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Wonach bemisst sich der Erfolg einer Vernissage? An der Anzahl der an diesem Abend verkauften Bilder oder an der Stimmung, die die Besucher wahrgenommen haben? Ist vermutlich eine Frage der Sichtweise. Und die Sichtweise bestimmt die Vernissage im Alten Küsterhaus, allerdings wohl eher aus künstlerischem Blickwinkel, wie sich im Laufe des Abends zeigen wird.

Wenn man sie fragt, wo sie geboren ist, antwortet sie: Sibirien. Eine Landschaft, mit der Deutsche vor allem tiefe Temperaturen im Winter verbinden. Olga Damer ist in einer Kleinstadt nahe Nowosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands, aufgewachsen und hat dort herrliche Sommertage in ihrer Kindheit verbracht. Aber die Winter hat sie tatsächlich in allzu frostiger Erinnerung. Kurze Zeit überlegte die Jugendliche, nach St. Petersburg zu gehen, entschied sich aber dann, in Moskau zu studieren. Nach dem Kunststudium in Nowosibirsk folgte das Studium der Architektur, um „etwas Vernünftiges“ zu lernen, bis zum Master in Russlands Hauptstadt. Aber dann war Schluss mit Russland.
Die junge Architektin ging in die Welt hinaus und landete in Krefeld. Von dort aus zog es sie für drei Jahre nach Köln, ehe sie schließlich nach Bonn kam, um in der Nähe ihrer Arbeitsstelle zu leben. Glücklich ist sie in der rheinischen Provinz, pardon, der Bundesstadt nicht. Und so wird sie in absehbarer Zeit nach Düsseldorf ziehen. Einen solchen Lebensweg hat sie sich als Kind sicher nicht träumen lassen. Was sie aber von frühester Jugend an wusste, war, dass sie immer zeichnen würde. So erzählt sie es Isabelle von Rundstedt im Kreis der Gäste, die sich zur Vernissage in Büderich eingefunden haben.
Die studierte Kunsthistorikerin von Rundstedt betreibt im Meerbuscher Stadtteil das Alte Küsterhaus als Galerie, wenn sie es nicht anderweitig vergibt, um beispielsweise Konzerte zu veranstalten, oder andere Programme ausruft, um sich den Luxus der Galerie leisten zu können. In Heimatverbundenheit stellen hier beispielsweise Künstler aus der Gegend aus. Ihr Faible gilt allerdings den Nachwuchskünstlern. Das fängt schon bei den Schülern des nahegelegenen Mataré-Gymnasiums an, die hier einmal im Jahr ausstellen dürfen, geht weiter zu Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie, die in Büderich häufig ein erstes Sprungbrett finden, und wenn von Rundstedt talentierten Nachwuchs in der Bundesrepublik entdeckt, gibt es auch dort schon mal Einladungen. So wie bei Olga Damer. Zwischen den beiden hat die Chemie vom ersten Gespräch an gestimmt, erinnert sich die Galeristin. Und so war schnell klar, dass Damer in Büderich ihre erste Einzelausstellung veranstalten würde.

25 Werke der Künstlerin hat von Rundstedt auf den beiden Etagen des Küsterhauses gehängt. Ein ganz besonderes Vergnügen sei ihr das gewesen, so auf Socken bei lauter Musik im Haus herumzulaufen und die Bilder so lange hin und her zu schieben, bis ein stimmiges Ensemble entstanden sei, weiß von Rundstedt den Besuchern zu berichten, die recht zahlreich erschienen sind. Darunter sind auch Zeichnungen, filigran und feinziseliert, aber im Vordergrund stehen doch die Werke, die Damer seit ihrem Kunststudium in, man möchte fast sagen, überbordender Fantasie verwirklicht hat. Am liebsten male sie immer noch auf dem Boden, weil sie sich dann um das Bild herum bewegen könne und so eine 360-Grad-Sicht auf die abstrakten Gemälde gewinne, verrät die Künstlerin. Dass sie dabei auch schon mal das Trägermaterial bewegt, um es mit Farbverläufen zu bereichern, kann man schon als typisch bezeichnen.
Beim Rundgang zeigt sich ihre Vielfalt in Material und Einfallsreichtum. Natürlich dürfen die Zeichnungen nicht fehlen, die als quadratische Blätter in Rahmen fast schon der Zeit der Romantik entlehnt wirken. Schließlich ist das der rote Faden durch ihr Leben. Eindrucksvoller sind aber schon die meist großformatigeren Werke, die der Ausstellung den Titel Abstraktion verliehen haben. Vieles davon ist auf Pappe statt auf Leinwand festgehalten, was dem Kunstwerk noch einmal eine besondere Haptik verleihen kann. Aber nicht nur durch den ungewöhnlichen Untergrund hebt sich Damer vom Gleichstrom, um nicht zu sagen, der Langeweile zeitgenössischer, abstrakter Malerei ab, die so oft zu sehen ist. Vor allem, wenn sie zur Verdichtung leuchtender Farben greift wie etwa bei Diptychos oder Symbiose, üben die Bilder einen Sog aus, dem man sich nicht sofort entziehen möchte. Und wenn ihr die Farben schier zu explodieren scheinen wie etwa bei Abstraction 3 oder 5, zeigt sie, dass sie sich deutlich vom Durchschnitt der Kollegen entfernt. Wenn sie denn doch einmal zur Leinwand greift und Acrylfarben aufträgt – so bei Flower Meadow in freundlichem Geld und Weiß – fragt auch der Laie nicht mehr nach der Bedeutung, sondern lässt das Bild einfach auf sich wirken. Bei aller Unterschiedlichkeit der Werke, wenn sie zum Beispiel bei Smile einen Mix aus Gegenständlichkeit und Schrift wählt, ist den Bildern doch eine gemeinsame Handschrift anzumerken, ohne schablonenhaft zu wirken. Was ja gemeinhin für den gefestigten Künstler spricht, dessen Werke nicht mehr zufällig entstehen, sondern einer reichen Gedankenwelt entspringen, von der man auch in Zukunft noch einiges erwarten darf.
Zu gratulieren ist sowohl der Galeristin als auch der Künstlerin. Eine wunderbare Ausstellung, die einen schönen Querschnitt in ansprechender Hängung zeigt. Da lohnt es sich, an einem Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr bis zum 7. Juli mal in Büderich im Alten Küsterhaus vorbeizuschauen.
Michael S. Zerban