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Foto © Hartmut Sassenhausen

Durch das Fernglas betrachtet

Wie geht man mit histo­risch belas­teter Kunst im öffent­lichen Raum um? Die Objekte von ihren Sockeln zu stoßen, hinter­lässt ein ungutes Gefühl. Auch die Stadt Wuppertal hat das Problem eines Arno-Breker-Denkmals, das ausge­rechnet vor einem Gymnasium aufge­stellt ist. Jetzt scheint eine sinnvolle Lösung gefunden.

Pallas Athene – Foto © Im Fokus

Eine Schönheit ist sie wahrlich nicht, die Pallas Athene von Arno Breker. Eindeutig unter­ernährt, erhebt sie mit entblößter Brust einen Speer. Das Gesicht unter dem Kriegshelm mehr Fratze als göttliches Antlitz. Seit dem 2. Mai 1957 steht sie nahezu ununter­brochen in Bronze gegossen vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium am Johan­nisberg in Wuppertal, das die Arbeit seinerzeit in Auftrag gab.

Arno Breker wurde 1900 im Wupper­taler Stadtteil Elberfeld als Sohn eines Stein­metzes geboren. Im Alter von 20 Jahren, da hatte er das Steinmetz-Handwerk bereits im elter­lichen Betrieb erlernt, nahm er das Studium an der Düssel­dorfer Kunst­aka­demie auf, das er vier Jahre später erfolg­reich abschloss. Im Jahr 1936 begann unter der persön­lichen Ägide Adolf Hitlers sein kometen­hafter Aufstieg zum promi­nen­testen Bildhauer des so genannten Dritten Reichs. In seinen Figuren sahen die Natio­nal­so­zia­listen die „ästhe­ti­schen Ideale ihrer Rassen­lehre, den ‚gesunden, arischen Menschentyp‘ versinn­bild­licht. Sie prokla­mierten einen „neuen, deutschen Stil“, in dem Brekers Ausdrucksform als „gestaltete Gesinnung, formge­wordene Weltan­schauung“ verklärt wurde. Seine Aufnahme in die so genannte Gottbe­gna­de­ten­liste war da mehr eine Formsache. Gemeinsam mit dem Archi­tekten Albert Speer arbeitete er an der Gestaltung einer neu zu schaf­fenden Haupt­stadt Germania. Er gab also, wenn man so will, der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideologie ein Gesicht. Nach dem Krieg wurde er in einem Entna­zi­fi­zie­rungs­ver­fahren als „Mitläufer“ einge­stuft, zeigte bis zu seinem Tode mit 90 Jahren keinerlei Schuld­be­wusstsein. Und so recht will es auch nicht einleuchten. Woran trug er Schuld? Was waren seine Verfeh­lungen? Dass er die Begüns­ti­gungen der Macht­haber annahm, dass er als Künstler erfolg­reich war, auch wenn er vielleicht nur zur rechten Zeit am rechten Ort war? Bis heute wird der Bildhauer dämoni­siert, während viele seiner Werke heute noch im öffent­lichen Raum und in Museen zu sehen sind.

Am 20. März 2003, der Nacht, in der die US-Ameri­kaner den Krieg gegen Saddam Hussein eröff­neten, wurde die Statue der Pallas Athene vor dem Wupper­taler Gymnasium von Unbekannten vom Sockel gestürzt und dabei beschädigt. „Weg mit Brekers Kriegs­göttin“ sprühten die Täter auf den Sockel. 2005 konnte die wieder­her­ge­stellte Skulptur, die Kosten hatte ein anonymer Geldgeber übernommen, an ihrem alten Platz wieder aufge­richtet werden. Die Schule ließ eine Tafel aufstellen, auf der sie das Werk so beschrieb, wie sie es verstand, und ihre Einstellung darlegte. Begrü­ßenswert an diesen Zeilen ist sicher, dass die Schule die Bilder­stür­merei ablehnt, bedenklich, dass sie die Bedeutung des Werks so ummodelt, dass es hübsch klingt. Die Pallas Athene wurde unter den Natio­nal­so­zia­listen als Kunst- und als Kriegs­göttin gezeigt. Ihr Bild fand in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bildsprache – und damit im Breker­schen Sinne – breite und offensive Verwendung. Es avancierte gleichsam zum Logo einer „deutschen“ Kunst. Das unter­schlägt die Beschriftung.

2018 entbrannte die Diskussion über die Statue und ihren Standort erneut. Im Rahmen einer geplanten Sanierung des Schul­ge­bäudes beantragte die Schule, die Skulptur entfernen zu lassen. Dem wider­sprach im Folgejahr die städtische Kommission für eine Kultur des Erinnerns. Statt­dessen solle man sich „vor Ort“ mit dem Werk ausein­an­der­setzen. Anlässlich einer Podiums­dis­kussion schlug die damalige Kultur­mi­nis­terin des Landes NRW, Isabel Pfeiffer-Poensgen, vor, die Statue im Rahmen eines künst­le­ri­schen Wettbe­werbes durch ein ihr zur Seite gestelltes zeitge­nös­si­sches Kunstwerk kommen­tieren zu lassen. Die Idee wurde positiv aufge­nommen, zumal die Minis­terin finan­zielle Hilfen des Landes zusagte. Am 5. Februar 2020 stimmte der Wupper­taler Kultur­aus­schuss zu, einen solchen Wettbewerb auszurufen.

Der Sockel bleibt

Foto © Azra Akšamija

2023 wurde der Wettbewerb ausgelobt, jetzt steht fest, welches Kunstwerk die Pallas Athene künftig kommen­tieren soll. Gewonnen hat der Entwurf von Azra Akšamija, eine öster­rei­chische Künst­lerin und Archi­tek­tur­his­to­ri­kerin. 1976 in Sarajevo geboren, lebt und arbeitet sie heute in Boston, Massa­chu­setts. In ihrer künst­le­ri­schen Praxis und akade­mi­schen Forschung unter­sucht sie, wie soziales Leben durch kultu­relle Vorein­ge­nom­menheit sowie die Zerstörung kultu­reller Infra­struk­turen im Kontext von Konflikt, Migration und Vertreibung beein­flusst wird. Bei der Arbeit Eulen­sicht von Akšamija handelt es sich um eine inter­aktive Skulptur. Einem münzbe­trie­benen Fernrohr ähnlich, lädt sie dazu ein, Arno Brekers Figur anzuvi­sieren und so die Verstri­ckung ihres Schöpfers in den Macht­ap­parat des „Dritten Reiches“ sowie die ideolo­gische Indienst­nahme des Motivs der Pallas Athene durch den Natio­nal­so­zia­lismus zu entdecken und zu reflek­tieren. Denn wer durch das „Fernglas“ in Form eines stili­sierten Eulen­kopfes schaut, sieht Brekers Statue gerahmt von der Kontur eines Pallas-Athene-Kopfes im strengen Profil. Akšamija zitiert damit die natio­nal­so­zia­lis­tische Inter­pre­tation der Figur aus der antiken Mytho­logie, wie sie besonders prominent auf dem Umschlag des Katalogs zur Großen Deutschen Kunst­aus­stellung 1937 erscheint. Bei Nacht erschließt sich eine weitere Dimension der Eulen­sicht.

Dann wird Brekers Pallas Athene mit Hilfe eines in die Konstruktion integrierten Projektors beleuchtet, der an die Wand der Schule ein Zitat von George Santayana wirft: „Wer sich nicht an die Vergan­genheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wieder­holen.“ Akšamijas Eulen­sicht ergänzt die Pallas Athene vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium nicht nur in dem Sinne, dass sie ihr eine neue, kritische Lesart hinzufügt. Sie stattet die Figur darüber hinaus mit einem Attribut aus, das Breker ihr vorent­halten hat, obwohl es fest zur klassi­schen Darstel­lungs­tra­dition gehört: einer Eule.

Ende dieses Jahres soll der Entwurf umgesetzt und aufge­stellt sein, so die Planung. Der Johan­nisberg wird also um eine neue Attraktion reicher. Bis es so weit ist, heißt es, sich in Geduld zu üben. Noch mal schnell vorbei­zu­fahren, um die Skulptur ohne Beiwerk zu sehen, lohnt sich nicht. Die Statue ist abgebaut, nur der Sockel steht noch.

Michael S. Zerban

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