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Politische Kunst weltweit

Banksy verstört. Das ist in Deutschland spätestens seit dem Zeitpunkt bekannt, als die Tages­schau darüber berichtete, dass ein Bild von ihm, nachdem es für etwa eine Million Euro versteigert worden war, durch einen Schredder lief. Inzwi­schen ist er vermutlich der berühm­teste Street-Art-Künstler der Welt. Und wenn die Verstörung nur seine Werke beträfe, wäre es ja gut. Aber so einfach ist es nicht, wie die Ausstellung The Mystery of Banksy in Köln zeigt.

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So genannte „Umwelt­ak­ti­visten“ dürfen die öffent­liche Ruhe und die Sicherheit des Straßen­ver­kehrs stören, Kunst­werke in Museen beschmieren, für Fahrrad­fahrer gelten offen­sichtlich keine Straßen­ver­kehrs­regeln mehr und Behörden brauchen sich nicht mehr an geltende Recht­schreib­regeln zu halten. Nur wenige Beispiele dafür, dass die deutsche Regierung das gesunde Rechts­emp­finden ihrer Bürger mit Füßen tritt, solange es nur ihrer Ideologie dient. Recht genaue Vorstel­lungen hat der Bürger auch vom Urheber­recht, obwohl es inzwi­schen so kompli­ziert ist, dass sich selbst Fachan­wälte die Haare raufen. Aber wenn man Musik fremder Kompo­nisten auf Silber­scheiben brennt und die verkauft, dann nennt man das Raubkopien. Und wenn man das Werk eines Künstlers ohne sein Einver­ständnis nachbildet und öffentlich ausstellt, nennt man das Fälschung. Beides wurde bislang in der Bundes­re­publik straf­rechtlich verfolgt. So weit, so einfach und für jeden nachvollziehbar.

Aber wenn es um Banksy geht, scheint plötzlich alles anders. Banksy wurde vermutlich 1973 in der Nähe von Bristol geboren. Und das ist auch schon so ziemlich alles, was man von dem inzwi­schen wohl berühm­testen Street-Art-Künstler der Welt weiß. Sein Pseudonym ist mögli­cher­weise von seinem Künst­ler­namen Richard Banks abgeleitet. Dahinter werden, je nach Quelle, verschiedene Menschen vermutet. Die einen halten ihn für den Briten Robert Gunningham, vielleicht ist er auch eine Frau oder ein Teil eines Kollektivs, wieder andere tippen gar auf Robert del Naja, Sänger der briti­schen Band Massive Attack. Bekannt wurde er mit einem Tabu-Bruch. Anstatt ordent­liche freihändige Graffitis auf die Wände von Bristol und später London zu sprühen, wie es sich nach dem Kunst­ver­ständnis der Szene gehört, verwendete er Schablonen, weil er irgendwann erkannte, dass er damit sehr viel schneller und effizi­enter arbeiten konnte. Eine Technik, die bei einem Besuch im Kriegs­gebiet der Ukraine überle­bens­not­wendig wurde. Wer Farben auf die Wände sprüht, die anderen Menschen gehören, ist nicht daran inter­es­siert, dass die Behörden seinen Namen kennen, denn das ist strafbar. Und ein solcher Mensch hat auch ein anderes Verhältnis zum Urheber­recht, wenn die Besitzer der Wände wutent­brannt über die „Verschan­delung“ seiner Machwerke die Wände schnellst­möglich wieder weiß übermalen. Er kann ja auch nicht damit rechnen, dass die Menschheit plötzlich den hohen Wert seiner Kunst erkennt und ganze Wände abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden, Farbschichten wieder sorgsam abgetragen werden, um die Sprüh­kunst wieder freizu­legen oder das Graffiti wenigstens mit Plexiglas geschützt wird. Da kommt es dann schon mal zu Zitaten wie „Urheber­recht ist was für Verlierer“.

Ob Banksy heute noch so denkt? Inzwi­schen gibt es weltweit Ausstel­lungen mit seinem Namen, ohne dass der Künstler daraus finan­zi­ellen Nutzen zieht. So wie The Mystery of Banksy – A Genius Mind, eine Ausstellung, die seit Anfang November vergan­genen Jahres in Köln gezeigt wird. Veran­stalter ist Oliver Forster, der zwar auf Broschüren und im Internet auf Englisch darauf hinweist, dass es sich hier um eine vom Künstler ungeneh­migte Ausstellung handelt, aber dann schon vergisst zu erwähnen, dass es sich bei den gezeigten Werken ausnahmslos um Nachbil­dungen handelt. Zwar, so ist zu lesen, habe Forster sich bemüht, mit Banksy in Kontakt zu treten, aber statt einer Geneh­migung nur Fragen gestellt bekommen, was etwa die Dokumen­tation und die Qualität der Nachbil­dungen angehe. Auf der Netzseite von Banksy ist hingegen recht eindeutig zu lesen: „Wenn Sie als Unter­nehmen auf der Suche danach sind, Banksy-Kunst für kommer­zielle Zwecke zu lizen­sieren, sind Sie hier genau richtig. Können Sie nicht.“ Und weiter ermutigt er jedermann, seine Kunst zu genießen, um gleich zu betonen, dass sie nicht dafür freige­geben sei, daraus Profit zu schlagen oder den Eindruck zu erwecken, das sei gar mit seinem Einver­ständnis geschehen. Was genau ist daran nicht zu verstehen?

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Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, ganz in der Nähe des bekannten Melaten­friedhofs, gibt es ein still­ge­legtes Autohaus. Im Hof, der sich durch den U‑förmigen Bau ergibt, stehen kostenlose Parkplätze zur Verfügung. Über dem, was vielleicht früher mal die Präsen­ta­ti­ons­halle war, gibt es statt eines Dachs schwarze Plastik­planen, die das Loch notdürftig und im Winterwind schla­ckernd bedecken. Plakate verkünden, dass im Innern des lost place das Geheimnis von Banksy, dem genialen Geist, zu entdecken sein wird. Für einen stolzen Eintritts­preis, der deutlich über dem der Stadt­museen liegt, begibt man sich in den anscheinend rechts­freien Raum. Wenn man aller­dings liest, dass unter anderem das Stadt­mar­keting Köln, der Kölner Stadt-Anzeiger, die Kölner Illus­trierte und Radio Köln als „Partner“ auftreten, darf man wohl die Bedenken über Bord werfen.

Unter der künst­le­ri­schen Leitung von Virginia Jean haben Michael Buchner und Dominik Gruss eine großartige Leistung erbracht, von der sich so manches Museum eine dicke Scheibe abschneiden könnte. Die Halle ist in kleinere Abschnitte unter­teilt. Beginnend mit einem Einblick in das Walled Off Hotel, ein Boutique-Hotel, das Banksy zusammen mit anderen Kreativen als Kommentar zum israe­lisch-paläs­ti­nen­si­schen Konflikt entworfen hat. Im nächsten Raum steht eine halb im Boden versunkene Telefon­zelle vor einer Zeittafel im Mittel­punkt. Spätestens hier erfährt man, dass Banksy weitaus mehr ist als jemand, der mehr oder minder origi­nelle Gemälde auf die Fassaden der Städte inzwi­schen in der ganzen Welt sprüht. Ein politi­scher Künstler, der sich gegen Kommerz, Konsum­terror, Krieg und Polizei­gewalt einsetzt, für ein fried­volles Leben in einer gesunden Umwelt kämpft. Ironisch und farbenfroh etwa im nächsten Abschnitt die Skulp­turen eines Engels, dem ein Farbeimer über den Kopf gestülpt ist oder die Adaption der David-Figur von Michel­angelo als Suicide Bomber, also als Selbst­mord­at­ten­täter, mit Spreng­stoff­gürtel um den nackten Bauch und Stoff­maske vor dem Gesicht.

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Das Video im darauf­fol­genden Abschnitt lässt Menschen über Banksy erzählen, wie immer eigentlich eher wenig, weil ihn eben nur wenige Leute kennen, aber dafür umso enthu­si­as­ti­scher, wenn er beispiels­weise als Künstler in seiner Bedeutung für die Gegenwart noch vor Leonardo da Vinci oder Andy Warhol einge­ordnet wird. Kurz und knackig ist das gemacht, so dass man sich gern die Zeit nimmt und den Film anschaut. Zu lesen gibt es noch genug, denn Schrift­tafeln lassen kaum Fragen zu den Exponaten offen. Da muss man schon aufpassen, dass man nicht mehr Zeit mit den Erläu­te­rungen als mit den eigent­lichen Ausstel­lungs­stücken verbringt. In den nächsten Abschnitten sind Ensembles wie die Parodie auf Disneyland, der Barely Legal Room oder eine Erinne­rungswelt an den Krieg in der Ukraine aufgebaut. Hier gibt es keine gekalkten Wände, die das Kunstwerk in den Vorder­grund stellen, sondern höchst liebevoll ausstaf­fierte Räume, in denen man sich in andere Welten versetzt fühlt.

In einem U‑Bahn-Abteil gibt es dann auch endlich die nächste Gelegenheit, einen Moment Platz zu nehmen und zu verschnaufen, ehe es durch eine Metro-Station zum erdachten Arbeits­zimmer des Künstlers geht. Da wirkt eine vermummte Puppe im Verbor­genen, alles scheint geheim­nisvoll, versteckt, aber auch wie in einem Arbeits­rausch. So kann man sich den Alltag und die Umgebung Banksys vorstellen, ohne zu wissen, ob es tatsächlich stimmt. Ein fanta­sie­voller, stimmiger Einfall, der unter­streicht, dass es hier mehr zu sehen gibt als Repliken. Eine Sammel­büchse beschließt das Ende der Ausstellung. Hier kann man die Arbeit des von Banksy finan­zierten und künst­le­risch gestal­teten Rettungs­bootes Louise Michel, benannt nach der gleich­na­migen franzö­si­schen Anarchistin, unter­stützen. Es ist nur konse­quent, dass Banksy sich auch für die Flücht­linge auf dem Mittelmeer einsetzt, immer auf der Suche, mit seiner Kunst die Welt ein wenig zu verbessern.

Nach zwei kurzwei­ligen Stunden, so viel Zeit sollte man schon einrechnen, um in die Lebenswelt und das künst­le­rische Schaffen Banksys einzu­tauchen, das so viel mehr umfasst als das, was wir in Deutschland im Allge­meinen über seine Arbeit wissen, endet der Rundgang in einer Ecke, in der ganz kommer­ziell und unauto­ri­siert allerlei Erinne­rungs­schnick­schnack angeboten wird.

Wer die Arbeit eines Ausnah­me­künstlers der Gegenwart kennen­lernen will, bekommt in Köln großartige Gelegenheit dazu. Ja, nach dem Besuch hat man das Gefühl, das Leben, die Kunst und die Philo­sophie Banksys umfassend erfahren zu haben, auch wenn viele Fragen offen­bleiben müssen.

Michael S. Zerban

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