O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Schon der Begriff polarisiert. Für die einen ist die „Freie Szene“ der Gegenentwurf zu den staatlich bezahlten Kulturinstitutionen und damit eine der größten Errungenschaften der Kultur, andere scheuen bis heute vor improvisierten oder wenig komfortablen Spielstätten zurück, an denen Menschen auftreten, die es nicht bis in die etablierten Einrichtungen geschafft zu haben scheinen. Dabei ist schon der Begriff nicht mehr als ein theoretisches Konstrukt, das versucht, die verschiedensten Strömungen darstellender Künste in einer Stadt unter einem Dach zusammenzufassen, dass es de facto gar nicht gibt.
Aber es gibt sie, die unzähligen Menschen in einer Stadt, die sich künstlerisch, kulturell, kreativ verwirklichen wollen. Die eine Stadt, eine Gesellschaft mit ihren Ideen, ihrer Fantasie, ihren Talenten verzaubern oder verändern wollen. 1973 haben Jörg Udo Lensing und Jens Prüss als das Jahr festgelegt, in dem die Freie Szene in Düsseldorf zu leben und sich zu organisieren begann, weil es das Gründungsjahr der „UrWerkstatt“ ist. Getrieben von dem Willen, die künstlerischen Entwicklungen in der Landeshauptstadt abseits der institutionellen Einrichtungen in den letzten 50 Jahren aufzuzeigen. Wie schreibt man 50 Jahre freie darstellende Künste in Düsseldorf auf? So der Untertitel des mehr als 300 Seiten umfassenden Buches Die Bretter, die die Stadt bedeuten, das am 3. Mai im Droste-Verlag erschienen ist.
Der Verlag hat zu einer Buchvorstellung in das Düsseldorfer Theatermuseum eingeladen. Da erscheinen viele der alten Weggefährten und Kontrahenten aus den vergangenen 50 Jahren, um Lensing und Prüss zuzuhören, die aus dem Buch lesen. Lensing schildert zunächst die Entstehung des Buches. 60 Personen der Zeitgeschichte haben die beiden Herausgeber angeschrieben und um Interviews gebeten. Der Leiter des Theaters der Klänge verhehlt nicht, dass er damit rechnen musste, zahlreiche Abfuhren zu kassieren. Was schließlich sollte gerade Lensing befähigen, die Geschichte der Düsseldorfer Freien Szene aufzuarbeiten? Wie zu erwarten, antworteten einige erst gar nicht, andere fanden unfreundliche Antworten der Ablehnung und wieder andere sahen sich gesundheitlich nicht mehr in der Lage. Erzählt Lensing. Übrig blieben schließlich 40 Personen, die bereit waren, sich befragen zu lassen. Der Clou des Buchs: In bester journalistischer Manier haben die beiden Herausgeber nicht etwa die Ergebnisse in seitenlangen Interviews wiedergegeben, stattdessen die interessantesten Zitate ausgewählt und sie thematisch geordnet. So entsteht eine Chronologie, in der die Akteure sich nicht nur selbst darstellen, sondern gegenseitig kommentieren, die Grabenkämpfe vergangener Zeiten wieder aufleben lassen und die verschiedenen Strömungen in den Zeitläuften aufzeigen. Das liest sich über lange Strecken wie ein psychologisch ausgefeilter Krimi mit authentischen Charakteren, die kein Autor erfinden kann.
Ja, das Buch dreht sich nahezu ausschließlich um Düsseldorf. Und deshalb sollte es Pflichtlektüre für Düsseldorfer Bürger sein, die einen wichtigen Abschnitt in der Kultur ihrer Heimat kennenlernen wollen, ebenso wie für die, die zugereist sind. Aber es handelt sich auch um die Geschichte eines Biotops, eines nahezu hermetisch abgeschlossenen Raums. Und damit wird es auch zur Pflichtlektüre für die Kulturverantwortlichen anderer Städte, um daraus zu lernen.
Menschen, die in der „Szene“ nicht zu Hause sind, und das werden hoffentlich die meisten Leser sein, sei empfohlen, das Buch von hinten zu beginnen. Denn dort finden sich Kurzbiografien der interviewten Personen. Und die sollte man unbedingt kennen, um die Äußerungen einordnen zu können.
„Der natürliche Feind des Künstlers ist das Kulturamt“, sagt Manes Meckenstock, Künstler aus Düsseldorf. Und vermutlich hat er nicht die geringste Ahnung, wie recht er mit seiner Aussage hat. Die Widerstände des Kulturamts, was die Förderung der Freien Szene angeht, sind nicht nur aus heutiger Sicht abstrus, sondern führten letztlich in eine Richtung, die niemand, der 1973 mit auf die Strecke ging, gewollt haben kann. Die Bretter, die die Stadt bedeuten zeigt auf, wie sich die Freie Szene bei allen gut gemeinten Entscheidungen der Verantwortlichen langsam, aber sicher auf eine Situation zubewegt, die man, wenn schon nicht als Katastrophe, dann mindestens als fatal bezeichnen kann.
Das wird schon aus den wenigen Stellen deutlich, die Lensing und Prüss aus ihrem Buch zitieren. Die Konzentration auf drei Spielstätten, das Zakk, das FFT, das sich wohlweislich nicht mehr Forum Freies Theater nennt, und das Tanzhaus NRW, hat die Freie Szene in Düsseldorf vor die Wand fahren lassen. Kurz vor dieser Entwicklung endet die wunderbare Geschichtsschreibung des Buches, unglücklicherweise ohne Analyse der gegenwärtigen Situation. Die allerdings hätte auch das nostalgische Schwelgen empfindlich gestört.
Kaum ist die Buchvorstellung beendet, entwickeln sich allerorten Gespräche in verschiedenen Gruppen, die hoffentlich nicht nur der Vergangenheitsbewältigung dienen. Das Zakk ist eine Spielstätte mit eigenem Publikum, die keinem wehtut. Das FFT und das Tanzhaus sind inzwischen keine Stätten der Freien Szene mehr, sondern von Aktivisten besetzt, die überfinanziert sind und mit Veranstaltungen aufwarten, die die eigene Klientel bedienen. Viele Ensembles haben aufgegeben. Die Probenraum- und Aufführungssituation hat sich eklatant verschlechtert. Taten- und machtlos muss die Politik dabei zusehen und zahlen. Eine verrückte Situation, die im Grunde nur das Publikum beenden kann, indem es mit den Füßen abstimmt.
Das soll das Verdienst des Buches in keiner Weise trüben. Lensing, Prüss und ihre Helfer haben mit unglaublichem Einsatz ein Stück Düsseldorfer Stadtgeschichte nachgeliefert, das bislang nur in der mündlichen Überlieferung existierte. Und sie haben dabei eine Darstellung gefunden, die dem Leser nicht eine eigene Meinung aufzwingt, sondern eine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung anbietet. Viel mehr geht nicht.
Michael S. Zerban