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Fotografie als Chefsache

Zum dritten Mal wird in der Landes­haupt­stadt Düsseldorf der Bernd-und-Hilla-Becher-Preis verliehen. In diesem Jahr geht er an Ursula Schulz-Dornburg und der damit verbundene Förder­preis an Farah Al Qasimi. Man gibt sich ja gern inter­na­tional, und so liegt die Betonung auch darauf, dass eine inter­na­tionale Fachjury die Preis­trä­ge­rinnen ausge­wählt habe. 

Ursula Schulz-Dornburg – Foto © Michael Zerban

Wettbe­werbe und Preis­ver­lei­hungen sind hervor­ra­gende Mittel der Öffent­lich­keits­arbeit, um der Veran­stalter Images zu pflegen und Bekanntheit herzu­stellen. In einigen Fällen führen sie sogar dazu, dass Karrieren befördert werden. Mit dem Bernd-und-Hilla-Becher-Preis verhält es sich nicht anders. Die Stadt Düsseldorf will damit ihre Kompetenz in Sachen Fotografie unter­mauern. Schließlich soll in der Landes­haupt­stadt das Deutsche Fotoin­stitut seinen Platz und Akzeptanz finden. Da darf die Preis­ver­leihung nicht nur in großem Umfang gefeiert werden, sondern auch gleich noch Chefsache sein. Es findet nicht nur die offizielle Preis­ver­leihung durch Oberbür­ger­meister Stephan Keller statt, sondern gleich eine ganze Bernd-und-Hilla-Becher-Preis-Woche. Da gibt es im Filmmuseum Kinofilme, Führung und Gespräch im K21, eine Exkursion zur Insel Hombroich, wo sich Fotografien der Preis­trä­gerin seit Jahren befinden, selbst­ver­ständlich die Preis­ver­leihung, eine Ausstellung in der Kunst­halle, die bis September zu betrachten sein wird, und vierzehn Plakat­wände im Stadtraum. Und „selbst­ver­ständlich“ wird die Preis­ver­leihung in der Lokal­presse unkri­tisch abgefeiert. Da macht Presse­arbeit Spaß.

Und wenn man die 87-jährige Preis­trä­gerin erleben darf, sowieso, die wunderbar abgeklärt mit ihrem Alter koket­tiert. Ursula Schulz-Dornburg wurde 1938 in Berlin geboren. Im Alter von 20 Jahren zog die Tochter eines Archi­tekten und einer Bildhauerin nach München, um zunächst Ethno­logie, ein Jahr später Fotojour­na­listik am Institut für Bildjour­na­lismus bis zu dessen Schließung im Jahr 1960 zu studieren. Bei einem Aufenthalt in New York sieben Jahre später kam sie mit der Land Art und Konzept­kunst in Berührung. Ein einschnei­dendes Erlebnis, das vor allem ihre fotogra­fische Entwicklung entscheidend beein­flusste. Vorerst aber kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie sich in der Sozial­arbeit, vornehmlich mit Drogen­ab­hän­gigen, beschäf­tigte. Hier setzte sie die Fotografie als thera­peu­ti­sches Mittel ein. Nach einem Fotoprojekt, bei dem sie Abenteu­er­spiel­plätze in Amsterdam fotogra­fierte und das die Grundlage für viele Buchpro­jekte darstellte, begann sie ihre eigent­liche Bestimmung. Sie reiste durch die Welt, gern in immer weiter entfernte Regionen. Sie inter­es­sierte sich dabei wenig für die Darstellung von Menschen, sondern mehr für die histo­rische Verän­derung von Orten, oftmals durch Kriege geprägt. Mit 74 Jahren bereiste sie das ehemalige Atomwaf­fen­test­ge­lände Semipa­la­tinsk in Kasachstan. Dort wurden von den Russen Gebäude allein deshalb errichtet, um zu sehen, wie sich Nukle­ar­ex­plo­sionen darauf auswirkten. Es war der Schluss­punkt ihrer Fotografie. Die Erfahrung der extremen Zerstö­rungs­kraft des Menschen veran­lasste sie, die mensch­liche Entwicklung nicht weiter zu dokumen­tieren. „Die Fotografie ist für mich eine zentrale Form des Erzählens. Sie ermög­lichte es mir, von Orten des Vergessens und der Zerstörung zu berichten und gleich­zeitig von den mensch­lichen Geschichten, die sich hinter diesen Orten verbergen“, beschreibt die Fotografin, was sie umtrieb, ehe sie ihre Arbeit beendete. Sie verschenkte ihre Fotoaus­stattung. Vor drei Jahren schenkte Schulz-Dornburg ihr Archiv dem Getty Research Institute in Los Angeles. Auf die Würdigung ihrer Arbeit hat sie lange warten müssen. Erst in den vergan­genen Jahren wurde sie im deutsch­spra­chigen Raum (wieder-)entdeckt und hatte in den letzten Jahren mehrere inter­na­tionale Ausstel­lungen. Nun also wird sie mit dem Bernd-und-Hilla-Becher-Preis geehrt. Das Preisgeld wird sie einem Projekt spenden, bei dem Flücht­lings­kinder sich mit der Fotografie ausein­an­der­setzen sollen. Und wie es ihrem Alter entspricht, kommt sie gar nicht erst auf die Idee, sich mit der modernen digitalen Fotografie zu beschäf­tigen. Nein, die Kinder sollen durchaus die Dunkel­kammer noch physisch kennen­lernen. Großartig.

Kein Talent in Düsseldorf?

Mit dem Preis ist auch ein Förder­preis verbunden. Wie es sich für eine Stadt gehört, wird damit dem eigenen Nachwuchs ein Sprung­brett geliefert. Oder vielleicht doch nicht. Entweder gibt es in Düsseldorf keine begna­deten Talente, es erkennt sie keiner, weil das Interesse an der Fotografie vielleicht in der Stadt am Rhein doch eher begrenzt ist, oder es geht doch eher darum, sich mit inter­na­tio­nalen Federn zu schmücken, egal, ob sie einen Bezug zur Stadt haben oder nicht.

Also gibt es offenbar keinen Fotografen aus Düsseldorf, der eine Förderung lohnt. Das war übrigens zu Zeiten von Bernd und Hilla Becher anders. Zahlreiche Becher-Schüler gingen aus der Düssel­dorfer Photo­schule hervor. Statt­dessen hat die inter­na­tionale Fachjury sich für Farah Al Qasimi entschieden. Die ist 1991 in Abu Dhabi geboren und studierte Fotografie und Musik an der Yale University. „Al Qasimi arbeitet haupt­sächlich mit Fotografie, Video und Perfor­mance und unter­sucht postko­lo­niale Struk­turen von Macht, Geschlecht und Geschmack in den arabi­schen Golfstaaten“, heißt es in der Begründung der Fachjury. Und weiter: „Da sie ihre Zeit zwischen Dubai und New York aufteilt, sind Sozial­kritik und die Beobachtung der vielschich­tigen Aspekte jedes Ortes in ihrer künst­le­ri­schen Praxis integriert. Durch ihre kühnen und leben­digen Fotografien erforscht sie die unaus­ge­spro­chenen sozialen Normen und Werte, die in einem Ort, einem Moment oder einem Objekt einge­bettet sind.“ Davon können sich die Düssel­dorfer Bürger ab dem 6. Juni selbst ein Bild verschaffen.

„Wir freuen uns außer­or­dentlich, zwei so großartige fotogra­fische Positionen in der Kunst­halle Düsseldorf zeigen zu können“, sagt Alice Holthausen, kommis­sa­rische Künst­le­rische Leiterin des Museums. „Dass die Verleihung sowie die Ausstellung des Bernd-und-Hilla-Becher-Preises in diesem Jahr erstmals bei uns in der Kunst­halle statt­finden, ist für uns eine besondere Ehre.“ Der Besuch der Ausstellung scheint zu lohnen. Folgt man der Logik der Preis­träger des Fotografen-Preises, sind Frauen eindeutig die besseren Fotografen. Von bislang sechs Preis­trägern gibt es lediglich einen Fotografen, der in England ausfindig gemacht wurde, um einen Förder­preis zu erhalten. Böse Zungen könnten bei einer solchen Verga­be­praxis leicht von einer positiven Diskri­mi­nierung reden. Die ist übrigens rechts­widrig. Nach den Feier­lich­keiten dieser Woche hat die Stadt zwei Jahre Zeit, darüber nachzu­denken, ob es beim einzigen Foto-Preis Verbes­se­rungs­mög­lich­keiten gibt, die auch dem Bürger mehr Identi­fi­kation ermöglichen.

Michael S. Zerban

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