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Anlässlich des 100. Geburtstages von Antoni Tàpies und des 130. Geburtstages von Joan Miró zeigt das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster noch bis zum 21. Januar die Ausstellung Tàpies/Miró – Welt auf Papier. Mehr als 100 Ausstellungsstücke zeigen das grafische Werk der beiden katalanischen Künstler, das in ihrem Gesamtwerk einen großen Anteil hat.

Kunstmuseen, die mit ihrem Namen einem berühmten Künstler besonders verpflichtet sind, suchen mit jeder neuen Ausstellung Referenzpunkte zum Namensgeber. Die Kunstausstellungslandschaft ist in Deutschland im globalen Vergleich einzigartig und ungewöhnlich breit sowie regional umfangreich aufgestellt. Für jedes einzelne Ausstellungshaus eine große Herausforderung. Die Konkurrenz um das hohe Gut öffentlicher Wahrnehmung stellt sich damit jedes Mal neu.
Dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster gelingt es seit mehr als zwanzig Jahren, seine Position zu verstetigen. Wenn man in Rechnung stellt, dass der klassizistische Bau des Druffelschen Hofs, der von 1784 bis 1788 von Clemens August Maria von Vagedes erbaut wurde, und der neobarocke Hensenbau, 1910 bis 1911 von Alfred Hensen erbaut, auch nach dem Umbau zu einem Museum nicht unbedingt dem Ideal eines Ausstellungshauses entspricht, ist die Relevanz des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster mit seinen Ausstellungen beachtlich.
Die aktuelle Ausstellung Tàpies/Miró – Welt auf Papier beweist das erneut. Joan Miró, der von 1893 bis 1983 lebte, und Antoni Tàpies, der von 1923 bis 2012 lebte, haben ihre künstlerischen Wurzeln in der katalanischen Kultur. Beider Bekenntnis zu ihr überschreitet regionale und provinzielle Grenzen. Im Spagat zwischen Barcelona und Paris, dem Zentrum der Avantgarde, sind ihre Werke verortet.
Anlässlich Mirós 130. und Tàpies‘ 100.Geburtstags bilden sie mit „Picasso das spanische Dreigestirn der Moderne“, wie es Museumsleiter Markus Müller formuliert. Den Arbeiten auf Papier von Miró und Tàpies ist eine hermetische, zeichenhafte Darstellungsform eigen. Im Kontext mit Picassos Aquatinta-Radierungen La Tauromaquia unterstreicht das Dreigestirn seinen Einfluss auf die Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr Schaffen ist mit der Geschichte Spaniens eng verbunden.

Radikal in den reduzierten Formen, radikal mit den gewählten Perspektiven, radikal im Selbstbewusstsein. Ohne Wenn und Aber Miró: Man muss die Malerei ermorden. Zurückhaltend gemäßigter Tàpies‘ poetisch gefärbte Betonung einer Autre Art. Beide sind in der Ausstellung in ihrem Malgestus magisch, ekstatisch und verstörend zu entdecken. Gilt Miró in den 1920-er Jahren vielen in Barcelona als verrückt, erreicht er in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit maßgeblicher Unterstützung von Tàpies weltweite Anerkennung. Sie lernen sich 1948 über den Sammler Joan Prats in einer Phase ihrer künstlerischen Selbstfindung kennen.
Der Pressetext verspricht, dass im „Rahmen der Ausstellung die Miró-Sammlung des Kunstmuseum Pablo Picasso Münster auf die Werke Tàpies‘ aus der Sammlung Großhaus, die zu den bedeutendsten Kollektionen des katalanischen Künstlers außerhalb Spaniens zählt“. Der Rundgang durch die Ausstellung bestätigt diese Vorgabe insbesondere im direkten Vergleich der Werke. Durch die Dauerleihgabe einer von der Sparkasse Westfalen-Lippe 2020 in der Pariser Galerie Maeght erworbenen Sammlung von 67 Grafiken Mirós dominiert er quantitativ in der Ausstellung. Der künstlerisch qualitative Vergleich ihrer Werke führt zu keiner Rangordnung. Vielmehr sind sie Narrative ähnlichen Geistes. Sofa neben Gaudi III oder Vier Ströme aus Blut neben Barcelona II von Tàpies vice versa Miró verweisen auf unterschiedliche, emotional psychische Persönlichkeiten mit ihrer je eigenen Authentizität. „Ich sehe vielleicht ruhig aus, aber in meinem tiefsten Innern fühle ich mich gequält“, beschreibt sich Miró. Währenddessen Tàpies seine künstlerische Praxis als „letzte Insel der Freiheit“ versteht.
Diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken, lohnt der Besuch der Ausstellung allemal.
Peter E. Rytz