O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Die Kunst der Fotografie ist facettenreicher, als so mancher denken mag. Das zeigt die Ausstellung In Abwesenheit in der Düsseldorfer Sammlung Philara, die noch bis Anfang September zu sehen ist. Chefkuratorin Julika Bosch und ihr Team haben Bilder aus der Sammlung ausgewählt, die die Vielfalt künstlerischer Fotografie aufzeigen. Dass dabei auch Namen wie Man Ray oder Thomas Ruff auftauchen, versteht sich fast von selbst. Aber die Ausstellung ist sicher nicht der einzige Grund, das Privatmuseum im ehemaligen Arbeiterviertel zu besuchen.

Ende des 19. Jahrhunderts ging es so richtig los mit der Industrialisierung in Düsseldorf. Im gesamten Stadtgebiet entstanden Fabriken, die im Zuge der Wohnbebauung in Hinterhöfen verschwanden, ehe sie sich ganz aus der Stadt zurückzogen. Zurückblieben zahlreiche Fabrikgebäude, ein gefundenes Fressen für „Immobilienentwickler“. Das sind Menschen, die, um es nett zu sagen, solche Gebäude aufkaufen, sie abreißen und durch gewinnbringende Projekte ersetzen. Trotzdem lohnt in Düsseldorf bis heute der Blick in die Hinterhöfe. Denn längst nicht alle der alten Fabrikgebäude mussten blinder Modernisierungswut weichen. Auch der Immobilienentwickler Gil Bronner entdeckte ein solches Gebäude. Die Produktions- und Lagerräume der Glasfabrik Leitz verfielen in der Birkenstraße im Stadtteil Flingern-Nord. Der Kunstsammler entschied sich, die vorhandene Substanz für die Kunst zu nutzen. Er beauftragte den Architekten Joachim Sieber, aus dem Gebäudeensemble ein Privatmuseum zu schaffen.
Wer heute über die Birkenstraße flaniert, muss schon genau hinschauen, um den elegant geschwungenen Schriftzug Philara über der Durchfahrt zu einem Hinterhof zu entdecken. Hier erwartet einen zunächst nicht die gewohnte Backsteinoptik älterer Fabrikgebäude. Sieber hat die Fassade der Sammlung Philara beziehungsreich mit Cortenstahl, dem bevorzugten Material der Bildhauer, verkleiden lassen. Daran schließt sich über Eck ein Bistro und das ehemalige Verwaltungsgebäude an, in dem heute die Wim-Wenders-Stiftung, die Filmwerkstatt Düsseldorf und das BBK-Kunstforum untergebracht sind. Das eigentliche Gebäude der Sammlung Philara atmet die gelungene Verbindung von Industriegeschichte und Kunst. Inzwischen Kunst in jeder Form, denn hier finden auch Musikaufführungen statt.
Im so genannten Spiegelsaal, das ist die große Halle, die im Zentrum der Räumlichkeiten liegt, erzählt ein alter Baukran davon, wie hier Flachglas produziert und gelagert wurde, das über die gleich hinter dem Gebäude liegende Eisenbahntrasse verschickt werden konnte. Darunter eine Spiegelfront, die die großzügige Halle noch einmal optisch erweitert. Hier wäre Platz für riesige Kunstwerke. In den anliegenden Räumen, die hier Kabinette genannt werden, gibt es ebenfalls Sitzgelegenheiten, um die Bilder in Ruhe betrachten zu können.
Den Katalog griffbereit halten
Julika Borsch ist in Duisburg geboren, wuchs in Düsseldorf auf, hat vergleichende Literaturwissenschaft, Kommunikation und Kunstgeschichte studiert, eine Online-Zeitschrift mitbegründet und kann bereits auf eine Reihe von eigenen Ausstellungen zurückblicken. Seit Oktober 2021 ist sie Kuratorin der Sammlung Philara. Aus über 1.000 Exponaten hat sie gemeinsam mit Hannah Niemeier und Dana M. A. Bulic eine Reihe von Werken unter dem Titel In Abwesenheit zusammengestellt. Dabei warten sie gleich mit einer Überraschung auf. Die Arbeit von Thomas Ruff ist mit Hilfe digitalen Renderings erstellt, die also ohne Kamera entstanden ist. Auch bei Jan Paul Evers spielt die Kamera bei seiner Kunst keine Rolle. Er verwendet bereits bestehendes Bildmaterial, um es mit analogen Methoden zu bearbeiten. Und bei Germaine Kruip geht es gar nicht mehr um das Bild, sondern um den Wirkmechanismus der Fotografie. Ihr ovaler, auf dem Boden liegender Spiegel reflektiert einen kreisrunden Lichtfleck. Einige Objekte, die im DIN-A3-Bogen, der einem bei der Ankunft ausgehändigt wird, aufgeführt sind, sind nicht aufzufinden. Trotzdem oder gerade deswegen empfiehlt es sich, den Miniaturkatalog beim Gang durch die Ausstellung nicht aus der Hand zu legen, um die Raffinesse des Titels zu verstehen.
Naheliegender sind da schon die Bilder von Thomas Struth und Stephen Shore, die einerseits Architektur in Abwesenheit der Menschen, die sie bewohnen, andererseits Bilder von Kraftfahrzeugen zeigen, die offenbar auf ihre Fahrer warten oder von ihnen verlassen wurden. Eines der eindrucksvollsten Bildduos ist die Arbeit von Riccarda Roggan. Sie zeigt dieselbe Einrichtung in zwei verschiedenen Räumen. Hier verweigert jemand, der nicht sichtbar wird, die Veränderung. Stark. Im selben Kabinett findet sich die originelle Arbeit von Thomas Grünfeld, der aus dem Foto einer Raucherin Qualm aufsteigen lässt. Allerdings vermisst man den würzigen Rauch der Zigarette.
Mehr als „nur“ Fotografien

Auch bei den anderen Exponaten lohnt es sich, mal näher an den Ausdruck heranzutreten, weil man sehr schön die Qualitätsunterschiede vom einfachen Farbdrucker bis zum trockenen Gelatineverfahren betrachten kann. Um die 30 Exponate meist kleineren Ausmaßes sind in Spiegelsaal und Kabinetten verteilt. So bleibt viel Fläche. Da mag dem einzelnen Betrachter die Entscheidung überlassen bleiben, ob das einzelne Werk bei der Hängung mehr Betonung erfährt oder es sich im Raum verliert. Bereits am Empfang wird der Besucher auf den Skulpturengarten aufmerksam gemacht, der auf dem Dach des Gebäudes angelegt ist und schon wegen der Aussicht von dort auf die Stadt einen Besuch lohnt. Eindrucksvollstes Ausstellungsstück ist sicher die Stahlskulptur Altar von Kris Martin aus dem Jahr 2014, die die Umrisse des Genter Altars von Jan van Eyck nachzeichnet. Befreit von biblischen Inhalten, bleibt Martins Altar ganzjährig geöffnet. Was nicht erzählt wird, ist, dass es eine Dauerinstallation gibt, die recht versteckt im Erdgeschoss und den Etagen darunter liegt. Aber genau die sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, wenn man schon mal vor Ort ist.
Von 2013 stammt die Installation Artichoke Underground von Jonah Freeman und Justin Lowe, die erstmalig bei der Art Basel ausgestellt und dann in die Sammlung Philara übernommen wurde. Dreizehn Räume über verschiedene Stockwerke verteilt, entführt sie den Besucher in eine andere, eine unwirkliche und längst vergangene Welt. Eine Druckerei, in der noch Titelblätter der fiktiven Zeitung Artichoke Underground zu sehen sind, wirkt, als hätten die Drucker sie fluchtartig verlassen. Dystopisch bleibt es auch im verlassenen asiatischen Imbiss, im Computerraum oder im Warteraum für die Spermaspende. Wer bis in den untersten Raum vordringt, der wie eine vermoderte Schaltzentrale wirkt, muss allerdings gut bei Atem sein – hier ist die Luft gefährlich schlecht. Auch wenn die dargestellte Zeit sich von den 1970-ern über 80-er bis in die 90-er Jahre zu erstrecken scheint, ist allen Bestandteilen gemein, dass man sich eines Gruselgefühls nicht erwehren kann.
Eine gute Stunde sollte man für den Besuch einplanen, ehe man vor dem Verlassen der Sammlung den Eintrittspreis bezahlt, der einem der Besuch rückblickend wert ist. Eine gute Idee, denn wer die Ausstellung und das Gebäude kennengelernt hat, wird großzügiger sein.
Michael S. Zerban