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Beethoven in Wien

In der Edition Lammer­huber ist Ende vergan­genen Jahres der mehr als 200 Seiten umfas­sende Bildband von Andreas J. Hirsch unter dem Titel Beethoven in Wien erschienen. Darin folgt der Fotograf den heutigen Spuren Beethovens in Wien. 106 Fotos in ungewöhn­lichen Perspek­tiven. Andreas H. Hölscher hat sich das Buch angeschaut und ist begeistert. 

Andreas J. Hirsch - Foto © privat

Einzigartige Spurensuche

Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven in diesem Jahr, das allgemein zum „Beethoven-Jahr“ ausge­rufen wurde, sind zahlreiche Bücher und CD neu erschienen, bekanntes und weniger bekanntes Material. Fast alle großen Opern­häuser haben seine Freiheitsoper Fidelio oder ihre Vorversion Leonore im Spielplan, in den großen Konzert­sälen stehen seine neun Symphonien, die großen Klavier­kon­zerte und vieles mehr auf dem Programm. Fast schien es so, als ob eine mediale Beetho­venflut über uns herein­bricht. Doch ein anfangs etwas belächeltes Virus namens „SARS-CoV‑2“, auch als neuar­tiges Corona­virus bezeichnet, stoppte dieses ambitio­nierte weltweite Gedenken, die Kultur- und Klassik­szene befindet sich in einem unabseh­baren Still­stand, und in vielen Ländern herrschen Ausgangs­be­schrän­kungen, um die Pandemie einzu­dämmen. Diese so drama­tische wie auch bis vor kurzem undenkbare Situation bietet aber auch die Chance, sich wieder einmal mit Dingen zu beschäf­tigen, die sonst in unserer schnell­le­bigen und hekti­schen Zeit weniger beachtet werden.

Ein Moment des Innehaltens, des Nachdenkens, aber auch des optischen und hapti­schen Genusses bietet der Bildband Beethoven in Wien von Andreas J. Hirsch, der im November des vergan­genen Jahres anlässlich des bevor­ste­henden Beethoven-Jahres im Verlag Lammer­huber erschienen ist, der insbe­sondere für seine hochqua­li­ta­tiven Bildbände bekannt ist. Dieser Bildband widmet sich Beethovens Zeit und seinem künst­le­ri­schem Schaffen in Wien und führt den Leser mit stilvollen aktuellen Fotografien und histo­ri­schem Material zu den wichtigsten Schaf­fens­punkten Beethovens, versucht aber auch der schwie­rigen Persön­lichkeit des großen Kompo­nisten gerecht zu werden und zeigt auf, welchen Einfluss das Wien der damaligen Zeit  auf Beethoven hatte, und wie wichtig wiederum Beethoven für diese führende Musik­stadt zu Beginn des 19. Jahrhun­derts hatte. Der Leser begibt sich beim Betrachten dieser Bilder auf eine einzig­artige Spuren­suche, und viele Spuren, die Beethoven zu Lebzeiten in Wien hinter­lassen hat, sind heute noch sichtbar und atmen den Geist eines der größten Kompo­nisten der Geschichte, dem auf dem Wiener Zentral­friedhof ein beein­dru­ckendes Ehrengrab gegeben wurde.

Fünfund­dreißig Jahre lang war Wien Lebens­mit­tel­punkt von Ludwig van Beethoven. Die Spuren des Kompo­nisten sind vielfältig: ein großes Beethoven-Museum, Wohn- und Gedenk­stätten, Orte seiner Triumphe und Verzweiflung, Denkmäler und Klimts Beetho­ven­fries – bis hin zum Beethoven-Heurigen. Der 1770 in Bonn geborene Beethoven war mit siebzehn Jahren zum ersten Mal nach Wien gereist, um hier bei Mozart Unter­richt zu nehmen.

Doch kaum angekommen musste er wieder zurück, ans Sterbebett seiner Mutter. Mit zweiund­zwanzig Jahren kam er als Schüler Joseph Haydns – Mozart war inzwi­schen verstorben – abermals nach Wien. Diesmal blieb er für immer: Fünfund­dreißig Jahre bis zu seinem Tod 1827.

Beethoven wechselte oft den Wohnort. Das Theater an der Wien, in dem er für einige Zeit auch eine Wohnung hatte, war für ihn ein wesent­licher Fixpunkt. Hier dirigierte er die Urauf­führung seiner einzigen Oper Fidelio und weitere seiner Schlüs­sel­werke. Ausgehend vom Theater an der Wien folgt der Autor und Fotograf Andreas J. Hirsch den Spuren des Kompo­nisten und erforscht die Magie der Beethoven-Orte. Das Buch darf durchaus als Versuch einer Annäherung an Beethoven mit fotogra­fi­schen Mitteln bezeichnet werden. Es ist ein visueller und gedank­licher Begleiter zur Begegnung mit Beethovens Musik. Die Spuren­suche durch das Wien aus Beethovens Zeit wird mit Zitaten und Gedanken von renom­mierten Künstlern wie dem Pianisten und Beethoven-Experten Rudolf Buchbinder, den Beethoven-Forschern und Biografen Jan Caeyers und William Kinderman, den Dirigenten John Eliot Gardiner und Christian Thielemann, dem Geiger Daniel Hope, dem Inten­danten des Theaters an der Wien, Roland Geyer, und dem Opern­re­gisseur Stefan Herheim ergänzt.

„Musik ist höhere Offen­barung als alle Weisheit und Philo­sophie. Wem sich meine Musik auftut, der muss frei werden von all dem Elend.“ Diese Worte Ludwig van Beethovens stehen quasi als Einleitung und als Leitmotiv für das Buch. In neun Kapiteln beschäftigt es sich in chrono­lo­gi­scher Reihen­folge von den Wegen zu Beethoven in Wien, seine enge Verbun­denheit zum Theater an der Wien, seine Zeit in Heili­gen­stadt und die Verfassung seines berühmten Testa­mentes bis hin zu seinen späten Jahren und Tod am 26. März 1827. Die Erzähl­texte, in deutscher und engli­scher Sprache, sind spannend formu­liert, und manches liest sich wie ein Roman, insbe­sondere wenn Hirsch auf die Umstände der Kompo­sition der Symphonie Nr. 3, der Eroica, zu sprechen kommt, die Beethoven ursprünglich Napoleon gewidmet hat. Spannend auch die Erzählung an der Kompo­sition von Beethovens einziger Oper Fidelio, wie sie aus den Vorgän­ger­ver­sionen der Leonore entstanden ist. Es gibt viele Bücher und Biografien über Beethoven, die das alles zum Inhalt haben, aber nun kommen die ausge­wählten Bilder von Andreas J. Hirsch hinzu, die diesem Buch das Besondere verleihen. Es ist einer­seits ein Eintauchen in den Kosmos Beethoven, manchmal aber auch ein Entschleu­nigen, wenn Hirsch Beethovens Liebe zur Natur und seine Spazier­gänge beschreibt und dazu die entspre­chenden Fotos zeigt, als wäre er im Schatten Beethovens gewandelt.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Besonders plastisch schildert Hirsch Beethovens Lebens­krise und seine heroische Zeit während seines Aufent­haltes in Heili­gen­stadt, wo er schmerzhaft erkennen musste, dass seine fortschrei­tende Taubheit irrever­sibel war. „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, nieder­zwingen soll es mich gewiss nicht“, hat Beethoven selbst über diese Zeit gesagt. Dazu sind aktuelle und histo­rische Bilder von dem Haus in Heili­gen­stadt sowie diverse Innen­ein­sichten aufge­führt. Die bestehende Beethoven-Wohnung Heili­gen­stadt in der Probus­gasse 6 im 19. Bezirk wurde 2017 von einer 40 m² umfas­senden Gedenk­stätte zu einem 265 m² großen Beethoven-Museum erweitert. Es ist ein faszi­nie­render, moderner Ausstel­lungs­par­cours, der durch vierzehn Räume führt und die Geschichte des Hauses, Beethovens Übersiedlung von Bonn nach Wien, seinen Aufenthalt hier – im damaligen angesagten Kurort Heili­gen­stadt – die Natur, das Kompo­nieren, das Geldver­dienen, die damalige Auffüh­rungs­praxis und sein Vermächtnis dokumen­tiert. In diesem Haus verfasste der 32-jährige Beethoven in tiefster Verzweiflung sein Heili­gen­städter Testament. Diesen nie abgesandten Brief an seine Brüder schrieb er, als er erfahren hatte, dass es für seine Taubheit keine Heilung geben sollte. Gleich­zeitig arbeitete er in der Probus­gasse an großen Werken, darunter die drei Klavier­so­naten Opus 31, das Oratorium Christus am Ölberge und die Eroica-Symphonie. „Das Beethoven-Haus im 19. Bezirk strahlt eindeutig etwas aus. Ich denke an die kleinen Gassen in Heili­gen­stadt, wo er bis in die frühen Morgen­stunden umherging. Bezeichnend ist da auch Beethovens Tempo­angabe im 3. Satz des Klavier­kon­zertes Nr. 5 ligato, schwankend“, sagt der Pianist Rudolf Buchbinder über dieses Haus.

Besonders beein­dru­ckende Bilder gibt es vom Palais des Fürsten Lobkowitz, einem Förderer und Gönner Beethovens, hier hat er seine Eroica vorauf­ge­führt und sie später dem Fürsten gewidmet. Ein weiteres Domizil Beethovens in Wien war die Wohnung im vierten Stock des nach dem Besitzer benannten Pasqu­al­a­ti­hauses im Zentrum Wiens, wo er einen herrlichen Ausblick über Wien gehabt hat und wo er zwischen 1804 und 1815 mehrmals wohnte. Die beiden ersten Fassungen der Leonore sowie Teile der 5. und 6. Symphonie kompo­nierte er hier.  „Nur in Deiner Kunst leben! So beschränkt du auch jetzt deiner Sinne halber bist, so ist dieses das einzige Dasein für Dich.“ Das Zitat Beethovens steht für diesen Lebens­ab­schnitt, und der Geiger Daniel Hope ergänzt es mit den Worten: „Ich würde alles dafür geben, Beethoven beim Klavier­spielen zu hören. Am liebsten im Café Frauen­huber in der Himmel­pfort­gasse, mit obliga­to­ri­schem Weintrinken im Anschluss …“

Trium­phale Beethoven-Urauf­füh­rungen fanden vielerorts in Wien statt: im Eroica-Saal des Öster­rei­chi­schen Theater­mu­seums, im Großen Redouten-Saal der Spani­schen Hofreit­schule und im Festsaal der Öster­rei­chi­schen Akademie der Wissen­schaften. Das Theater an der Wien war Bühne für die Premiere der Oper Fidelio, Beethoven wohnte sogar zeitweise dort. Für Roland Geyer, dem Inten­danten des Theater an der Wien, ist Fidelio „nicht nur ein Markstein der Opern­li­te­ratur nach Mozart per se, sondern auch ein Meilen­stein in der (Ur-)Aufführungsgeschichte des Theaters an der Wien“. Und der Regisseur und designierte Theater-Intendant Stefan Herheim ergänzt: „Für mich können Mut und Hoffnung der Menschheit erhabener nicht gemacht werden, als wenn Leonore in Fidelio ein ‚Farben­bogen‘ leuchtet, der ‚hell auf dunklen Wolken ruht‘.“

Mit diesem Buch ist Andreas J. Hirsch und dem Verlag Lammer­huber ein reich­haltig bebil­dertes, poeti­sches Kleinod gelungen, das in der Masse der vielen Neuerschei­nungen zum Beethoven-Jahr 2020 herausragt und für 30 Euro schon vergleichs­weise günstig zu erhalten ist. Es ist nicht nur für Beetho­ven­freunde ein schönes Geschenk, man lernt zudem viel neues (und altes) über die große Kunst- und Kultur­stadt Wien kennen, wo auch heute noch der Geist Beethovens sicht- und hörbar ist.

Andreas H. Hölscher

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