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Dirigenten

Dirigenten werden als Helden der Musik gefeiert, ein Orchester scheint ohne Dirigenten gar nicht existieren zu können. Mit dieser Mär räumt Peter Gülke in seinem Buch auch anhand durchaus promi­nenter Beispiele gründlich auf. Horst Dichanz hat das Werk gelesen. Ihm gefallen die klaren Worte, die Gülke wählt, um einen Weg zu beschreiben, der längst zur Sackgasse geworden ist. 

Peter Gülke - Foto © Steffi Loos

Luft sortieren

Schon im Impromptu über den Dirigenten greift Gülke in die Vollen und zitiert durchaus genüsslich Charak­te­ri­sie­rungen wie „Luft sortieren“ oder eine „magische, unbegreif­liche Himmelsgabe“, der Dirigierstab wird zum „Zauberstab“, der in Legenden auftaucht, an denen die Gemeinten selbst gern mitge­strickt haben. Der Leser ist gespannt. Und die ersten Sätze steigern die Spannung: Gülke betont, dass mit den Dirigenten dieje­nigen zu den Reprä­sen­tanten der Musik aufge­stiegen sind, die „selbst keine Töne“ hervor­bringen und – histo­risch betrachtet – „zuletzt gekommen“ sind. Lange Zeit konnte auf sie durchaus verzichtet werden, wenn laut vernehmbar der Takt auf das Notenpult oder den Boden geschlagen wird, was  der vielseitig begabte und gebildete Johann Mattheson 1739 noch als „Geprügel, Getöse und Gehämmer“ empfindet, bevor sich der „Taktgeber“ als „Musik­dar­steller“ durchsetzt.

Schon merkwürdig, wenn der Autor zu Beginn seines gleich­na­migen, etwa 300 Seiten umfas­senden Buches vorschlägt, „von ‚Dirigent‘ redet man besser nicht …“. Seine Anmer­kungen hierzu sind eher anekdo­tisch als syste­ma­tisch, der Leser erfährt, dass die Inter­pre­tation von Kompo­si­tionen durch Dirigenten oft als „Willkürakt“ empfunden wird, den Orchestern spiel­tech­nische Standards „aufge­zwungen werden“, bekannte Inter­preten wie Mahler, Toscanini oder George Szell als „Zucht­meister“ apostro­phiert werden. In anderem Zusam­menhang mutieren sie zu „Volks­er­ziehern“. Die Meister selbst sind da durchaus rigoros, nach Mahler darf nur der Komponist selbst dirigieren, der Kapell­meister sollte eine Ausnahme bleiben. Wie anders soll sich der Dirigent mit der Musik „innigst identisch machen“, ist er doch in jedem Fall beim „Herstel­lungs­prozess der Musik“ von den Musizie­renden abhängig.

Peter Gülke, selbst ausge­bil­deter Cellist und Musik­wis­sen­schaftler, an verschie­denen Bühnen in Europa als  Repetitor, Dramaturg und Kapell­meister unterwegs, kann Theorie und Praxis des Musizierens und Dirigierens aus eigener Erfahrung beschreiben. Für seine Publi­ka­tionen verleiht ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 1995 den Sigmund-Freud-Preis für wissen­schaft­liche Prosa. Seit 2015 ist Gülke General­mu­sik­di­rektor bei den Branden­burger Symphonikern.

Gülke sieht den Dirigenten als ein „Produkt des 19. Jahrhun­derts“, die aufge­führte Musik wird zur „Dirigen­ten­musik“ nach dem „Kommando eines einzelnen über das Orchester“. Auch die Tatsache, dass „ältere“ Musik durchaus modern und „moderne“ Musik durchaus alter­tümlich aufge­führt werden kann, belegt die schwer durch­schaubare Rolle des „Dirigenten“, hinter dessen Univer­sal­zu­stän­digkeit Gülke ein syste­ma­ti­sches Frage­zeichen setzt.

In gut zwanzig anekdo­ti­schen Einzel­ka­piteln betrachtet und charak­te­ri­siert Gülke Dirigenten von Hans von Bülow über Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan bis zu Kurt Sanderling und Igor Markevitch.

Er betrachtet das „Dämonische“ dieser Dirigenten ebenso wie deren „antipro­fes­sio­nelle Meister­schaft“, ihr angeb­liches Scheitern ebenso wie ihren – beanspruchten – Univer­sa­lismus etwa bei Marke­vitch. In der Gestalt Hans von Bülows und dessen wider­sprüch­licher Persön­lichkeit sieht Gülke wie 1925 schon  Adolf Weissmann „den Berufs­di­ri­genten als Lenker und Mittel­punkt des Konzerts“, der endlich vom Taktschläger und Kapell­meister zum Künstler avanciert.  In der Welt der Kompo­nisten und Dirigenten um Wagner, Liszt, Mahler, Mendelssohn und Strauss sieht sich von Bülow lange Zeit als „Taktstock Wagners“, der dessen Zuneigung sicher ist. In den Ausein­an­der­set­zungen mit Orches­ter­leitern seiner Zeit entdeckt er die „Inter­pre­tation als eigene Dimension“ und die „Macht-Spiel­räume des Dirigie­renden“, vermutet mit Alexander Berrsche in Gustav Mahlers Dirigat „knappe, panther­hafte Gebie­ter­gesten“, gar ein „Savonarola-Tempe­rament“, das auch vor Zurecht­wei­sungen von Personal und Zuschauern nicht zurück­schreckt. Spannend seine Überle­gungen zur Grenze zwischen Kompo­sition und Inter­pre­tation. Adorno sieht in Strauss einen „der größten Dirigenten mit dem Mut zum Ungeheuren“.

Selbst dem Bücher­schrank von Herbert von Karajan widmet Gülke einen Abschnitt, um in diesem Kontext den Abstand von musika­li­scher Praxis und Theorie zu disku­tieren. Im Dirigenten Karajan sieht Gülke ein enges „Beiein­ander von Kunst­an­spruch und Macht­im­perium, musika­li­schen Erfül­lungen und Bedienung des Jahrmarkts der Eitel­keiten“, in der Person einen „Macht- und Willens­men­schen“. Er greift auch gern auf ein Bonmot Karajans zurück, der sich selbst als Dirigent und Orches­ter­leiter zugespitzt so charak­te­ri­siert: „Wenn einer singt, bestimmt er; wenn mehr als einer singt, bestimme ich.“

Ob Gülke in den folgenden Kapiteln Richard Strauss wieder auf den Boden stellt, Arturo Tosca­ninis Charak­te­ri­sierung als „Maestro aller Maestros“ überprüft, Wilhelm Furtwängler eine „antipro­fes­sio­nelle Meister­schaft“ zuerkennt, das „Urgestein“ Kurt Masur als einen der wenigen Dirigenten identi­fi­ziert, der die Musik auch in politi­scher Verant­wortung sieht oder der  ganzen Zunft das Schama­nen­hafte abspricht,  solche Fragen und Analysen sind einfach spannend. Die gezeich­neten Bilder sind gespickt mit sorgfältig erforschten Detail­in­for­ma­tionen, unzäh­ligen bunten, anekdo­ten­haften Mosaik­steinchen und amüsie­renden Splittern aus dem Umfeld des Musikbetriebes.

Ähnlich markant charak­te­ri­siert Gülke gut ein Dutzend weiterer Dirigenten der europäi­schen Musik­ge­schichte. Er scheut dabei nicht vor klaren Worten, auch nicht vor drasti­schen Bildern und Formu­lie­rungen, er verzichtet auf eine akade­misch verblasene Sprache, wie sie manches Musik-Feuil­leton kennzeichnet. Eine sieben­seitige Fotoauswahl in der Mitte des Buches dient als optische Erinnerung, kann aber auch als Beleg für die eine oder andere Charak­te­ri­sierung gelten. Gülke hält genügend Abstand zu seinem jewei­ligen Gegen­stand, wählt eine ironische bis spitze Sprache, berührt gelegentlich auch wissen­schafts­theo­re­tische Fragen.  So disku­tiert er etwa im Bülow-Kapitel ausführlich den Begriff von Musik. Seine diffe­ren­zierten Darstel­lungen der Persön­lich­keiten der Dirigenten reichert Gülke um manche Beobach­tungen gesell­schaft­licher Umstände an, in denen sich „seine“ Dirigenten bewegen, etwa wenn er an die Idee erinnert, mit Kurt Masur die DDR auf einen neuen,  „Dritten Weg“ zu bringen.

In einer Art Zusam­men­fassung geht Gülke zum Schluss auf die Perspek­tiven des Dirigen­ten­bildes von heute ein und sieht wie Christoph von Dohnányi das Ende des „patri­ar­cha­li­schen Systems“, ja, des „Zeitalters der Dirigenten“, wenn die Musik um „die zu ihr gehörige Vergäng­lichkeit“ immer mehr betrogen wird. Diese Merkmale des  Betriebes greifen nach Gülke „ins Innere der Inter­pre­tation“, und von Dohnányi ist überzeugt, um Aufmerk­samkeit zu erzielen, darf man „auf keinen Fall dirigieren, wie es in der Partitur steht.“

So bietet Gülkes Werk Dirigenten bei aller Dichtheit neben umfang­reichen, häufig neuen Fakten ein gehöriges Maß an niveau­voller Unter­haltung, die vielen Musik­lieb­habern durch ihre doppelte Nähe zur Musik Freude bereiten wird. Ob sich der Leser, wenn er sich in die kennt­nis­reichen, scharf analy­sierten und gleichwohl unter­halt­samen Kapitel des Dirigenten vertieft, dem Dilemma „der Musik, dass Schöpfung und Reali­sierung ausein­an­der­fallen“ entgehen kann, sich aussetzen will, ist wohl allgemein nicht zu beant­worten. Doch die Konzert-Aufnahme eines Abendroth-Konzertes oder ein live-stream eines gestern aufge­führten Konzerts sind heute ebenfalls „Reali­sie­rungen“ kompo­si­to­ri­scher Ideen, die dem Zuhörer beim knisternden Feuer des Kamins und einem Glas Rotwein die Realität der Musik genussvoll nahe bringen können.

Horst Dichanz

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