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Bis zum 24. August lädt das Lehmbruck-Museum in Duisburg zu der Ausstellung Mechanik und Menschlichkeit ein, eine umfassende Retrospektive, die die Werke von Jean Tinguely und Eva Aeppli einander gegenüberstellt. Tinguely ist bekannt für seine kinetischen Skulpturen, Aeppli vermag mit ihren handgenähten Puppen, eine berührende Menschlichkeit einzufangen.

Das Jahr 1925 ist ein Jahr, das Biografien von Künstlern wie in einem Brennglas auf die Moderne fokussiert. Schauspieler wie Richard Burton, Tony Curtis, Paul Newman, Jack Lemmon, Michel Piccoli oder Boy Gobert, Sänger wie Hildegard Knef, Dietrich Fischer-Dieskau Sammy Davies Jr und Bill Haley, der Maler Robert Rauschenberg, der Musiker Oscar Peterson, die Komponisten Pierre Boulez, Mikis Theodorakis, der Architekt Frei Otto oder der Filmregisseur Robert Altmann – alle sind in diesem Jahr zur Welt gekommen. Dass sie einmal Kunstgeschichte im weiteren Sinne schreiben sollten, war da noch nicht abzusehen.
Eva Aeppli und Jean Tinguely reihen sich in die Kunst-Prominenz auf eine besondere Weise ein. Dass die beiden, die sich schon während des Studiums in Basel kennenlernen, über viele Jahre ein Paar sind, mag für manche überraschend sein. Niki de St. Phalle und Tinguely gelten vielen bis heute als das Traumpaar der Moderne nach 1945. Aber Aeppli?
Für diejenigen, die schon einmal den Skulpturenpark Il Giardino di Daniel Spoerri in der Toskana nahe Seggiano besucht haben, stellt sich die Frage nicht. Im Triumvirat mit Spoerri bieten die Arbeiten von Aeppli und Tinguely zusammen mit weiteren stilprägenden Künstlern am Ausgang des 20. Jahrhunderts – Meret Oppenheim, Luigi Mainolfi, Roberto Barni, Arman, Bernhard Luginbühl und andere – ein unvergessliches Erlebnis. Eine symbiotische Gemeinschaft von Natur und Kunst. Mit dem eine Autostunde entfernten Tarot-Garten von Niki de St. Phalle in Capalbio, nahe Grosseto, schließt sich der Kreis um Tinguely mit Eva und Niki.
So weit und doch so nah, nimmt das Lehmbruck-Museum Duisburg Tinguelys und Aepplis 100. Geburtstage zum Anlass, ihr Werk im Dialog zu präsentieren: Mechanik und Menschlichkeit, fokussiert auf das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, das beide spielerisch und kritisch befragten.
„Wie viel Menschliches ist in einer Maschine, und wie viel Maschinelles ist dem Menschen eigen?“, fragt Museumsdirektorin Söke Dinkla im anspruchsvoll gelayouteten, mit künstlerisch ambitioniertem Buchdruck gebundenen Katalog. Die Faszination der Technik, der Maschine findet schon mit dem 1909 entstandenen Manifesto del Futurismo von Filippo Tommaso Marinetti früh Eingang in die bildende Kunst. Thesenartig formuliert er Szenarien „von nächtlich vibrierender Glut der Arsenale und Werften … von gigantischen Brücken, die Flüsse überspannen … von breitbrüstigen Lokomotiven … Flugzeugen, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert“.
Angesichts der Vernichtungsmaschinerien, die in beiden Weltkriegen Mord und Unglück gebracht haben, lesen sich Marinettis euphorische Überspanntheiten wie ein gefährliches horror vacui. Gleichwohl ist danach eine Faszination der Bewegung, der Dynamik in allen Lebensbereichen geblieben. Tinguely transformiert sie in seine Maschinenskulpturen aus gefundenen Materialien und Schrott. Er definiert damit die Regeln der Kunst neu. Das Monumentale kontrastiert zusammen mit dem irritierenden Eindruck eines Perpetuum mobile die Grenzen von Kunst und Alltag. Mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis 1976 wird seine Kunst nobilitiert und mit dem Ort Duisburg direkt verbunden. Dass seit 1993 das gemeinsam mit Niki de St. Phalle geschaffene Werk Life Saver im Zentrum Duisburgs steht, beleuchtet seine Präsenz in besonderer Weise.

Gemeinsam mit Eva Aeppli geht er in zwölf gemeinsamen Lebens- und Arbeitsjahren einen künstlerischen, rebellisch intonierten Weg von Paris aus in die Welt der Gegenwartskunst. Tinguelys ikonische Maschinenskulpturen versus Aepplis feingearbeitete Stofffiguren, verbunden mit Komik und tiefem Ernst. In ihren stofflich unterschiedlichen Materialen spiegelt sich die geteilte Überzeugung von der Zerrissenheit des Menschen zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
In der Duisburger Ausstellung beeindrucken Aepplis plastische Objekte als Gruppe, die aus Einzelfiguren zusammengesetzt sind. Sitzend auf Stühlen oder im Raum stehend, wie ihre monumentalste, epochale, ergreifend präsente Installation Groupe de 48. Lebensgroße Figuren, in schwarze, samtene Gewänder gehüllt, dominieren kraftvoll einen Platz im Raum.
Obwohl längst geschieden, verbindet die beiden Künstler auch weiterhin eine künstlerische Gemeinschaft. Mit Collaboration stellen sie 1991 in der Baseler Galerie Littmann kurz vor Tinguelys Tod noch einmal ihren künstlerische Reflexionspunkt als Ausdruck ihres unbändigen Freiheitswillens zur öffentlichen Disposition. Eine Gratwanderung, bei der die Grenzen der bürgerlichen Konventionen und des so genannten guten Geschmacks schon lange obsolet geworden sind.
Les Amoureux von Aeppli aus dem Jahr 1989 besetzen in der Kunstgeschichte einen unverrückbaren Platz. Beleuchtet mit Grande Lampada von Tinguely vom Il Giardino di Daniel Spoerri bis nach Duisburg, werfen sie mit Samurai an der Öllampe, einem Gemeinschaftswerk, ein unnachahmliches Schattenbild ins Museum Lehmbruck.
Am 22. Mai 2025 lädt das Museum Tinguely Basel zu einer Geburtstagsparty des Namenspatrons und großen Künstlers ein. Eine Grande Tour von Duisburg nach Seggiano via Basel, die passender nicht sein könnte, 100 Jahre mit Eva Aeppli und Jean Tinguely zu feiern.
Peter E. Rytz