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Foto © O-Ton

Luftige Hängung

Die Kunst der Fotografie ist facet­ten­reicher, als so mancher denken mag. Das zeigt die Ausstellung In Abwesenheit in der Düssel­dorfer Sammlung Philara, die noch bis Anfang September zu sehen ist. Chefku­ra­torin Julika Bosch und ihr Team haben Bilder aus der Sammlung ausge­wählt, die die Vielfalt künst­le­ri­scher Fotografie aufzeigen. Dass dabei auch Namen wie Man Ray oder Thomas Ruff auftauchen, versteht sich fast von selbst. Aber die Ausstellung ist sicher nicht der einzige Grund, das Privat­museum im ehema­ligen Arbei­ter­viertel zu besuchen.

Foto © O‑Ton

Ende des 19. Jahrhun­derts ging es so richtig los mit der Indus­tria­li­sierung in Düsseldorf. Im gesamten Stadt­gebiet entstanden Fabriken, die im Zuge der Wohnbe­bauung in Hinter­höfen verschwanden, ehe sie sich ganz aus der Stadt zurück­zogen. Zurück­blieben zahlreiche Fabrik­ge­bäude, ein gefun­denes Fressen für „Immobi­li­en­ent­wickler“. Das sind Menschen, die, um es nett zu sagen, solche Gebäude aufkaufen, sie abreißen und durch gewinn­brin­gende Projekte ersetzen. Trotzdem lohnt in Düsseldorf bis heute der Blick in die Hinterhöfe. Denn längst nicht alle der alten Fabrik­ge­bäude mussten blinder Moder­ni­sie­rungswut weichen. Auch der Immobi­li­en­ent­wickler Gil Bronner entdeckte ein solches Gebäude. Die Produk­tions- und Lager­räume der Glasfabrik Leitz verfielen in der Birken­straße im Stadtteil Flingern-Nord. Der Kunst­sammler entschied sich, die vorhandene Substanz für die Kunst zu nutzen. Er beauf­tragte den Archi­tekten Joachim Sieber, aus dem Gebäu­de­en­semble ein Privat­museum zu schaffen.

Wer heute über die Birken­straße flaniert, muss schon genau hinschauen, um den elegant geschwun­genen Schriftzug Philara über der Durch­fahrt zu einem Hinterhof zu entdecken. Hier erwartet einen zunächst nicht die gewohnte Backstein­optik älterer Fabrik­ge­bäude. Sieber hat die Fassade der Sammlung Philara bezie­hungs­reich mit Corten­stahl, dem bevor­zugten Material der Bildhauer, verkleiden lassen. Daran schließt sich über Eck ein Bistro und das ehemalige Verwal­tungs­ge­bäude an, in dem heute die Wim-Wenders-Stiftung, die Filmwerk­statt Düsseldorf und das BBK-Kunst­forum unter­ge­bracht sind. Das eigent­liche Gebäude der Sammlung Philara atmet die gelungene Verbindung von Indus­trie­ge­schichte und Kunst. Inzwi­schen Kunst in jeder Form, denn hier finden auch Musik­auf­füh­rungen statt.

Im so genannten Spiegelsaal, das ist die große Halle, die im Zentrum der Räumlich­keiten liegt, erzählt ein alter Baukran davon, wie hier Flachglas produ­ziert und gelagert wurde, das über die gleich hinter dem Gebäude liegende Eisen­bahn­trasse verschickt werden konnte. Darunter eine Spiegel­front, die die großzügige Halle noch einmal optisch erweitert. Hier wäre Platz für riesige Kunst­werke. In den anlie­genden Räumen, die hier Kabinette genannt werden, gibt es ebenfalls Sitzge­le­gen­heiten, um die Bilder in Ruhe betrachten zu können.

Den Katalog griff­bereit halten

Julika Borsch ist in Duisburg geboren, wuchs in Düsseldorf auf, hat verglei­chende Litera­tur­wis­sen­schaft, Kommu­ni­kation und Kunst­ge­schichte studiert, eine Online-Zeitschrift mitbe­gründet und kann bereits auf eine Reihe von eigenen Ausstel­lungen zurück­blicken. Seit Oktober 2021 ist sie Kuratorin der Sammlung Philara. Aus über 1.000 Exponaten hat sie gemeinsam mit Hannah Niemeier und Dana M. A. Bulic eine Reihe von Werken unter dem Titel In Abwesenheit zusam­men­ge­stellt. Dabei warten sie gleich mit einer Überra­schung auf. Die Arbeit von Thomas Ruff ist mit Hilfe digitalen Rende­rings erstellt, die also ohne Kamera entstanden ist. Auch bei Jan Paul Evers spielt die Kamera bei seiner Kunst keine Rolle. Er verwendet bereits bestehendes Bildma­terial, um es mit analogen Methoden zu bearbeiten. Und bei Germaine Kruip geht es gar nicht mehr um das Bild, sondern um den Wirkme­cha­nismus der Fotografie. Ihr ovaler, auf dem Boden liegender Spiegel reflek­tiert einen kreis­runden Licht­fleck. Einige Objekte, die im DIN-A3-Bogen, der einem bei der Ankunft ausge­händigt wird, aufge­führt sind, sind nicht aufzu­finden. Trotzdem oder gerade deswegen empfiehlt es sich, den Minia­tur­ka­talog beim Gang durch die Ausstellung nicht aus der Hand zu legen, um die Raffi­nesse des Titels zu verstehen.

Nahelie­gender sind da schon die Bilder von Thomas Struth und Stephen Shore, die einer­seits Archi­tektur in Abwesenheit der Menschen, die sie bewohnen, anderer­seits Bilder von Kraft­fahr­zeugen zeigen, die offenbar auf ihre Fahrer warten oder von ihnen verlassen wurden. Eines der eindrucks­vollsten Bildduos ist die Arbeit von Riccarda Roggan. Sie zeigt dieselbe Einrichtung in zwei verschie­denen Räumen. Hier verweigert jemand, der nicht sichtbar wird, die Verän­derung. Stark. Im selben Kabinett findet sich die origi­nelle Arbeit von Thomas Grünfeld, der aus dem Foto einer Raucherin Qualm aufsteigen lässt. Aller­dings vermisst man den würzigen Rauch der Zigarette.

Mehr als „nur“ Fotografien

Foto © O‑Ton

Auch bei den anderen Exponaten lohnt es sich, mal näher an den Ausdruck heran­zu­treten, weil man sehr schön die Quali­täts­un­ter­schiede vom einfachen Farbdrucker bis zum trockenen Gelatin­ever­fahren betrachten kann. Um die 30 Exponate meist kleineren Ausmaßes sind in Spiegelsaal und Kabinetten verteilt. So bleibt viel Fläche. Da mag dem einzelnen Betrachter die Entscheidung überlassen bleiben, ob das einzelne Werk bei der Hängung mehr Betonung erfährt oder es sich im Raum verliert. Bereits am Empfang wird der Besucher auf den Skulp­tu­ren­garten aufmerksam gemacht, der auf dem Dach des Gebäudes angelegt ist und schon wegen der Aussicht von dort auf die Stadt einen Besuch lohnt. Eindrucks­vollstes Ausstel­lungs­stück ist sicher die Stahl­skulptur Altar von Kris Martin aus dem Jahr 2014, die die Umrisse des Genter Altars von Jan van Eyck nachzeichnet. Befreit von bibli­schen Inhalten, bleibt Martins Altar ganzjährig geöffnet. Was nicht erzählt wird, ist, dass es eine Dauer­in­stal­lation gibt, die recht versteckt im Erdge­schoss und den Etagen darunter liegt. Aber genau die sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, wenn man schon mal vor Ort ist.

Von 2013 stammt die Instal­lation Artichoke Under­ground von Jonah Freeman und Justin Lowe, die erstmalig bei der Art Basel ausge­stellt und dann in die Sammlung Philara übernommen wurde. Dreizehn Räume über verschiedene Stock­werke verteilt, entführt sie den Besucher in eine andere, eine unwirk­liche und längst vergangene Welt. Eine Druckerei, in der noch Titel­blätter der fiktiven Zeitung Artichoke Under­ground zu sehen sind, wirkt, als hätten die Drucker sie flucht­artig verlassen. Dysto­pisch bleibt es auch im verlas­senen asiati­schen Imbiss, im Compu­terraum oder im Warteraum für die Spermaspende. Wer bis in den untersten Raum vordringt, der wie eine vermo­derte Schalt­zen­trale wirkt, muss aller­dings gut bei Atem sein – hier ist die Luft gefährlich schlecht. Auch wenn die darge­stellte Zeit sich von den 1970-ern über 80-er bis in die 90-er Jahre zu erstrecken scheint, ist allen Bestand­teilen gemein, dass man sich eines Grusel­ge­fühls nicht erwehren kann.

Eine gute Stunde sollte man für den Besuch einplanen, ehe man vor dem Verlassen der Sammlung den Eintritts­preis bezahlt, der einem der Besuch rückbli­ckend wert ist. Eine gute Idee, denn wer die Ausstellung und das Gebäude kennen­ge­lernt hat, wird großzü­giger sein.

Michael S. Zerban

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