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Almas Sommer

Am 12. April ist der neue Roman von Lenz Koppel­stätter erschienen, der sich mit einer beson­deren Lebens­phase des Kompo­nisten Gustav Mahler befasst. Eigentlich soll die Sommer­frische in Südtirol der Erholung dienen, aber daraus wird so richtig nichts. Die Ehe mit Alma scheint gescheitert, mit der Gesundheit Mahlers steht es nicht zum Besten. Andreas H. Hölscher empfiehlt das Buch. 

Lenz Koppelstätter - Foto © Armin Huber

Szenen einer Ehe

Es ist der Sommer 1910, der letzte Sommer im Leben Gustav Mahlers, der im Mai 1911 an einer fortschrei­tenden Herzer­krankung mit 50 Jahren gestorben war. Den Sommer davor verbrachte Mahler, wie schon die beiden Jahre zuvor, mit seiner Familie in Toblach in Südtirol auf einem Bauernhof, wobei er die meiste Zeit für sich allein zurück­ge­zogen in einem kleinen Haus am See verbrachte, seinem „Kompo­nier­häuschen“, um sich der Kompo­sition seiner 10. Sinfonie und dem Lied von der Erde zu widmen. Es ist nicht nur der letzte gemeinsame Sommer, es ist auch der Höhepunkt seiner Ehekrise mit der fast 20 Jahre jüngeren Alma, die von der verhärmten und verbit­terten Lebens­ein­stellung ihres Mannes genug hat und sich nach dem Treiben der Wiener Gesell­schaft sehnt. In diese Zeit fällt auch eine leiden­schaft­liche Affäre mit dem zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Archi­tekten Walter Gropius, Gründer des Bauhauses, und späterer Ehemann von Alma Mahler. Ein weiteres wichtiges Ereignis dieses Sommers 1910 ist die einmalige und kurze Begegnung mit dem Wiener Psycho­ana­ly­tiker Siegmund Freud im hollän­di­schen Leyden. Über diese Ereig­nisse schreibt der Autor Lenz Koppel­stätter in seinem neuen Roman Almas Sommer. Koppel­stätter ist auch Autor der Spiegel-Bestseller-Krimi­nal­reihe um den Südti­roler Polizei­kom­missar Johann Grauner. Er lebt mit seiner Familie in einem Weindorf südlich von Bozen, wo er auch geboren und aufge­wachsen ist. Für Almas Sommer erhielt er ein Recher­che­sti­pendium des Landes Südtirol, das ihm ermög­lichte, an Alma und Gustav Mahlers Wirkungs­stätten in Toblach, Tobelbad, Wien und New York zu schreiben.

Der Roman beinhaltet daher fiktive Situa­tionen, insbe­sondere die angespannte Beziehung zwischen Gustav und seiner Frau, verwoben mit den sehr gut recher­chierten, histo­risch überlie­ferten Fakten. So ist dieser Roman etwas hybrid, eine Mischung aus Heimat- und Gesell­schafts­roman mit autobio­gra­fi­schen Zügen. Almas Sommer hätte auch „Gustavs Sommer“ heißen können, denn Koppel­stätter vermeidet den einsei­tigen Blick auf die am Schluss fast toxische Beziehung aus dem Blick­winkel Almas. Die Kapitel wechseln sich ab, mal ist es die fast schon überdrehte Sicht­weise Almas, dann wieder der melan­cho­lische und depressive Blick Gustav Mahlers. Der leidet auch an körper­lichen Beschwerden, aber seine seeli­schen Qualen lassen an kreatives Kompo­nieren kaum noch denken. Seine Einsie­delei, seine Schwie­rig­keiten in der Kontakt­auf­nahme mit anderen Menschen und sein schon fast hypochon­dri­sches Gehabe machen es Alma schwer, ihren Gustav noch zu ertragen. Sie möchte sich von ihm befreien, ihren Lüsten und Leiden­schaften nachgeben, die Gustav nicht befrie­digen kann. Dieser Sommer im Südti­roler Toblach mit Blick auf die Dolomiten ist nur oberflächlich idyllisch, darunter lauert das Grauen einer Beziehung, deren Liebe längst erkaltet ist und die nur noch durch gesell­schaft­liche Normen zusammen gehalten wird.

Bezeichnend dafür ist die überlie­ferte Diagnose Freuds nach seinem Treffen mit Mahler: „Mahlers Frau Alma liebte ihren Vater Rudolf Schindler und konnte nur diesen Typus suchen und lieben. Mahlers Alter, das er so fürchtete, war gerade das, was ihn seiner Frau so anziehend machte. Mahler liebte seine Mutter und hat in jeder Frau deren Typus gesucht. Seine Mutter war vergrämt und leidend, und dies wollte er unbewusst auch von seiner Frau Alma.“

Koppel­stätter beschreibt die Beziehung in einem bemer­kens­werten Schreibstil, der dem Zeitgeist dieser Epoche nachemp­funden ist. Er beleuchtet die „Szenen einer Ehe“ von beiden Seiten und begeht stilis­tisch nicht den Fehler, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden oder gar Schuld­zu­wei­sungen vorzu­nehmen. Insofern trägt dieser Roman mehr autobio­gra­fische Züge. Alma war von Mahler als Persön­lichkeit und Dirigent faszi­niert. Mit seiner Musik konnte sie jedoch teilweise wenig anfangen, und in der Ehe mit Gustav vermisste sie so einiges. Mahler liebte sie anfangs zwar leiden­schaftlich und innig, hatte durch sein riesiges Arbeits­pensum jedoch wenig Zeit für Besuchs­abende oder andere Vergnü­gungen und war während der Ferien vollkommen in seine Musik vertieft. Er fühlte sich als ihr „Lehrer“ in Bezug auf Weltan­schauung und das Leben, was Alma wiederum tief verabscheute.

Neben durchaus komischen Situa­tionen, die Koppel­stätter beschreibt, wie zum Beispiel die männlichen Dorfbe­wohner Mahler betrunken machen und ihn zum Duell mit dem Neben­buhler Gropius auffordern, sind es aber auch Situa­tionen wie das für Mahler furchtbare Zusam­men­treffen mit Arturo Toscanini in New York, die in Rückblenden erzählt werden und die ein inter­es­santes Licht auf Mahlers schwer zu durch­drin­gende Persön­lich­keits­struktur werfen. Wagner war für ihn ein Abgott, den er nie erreichen konnte. Und dass Toscanini es wagte, Wagner zu dirigieren, war für Mahler ein Sakrileg: „Ein Italiener, der anstatt Donizetti und Verdi nun auch Wagner dirigierte. Wo kamen wir denn dahin, wenn die Italiener jetzt auch noch den Tristan dirigierten.“ Koppel­stätter beschreibt außer­or­dentlich klar und prägnant Mahlers Minder­wer­tig­keits­kom­plexe, sein Buhlen um gesell­schaft­liche Anerkennung als ein zum Chris­tentum konver­tierter Jude, sein Streben nach musika­li­scher Perfektion im Ausdruck, und wie er unter dem Erbe seiner großen Vorbilder Beethoven, Brahms und Wagner leidet. Aber es ist kein Musik­roman, den Koppel­stätter hier vorlegt. Wenn er Almas Gedanken nieder­schreibt, als Mahler einen fälsch­li­cher­weise an ihn adres­sierten Brief von Gropius an Alma öffnet und in Schock­starre versinkt: „Sie ertrug die Stille nicht, doch sie traute sich ebenso wenig, sie zu beenden. Sie glaubte, seinen Atem zu hören, sie glaubte, den Schatten seiner Brust sich heben und senken zu sehen. Selbst wagte sie kaum zu atmen, sog die Luft nur vorsichtig durch ihren halb geöff­neten Mund. Bald hörte sie ein Klappern, erst dachte sie, es käme von draußen rein, dann wurde ihr bewusst, dass es Gustav war. Seine Zähne klapperten. Er fror wohl. Ob er schlief oder wach war. Wusste sie nicht.“ Das ist schon zutiefst menschlich.

Koppel­stätters Kurzroman mit insgesamt 208 Seiten ist ein kurzwei­liges Porträt zweier unter­schied­licher Menschen, deren Beziehung an einem endgül­tigen Schei­deweg steht. Es ist ein künst­le­ri­sches Kurzporträt eines der bedeu­tendsten Kompo­nisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und seiner extro­ver­tierten und so gar nicht zu ihm passenden Gattin. Man muss nicht zwangs­läufig Kenner oder Liebhaber von Gustav Mahlers Musik sein, um den Roman zu lesen oder zu verstehen. Aber wer sich schon näher mit Mahler, seinem Leben und seinen Werken beschäftigt hat, für den ist dieser Roman eine lesens­werte Ergänzung oder ein schönes Präsent.

Andreas H. Hölscher

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