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Die Bretter, die die Stadt bedeuten

„Freie Szene“ klingt großartig. Was es damit in den vergan­genen 50 Jahren in Düsseldorf auf sich hatte, haben Jörg U. Lensing und Jens Prüss als Heraus­geber in einem Inter­viewband erarbeitet. Ein Buch für Düssel­dorfer, aber auch für andere Städte, um aus den Fehlern in der Landes­haupt­stadt zu lernen. 

Foto © O-Ton

Der natürliche Feind

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Schon der Begriff polari­siert. Für die einen ist die „Freie Szene“ der Gegen­entwurf zu den staatlich bezahlten Kultur­in­sti­tu­tionen und damit eine der größten Errun­gen­schaften der Kultur, andere scheuen bis heute vor impro­vi­sierten oder wenig komfor­tablen Spiel­stätten zurück, an denen Menschen auftreten, die es nicht bis in die etablierten Einrich­tungen geschafft zu haben scheinen. Dabei ist schon der Begriff nicht mehr als ein theore­ti­sches Konstrukt, das versucht, die verschie­densten Strömungen darstel­lender Künste in einer Stadt unter einem Dach zusam­men­zu­fassen, dass es de facto gar nicht gibt.

Aber es gibt sie, die unzäh­ligen Menschen in einer Stadt, die sich künst­le­risch, kulturell, kreativ verwirk­lichen wollen. Die eine Stadt, eine Gesell­schaft mit ihren Ideen, ihrer Fantasie, ihren Talenten verzaubern oder verändern wollen. 1973 haben Jörg Udo Lensing und Jens Prüss als das Jahr festgelegt, in dem die Freie Szene in Düsseldorf zu leben und sich zu organi­sieren begann, weil es das Gründungsjahr der „UrWerk­statt“ ist. Getrieben von dem Willen, die künst­le­ri­schen Entwick­lungen in der Landes­haupt­stadt abseits der insti­tu­tio­nellen Einrich­tungen in den letzten 50 Jahren aufzu­zeigen. Wie schreibt man 50 Jahre freie darstel­lende Künste in Düsseldorf auf? So der Unter­titel des mehr als 300 Seiten umfas­senden Buches Die Bretter, die die Stadt bedeuten, das am 3. Mai im Droste-Verlag erschienen ist.

Der Verlag hat zu einer Buchvor­stellung in das Düssel­dorfer Theater­museum einge­laden. Da erscheinen viele der alten Wegge­fährten und Kontra­henten aus den vergan­genen 50 Jahren, um Lensing und Prüss zuzuhören, die aus dem Buch lesen. Lensing schildert zunächst die Entstehung des Buches. 60 Personen der Zeitge­schichte haben die beiden Heraus­geber angeschrieben und um Inter­views gebeten. Der Leiter des Theaters der Klänge verhehlt nicht, dass er damit rechnen musste, zahlreiche Abfuhren zu kassieren. Was schließlich sollte gerade Lensing befähigen, die Geschichte der Düssel­dorfer Freien Szene aufzu­ar­beiten? Wie zu erwarten, antwor­teten einige erst gar nicht, andere fanden unfreund­liche Antworten der Ablehnung und wieder andere sahen sich gesund­heitlich nicht mehr in der Lage. Erzählt Lensing. Übrig blieben schließlich 40 Personen, die bereit waren, sich befragen zu lassen. Der Clou des Buchs: In bester journa­lis­ti­scher Manier haben die beiden Heraus­geber nicht etwa die Ergeb­nisse in seiten­langen Inter­views wieder­ge­geben, statt­dessen die inter­es­san­testen Zitate ausge­wählt und sie thema­tisch geordnet. So entsteht eine Chrono­logie, in der die Akteure sich nicht nur selbst darstellen, sondern gegen­seitig kommen­tieren, die Graben­kämpfe vergan­gener Zeiten wieder aufleben lassen und die verschie­denen Strömungen in den Zeitläuften aufzeigen. Das liest sich über lange Strecken wie ein psycho­lo­gisch ausge­feilter Krimi mit authen­ti­schen Charak­teren, die kein Autor erfinden kann.

Ja, das Buch dreht sich nahezu ausschließlich um Düsseldorf. Und deshalb sollte es Pflicht­lektüre für Düssel­dorfer Bürger sein, die einen wichtigen Abschnitt in der Kultur ihrer Heimat kennen­lernen wollen, ebenso wie für die, die zugereist sind. Aber es handelt sich auch um die Geschichte eines Biotops, eines nahezu herme­tisch abgeschlos­senen Raums. Und damit wird es auch zur Pflicht­lektüre für die Kultur­ver­ant­wort­lichen anderer Städte, um daraus zu lernen.

Menschen, die in der „Szene“ nicht zu Hause sind, und das werden hoffentlich die meisten Leser sein, sei empfohlen, das Buch von hinten zu beginnen. Denn dort finden sich Kurzbio­grafien der inter­viewten Personen. Und die sollte man unbedingt kennen, um die Äußerungen einordnen zu können.

„Der natür­liche Feind des Künstlers ist das Kulturamt“, sagt Manes Mecken­stock, Künstler aus Düsseldorf. Und vermutlich hat er nicht die geringste Ahnung, wie recht er mit seiner Aussage hat. Die Wider­stände des Kulturamts, was die Förderung der Freien Szene angeht, sind nicht nur aus heutiger Sicht abstrus, sondern führten letztlich in eine Richtung, die niemand, der 1973 mit auf die Strecke ging, gewollt haben kann. Die Bretter, die die Stadt bedeuten zeigt auf, wie sich die Freie Szene bei allen gut gemeinten Entschei­dungen der Verant­wort­lichen langsam, aber sicher auf eine Situation zubewegt, die man, wenn schon nicht als Katastrophe, dann mindestens als fatal bezeichnen kann.

Das wird schon aus den wenigen Stellen deutlich, die Lensing und Prüss aus ihrem Buch zitieren. Die Konzen­tration auf drei Spiel­stätten, das Zakk, das FFT, das sich wohlweislich nicht mehr Forum Freies Theater nennt, und das Tanzhaus NRW, hat die Freie Szene in Düsseldorf vor die Wand fahren lassen. Kurz vor dieser Entwicklung endet die wunderbare Geschichts­schreibung des Buches, unglück­li­cher­weise ohne Analyse der gegen­wär­tigen Situation. Die aller­dings hätte auch das nostal­gische Schwelgen empfindlich gestört.

Kaum ist die Buchvor­stellung beendet, entwi­ckeln sich aller­orten Gespräche in verschie­denen Gruppen, die hoffentlich nicht nur der Vergan­gen­heits­be­wäl­tigung dienen. Das Zakk ist eine Spiel­stätte mit eigenem Publikum, die keinem wehtut. Das FFT und das Tanzhaus sind inzwi­schen keine Stätten der Freien Szene mehr, sondern von Aktivisten besetzt, die überfi­nan­ziert sind und mit Veran­stal­tungen aufwarten, die die eigene Klientel bedienen. Viele Ensembles haben aufge­geben. Die Probenraum- und Auffüh­rungs­si­tuation hat sich eklatant verschlechtert. Taten- und machtlos muss die Politik dabei zusehen und zahlen. Eine verrückte Situation, die im Grunde nur das Publikum beenden kann, indem es mit den Füßen abstimmt.

Das soll das Verdienst des Buches in keiner Weise trüben. Lensing, Prüss und ihre Helfer haben mit unglaub­lichem Einsatz ein Stück Düssel­dorfer Stadt­ge­schichte nachge­liefert, das bislang nur in der mündlichen Überlie­ferung existierte. Und sie haben dabei eine Darstellung gefunden, die dem Leser nicht eine eigene Meinung aufzwingt, sondern eine Grundlage zur eigenen Meinungs­bildung anbietet. Viel mehr geht nicht.

Michael S. Zerban

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