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Zu Christian Thielemanns 60. Geburtstag ist im vergangenen Jahr ein gigantischer Bildband erschienen. Gut 2,5 kg schwer, im quadratischen Format von 27 x 27 cm mit 258 Fotos, die bisweilen die ganze Buchseite einnehmen. Über 250 Fotos von Christian Thielemann, die eigentlich immer nur das eine zeigen: Christian Thielemann dirigiert. Also ein Lehrbuch über die Kunst des Dirigierens? Eine Dirigierschule? Oder doch ein überhöhtes Selbstporträt eines Ausnahmedirigenten? Beileibe nicht. Was also ist das Besondere an diesem Bildband, der mit 99 Euro nun auch nicht grade preiswert ist. Es sind die fast schon intimen Momente beim Dirigieren, der Gesichtsausdruck, die Körperspannung, der Blick der Augen, die Öffnung des Mundes, die Thielemann zeigen, wie er die Musik, die er mit seinen Händen formt, lebt, wie er sie atmet, wie sie durch ihn dringt.
Es sind keine gestellten Hochglanzfotos von großen Bühnenauftritten, es sind Schnappschüsse von der harten Probenarbeit, mit Schweißtropfen auf der Stirn, zerzaustem Haar und teilweise Grimassen, die man bei Thielemann zuvor noch nie gesehen hat, weil ihm während der Proben oder auch den Aufführungen kein Mensch so nahe kommt.
Auch die Entstehungsgeschichte zu diesem Bildband ist ungewöhnlich, ja schon fast skurril. Die in Wien legendäre Kommerzialrätin Rudolfine Steindling, genannt die „Rote Fini“, die in der Wendezeit das Vermögen der DDR-Staatspartei SED ins Ausland transferiert haben soll, sei die Impuls- und Ideengeberin für dieses Buch gewesen. Eigentlich kaum vorstellbar, aber so soll es gewesen sein, beschreibt Autor Clemens Trautmann in seinem als „Genese“ bezeichnetem Vorwort. Als Freundin der klassischen Musik war Steindling regelmäßig zu Gast bei Christian Thielemanns Dirigaten an der Wiener Staatsoper und im Musikverein. Sie machte aus ihrer umfangreichen Sammlung von Musik-Autografen Christian Thielemann einzelne Handschriften zugänglich. Sie wies daraufhin, wie aufregend Thielemanns Gestik sein und wie er mit den Händen den Klang forme. Darüber müsse man unbedingt ein Buch machen, und der Lammerhuber, Verleger und Fotograf, sei doch dafür der Beste! Eine Idee war geboren.
Anfang 2013, die Steindling war wenige Wochen zuvor verstorben, sitzen der Fotograf Lois Lammerhuber und der Philharmoniker Michael Bladerer bei einem Drink zusammen im Hotel Sacher, als unverhofft Christian Thielemann den Raum betritt. Und noch in dieser Nacht wird das Buchprojekt besiegelt.
Die ersten Fotos werden bei den Proben zum Silvesterkonzert in der Semperoper Ende 2013 gemacht. Im drauffolgenden Jahr entstehen Tausende weitere Probenfotos in Dresden und bei den Osterfestspielen in Salzburg. Doch wer soll die Fülle von Fotos sichten, daraus ein Buch konzipieren und die passenden Texte dazu schreiben? Der Journalist Mathias Döpfner, den Christian Thielemann um Rat gefragt hat, bespricht diese Anfrage mit Clemens Trautmann, seinem ehemaligen Büroleiter und jetzigen Präsidenten der Deutschen Grammophon, bei der Thielemann zahlreiche Aufnahmen veröffentlichte. Und Trautmann entscheidet, dieses Buch mit den Fotos von Lammerhuber und Thielemann zusammen zu konzipieren und zu schreiben. Im Sommer 2015 wird Christian Thielemann zum Musikdirektor der Bayreuther Festspiele ernannt und eröffnet die Festspiele mit der Neuinszenierung von Tristan und Isolde in der Inszenierung von Katharina Wagner. Lois Lammerhuber ist der erste Fotograf, der während einer laufenden Aufführung – der Generalprobe – im mystischen Bayreuther Orchestergraben fotografieren darf, mit einem Schallschutzgehäuse, das die Geräusche des Kameraauslösers dämpft.
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Im Laufe der Jahre 2016 und 2017 erfolgen dann intensive Sitzungen mit Christian Thielemann, in denen vor allem Fotos gesichtet, Ideen diskutiert und Kommentare aufgezeichnet werden. Im Vordergrund steht die Authentizität der Bilder, denn noch nie hat ein Dirigent zuvor eine solche Nähe zugelassen. Und eins wird schnell klar: Die Kamera glorifiziert nicht, sie entmystifiziert durch schonungslose Nahaufnahmen der Gestik und Mimik unter Verzicht auf jegliche Posen oder gekünstelte Einstellungen. Wie bei Sportaufnahmen werden die Fotos in zum Teil rascher Abfolge geschossen, viele sind dadurch auch etwas unscharf oder verschwommen, was aber der Authentizität und dem Ausdruck der Fotos überhaupt keinen Abbruch tut. Ein wesentlicher Teil der Konzeption ist auch, dass die Bilder streng chronologisch angeordnet sind. So wird der Prozess der Probenarbeit, des Dirigates mit all seinen Emotionen bei geistiger und körperlicher Hingabe auf eine Art und Weise sichtbar, die so in dieser Form einzigartig ist. Und es brauchte fast sieben Jahre von der Idee bis zur Veröffentlichung dieses Bildbandes. Auch das ein Zeichen, dass es dem Autor, dem Fotografen und nicht zuletzt der Hauptperson des Bildbandes, dem Dirigenten Christian Thielemann, darum ging, etwas ganz Einmaliges zu gestalten und den langwierigen künstlerischen Prozess zu dokumentieren, als ein schnelles Buch auf den Markt zu werfen.
In seinem Vorwort zu diesem Buch schreibt Thielemann, mittlerweile Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele und künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg, wie er überhaupt Dirigent geworden ist. Prägend für den jungen Thielemann war sein Mentor Herbert von Karajan, der mit ihm statt über Wagner, Beethoven oder Bruckner über Lehárs Lustige Witwe sprach und dass man ein anständiger Pianist sein müsse, um die Klavierauszüge zu beherrschen. Als Korrepetitor hat er sich viel von anderen Dirigenten abgeschaut, aber er war vor allem Autodidakt und befolgte den Rat von Hans Hilsdorf, dem damaligen Studienleiter der Deutschen Oper: „Man lernt Dirigieren nur, indem man es macht.“ Und daran hat Thielemann sich bis heute gehalten. Und der Ausdruck der Hände, ob mit oder ohne Taktstock, mit denen man den Klang quasi formt, mit denen man phrasiert, sowie der Blickkontakt zu den Musikern und Sängern, das steht bei Thielemann im Vordergrund, und genau auf diese Stilelemente fokussieren sich die Bilder. Der Leser oder besser gesagt der Betrachter der Bilder stellt eines sehr schnell fest: Dirigieren ist reines Handwerk. Doch wie daraus im Zusammenwirken mit dem Orchester ein komplexes Klanggebilde entstehen kann, das war schon immer Gegenstand von Mythen, die sich um die großen Dirigenten aller Epochen ranken. Christian Thielemann ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten Vertreter seines Faches. An den drei zentralen Orten seines Schaffens sind die Bilder entstanden. Dem Betrachter eröffnet sich dadurch eine neue Sichtweise des Dirigierens.
Thielemann verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes Mozarts, Verdis und Wagners Musik, formt sie mit seinen Händen, seiner Gestik und Mimik und eröffnet so einen ungeahnten Zugang zum Wesenskern des Dirigierens. Es sind die Bilder von Proben zu vier Aufführungen unter der Leitung von Christian Thielemann, die in diesem Bildband dokumentiert sind. Die zwei Requiems von Verdi und Mozart, Wagners Tristan und Isolde sowie das Silvesterkonzert in Dresden.
Es beginnt am 11. Februar 2014 mit den Proben für das Verdi-Requiem an der Semperoper Dresden, das für Thielemann und für Dresden eine besondere Bedeutung hat, gedenkt man doch mit diesem Konzert dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens und der fast völligen Zerstörung der Stadt mit Zehntausenden von Toten. Diese besondere Stimmung ist alljährlich in Dresden spürbar, und diese besondere Stimmung will Thielemann auf das Gedenkkonzert übertragen und muss sie schon in die Proben hinein transferieren. Auf den folgenden 50 Seiten finden wir großformatige Probenfotos, die genau diese besondere Stimmungslage zum Ausdruck bringen.

Thielemann im blauen Polohemd, hoch konzentriert, ein akribischer Arbeiter. Alle Probenbilder zeigen ihn ohne Taktstock, dafür mit unterschiedlichen Gesten. Mal sind Daumen und Zeigefinger verbunden, mal der Zeigefinger erhoben. Der Mund manchmal weit geöffnet, dann wieder schmal zusammengepresst. Die Augen mal weit aufgerissen, mit einem schon erschrockenen Gesichtsausdruck, mal angespannt, mal lächelnd entspannt. Die Bandbreite der Emotionen innerhalb kürzester Zeit ist enorm. Jedes Foto ist übrigens von der Uhrzeit exakt datiert, mit kleinen Kommentaren in Deutsch und in Englisch untertitelt, wie im Übrigen das gesamte Buch zweisprachig aufgebaut ist.
Der Probenbeginn ist um 10:20 Uhr, schon um 10:53 Uhr ist das Haar zerzaust, das Kinn energisch vorgeschoben, der Blick wirkt böse, seine Arme sind fest verschränkt, das Foto strahlt schon eine gewisse Aggressivität aus. Würde man das Bild ohne Kontext und erklärenden Kommentar betrachten, so erhielte man den Eindruck eines verärgerten, ja despotischen Dirigenten. Doch der Kommentar von Christian Thielemann zu diesem Bild erklärt und relativiert die Situation. „Energie sammeln vor einem Ausbruch oder Durchbruch. Körper, Gesicht und Arme weisen in verschiedene Richtungen, um alle zu erreichen. Hin und wieder wähle ich einen Musiker als Augenhaltepunkt. Und wenn dann nun gerade die Stelle kommt, entlädt sie sich dort. Der Kollege wundert sich vielleicht, warum ich jetzt gerade ihn oder sie an dieser Stelle so intensiv angucke. Ein erfahrener Orchestermusiker weiß natürlich, dass es nicht böse oder persönlich gemeint ist“, schreibt Thielemann.
Die Probe dauert noch eine weitere Stunde, und weitere fünfzehn großformatige Bilder plus Fotos vom Klavierauszug dokumentieren diesen Prozess und zeigen Thielemann, wie er nicht nur mit den Händen taktiert, sondern wie er mit seinem ganzen Körper die Musik lebt und verbal und nonverbal mit den Musikern kommuniziert. Besonders plastisch wirken die Bilder dann, wenn man die Aufnahme von Verdis Requiem mit der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung von Thielemann sich anhört, dann wirken die Bilder noch lebendiger. Das gilt auch für die anderen drei Kapitel, denn zu allen in diesem Bildband beschriebenen Konzerten respektive Aufführungen gibt es die entsprechende Gesamtaufnahme auf CD.
Zwei Monate nach dem Verdi-Requiem stehen die nächsten Proben auf dem Plan. Am 7. April 2014 werden die Proben für das Mozart-Requiem im Großen Festspielhaus in Salzburg in Bildern dokumentiert. Für Thielemann ist Salzburg in ähnlicher Weise eine Werkstatt wie Bayreuth, eine Art Laboratorium für Mozart, an dem man auch mit den Werken experimentiert. Allerdings ist die Probenzeit limitiert, die Musiker und der Chor haben nur einen Tag, um die Feinheiten und Nuancen für die bevorstehende Festspielaufführung einzustudieren. Auf 63 großformatigen Fotos und 90 Seiten wird eine etwa zweistündige Probe dokumentiert. Wieder steht Thielemann in seinem blauen Polohemd vor den Musikern, wieder ohne Taktstock, und es könnte vordergründig ohne erklärenden Kommentar auch die Fortsetzung der Probe aus Dresden sein. Doch schnell erkennt man, dass Mimik und Gestik sich im Minutentakt ändern, und wie die Konzentration und Fokussierung das optische Erscheinungsbild von Thielemann verändern. So ist beispielsweise ein Foto abgebildet, das Thielemann mit rausgestreckter Zunge zeigt. Ohne Kommentar würde das Bild aller Wahrscheinlichkeit einen falschen Eindruck vermitteln. „Für die Artikulation der Sänger trägst Du als Dirigent auch Verantwortung. Damit der Text verständlich ist. Das ist eine Frage der Balance zwischen Chor und Orchester. Der wunderbare Staatsopernchor reagiert hier sofort. Prima. Eine solche Geste wie die mit der Zunge kann aber auch zu viel sein – dann überzeichnet ein gutes Ensemble ebenfalls“, kommentiert Thielemann das Foto, das nach etwa einer Stunde Probenzeit entstanden ist.
Wir lernen also, dass auch eine ausgestreckte Zunge kein despektierliches Verhalten bedeutet, sondern durchaus als ein Hilfsmittel des Dirigenten bei der Formung des Klanges angesehen werden kann. Es sind die feinen, kleinen Gesten, die vielleicht den Unterschied machen. Ganz besonders deutlich wird das in der 80-seitigen Dokumentation der Generalprobe zu Wagners Tristan und Isolde in Bayreuth am 20. Juli 2015. Für Thielemann ist dieses Werk ein besonderes. Nachdem er es in Wien zuletzt aufgeführt hatte, hätte ihn das Werk so aufgeregt, dass er sich Sorgen machte, bei der nächsten Aufführung einen Herzinfarkt zu bekommen.
Und da wäre er ja nicht der Erste. Die Dirigenten Felix Mottl und Joseph Keilberth starben nach oder während einer Aufführung von Tristan und Isolde. Deshalb habe Thielemann es in Bayreuth ganz anders gemacht, das Werk bewusst auf Distanz gehalten. Die Emotionalität habe er im Griff, und er bestimme, wie weit die Musik narkotisiere. Für ihn ist der Bayreuther Tristan quasi „subtile Anästhesie“. Hinzu kommt im Bayreuther Festspielhaus als besonderes Momentum die besondere Akustik im überdeckten Orchestergraben und die teilweise seitenverkehrte Anordnung der Orchestermusik zum Tragen, eine besondere Herausforderung für jeden Dirigenten auf dem Grünen Hügel, das gilt auch für Thielemann. Wie kräftezehrend das Werk ist, sieht und spürt man in den Fotos nach etwa einer Stunde, also in der Liebestrank-Szene. Thielemanns Haare sind schweißnass, die Mimik schon fast ausdruckslos, die Augen teilweise weit aufgerissen. Gibt es einen Patzer im Orchester, dann sieht man Thielemann die Unzufriedenheit darüber an; dazu gibt es sehr aufschlussreiche Fotos. Der erste Aufzug hat Thielemann so geschafft, dass er in der Pause duschen muss und das rote Polohemd gegen ein blau gestreiftes eintauscht. Die Bilder werden immer intensiver, Lois Lammerhuber hat da ein besonderes Gespür für den Moment entwickelt und schafft es immer wieder, Bilder mit ganz speziellem Ausdruck einzufangen, das gilt vor allem für den intensiven dritten Akt des Werkes. Das wird besonders deutlich, wenn acht Fotos in schneller Sequenz geschossen eine „Kurve gradueller Steigerung und Entspannung“ dokumentieren. Eines der herausragenden Fotos, die in diesem Bildband dokumentiert sind, ist Lammerhuber bei dieser Generalprobe um 21:29 Uhr gelungen, als Tristan, vom Wahnsinn befallen, O diese Sonne singt. Ein leicht verschwommener Schnappschuss zeigt Thielemann in einem Moment höchster schmerzvoller Anspannung, von der Distanz zu diesem Werk ist in diesem Moment nichts zu spüren. „Der Dirigent leidet mit Tristan. Die Partie ist geradezu mörderisch schwer. Ein enger gestischer und geistiger Kontakt ist hier wichtig, um den fabelhaften Stephen Gould an kritischen Stellen zu unterstützen“, schreibt Thielemann selbst zu diesem Bild.
Bevor der Bildband mit den Fotos zu den Konzertproben für das Silvesterkonzert 2013 schließt, ist noch ein sehr aufschlussreiches Gespräch zwischen Christian Thielemann und Clemens Trautmann über das Dirigieren abgedruckt, ebenfalls in deutscher und englischer Sprache. Zum Schluss kommt dieses Gespräch auch auf die Auswahl und die Farben der Polohemden zu sprechen, die ja mittlerweile ein Markenzeichen von Thielemann sind. Auf die Frage, welches Foto von Dirigenten sein Idealbild sei, antwortet Thielemann mit entwaffnender Offenheit: „Für mich ist die beeindruckendste Photographie die von Hans Knappertsbusch. Wenn ich betagt bin und noch halbwegs gesund, möchte ich so aussehen wie der alte Knappertsbusch. Wie er da in Bayreuth sitzt, bekleidet mit einem einfachen Hemd, darüber die Hosenträger, das Haar hängt herunter, den Taktstock in der Hand – irgendwie ist dem alles egal, und das macht dieses Bild so besonders. Ich möchte nicht gelackt aussehen. Ich möchte nicht die Haare nach hinten gegelt haben. Ich möchte kein neurotischer Schönling sein. Ich möchte mich einfach hinsetzen und sagen, ohne viele Worte: Jetzt spielt ihr einfach Götterdämmerung. Haltet das Maul und spielt die Götterdämmerung und guckt hin und ich gucke.“
Die finalen Bilder zu den Proben des Silvesterkonzertes zeigen den Dirigenten Thielemann, der das scheinbar leichte Genre der Operette genauso ernst und konzentriert angeht wie eine Wagner-Aufführung, auch wenn der Leidenspegel hier deutlich geringer ausfallen dürfte. Doch auch hier gibt es Momente, in denen Thielemann sich die Haare rauft und das Foto dahingehend kommentiert, dass „das Operetten-Repertoire seine Herausforderungen hat. Wenn die Solisten eine Stelle mit Rubato singen, also sich rhythmische Freiheiten nehmen, bedarf es klarer Führung mit dem Taktstock, damit das Stück nicht auseinanderfällt.“ Und noch eine schöne Anekdote zeigt ein Bild von Thielmann in die Hocke gehend, den linken Arm auf seinem Hocker abgestützt, die Hände geöffnet. „Zarter und leiser, wenn ich bitten darf. Das ist übrigens der Hocker, der in Berlin speziell auf meine Beinlänge angepasst wurde und den ich seit zwanzig Jahren überall mit hinnehme. Er war schon in Dresden, Moskau, New York, Tokio, Wien. Mehrfach neu gestrichen und bezogen“, ist das Bild unterschrieben.
Wenn man diesen Bildband durchgearbeitet hat, stellt sich fast so etwas wie Erschöpfung ein, denn die Fotos, die Lammerhuber da aufgenommen hat, sind so lebendig, dass man eindringt in die Musik, ja innerlich sogar selbst mitdirigiert. Es ist kein Lehrbuch für Hochschüler, aber eine visuelle Dirigierschule für Freunde der Oper und der klassischen Musik, die eintauchen wollen in die Welt eines Dirigenten, der in der Lage ist, mit „seinen Händen Klang zu formen“, wie es einst Rudolfine Steindling formulierte. Es ist aber auch ein wertvolles und auf seine Art sicher einzigartiges Zeitdokument, was man in den Händen hält. Dieser Bildband ist sicher ein wunderschönes Geschenk für alle, die diese Musik lieben, und für Thielemann-Fans sogar ein Muss. Und dafür, dass man so nah dran ist an dem Maestro, gebührt hier vor allem dem Fotografen und Verleger Lois Lammerhuber ein großes Kompliment, mit dem Gespür für den richtigen Moment auf den Auslöser-Knopf der Kamera gedrückt zu haben.
Andreas H. Hölscher