen aus der Düsseldorfer Photoschule hervor. Stattdessen hat die internationale Fachjury sich für Farah Al Qasimi entschieden. Die ist 1991 in Abu Dhabi geboren und studierte Fotografie und Musik an der Yale University. „Al Qasimi arbeitet hauptsächlich mit Fotografie, Video und Performance und untersucht postkoloniale Strukturen von Macht, Geschlecht und Geschmack in den arabischen Golfstaaten“, heißt es in der Begründung der Fachjury. Und weiter: „Da sie ihre Zeit zwischen Dubai und New York aufteilt, sind Sozialkritik und die Beobachtung der vielschichtigen Aspekte jedes Ortes in ihrer künstlerischen Praxis integriert. Durch ihre kühnen und lebendigen Fotografien erforscht sie die unausgesprochenen sozialen Normen und Werte, die in einem Ort, einem Moment oder einem Objekt eingebettet sind.“ Davon können sich die Düsseldorfer Bürger ab dem 6. Juni selbst ein Bild verschaffen.
„Wir freuen uns außerordentlich, zwei so großartige fotografische Positionen in der Kunsthalle Düsseldorf zeigen zu können“, sagt Alice Holthausen, kommissarische Künstlerische Leiterin des Museums. „Dass die Verleihung sowie die Ausstellung des Bernd-und-Hilla-Becher-Preises in diesem Jahr erstmals bei uns in der Kunsthalle stattfinden, ist für uns eine besondere Ehre.“ Der Besuch der Ausstellung scheint zu lohnen. Folgt man der Logik der Preisträger des Fotografen-Preises, sind Frauen eindeutig die besseren Fotografen. Von bislang sechs Preisträgern gibt es lediglich einen Fotografen, der in England ausfindig gemacht wurde, um einen Förderpreis zu erhalten. Böse Zungen könnten bei einer solchen Vergabepraxis leicht von einer positiven Diskriminierung reden. Die ist übrigens rechtswidrig. Nach den Feierlichkeiten dieser Woche hat die Stadt zwei Jahre Zeit, darüber nachzudenken, ob es beim einzigen Foto-Preis Verbesserungsmöglichkeiten gibt, die auch dem Bürger mehr Identifikation ermöglichen.
Michael S. Zerban