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10 Lessons of my Life

Kent Naganos 10 Lessons of my life ist eine litera­rische Reise zu ganz unter­schied­lichen Künstlern, die Nagano in den zurück­lie­genden 45 Jahren kennen­lernen durfte und die ihn auf ihre ganz persön­liche Art geprägt haben. Andreas H. Hölscher hat die Begeg­nungen mit bemer­kens­werten Menschen nachver­folgt und kann die Lektüre nur empfehlen. 

Kent Nagano - Foto © Sergio Veranes

Lebensweisheiten

Wenn eine bekannte Persön­lichkeit einen großen runden Geburtstag feiert, dann wird nicht nur viel über ihn berichtet und die Stationen des beruf­lichen Werde­gangs rauf- und runter­ge­betet, oftmals erscheinen dann auch passend die Biografien, manchmal mehr Selbst­dar­stellung als neuer Erkennt­nis­gewinn. Wohltuend anders ist das bei Kent Nagano der Fall. Der ameri­ka­nische Dirigent mit japani­schen Wurzeln feierte am 22. November seinen 70. Geburtstag, und auf vielen Klassik-Kanälen waren diverse Aufnahmen von ihm mit unter­schied­lichen Orchestern zu hören. Wenige Wochen zuvor war ein Buch von ihm erschienen, das den bezeich­nenden Titel 10 Lessons of my Life trägt. Und dieses Buch ist keine der üblichen Standard­bio­grafien, in denen in chrono­lo­gi­scher Reihen­folge die Lebens­sta­tionen abgear­beitet werden, sondern es ist eigentlich eine Hommage an zehn ganz unter­schied­liche Künstler und Persön­lich­keiten, die Nagano in den zurück­lie­genden 45 Jahren seiner beruf­lichen Tätigkeit kennen­lernen durfte. Diese Künstler haben ihn inspi­riert, geprägt, gefordert und gefördert, und sie haben ihn jeweils auch eine Weisheit mit auf den Weg gegeben. Und so sind es weniger zehn „Lektionen“, wenn man den Titel wörtlich übersetzt, sondern „Lebens­weis­heiten“, die den Musiker, Künstler, Dirigenten und Menschen Kent Nagano tief geprägt haben und die alle einen Anteil haben an seinen Erfolgen und an seiner exponierten künst­le­ri­schen Stellung in der Welt der klassi­schen Musik. Mit diesen Künstlern verbindet oder verband Nagano nicht nur eine künst­le­rische Freund­schaft, sondern teilweise auch sehr mensch­liche Verbindung. Die ausführ­liche Beschreibung dieser Lebens­weis­heiten ist dabei auch ein künst­le­ri­sches Zeitzeugnis, in der Nagano sich selbst vornehm zurückhält und diese Künstler in den Vorder­grund stellt. Und doch erkennt man als Leser schnell, wie wichtig der Einfluss dieser gar so unter­schied­lichen Persön­lich­keiten war und ist, und welche Auswir­kungen diese Bezie­hungen auf seine eigene künst­le­rische Entwicklung genommen haben. Und noch eins wird augen­scheinlich, wie so oft im richtigen Leben. Es nützt die beste Begabung und die härteste Arbeit nichts, wenn man nicht mit dem Glück im Bunde ist, manchmal auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. In dieser Hinsicht kam bei Nagano alles zusammen: Das Talent, die Wissbegier, die harte Arbeit und das nötige Quantum Glück oder Zufall.

Nagano wuchs in Morro Bay, Kalifornien auf. Von 1970 bis 1974 studierte Nagano zunächst an der Univer­sität von Santa Cruz Sozio­logie und Musik. Er setzte sein Studium in San Francisco bis 1978 fort. Hier lernte er bei dem emigrierten legen­dären László Varga, einem Cellisten, der unter anderem auch bei den New Yorker Philhar­mo­nikern Mitglied war. Nebenbei dirigierte Nagano an der Univer­sität Werke seiner Kommi­li­tonen. Nach seinem Studium ging er als Korre­pe­titor an die Oper in Boston. Seine Verehrung für Olivier Messiaen führte bald zu einer Freund­schaft mit ihm. Nagano wurde 1984 inter­na­tional bekannt, als Messiaen Seiji Ozawa empfahl, ihn bei der Vorbe­reitung zur Premiere seiner einzigen Oper Saint François d’Assise assis­tieren zu lassen. Die nur selten aufge­führte Oper dirigierte er dann 1998 selbst bei den Salzburger Festspielen. Mittler­weile hat er das gesamte Konzertwerk Messiaens auf Tonträger einge­spielt. Ab 1984 dirigierte er das Bostoner Sinfonie-Orchester. Seine Karriere setzte er 1989 in Lyon fort, wo er bis 1998 als musika­li­scher Leiter der Opéra National de Lyon diese zur zweit­wich­tigsten Opern­bühne Frank­reichs machte. 1994 gab er sein Debüt an der Metro­po­litan Opera in New York mit Francis Poulencs Dialogues des Carmé­lites. 2000 übernahm Nagano die künst­le­rische Leitung des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin, und von 2006 bis 2013 leitete Nagano als General­mu­sik­di­rektor die Bayerische Staatsoper. Seit 2015 ist er General­mu­sik­di­rektor der Hambur­gi­schen Staatsoper und des Philhar­mo­ni­schen Staats­or­chesters Hamburg. Das nun im Berlin-Verlag erschienene Buch 10 Lessons of my Life beschreibt, wie sein musika­li­scher Lebensweg und sein künst­le­ri­scher Erfolg mit zehn Menschen auf ganz unter­schied­liche Art und Weise verbunden ist. Jedem dieser zehn Künst­ler­per­sön­lich­keiten ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das mit der jewei­ligen „Lebens­weisheit“ unter­titelt ist und mit einem Zitat dieses Künstlers beginnt.

Seine erste Lektion lernt Nagano von Sarah Caldwell und muss dabei erkennen, „dass Demut schmerzhaft ist“. Caldwell war eine US-ameri­ka­nische Opern-Dirigentin und Opern­lei­terin. Sie galt als Wunderkind, und gab schon im Alter von zehn Jahren erste öffent­liche Violin­kon­zerte. 1957 eröffnete sie die Opera Company of Boston als Gründungs­di­rek­torin, mit der sie als Leiterin verschie­denste Produk­tionen auf die Bühne brachte. Sie wurde damit auch für ihre Varia­tionen von „Klassikern“ der Oper bekannt. 1974 durfte sie als zweite Frau dem New York Philhar­monic Orchestra als Gastdi­ri­gentin vorstehen, 1976 war Caldwell die erste Dirigentin der Metro­po­litan Opera. Sie trat mit dem New York Philhar­monic Orchestra, dem Pitts­burgh Symphony Orchestra und dem Boston Symphony Orchestra auf. 1977 wurde sie in die American Academy of Arts and Sciences aufge­nommen, das Time Magazine ehrte sie mit der Bezeichnung „Music’s Wonder Woman“. Bei Sarah Caldwell und der Boston Opera Group fand Nagano nach dem Studium seine erste Anstellung. Es waren die klassi­schen Lehrjahre als Korre­pe­titor und Faktotum, für alles zuständig, Tag und Nacht, und mit einer Wochengage von 59 Dollar nicht gerade auf Wolken gebettet. Nagano wollte von Caldwell das Dirigieren lernen, doch er lernte vieles, nur nicht das Dirigieren. Die erste Lebens­weisheit, die ihn prägte, war die Erkenntnis, dass das Leben eines Künstlers eine niemals versie­gende Energie verlangt, und das 24 Stunden an sieben Tagen der Woche. Und so war Demut die erste große Lektion, die der junge und ambitio­nierte Dirigent Nagano erlernte, die ihn aber für seinen weiteren beruf­lichen Weg prägen sollte.

Einer der wichtigsten Lehrer und Förderer von Nagano wurde Leonard Bernstein, selbst ein Dirigent und Komponist von Weltrang. Von Bernstein lernte Nagano, „dass es keine endgül­tigen Antworten gibt“. Bernstein sah die Gefahr bei jungen Dirigenten, dass diese sich aus Ehrfurcht vor der Kompo­sition oder auch aus Unwis­senheit auf ein „mecha­nis­ti­sches Dirigat“ zurück­zögen, ohne die Tiefe der Kompo­sition zu durch­dringen. Beim gemein­samen Erarbeiten am Klavier der Pathé­tique, der Sinfonie Nr. 6 in h‑Moll von Pjotr Tschai­kowsky, die der Komponist im Oktober 1893 neun Tage vor seinem Tod in St. Petersburg urauf­ge­führt hatte, fragte Bernstein Nagano, warum er an einer bestimmten Stelle ein „Fis“ gespielt hätte. Naganos Antwort war simpel: „weil es so in der Partitur steht“. Doch Bernstein wollte wissen, warum Tschai­kowsky sich an dieser Stelle ein Fis und nicht für ein As entschieden habe. Hat Tschai­kowsky gar einen Fehler gemacht oder war es nur ein Druck­fehler in der Partitur? Diese Frage trieb dem jungen Dirigenten Nagano nicht nur die Schweiß­perlen auf die Stirne, sondern verun­si­cherte ihn in höchstem Maße, weil er Bernstein keine zufrie­den­stel­lende Antwort geben konnte und ihm sein „Unwissen“ aufs äußerte peinlich war. Am Ende musste Nagano zugeben, dass er nicht wusste, warum es ein Fis und kein As sein muss. Bernsteins Antwort darauf war verblüffend simpel: „Damn it! Verdammtes Fis, warum da ausge­rechnet ein Fis steht, das weiß ich auch nicht.“ Diese Unter­richts­stunde war für Nagano eine Stunde fürs Leben. „Wenn ein Dirigent nicht wenigstens in dem Moment, in dem er ein Werk dirigiert, davon überzeugt ist, dass ein notiertes Fis die richtige und nicht die falsche Note ist, dann hat er auch keine Berech­tigung, vor einem Orchester zu stehen, dann fehlt seiner Führung die Substanz“. Für Nagano war die wichtigste Erkenntnis, dass, wenn man jemals aufhört, Fragen zu stellen oder Sachver­halte infrage zu stellen, oder man meint, die endgültige Antwort gefunden zu haben und sich mit dem Status quo zufrie­dengibt, man genau dann aufhören solle, Musik zu machen.

Zwei weitere große zeitge­nös­sische Kompo­nisten sollten Nagano stark prägen. Es waren Oliver Messiaen und Pierre Boulez. Zu Messiaen, ein Schüler Arnold Schön­bergs, kam Nagano über Yvonne Loriod, einer franzö­si­schen Pianistin und zweite Ehefrau von Messiaen. Bei ihr war Nagano in Paris als Klavier­schüler, und so lernte er Messiaen persönlich kennen und dessen Kompo­si­tionen zu lieben, die im Laufe seines Berufs­lebens eine wichtige Rolle spielen sollten. Von Boulez, einem Schüler Messiaens, war Nagano ob dessen rebel­li­scher und avant­gar­dis­ti­scher Haltung begeistert. Mit ihm kam er auch zum ersten Mal mit dem Thema der „histo­risch infor­mierten Auffüh­rungs­praxis“ in Berührung. Von Boulez lernte Nagano, „wovon Kompo­nisten träumen“. Einem Kompo­nisten „treu zu bleiben“, das lernte Kent Nagano von dem großen Pianisten Alfred Brendel, dem er mit großer Ehrfurcht und Respekt begegnet ist.

Doch es sind nicht nur die großen Persön­lich­keiten der Klassik-Szene, die Nagano geprägt haben, es sind auch Künstler, die man primär nicht mit diesem Genre assozi­ieren würde. Der eine war der Rockmu­siker Frank Zappa, der selbst, was die wenigsten wissen, sympho­nische Musik geschrieben hat und die Nagano in einer sehr inten­siven Zusam­men­arbeit zur Aufführung brachte. Da war Zappa schon längst ein Star, und Nagano noch völlig unbekannt. Von Zappa lernte Nagano, „dass wahre Künstler nicht taktieren“. Es war seine kürzeste „Life Lesson“, denn innerhalb von 15 Sekunden musste er entscheiden, ob er das Angebot Zappas annehmen sollte, dessen Werke auf die Bühne zu bringen. Keine leichte Entscheidung für einen unbekannten Dirigenten am Anfang seiner Karriere, der sich mit diesem Projekt hätte auch schaden können. Doch Nagano hörte auf seinen Bauch und stimmte zu, eine im Nachhinein kluge Entscheidung. Eine andere Bauch­ent­scheidung traf Nagano im Flugzeug und lernte dabei „den Zufall ernst zu nehmen“. Er war auf der Suche nach der idealen Stimme für eine Aufführung von Arnold Schön­bergs Pierrot Lunaire. Bei der Urauf­führung 1912 sprach die Diseuse Albertine Zehme den Text, diese Aufnahme ist erhalten. Wie die Stimme des Pierrot klingen solle, das hat Nagano zeitlebens umgetrieben. Dann sieht er im Flugzeug einen animierten Videoclip und ist hin und weg von dieser Stimme und weiß in diesem Moment, die ideale Stimme für seinen Pierrot gefunden zu haben. Das Bordma­gazin wies die Stimme als der islän­di­schen Pop-Ikone Björk zugehörig. Nagano beschreibt sehr plastisch, wie er diese Stimme empfunden hatte, und wie er einfach einen Brief an ihre Platten­firma schrieb und ihr den Pierrot angeboten hatte. Tatsächlich kommt nicht nur ein Treffen, sondern eine für Nagano berückende Aufführung dieses Werkes mit Björk in der Titel­rolle zustande. Und wieder einmal hat Nagano bewiesen, dass es nur die Kleinig­keiten sind, die die Grenzen zwischen E- und U‑Musik verschwimmen lassen.

Ein spannendes Kapitel ist Jean-Pierre Brossmann gewidmet, vom dem er lernte, nicht am Geld zu verzweifeln. Brossmann war Intendant an der Opéra de Lyon, an der Nagano ab 1989 sein Engagement als General­mu­sik­di­rektor antrat. Eine zweiwö­chige Konzert­reise in die USA mit dem kompletten Orchester-Ensemble, einschließlich Chor und Ballett, sollte ein Höhepunkt werden. Eine eigentlich utopische Idee, die aufgrund der hohen Kosten nicht zu reali­sieren war. Doch Brossmann war ein Mensch, der, wenn er fest an etwas glaubte, mit viel Überzeu­gungs­kunst und Charme auch die unmög­lichsten Dinge reali­sierte. Brossmann hatte es geschafft, dass die Opéra de Lyon zum 50. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen am 26. Juni 1995 als exklu­sives Orchester in San Francisco, der Heimat­stadt Kent Naganos, auftreten durfte. Damit konnten weitere Geldquellen angezapft werden, und obwohl das Budget der Opéra überzogen werden musste, konnte die Reise und die Konzert­tournee reali­siert werden. Dieses Kapitel ist besonders humorvoll beschrieben und zeigt, was möglich ist, wenn man nur daran glaubt.

Eine wichtige Lektion erhielt Nagano von dem ameri­ka­ni­schen Nobel­preis­träger für Physik, Donald Arthur Glaser, der ihn lehrte, „dass aufzu­geben eine hohe Kunst sei“. Glaser war ein US-ameri­ka­ni­scher Physiker, Moleku­lar­biologe, Neuro­biologe und Nobel­preis­träger. Und er war Bratschist, nicht profes­sionell, aber voller Leiden­schaft. Das Instrument hat auch Kent Nagano erlernt, und bei einem zufäl­ligen Treffen kamen die beiden über das Instrument und die Kammer­musik ins Gespräch. Was Nagano an Glaser beein­druckte, war dessen Fähigkeit, den Begriff „Aufgeben“ als positiv zu belegen, um etwas Neues zu beginnen. Der Forschungs­schwer­punkt Glasers in seinen frühen Jahren lag im Bereich der Elemen­tar­teil­chen­physik, wobei sein Interesse in den experi­men­tellen Techniken lag, die in diesem Bereich hilfreich sein könnten. So konstru­ierte er mehrere Diffu­sions-Nebel­kammern und Funken­zähler und entwi­ckelte die Ideen, die 1952 in die Erfindung der „Blasen­kammer“ mündeten und wofür er 1960 mit dem Nobel­preis für Physik ausge­zeichnet wurde.  Danach wandte sich Glaser dem Gebiet der Moleku­lar­bio­logie zu, das ihn bereits seit seinem Studium inter­es­siert hatte. Nachdem durch die Erkenntnis, dass die DNA und RNA von Mikro­or­ga­nismen genauso aufgebaut ist wie die höher­ent­wi­ckelter Lebewesen, die Grund­lagen der modernen Biotech­no­logie gelegt waren, unter­suchte Glaser mit seinen Studenten die Kontroll­me­cha­nismen der DNA-Synthese in Bakterien. Als Glaser um 1970 feststellte, dass die Moleku­lar­bio­logie zwar ein sehr detail­liertes Wissen bereit­stellte, das aber kaum in der Medizin oder anderen Bereichen angewandt wurde, gründete er mit zwei Freunden das erste Biotech­no­logie-Unter­nehmen. Damit begründete er einen Indus­trie­zweig, der große Auswir­kungen auf Medizin und Landwirt­schaft hat, und ihre Mitar­beiter entwi­ckelten später unter anderem die erste prakti­kable Polymerase-Ketten­re­aktion (PCR), die heute Standard ist bei Labor­un­ter­su­chungen auf Virus-Antigene und in der Corona-Pandemie millio­nenfach einge­setzt wird. Für Nagano war es Glasers Fähigkeit, zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, etwas loszu­lassen. Glaser ist einer der wenigen Menschen, der Nagano alleine durch seinen Lebensweg Einsicht in die Wahrheit eines seiner Lebens­prin­zipien vermittelt hat, eine für ihn ganz wichtige Lebensweisheit.

Eine ganz besondere Lektion, nämlich „dass Integrität harte Arbeit ist“, lernte er von dem Korre­pe­titor und ehema­ligen Studi­en­leiter der Bayeri­schen Staatsoper München, Richard Trimborn. Es ist vielleicht das persön­lichste und emotio­nalste Kapitel in diesem Buch. Trimborn studierte in Düsseldorf Kompo­sition, Kirchen­musik, Dirigieren und Orgel. Er begann als Korre­pe­titor an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, dann wurde er Studi­en­leiter am Opernhaus Kiel, schließlich 1983 in München und Bayreuth. Er wirkte als „graue Eminenz“ in vielen bedeu­tenden Opern­häusern und Musik­fes­tivals. Dirigenten wie Karl Böhm, Lorin Maazel, Claudio Abbado, Wolfgang Sawal­lisch, Daniel Barenboim, Zubin Mehta und andere verließen sich auf seine Vorbe­rei­tungs­arbeit mit den Sängern, insbe­sondere hinsichtlich Phrasierung, richtiger Aussprache und geistiger Durch­dringung einer Partie. Er hatte große Verdienste um die Vorbe­reitung von Urauf­füh­rungen, etwa Pender­eckis Ubu Rex oder Henzes Prinz von Homburg. Trimborn war eine unange­fochtene Autorität bei zahlreichen Produk­tionen von Wagner-Opern und hatte vielfach entschei­denden Anteil am Erfolg namhafter Wagner-Sänger. Er war jahrelang Studi­en­leiter der Bayreuther Festspiele und der Münchner Staatsoper, bezeichnete sich aber stets nur bescheiden als Korre­pe­titor. Er selbst sagte mal über seine Profession: „Der Korre­pe­titor ist ein Wächter; je höher seine Qualität ist, umso größer wird auch die Qualität des Bewachten sein.“ Trimborn war Nagano von Wolfgang Sawal­lisch empfohlen worden, als dieser 2006 das Amt als General­mu­sik­di­rektor der Bayeri­schen Staatsoper München übernahm. Die Werke Wagners und Strauss‘ waren Nagano natürlich geläufig und gehörten zu seinem Reper­toire, aber in der Zusam­men­arbeit mit Richard Trimborn sah er für sich die einmalige Möglichkeit, ganz tief in das Verständnis und die geistigen Struk­turen dieser Werke einzu­tauchen. Und so entspannte sich für Nagano während seiner Amtszeit in München eine mehrjährige künst­le­risch wertvolle und inspi­rative Zusam­men­arbeit und darüber hinaus eine tiefe mensch­liche Verbun­denheit. Mit größter Hochachtung und Respekt spricht der Dirigent Nagano von dem Korre­pe­titor Trimborn, mit dem er oft stundenlang die Wagner­schen Parti­turen durchnahm und von dem er lernte, wie farben­reich, tiefgründig und auch provokant die Harmo­nie­folgen mit seiner Musik gezeichnet waren und welch tiefere Bedeutung ihnen zugeordnet war. Über mehrere Seiten beschreibt Nagano einen Dialog mit Trimborn, nachdem der mittler­weile über achtzig­jährige Korre­pe­titor gefragt hatte, „warum er immer noch zu ihm käme, er könne doch alles, und er könne Wagner sehr gut dirigieren.“ Nagano führte aus, dass er dahin­kommen wolle zu verstehen, was sich Wagner selbst erhoffte, als er seine Noten zu Papier brachte. Er sagte: „Ich will nicht nur wissen, wie Wagner klingen muss, ich will wissen, was er für eine Vorstellung vom Klang seiner Musik gehabt haben könnte. Genau dafür brauche ich Sie.“ Nagano war auf der Suche nach der Wahrheit, bei der Trimborn ihm behilflich sein sollte. Trimborns Antwort war so simpel wie desil­lu­sio­niert. Die Wahrheit habe keine Bedeutung, den Menschen wäre sie egal, weil sie sich nicht drum scheren und die Zuhörer sie auch nicht hören würden. Vielleicht gäbe es im Publikum zwei, drei Menschen, die ihm zuhören würden und die in seiner Arbeit erkennen würden, dass er auf der Suche nach der Wahrheit sei. Aber für diese drei Menschen würde es sich lohnen, die Mühe auf sich zu nehmen, „um ihnen eine Vorstellung zu bieten, die hinsichtlich ihrer musika­li­schen Qualität und künst­le­ri­schen Integrität keine Kompro­misse einge­gangen ist“. Eine der wichtigsten Lebens­lek­tionen für Nagano war die Erkenntnis, dass Fragen wichtiger sind als Antworten. Nagano beschreibt seine Zusam­men­arbeit mit Trimborn sehr persönlich, so dass man als Leser sofort erkennt, dieser Mensch und Künstler hat Nagano viel bedeutet und viel gegeben.

Das ist auch das Fazit dieses Buches. Es ist keine Autobio­grafie im herkömm­lichen Sinne, sondern die Aufar­beitung eines künst­le­ri­schen Werde­ganges anhand von Begeg­nungen mit Menschen unter­schied­lichster Art, die Nagano alle auf ihre persön­liche Art und Weise Begleiter, Ratgeber, Mentor, Kritiker, Förderer, Inspi­rator und mensch­licher Begleiter geworden sind und alle einen Anteil an dem erfolg­reichen Berufsweg Naganos gehabt haben. In der Zusam­men­arbeit mit Inge Kloepfer ist das Buch vom Stil sehr eingängig und verständlich geschrieben. Man muss nicht zwangs­läufig Klassik- oder Musik­ex­perte sein, um dieses Buch zu lesen. Eine Portion Neugier, etwas geschicht­liches Interesse, und man findet ein reiches Portfolio an Geschichten in diesem Buch. Am Schluss sind neben der Danksagung auch Zitate und empfohlene Quellen zu den einzelnen Kapiteln aufge­führt. Wer noch ein Weihnachts­ge­schenk sucht für einen Menschen, der Klassische Musik und Zeitge­schicht­liches gleicher­maßen mag oder sich selbst damit eine Freude machen möchte, der liegt mit Kent Naganos Buch 10 Lessons of my Life genau richtig.

Andreas H. Hölscher

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