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Solange man unter Wettbewerben im kulturellen Bereich interessengeleitete Veranstaltungen der Öffentlichkeitsarbeit versteht, die in den allerwenigsten Fällen dazu dienen, den Besten unter den Teilnehmern herauszufinden, kann man ihnen zumindest so etwas wie einen Unterhaltungswert abgewinnen. Aus journalistischer Sicht ist es geradezu unseriös, über die „Gewinner“ von Wettbewerben zu berichten. Das sagt jemand, der jahrelang selbst in Jurys saß und ausreichend Gelegenheit hatte, hinter die Kulissen so genannter bedeutender Wettbewerbe zu schauen. Diejenigen, die schon einmal die vorderen Plätze bei solchen Veranstaltungen belegt haben, werden das energisch bestreiten, schließlich haben sie sich die Urkunden, Preisgelder, Plattenverträge und so weiter aus eigener Sicht hart erarbeitet. Die wenigsten unter ihnen sind so ehrlich zuzugeben, dass es da noch jemanden in den hinteren Reihen gab, der sehr viel besser, aber aus den verschiedensten Gründen nicht opportun war.
Eine der berühmtesten Ausnahmen von der Regel begann im Grunde so, wie die meisten Wettbewerbe beginnen. Es gibt Menschen, die die Idee haben, eine solche Konkurrenzveranstaltung aus der Taufe zu heben, häufig noch mit edlen Motiven. Dann kommen Leute hinzu, die Potenzial für ihre eigenen Interessen entdecken und den Einfluss übernehmen. Es werden ein paar eitle und möglichst bekannte Personen für die Jury gewonnen, um das Geschehen öffentlichkeitswirksam zu gestalten. Es reicht im Grunde schon, wenn die Juroren das Gefühl eigener Bedeutsamkeit haben, den Rest erledigt das Regularium des Wettbewerbs. 1958 wurde der erste Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau ausgerufen. Wider aller Erwartungen und Steuerungsversuche seitens der Regierung gewann Van Cliburn aus Texas, USA, den Wettbewerb.
Stuart Isacoff wurde 1949 in Brooklyn, New York, geboren. Er ist Autor, Pianist, Komponist, Dozent, war 30 Jahre lang Herausgeber von Piano Today und blickt auf eine lange Liste von Buchveröffentlichungen zurück. Bis heute hält er Vorträge in Nordamerika und Europa. Sein neuestes Werk befasst sich mit Van Cliburn. Beim Staccato-Verlag ist nun die deutsche Übersetzung unter dem Titel Als die Welt innehielt, um zuzuhören – Van Cliburns Triumph im Kalten Krieg und die Folgen in der Übersetzung von Ludwig Madlehner erschienen. Um dieses Buch schreiben zu können, hat Isacoff nicht nur gründlich recherchiert, sondern auch zahlreiche Interviews geführt. Das Ergebnis ist ein mehr als 300 Seiten umfassendes Buch, in dem er nicht nur das Leben und die Psyche Cliburns aufdröselt, sondern auch die Hintergründe des Wettbewerbs im historischen Kontext des Kalten Krieges und die weitere Entwicklung nach dem spektakulären Sieg in Moskau erzählt.
„Es gibt keine einfache Erklärung, warum Van gerade in diesem Moment das wohl beste Konzert seines Lebens spielte. Manchmal erlebt ein Musiker einen Augenblick künstlerischer Gnade, bei dem sich der Himmel zu öffnen scheint und ihn in der Hand hält, wenn der Wirbel weltlicher Betriebsamkeit einer allgegenwärtigen, vielsagenden Stille weicht und er sich als Teil des nie endenden Lebenstanzes fühlt. Wenn das auch vielleicht nicht genau Vans Erfahrung war, als er Rachmaninows 5. Klavierkonzert spielte, so musste es doch ungefähr so in ihm ausgesehen haben. Er und [der Dirigent] Kondraschin wurden zu einer Einheit und in engstem Miteinander brachten sie die Musik zu strahlender Vollendung.“ Es ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige Stelle, an der sich Isacoff zu Pathos versteigt. Ansonsten gefällt das Buch mit seinem unaufgeregten Erzählstil, dem es gelingt, den Leser zu fesseln.
Der Autor beschreibt die Marotten und Krisen des Pianisten, ohne zu urteilen oder nach Entschuldigungen zu suchen. Das ist mindestens so angenehm und erkenntnisreich, wie er die Rolle der Mutter und der Lebensgefährten oder Freunde einordnet. Streckenweise liest sich das spannender als ein Roman. Spätestens zur Mitte des Buchs ist jedem klar, dass Cliburn die Ausnahme der Regel darstellt, indem er vollkommen zurecht und gegen alle Widerstände diesen Preis gewann, der ihm Weltruhm einbrachte. Davon zeugen auch die Schwarzweiß-Bilder, die als Fotostrecke in der Buchmitte eingebunden sind. Glück hat Cliburn sein sensationeller Aufstieg persönlich nicht gebracht. Aber das sollte unbedingt jeder selbst lesen. Es lohnt sich.
Michael S. Zerban