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Schon im Impromptu über den Dirigenten greift Gülke in die Vollen und zitiert durchaus genüsslich Charakterisierungen wie „Luft sortieren“ oder eine „magische, unbegreifliche Himmelsgabe“, der Dirigierstab wird zum „Zauberstab“, der in Legenden auftaucht, an denen die Gemeinten selbst gern mitgestrickt haben. Der Leser ist gespannt. Und die ersten Sätze steigern die Spannung: Gülke betont, dass mit den Dirigenten diejenigen zu den Repräsentanten der Musik aufgestiegen sind, die „selbst keine Töne“ hervorbringen und – historisch betrachtet – „zuletzt gekommen“ sind. Lange Zeit konnte auf sie durchaus verzichtet werden, wenn laut vernehmbar der Takt auf das Notenpult oder den Boden geschlagen wird, was der vielseitig begabte und gebildete Johann Mattheson 1739 noch als „Geprügel, Getöse und Gehämmer“ empfindet, bevor sich der „Taktgeber“ als „Musikdarsteller“ durchsetzt.
Schon merkwürdig, wenn der Autor zu Beginn seines gleichnamigen, etwa 300 Seiten umfassenden Buches vorschlägt, „von ‚Dirigent‘ redet man besser nicht …“. Seine Anmerkungen hierzu sind eher anekdotisch als systematisch, der Leser erfährt, dass die Interpretation von Kompositionen durch Dirigenten oft als „Willkürakt“ empfunden wird, den Orchestern spieltechnische Standards „aufgezwungen werden“, bekannte Interpreten wie Mahler, Toscanini oder George Szell als „Zuchtmeister“ apostrophiert werden. In anderem Zusammenhang mutieren sie zu „Volkserziehern“. Die Meister selbst sind da durchaus rigoros, nach Mahler darf nur der Komponist selbst dirigieren, der Kapellmeister sollte eine Ausnahme bleiben. Wie anders soll sich der Dirigent mit der Musik „innigst identisch machen“, ist er doch in jedem Fall beim „Herstellungsprozess der Musik“ von den Musizierenden abhängig.
Peter Gülke, selbst ausgebildeter Cellist und Musikwissenschaftler, an verschiedenen Bühnen in Europa als Repetitor, Dramaturg und Kapellmeister unterwegs, kann Theorie und Praxis des Musizierens und Dirigierens aus eigener Erfahrung beschreiben. Für seine Publikationen verleiht ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 1995 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Seit 2015 ist Gülke Generalmusikdirektor bei den Brandenburger Symphonikern.
Gülke sieht den Dirigenten als ein „Produkt des 19. Jahrhunderts“, die aufgeführte Musik wird zur „Dirigentenmusik“ nach dem „Kommando eines einzelnen über das Orchester“. Auch die Tatsache, dass „ältere“ Musik durchaus modern und „moderne“ Musik durchaus altertümlich aufgeführt werden kann, belegt die schwer durchschaubare Rolle des „Dirigenten“, hinter dessen Universalzuständigkeit Gülke ein systematisches Fragezeichen setzt.
In gut zwanzig anekdotischen Einzelkapiteln betrachtet und charakterisiert Gülke Dirigenten von Hans von Bülow über Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan bis zu Kurt Sanderling und Igor Markevitch.
Er betrachtet das „Dämonische“ dieser Dirigenten ebenso wie deren „antiprofessionelle Meisterschaft“, ihr angebliches Scheitern ebenso wie ihren – beanspruchten – Universalismus etwa bei Markevitch. In der Gestalt Hans von Bülows und dessen widersprüchlicher Persönlichkeit sieht Gülke wie 1925 schon Adolf Weissmann „den Berufsdirigenten als Lenker und Mittelpunkt des Konzerts“, der endlich vom Taktschläger und Kapellmeister zum Künstler avanciert. In der Welt der Komponisten und Dirigenten um Wagner, Liszt, Mahler, Mendelssohn und Strauss sieht sich von Bülow lange Zeit als „Taktstock Wagners“, der dessen Zuneigung sicher ist. In den Auseinandersetzungen mit Orchesterleitern seiner Zeit entdeckt er die „Interpretation als eigene Dimension“ und die „Macht-Spielräume des Dirigierenden“, vermutet mit Alexander Berrsche in Gustav Mahlers Dirigat „knappe, pantherhafte Gebietergesten“, gar ein „Savonarola-Temperament“, das auch vor Zurechtweisungen von Personal und Zuschauern nicht zurückschreckt. Spannend seine Überlegungen zur Grenze zwischen Komposition und Interpretation. Adorno sieht in Strauss einen „der größten Dirigenten mit dem Mut zum Ungeheuren“.
Selbst dem Bücherschrank von Herbert von Karajan widmet Gülke einen Abschnitt, um in diesem Kontext den Abstand von musikalischer Praxis und Theorie zu diskutieren. Im Dirigenten Karajan sieht Gülke ein enges „Beieinander von Kunstanspruch und Machtimperium, musikalischen Erfüllungen und Bedienung des Jahrmarkts der Eitelkeiten“, in der Person einen „Macht- und Willensmenschen“. Er greift auch gern auf ein Bonmot Karajans zurück, der sich selbst als Dirigent und Orchesterleiter zugespitzt so charakterisiert: „Wenn einer singt, bestimmt er; wenn mehr als einer singt, bestimme ich.“
Ob Gülke in den folgenden Kapiteln Richard Strauss wieder auf den Boden stellt, Arturo Toscaninis Charakterisierung als „Maestro aller Maestros“ überprüft, Wilhelm Furtwängler eine „antiprofessionelle Meisterschaft“ zuerkennt, das „Urgestein“ Kurt Masur als einen der wenigen Dirigenten identifiziert, der die Musik auch in politischer Verantwortung sieht oder der ganzen Zunft das Schamanenhafte abspricht, solche Fragen und Analysen sind einfach spannend. Die gezeichneten Bilder sind gespickt mit sorgfältig erforschten Detailinformationen, unzähligen bunten, anekdotenhaften Mosaiksteinchen und amüsierenden Splittern aus dem Umfeld des Musikbetriebes.
Ähnlich markant charakterisiert Gülke gut ein Dutzend weiterer Dirigenten der europäischen Musikgeschichte. Er scheut dabei nicht vor klaren Worten, auch nicht vor drastischen Bildern und Formulierungen, er verzichtet auf eine akademisch verblasene Sprache, wie sie manches Musik-Feuilleton kennzeichnet. Eine siebenseitige Fotoauswahl in der Mitte des Buches dient als optische Erinnerung, kann aber auch als Beleg für die eine oder andere Charakterisierung gelten. Gülke hält genügend Abstand zu seinem jeweiligen Gegenstand, wählt eine ironische bis spitze Sprache, berührt gelegentlich auch wissenschaftstheoretische Fragen. So diskutiert er etwa im Bülow-Kapitel ausführlich den Begriff von Musik. Seine differenzierten Darstellungen der Persönlichkeiten der Dirigenten reichert Gülke um manche Beobachtungen gesellschaftlicher Umstände an, in denen sich „seine“ Dirigenten bewegen, etwa wenn er an die Idee erinnert, mit Kurt Masur die DDR auf einen neuen, „Dritten Weg“ zu bringen.
In einer Art Zusammenfassung geht Gülke zum Schluss auf die Perspektiven des Dirigentenbildes von heute ein und sieht wie Christoph von Dohnányi das Ende des „patriarchalischen Systems“, ja, des „Zeitalters der Dirigenten“, wenn die Musik um „die zu ihr gehörige Vergänglichkeit“ immer mehr betrogen wird. Diese Merkmale des Betriebes greifen nach Gülke „ins Innere der Interpretation“, und von Dohnányi ist überzeugt, um Aufmerksamkeit zu erzielen, darf man „auf keinen Fall dirigieren, wie es in der Partitur steht.“
So bietet Gülkes Werk Dirigenten bei aller Dichtheit neben umfangreichen, häufig neuen Fakten ein gehöriges Maß an niveauvoller Unterhaltung, die vielen Musikliebhabern durch ihre doppelte Nähe zur Musik Freude bereiten wird. Ob sich der Leser, wenn er sich in die kenntnisreichen, scharf analysierten und gleichwohl unterhaltsamen Kapitel des Dirigenten vertieft, dem Dilemma „der Musik, dass Schöpfung und Realisierung auseinanderfallen“ entgehen kann, sich aussetzen will, ist wohl allgemein nicht zu beantworten. Doch die Konzert-Aufnahme eines Abendroth-Konzertes oder ein live-stream eines gestern aufgeführten Konzerts sind heute ebenfalls „Realisierungen“ kompositorischer Ideen, die dem Zuhörer beim knisternden Feuer des Kamins und einem Glas Rotwein die Realität der Musik genussvoll nahe bringen können.
Horst Dichanz