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Bronisław Huberman

Piotr Szalsza würdigt den Jahrhun­dert­geiger Bronisław Huberman in einer 500-seitigen Biografie, die beim Hollitzer Verlag erschienen ist und „Leben und Leiden­schaften eines verges­senen Genies“ beschreibt, so der Unter­titel. Karin Coper findet das Buch unbedingt empfehlenswert. 

Piotr Szalsza - Foto © Theaterbrett

Violinvirtuose und Humanist

Die Freiheit der Persön­lichkeit und ihre vorbe­haltlos, von Kasten- und Rassen­fesseln befreite Selbst­ver­ant­wort­lichkeit!’, dies sei die elementare Voraus­setzung unserer europäi­schen Kultur“. Das schreibt der Geiger Bronisław Huberman im Oktober 1933 in einem viel beach­teten Brief an Wilhelm Furtwängler. Der Satz ist Teil von Hubermans Antwort auf die Einladung zu einem Konzert, für das ihn der Dirigent, mit dem er bisher eng verbunden ist, verpflichten will. Ausführlich begründet er seine Absage mit Blick auf die politi­schen Verhält­nisse und den begin­nenden Rassenwahn in Deutschland. An einen unbekannten Adres­saten setzt er nach: „Ich bin Pole, Jude, freier Künstler und Paneu­ropäer. In jeder dieser vier Eigen­schaften muss ich den Hitle­rismus als meinen Todfeind ansehen, den mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen mir meine Ehre … gebietet.“

Diese Haltung ist sympto­ma­tisch für Huberman. Er ist nicht nur ein begna­deter Violinist, sondern auch ein Humanist, der sein Ansehen dazu benutzt, für Menschen­rechte einzu­treten und mutig Stellung gegenüber Missständen zu beziehen. Hinzu kommt, dass er regel­mäßig Konzert­ein­nahmen für wohltätige Zwecke stiftet und  Benefiz­vor­stel­lungen, etwa für Hungernde in Wien, für Erdbe­ben­opfer in Italien und Anatolien, gibt.

Hierzu­lande ist wenig vom Leben des Geigers bekannt und vergessen sind seine Verdienste. Abhilfe schafft seit kurzem eine längst überfällige Biografie, die der Musik­wis­sen­schaftler, Regisseur und Dokumen­tar­filmer Piotr Szalsza vorgelegt hat. Sie erschien bereits 1992 in Polen, wurde aber für die deutsche Ausgabe überar­beitet und erweitert.

Bronisław Huberman wird 1882 im südpolni­schen Częstochowa geboren. Schon mit sechs Jahren erhält er Geigen­un­ter­richt und hat kurz danach seinen ersten öffent­lichen Auftritt. Als Wunderkind reist er durch ganz Europa und wird bald zum Ernährer der Familie. Die frühe Verant­wortung ist die Quelle von gesund­heit­lichen Problemen, die ihm zeitlebens zu schaffen machen.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Auch findet er kein dauer­haftes privates Glück. Die Ehe mit der Schau­spie­lerin Elsa Marguérite Galafrés währt nur drei Jahre, dann verlässt sie ihn für den Kompo­nisten Ernst von Dohnányi. Zum gemein­samen Sohn ist die Beziehung nach der Trennung konflikt­reich. Erst als er erwachsen ist, kommt es wieder zu einer Annäherung. Umso befrie­di­gender verläuft Hubermans Karriere. Sein weit gefächertes Reper­toire wird von Kompo­si­tionen des 19. Jahrhun­derts beherrscht, aber er setzt sich auch für Werke seines Lands­manns Karol Szyma­nowski ein. Gastspiele führen ihn durch die ganze Welt, er ist als Solist genauso gefragt wie als Partner von bedeu­tenden Instru­men­ta­listen der Zeit wie Pablo Casals oder Artur Schnabel. Welche Kraft er aus der Musik schöpft, zeigt sich beispielhaft 1937, als er einen Flugzeug­ab­sturz in Indonesien überlebt und trotz erheb­licher Verlet­zungen ein Jahr später wieder konzertiert.

Die Konfron­tation mit den sozialen Problemen und Folgen des Ersten Weltkriegs markiert eine Zäsur im Leben des Virtuosen. Obwohl sein Termin­ka­lender übervoll ist, beginnt er sich politisch und gesell­schaftlich zu engagieren.

Mitte der 20er Jahre tritt er der paneu­ro­päi­schen Bewegung bei und wird zu einem ihrer engagier­testen Vordenker. Unter dem Titel Vaterland Europa publi­ziert er 1926 eine eigene Schrift zu dem Thema und bekennt sich leiden­schaftlich zur Idee eines Gesamteuropas.

Als Antwort auf die natio­nal­so­zia­lis­tische Politik gründet Huberman 1935 in Tel Aviv das Palästina-Orchester, mit dem er verfolgten Instru­men­ta­listen aus ganz Europa eine Wirkungs­stätte bietet und sie dadurch vor der Vernichtung rettet. Zur Finan­zierung des Projekts gewinnt er Persön­lich­keiten wie Albert Einstein. Die Eröff­nungs­kon­zerte im Dezember 1936 dirigiert Arturo Toscanini, einer der entschie­densten Gegner der faschis­ti­schen Bewegungen. 1948 wird der Klang­körper in Israel Philhar­monic Orchestra umbenannt – es gilt heute als eine der weltweit führenden Formationen.

Als Huberman 1947 in der Schweiz stirbt, bleibt sein Tod weitgehend unbeachtet. Erst 1956 wird zu seinem Andenken in Jerusalem ein Wald gepflanzt, in dessen Mitte ein symbo­li­sches Grabmal aus Steinen aufge­schichtet ist.

Piotr Szalsza hat sich intensiv mit Huberman ausein­an­der­ge­setzt. Kennt­nis­reich, detail­liert und spürbar empathisch nähert er sich dem Geiger. Nicht jedes Konzert hätte erwähnt werden müssen, auch liest sich die Übertragung ins Deutsche bisweilen etwas ungelenk, was dem mehrköp­figen Überset­zungs­kol­lektiv geschuldet sein mag. Doch das ändert nichts an der Bedeutung dieser umfang­reichen, in Teilen ergrei­fenden, unbedingt empfeh­lens­werten Lebens­be­schreibung, die durch den Abdruck von privaten Fotos, Briefen und Dokumenten noch zusätzlich berei­chert wird.

Karin Coper

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