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Amadeus auf dem Fahrrad

Rolando Villazóns neuer Roman taucht ein hinter die Kulissen der Salzburger Opern­fest­spiele. Wieder ist es ein Buch voller Poesie über einen schein­baren Anti-Helden, mit dem man schnell Sympathie empfindet. Verraten sei, dass das fast 420 Seiten starke Buch irgendwie gut ausgeht. Bisweilen ein wenig mühsam zu lesen, findet Andreas H. Hölscher. 

Rolando Villazón - Foto © Monika Höfler

Mein Freund Wolfgang

Rolando Villazón ist in der Klassik­szene ein Unikum, vielseitig begabt und nebenbei auch noch sehr sympa­thisch. Als Sänger gefeiert, als Regisseur gewürdigt, als Zeichner geschätzt, was Villazón anfasst, wird in der Regel zum Erfolg. Dass er auch unter die Schrift­steller gegangen ist, ist dem breiten Publikum vielleicht gar nicht so bewusst. 2014 erschien sein erster Roman: Kunst­stücke. 2017 folgte der Roman Lebens­künstler, und im vergan­genen Jahr erschien sein drittes Werk: Amadeus auf dem Fahrrad. Alle drei Bücher sind im Original auf Spanisch erschienen und wurden von Willi Zurbrüggen ins Deutsche übersetzt.

Der Titel verrät schon, dass ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in diesem Roman eine wichtige Rolle spielt. Das kommt nicht von ungefähr, denn dieser Komponist ist für Rolando Villazón ein wichtiger Begleiter seines Lebens, ja, sogar ein Freund geworden, wie er einmal selbst gesagt hat. Ein Blick in Villazóns Biografie und Disko­grafie reicht aus, um ihn zu Recht als Mozart­in­terpret und ‑kenner auszu­weisen. Alle großen Mozar­t­opern hat er auf CD einge­spielt, letztes Jahr erschien eine CD mit Mozar­t­arien. Inter­es­san­ter­weise ist er in den Arien aus der Zauber­flöte genau wie in der Gesamt­auf­nahme dieser Oper aus dem Jahre 2019 in der Bariton­partie des Papageno zu hören und nicht als Tamino.

Seit 2017 leitet Villazón auch die Salzburger Mozart­woche. 2014 erschien mit ihm auf Arte ein Film über eine Don-Giovanni-Produktion in Prag am Ort der Urauf­führung, in einer CD-Aufnahme der Oper hatte er bereits 2012 mitge­wirkt. Ein Buch, das in Salzburg spielt, die Produktion des Don Giovanni bei den Festspielen zum Inhalt hat und gleich­zeitig eine Hommage an den Kompo­nisten, an die Stadt und an das Künst­ler­leben insgesamt darstellt. Und doch ist das nur der festliche Rahmen für eine anrüh­rende Liebes­ge­schichte, über Hoffnungen, unerfüllte Träume und wahre Freundschaften.

Die Haupt­figur dieses Buches ist Vian. Vian kommt aus reichem, mexika­ni­schem Elternhaus, hat Verwandte in Deutschland und will Opern­sänger werden, natürlich in der Stimmlage Tenor. Das hört sich erst mal nach Villazóns Autobio­grafie an, denn auch er wurde in Mexiko geboren, seine Vorfahren stammen aus Öster­reich, und er wurde weltbe­kannt nach seinem großen inter­na­tio­nalen Erfolg 2005 bei den Salzburger Festspielen als Alfredo an der Seite von Anna Netrebko in Giuseppe Verdis La Traviata. Somit lässt Villazón die Geschichte von Vian in einem Umfeld spielen, das er selbst zu Genüge kennt. Doch Vian ist fiktiv, ist nicht Rolando, denn es gibt mehrere gravie­rende Unter­schiede. Im Gegensatz zum erfolg­reichen Autor und Sänger Villazón ist Vian ein Loser, der es trotz aller Bemühungen nicht schaffen wird, seinen Traum von einer Gesangs­kar­riere zu verwirk­lichen und sich statt­dessen als Komparse in einer Don-Giovanni-Produktion in Salzburg durch­schlagen muss. Von seinem Vater wird er verachtet, der ihn als „Unfall“ bezeichnet und seinen Karrie­re­wunsch natürlich nicht unter­stützt, weil er nicht an seinen Sohn glaubt. Für den Vater ist die Welt der Oper eine Scheinwelt, in die man sich begibt, um gesehen zu werden und angeben zu können, ohne die Gefühlswelt der Oper wirklich zu verstehen. So stand jedes Jahr im Sommer eine Opern­reise nach Europa auf dem Programm, entweder zu den Salzburger oder den Bayreuther Festspielen, Haupt­sache elitär. Villazón beschreibt das erste Opern­erlebnis des jungen Vian bei einem Besuch in Bayreuth 1999 in Tristan und Isolde, mit Siegfried Jerusalem und Waltraud Meier sowie Daniel Barenboim am Pult. Es war im Übrigen die letzte Vorstel­lungs­reihe dieser großen Produktion in der Regie des 1995 verstor­benen Heiner Müller, die 1993 ihre Premiere hatte. „Ich hörte Waltraud Meiers wunderbare Stimme nicht nur, mein ganzer Körper nahm diesen Klang auf, vibrierte mit dem Gesang und dem Orchester. Und all das passierte hier und jetzt, in diesem einzig­ar­tigen Augen­blick, und nicht in einem Studio vor vielen Jahrzehnten. Ich kleiner Mensch war ein Resonanzraum, der dazu beitrug, dem Augen­blick Leben­digkeit zu verleihen. Mein Verstand benebelte sich, meine Lider wurden schwer, und im selben musika­li­schen Moment wie während meiner vorbe­rei­tenden Nächte sank ich in einen nicht aufzu­hal­tenden Schlaf.“ Nach diesem Erlebnis, möchte man meinen, hatte der junge Vian genug von der Oper, doch dieser Tristan, den er vorher schon auf Kassette gehört und geliebt hat, wurde zu einer Art Erweckungs­er­lebnis, und von da an stand sein Wunsch fest, Opern­sänger zu werden. Aber Vian ist ein Träumer, der mit seinem angebe­teten Kompo­nisten Zwiege­spräche hält, der sich für große Literatur inter­es­siert, für die unsterb­liche Musik. Aber er ist auch ein Tagträumer, der von Missge­schick geleitet von einem Fettnäpfchen ins andere tritt, aber an seinen Nieder­lagen als Persön­lichkeit wächst, um schließlich sich selbst zu emanzi­pieren und seinen eigenen Weg geht. Vian beschreibt seine erfolg­losen Gesangs­studien sehr prägnant: „Mehr als alles wollte ich ein großer Tenor werden; doch so eifrig ich auch meine Lektionen lernte und Tonleitern übte, so oft ich meine Lehrer und Techniken wechselte, wie viele Stunden ich mir auch die Aufnahmen der berühm­testen Tenöre anhörte, um ihre Geheim­nisse zu ergründen, trotz aller meine Anstren­gungen gelang es mir nicht, die hohe Stimmlage zu erreichen.“

Vian gibt nicht auf, begibt sich nach Europa, singt an großen Opern­häusern ohne Erfolg vor und folgt dabei einer imagi­nären Spur Mozarts. München, Prag, Salzburg. In der Festspiel­stadt darf er immerhin an der Neuin­sze­nierung des Don Giovanni teilnehmen, natürlich nicht als Don Ottavio, sondern als Komparse in einer kruden Insze­nierung des fiktiven Regis­seurs Friedemann Schuff. Über Regis­seure sagt Villazón in diesem Roman: „Es gibt Regis­seure, die sind eindeutig, direkt und präzise wie Chirurgen; andere sind großspurig, ausufernd und kompli­ziert wie Philo­so­phie­pro­fes­soren; und dann sind da die Wirren, die nur vage Ideen haben und kopflos agieren wie Studenten, die ihre Hausar­beiten nicht gut gemacht haben und inhalt­liche Schwächen mit Witzchen und Anekdoten überspielen. Schuff ist eine Kombi­nation aus allen.“ Auch das ist ein inter­es­santer Kunst­griff Villazóns in seinem Roman, dass er fiktive Künstler-Figuren und reale Künstler verbindet. Während die fiktiven Figuren in ihren Charak­teren meist schlecht wegkommen, sind die realen Künstler „natürlich“ über jede Kritik erhaben. Und so passiert es, dass der Träumer und Missge­schickler Vian in Salzburg mit einer Fahrrad­fah­rerin kolli­diert, und diese Dame ist keine geringere als die große Mezzo­so­pra­nistin Cecilia Bartoli: „Es tut mir sehr leid, sagte ich, doch es hörte sich an wie „Ich-kann-nicht-glauben‑, dass-ich-mit-Ihnen-spreche‑, die-ich-so-sehr-bewundere“. „Ist schon gut“, erwiderte sie und setzte sich den Fahrradhelm aufs Haar, das ein loderndes Locken­ge­witter war. „Uns ist ja beiden nichts passiert. Che pazzo!“, rief sie lachend. „Du bist wie ein erschro­ckener Grashüpfer plötzlich zur Seite gesprungen.“

Neben der Bartoli lernt Vian am Schluss des Romans auch noch Daniel Barenboim kennen, den Dirigenten seines ersten Tristan. Vians Vater berichtet sehr zur Scham seines Sohnes von dem Bayreuth-Erlebnis 1999, in dem Vian im ersten Aufzug des Tristan einge­schlafen sei. Doch der große Dirigent lacht verständ­nisvoll und berichtet seiner­seits von einer Aufführung der Zauber­flöte in Salzburg unter Karl Böhm, die er als Kind gesehen hatte, und in der er auch einge­schlafen sei. Aller­dings war Böhm, als Barenboim ihm später diese Anekdote erzählt hatte, darüber nicht amüsiert. So sind es neben den bekannten Figuren auch die bekannten Plätze in Salzburg, die Vian aufsucht und durch die er seinem Idol im Geiste näher­kommt. Die Handlung führt an berühmten Plätzen und Denkmälern vorbei.

Immer wieder nimmt Villazón auch Bezug auf Literatur, oftmals von spanisch­spre­chenden Schrift­stellern, die der Leser entdecken kann. So entsteht eine wunderbare Freund­schaft zwischen Vian und dem Buchhändler Perec. Auch die bildende Kunst spielt in diesem Roman eine große Rolle. So geht Vian zu dem bekannten Kunstwerk Spirit of Mozart der Perfor­mance-Künst­lerin Marina Abramovic, das sich in der Salzburger Altstadt befindet, und lernt dort den Obdach­losen „Herrn Wolfgang“ kennen, der sich rührend um die Pflanzen am Kunstwerk kümmert. Neben der Emanzi­pation von seinem Vater ist es die unerwi­derte und herzzer­rei­ßende Liebe zu der Produk­ti­ons­as­sis­tentin Julia, die die Handlung im Wesent­lichen begleitet: „Ich musste sie wieder­sehen. Ich fühlte aufkom­mende Kühnheit in meiner Brust; eine glänzende Perle, die ihre Kraft verströmte, bis an den Ort, an dem die Wörter entstehen.“ Und da gibt es noch den Oberkom­parsen Jaques, der einem Dämon gleich alle Schwächen Vians heraus­kitzelt und ihn am liebsten vor allen anderen bloßstellt. Am Ende, als Vians endgül­tiges Scheitern besiegelt zu sein scheint und ihn sein Vater in Salzburg abholt, um ihn nach Mexiko zurück­zu­holen, da setzt Villazón mit seinem ihm eigenen Humor noch einen drauf und lässt den armen Vian sich endgültig in einer schon fast filmreifen Szene von seinem despo­ti­schen Vater emanzi­pieren. Auf dem Rückweg nach Mexiko, bei einem Zwischen­auf­enthalt, greift sich Vian ein abgestelltes Fahrrad und fährt damit in dem Flugha­fen­ge­bäude herum und seinem Vater davon. Vian trägt eine gepuderte Rokoko-Perücke, die er von seiner Don-Giovanni-Produktion behalten hat: „Ein frohlo­ckendes inneres Licht ließ mich leicht und zuver­sichtlich in die Pedale treten. Ich betätigte die Fahrrad­klingel am Lenker und wich geschickt den Leuten aus, die in allen Richtungen unterwegs waren. Ich trällerte die sogenannte ‚kleine‘ Symphonie in g‑Moll und war mir in meiner entfes­selten Freude sicher, dass Mozart es geliebt hätte, Fahrrad zu fahren.“ Am Ende bleibt Vian in Salzburg, schlägt sich als Komparse und mit Gelegen­heits­ar­beiten durch, aber er hat seinen Frieden mit sich gemacht und sein Schicksal akzeptiert.

Dieser dritte Roman von Villazón in der wunder­baren Übersetzung von Willi Zurbrüggen besticht durch seine sehr bildreiche und poetische Sprache, durch skurrilen Humor und den ständigen Wechsel zwischen Realität und Fiktion. Es ist ein Buch, das zwar nur langsam Fahrt aufnimmt und einige Abschnitte hat, die doch langatmig sind, aber es ist dieser Stil zu schreiben, der Vian, den Unglücks­raben und Tolpatsch, den Versager zu so einem liebens­wür­digen Menschen macht, dass man ihn einfach mögen muss und man sehr schnell mit ihm fiebert und mit ihm leidet. Und steckt nicht in jedem von uns so ein klein bisschen Vian? Ein Buch, nicht nur für lange Winter­abende geeignet, und nicht nur für die Freunde von Mozart, Villazón und Salzburg ein Genuss wie eine Mozartkugel.

Andreas H. Hölscher

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