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Dirigieren

Eine neue Biografie über den Dirigenten Christian Thielemann anlässlich seines 60. Geburts­tages im vergan­genen Jahr würdigt das kreative Schaffen des Musikers mit ungewöhnlich ausdrucks­starken Bildern. Andreas H. Hölscher hat sich den Bildband, der in der Edition Lammer­huber erschienen ist, ausführlich angeschaut und ist trotz des Preises begeistert. 

Christian Thielemann, Lois Lammerhuber und Clemens Trautmann (v.l.n.r.) - Foto © privat

Ganz nah dran am Maestro

Zu Christian Thiele­manns 60. Geburtstag ist im vergan­genen Jahr ein gigan­ti­scher Bildband erschienen. Gut 2,5 kg schwer, im quadra­ti­schen Format von 27 x 27 cm mit 258 Fotos, die bisweilen die ganze Buchseite einnehmen. Über 250 Fotos von Christian Thielemann, die eigentlich immer nur das eine zeigen: Christian Thielemann dirigiert. Also ein Lehrbuch über die Kunst des Dirigierens? Eine Dirigier­schule? Oder doch ein überhöhtes Selbst­porträt eines Ausnah­me­di­ri­genten? Beileibe nicht. Was also ist das Besondere an diesem Bildband, der mit 99 Euro nun auch nicht grade preiswert ist. Es sind die fast schon intimen Momente beim Dirigieren, der Gesichts­aus­druck, die Körper­spannung, der Blick der Augen, die Öffnung des Mundes, die Thielemann zeigen, wie er die Musik, die er mit seinen Händen formt, lebt, wie er sie atmet, wie sie durch ihn dringt.

Es sind keine gestellten Hochglanz­fotos von großen Bühnen­auf­tritten, es sind Schnapp­schüsse von der harten Proben­arbeit, mit Schweiß­tropfen auf der Stirn, zerzaustem Haar und teilweise Grimassen, die man bei Thielemann zuvor noch nie gesehen hat, weil ihm während der Proben oder auch den Auffüh­rungen kein Mensch so nahe kommt.

Auch die Entste­hungs­ge­schichte zu diesem Bildband ist ungewöhnlich, ja schon fast skurril. Die in Wien legendäre Kommer­zi­al­rätin Rudolfine Steindling, genannt die „Rote Fini“, die in der Wendezeit das Vermögen der DDR-Staats­partei SED ins Ausland trans­fe­riert haben soll, sei die Impuls- und Ideen­ge­berin für dieses Buch gewesen. Eigentlich kaum vorstellbar, aber so soll es gewesen sein, beschreibt Autor Clemens Trautmann in seinem als „Genese“ bezeich­netem Vorwort. Als Freundin der klassi­schen Musik war Steindling regel­mäßig zu Gast bei Christian Thiele­manns Dirigaten an der Wiener Staatsoper und im Musik­verein. Sie machte aus ihrer umfang­reichen Sammlung von Musik-Autografen Christian Thielemann einzelne Handschriften zugänglich. Sie wies daraufhin, wie aufregend Thiele­manns Gestik sein und wie er mit den Händen den Klang forme. Darüber müsse man unbedingt ein Buch machen, und der Lammer­huber, Verleger und Fotograf, sei doch dafür der Beste! Eine Idee war geboren.

Anfang 2013, die Steindling war wenige Wochen zuvor verstorben, sitzen der Fotograf Lois Lammer­huber und der Philhar­mo­niker Michael Bladerer bei einem Drink zusammen im Hotel Sacher, als unver­hofft Christian Thielemann den Raum betritt. Und noch in dieser Nacht wird das Buchprojekt besiegelt.

Die ersten Fotos werden bei den Proben zum Silves­ter­konzert in der Semperoper Ende 2013 gemacht. Im drauf­fol­genden Jahr entstehen Tausende weitere Proben­fotos in Dresden und bei den Oster­fest­spielen in Salzburg. Doch wer soll die Fülle von Fotos sichten, daraus ein Buch konzi­pieren und die passenden Texte dazu schreiben? Der Journalist Mathias Döpfner, den Christian Thielemann um Rat gefragt hat, bespricht diese Anfrage mit Clemens Trautmann, seinem ehema­ligen Büroleiter und jetzigen Präsi­denten der Deutschen Grammophon, bei der Thielemann zahlreiche Aufnahmen veröf­fent­lichte. Und Trautmann entscheidet, dieses Buch mit den Fotos von Lammer­huber und Thielemann zusammen zu konzi­pieren und zu schreiben. Im Sommer 2015 wird Christian Thielemann zum Musik­di­rektor der Bayreuther Festspiele ernannt und eröffnet die Festspiele mit der Neuin­sze­nierung von Tristan und Isolde in der Insze­nierung von Katharina Wagner. Lois Lammer­huber ist der erste Fotograf, der während einer laufenden Aufführung – der General­probe – im mysti­schen Bayreuther Orches­ter­graben fotogra­fieren darf, mit einem Schall­schutz­ge­häuse, das die Geräusche des Kamera­aus­lösers dämpft.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Im Laufe der Jahre 2016 und 2017 erfolgen dann intensive Sitzungen mit Christian Thielemann, in denen vor allem Fotos gesichtet, Ideen disku­tiert und Kommentare aufge­zeichnet werden. Im Vorder­grund steht die Authen­ti­zität der Bilder, denn noch nie hat ein Dirigent zuvor eine solche Nähe zugelassen. Und eins wird schnell klar: Die Kamera glori­fi­ziert nicht, sie entmys­ti­fi­ziert durch schonungslose Nahauf­nahmen der Gestik und Mimik unter Verzicht auf jegliche Posen oder geküns­telte Einstel­lungen. Wie bei Sport­auf­nahmen werden die Fotos in zum Teil rascher Abfolge geschossen, viele sind dadurch auch etwas unscharf oder verschwommen, was aber der Authen­ti­zität und dem Ausdruck der Fotos überhaupt keinen Abbruch tut. Ein wesent­licher Teil der Konzeption ist auch, dass die Bilder streng chrono­lo­gisch angeordnet sind. So wird der Prozess der Proben­arbeit, des Dirigates mit all seinen Emotionen bei geistiger und körper­licher Hingabe auf eine Art und Weise sichtbar, die so in dieser Form einzig­artig ist. Und es brauchte fast sieben Jahre von der Idee bis zur Veröf­fent­li­chung dieses Bildbandes. Auch das ein Zeichen, dass es dem Autor, dem Fotografen und nicht zuletzt der Haupt­person des Bildbandes, dem Dirigenten Christian Thielemann, darum ging, etwas ganz Einma­liges zu gestalten und den langwie­rigen künst­le­ri­schen Prozess zu dokumen­tieren, als ein schnelles Buch auf den Markt zu werfen.

In seinem Vorwort zu diesem Buch schreibt Thielemann, mittler­weile Chefdi­rigent der Sächsi­schen Staats­ka­pelle Dresden, Musik­di­rektor der Bayreuther Festspiele und künst­le­ri­scher Leiter der Oster­fest­spiele Salzburg, wie er überhaupt Dirigent geworden ist. Prägend für den jungen Thielemann war sein Mentor Herbert von Karajan, der mit ihm statt über Wagner, Beethoven oder Bruckner über Lehárs Lustige Witwe sprach und dass man ein anstän­diger Pianist sein müsse, um die Klavier­auszüge zu beherr­schen. Als Korre­pe­titor hat er sich viel von anderen Dirigenten abgeschaut, aber er war vor allem Autodidakt und befolgte den Rat von Hans Hilsdorf, dem damaligen Studi­en­leiter der Deutschen Oper: „Man lernt Dirigieren nur, indem man es macht.“ Und daran hat Thielemann sich bis heute gehalten. Und der Ausdruck der Hände, ob mit oder ohne Taktstock, mit denen man den Klang quasi formt, mit denen man phrasiert, sowie der Blick­kontakt zu den Musikern und Sängern, das steht bei Thielemann im Vorder­grund, und genau auf diese Stilele­mente fokus­sieren sich die Bilder. Der Leser oder besser gesagt der Betrachter der Bilder stellt eines sehr schnell fest: Dirigieren ist reines Handwerk. Doch wie daraus im Zusam­men­wirken mit dem Orchester ein komplexes Klang­ge­bilde entstehen kann, das war schon immer Gegen­stand von Mythen, die sich um die großen Dirigenten aller Epochen ranken.  Christian Thielemann ist ohne Zweifel einer der bedeu­tendsten Vertreter seines Faches. An den drei zentralen Orten seines Schaffens sind die Bilder entstanden. Dem Betrachter eröffnet sich dadurch eine neue Sicht­weise des Dirigierens.

Thielemann verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes Mozarts, Verdis und Wagners Musik, formt sie mit seinen Händen, seiner Gestik und Mimik und eröffnet so einen ungeahnten Zugang zum Wesenskern des Dirigierens. Es sind die Bilder von Proben zu vier Auffüh­rungen unter der Leitung von Christian Thielemann, die in diesem Bildband dokumen­tiert sind. Die zwei Requiems von Verdi und Mozart, Wagners Tristan und Isolde sowie das Silves­ter­konzert in Dresden.

Es beginnt am 11. Februar 2014 mit den Proben für das Verdi-Requiem an der Semperoper Dresden, das für Thielemann und für Dresden eine besondere Bedeutung hat, gedenkt man doch mit diesem Konzert dem Jahrestag der Bombar­dierung Dresdens und der fast völligen Zerstörung der Stadt mit Zehntau­senden von Toten. Diese besondere Stimmung ist alljährlich in Dresden spürbar, und diese besondere Stimmung will Thielemann auf das Gedenk­konzert übertragen und muss sie schon in die Proben hinein trans­fe­rieren. Auf den folgenden 50 Seiten finden wir großfor­matige Proben­fotos, die genau diese besondere Stimmungslage zum Ausdruck bringen.

Christian Thielemann, Lois Lammer­huber und Clemens Trautmann (v.l.n.r.) – Foto © privat

Thielemann im blauen Polohemd, hoch konzen­triert, ein akribi­scher Arbeiter. Alle Proben­bilder zeigen ihn ohne Taktstock, dafür mit unter­schied­lichen Gesten. Mal sind Daumen und Zeige­finger verbunden, mal der Zeige­finger erhoben. Der Mund manchmal weit geöffnet, dann wieder schmal zusam­men­ge­presst. Die Augen mal weit aufge­rissen, mit einem schon erschro­ckenen Gesichts­aus­druck, mal angespannt, mal lächelnd entspannt. Die Bandbreite der Emotionen innerhalb kürzester Zeit ist enorm. Jedes Foto ist übrigens von der Uhrzeit exakt datiert, mit kleinen Kommen­taren in Deutsch und in Englisch unter­titelt, wie im Übrigen das gesamte Buch zweisprachig aufgebaut ist.

Der Proben­beginn ist um 10:20 Uhr, schon um 10:53 Uhr ist das Haar zerzaust, das Kinn energisch vorge­schoben, der Blick wirkt böse, seine Arme sind fest verschränkt, das Foto strahlt schon eine gewisse Aggres­si­vität aus. Würde man das Bild ohne Kontext und erklä­renden Kommentar betrachten, so erhielte man den Eindruck eines verär­gerten, ja despo­ti­schen Dirigenten. Doch der Kommentar von Christian Thielemann zu diesem Bild erklärt und relati­viert die Situation. „Energie sammeln vor einem Ausbruch oder Durch­bruch. Körper, Gesicht und Arme weisen in verschiedene Richtungen, um alle zu erreichen. Hin und wieder wähle ich einen Musiker als Augen­hal­te­punkt. Und wenn dann nun gerade die Stelle kommt, entlädt sie sich dort. Der Kollege wundert sich vielleicht, warum ich jetzt gerade ihn oder sie an dieser Stelle so intensiv angucke. Ein erfah­rener Orches­ter­mu­siker weiß natürlich, dass es nicht böse oder persönlich gemeint ist“, schreibt Thielemann.

Die Probe dauert noch eine weitere Stunde, und weitere fünfzehn großfor­matige Bilder plus Fotos vom Klavier­auszug dokumen­tieren diesen Prozess und zeigen Thielemann, wie er nicht nur mit den Händen taktiert, sondern wie er mit seinem ganzen Körper die Musik lebt und verbal und nonverbal mit den Musikern kommu­ni­ziert. Besonders plastisch wirken die Bilder dann, wenn man die Aufnahme von Verdis Requiem mit der Sächsi­schen Staats­ka­pelle unter der Leitung von Thielemann sich anhört, dann wirken die Bilder noch leben­diger. Das gilt auch für die anderen drei Kapitel, denn zu allen in diesem Bildband beschrie­benen Konzerten respektive Auffüh­rungen gibt es die entspre­chende Gesamt­auf­nahme auf CD.

Zwei Monate nach dem Verdi-Requiem stehen die nächsten Proben auf dem Plan. Am 7. April 2014 werden die Proben für das Mozart-Requiem im Großen Festspielhaus in Salzburg in Bildern dokumen­tiert. Für Thielemann ist Salzburg in ähnlicher Weise eine Werkstatt wie Bayreuth, eine Art Labora­torium für Mozart, an dem man auch mit den Werken experi­men­tiert. Aller­dings ist die Probenzeit limitiert, die Musiker und der Chor haben nur einen Tag, um die Feinheiten und Nuancen für die bevor­ste­hende Festspiel­auf­führung einzu­stu­dieren. Auf 63 großfor­ma­tigen Fotos und 90 Seiten wird eine etwa zweistündige Probe dokumen­tiert. Wieder steht Thielemann in seinem blauen Polohemd vor den Musikern, wieder ohne Taktstock, und es könnte vorder­gründig ohne erklä­renden Kommentar auch die Fortsetzung der Probe aus Dresden sein. Doch schnell erkennt man, dass Mimik und Gestik sich im Minutentakt ändern, und wie die Konzen­tration und Fokus­sierung das optische Erschei­nungsbild von Thielemann verändern. So ist beispiels­weise ein Foto abgebildet, das Thielemann mit rausge­streckter Zunge zeigt. Ohne Kommentar würde das Bild aller Wahrschein­lichkeit einen falschen Eindruck vermitteln. „Für die Artiku­lation der Sänger trägst Du als Dirigent auch Verant­wortung. Damit der Text verständlich ist. Das ist eine Frage der Balance zwischen Chor und Orchester. Der wunderbare Staats­opernchor reagiert hier sofort. Prima. Eine solche Geste wie die mit der Zunge kann aber auch zu viel sein – dann überzeichnet ein gutes Ensemble ebenfalls“, kommen­tiert Thielemann das Foto, das nach etwa einer Stunde Probenzeit entstanden ist.

Wir lernen also, dass auch eine ausge­streckte Zunge kein despek­tier­liches Verhalten bedeutet, sondern durchaus als ein Hilfs­mittel des Dirigenten bei der Formung des Klanges angesehen werden kann. Es sind die feinen, kleinen Gesten, die vielleicht den Unter­schied machen. Ganz besonders deutlich wird das in der 80-seitigen Dokumen­tation der General­probe zu Wagners Tristan und Isolde in Bayreuth am 20. Juli 2015. Für Thielemann ist dieses Werk ein beson­deres. Nachdem er es in Wien zuletzt aufge­führt hatte, hätte ihn das Werk so aufgeregt, dass er sich Sorgen machte, bei der nächsten Aufführung einen Herzin­farkt zu bekommen.

Und da wäre er ja nicht der Erste. Die Dirigenten Felix Mottl und Joseph Keilberth starben nach oder während einer Aufführung von Tristan und Isolde. Deshalb habe Thielemann es in Bayreuth ganz anders gemacht, das Werk bewusst auf Distanz gehalten. Die Emotio­na­lität habe er im Griff, und er bestimme, wie weit die Musik narko­ti­siere. Für ihn ist der Bayreuther Tristan quasi „subtile Anästhesie“. Hinzu kommt im Bayreuther Festspielhaus als beson­deres Momentum die besondere Akustik im überdeckten Orches­ter­graben und die teilweise seiten­ver­kehrte Anordnung der Orches­ter­musik zum Tragen, eine besondere Heraus­for­derung für jeden Dirigenten auf dem Grünen Hügel, das gilt auch für Thielemann. Wie kräfte­zehrend das Werk ist, sieht und spürt man in den Fotos nach etwa einer Stunde, also in der Liebes­trank-Szene. Thiele­manns Haare sind schweißnass, die Mimik schon fast ausdruckslos, die Augen teilweise weit aufge­rissen. Gibt es einen Patzer im Orchester, dann sieht man Thielemann die Unzufrie­denheit darüber an; dazu gibt es sehr aufschluss­reiche Fotos.  Der erste Aufzug hat Thielemann so geschafft, dass er in der Pause duschen muss und das rote Polohemd gegen ein blau gestreiftes eintauscht. Die Bilder werden immer inten­siver, Lois Lammer­huber hat da ein beson­deres Gespür für den Moment entwi­ckelt und schafft es immer wieder, Bilder mit ganz spezi­ellem Ausdruck einzu­fangen, das gilt vor allem für den inten­siven dritten Akt des Werkes. Das wird besonders deutlich, wenn acht Fotos in schneller Sequenz geschossen eine „Kurve gradu­eller Steigerung und Entspannung“ dokumen­tieren. Eines der heraus­ra­genden Fotos, die in diesem Bildband dokumen­tiert sind, ist Lammer­huber bei dieser General­probe um 21:29 Uhr gelungen, als Tristan, vom Wahnsinn befallen, O diese Sonne singt. Ein leicht verschwom­mener Schnapp­schuss zeigt Thielemann in einem Moment höchster schmerz­voller Anspannung, von der Distanz zu diesem Werk ist in diesem Moment nichts zu spüren. „Der Dirigent leidet mit Tristan. Die Partie ist geradezu mörde­risch schwer. Ein enger gesti­scher und geistiger Kontakt ist hier wichtig, um den fabel­haften Stephen Gould an kriti­schen Stellen zu unter­stützen“, schreibt Thielemann selbst zu diesem Bild.

Bevor der Bildband mit den Fotos zu den Konzert­proben für das Silves­ter­konzert 2013 schließt, ist noch ein sehr aufschluss­reiches Gespräch zwischen Christian Thielemann und Clemens Trautmann über das Dirigieren abgedruckt, ebenfalls in deutscher und engli­scher Sprache. Zum Schluss kommt dieses Gespräch auch auf die Auswahl und die Farben der Polohemden zu sprechen, die ja mittler­weile ein Marken­zeichen von Thielemann sind. Auf die Frage, welches Foto von Dirigenten sein Idealbild sei, antwortet Thielemann mit entwaff­nender Offenheit: „Für mich ist die beein­dru­ckendste Photo­graphie die von Hans Knapperts­busch. Wenn ich betagt bin und noch halbwegs gesund, möchte ich so aussehen wie der alte Knapperts­busch. Wie er da in Bayreuth sitzt, bekleidet mit einem einfachen Hemd, darüber die Hosen­träger, das Haar hängt herunter, den Taktstock in der Hand – irgendwie ist dem alles egal, und das macht dieses Bild so besonders. Ich möchte nicht gelackt aussehen. Ich möchte nicht die Haare nach hinten gegelt haben. Ich möchte kein neuro­ti­scher Schönling sein. Ich möchte mich einfach hinsetzen und sagen, ohne viele Worte: Jetzt spielt ihr einfach Götter­däm­merung. Haltet das Maul und spielt die Götter­däm­merung und guckt hin und ich gucke.“

Die finalen Bilder zu den Proben des Silves­ter­kon­zertes zeigen den Dirigenten Thielemann, der das scheinbar leichte Genre der Operette genauso ernst und konzen­triert angeht wie eine Wagner-Aufführung, auch wenn der Leidenspegel hier deutlich geringer ausfallen dürfte. Doch auch hier gibt es Momente, in denen Thielemann sich die Haare rauft und das Foto dahin­gehend kommen­tiert, dass „das Operetten-Reper­toire seine Heraus­for­de­rungen hat. Wenn die Solisten eine Stelle mit Rubato singen, also sich rhyth­mische Freiheiten nehmen, bedarf es klarer Führung mit dem Taktstock, damit das Stück nicht ausein­an­der­fällt.“ Und noch eine schöne Anekdote zeigt ein Bild von Thielmann in die Hocke gehend, den linken Arm auf seinem Hocker abgestützt, die Hände geöffnet. „Zarter und leiser, wenn ich bitten darf. Das ist übrigens der Hocker, der in Berlin speziell auf meine Beinlänge angepasst wurde und den ich seit zwanzig Jahren überall mit hinnehme. Er war schon in Dresden, Moskau, New York, Tokio, Wien. Mehrfach neu gestrichen und bezogen“, ist das Bild unterschrieben.

Wenn man diesen Bildband durch­ge­ar­beitet hat, stellt sich fast so etwas wie Erschöpfung ein, denn die Fotos, die Lammer­huber da aufge­nommen hat, sind so lebendig, dass man eindringt in die Musik, ja innerlich sogar selbst mitdi­ri­giert. Es ist kein Lehrbuch für Hochschüler, aber eine visuelle Dirigier­schule für Freunde der Oper und der klassi­schen Musik, die eintauchen wollen in die Welt eines Dirigenten, der in der Lage ist, mit „seinen Händen Klang zu formen“, wie es einst Rudolfine Steindling formu­lierte. Es ist aber auch ein wertvolles und auf seine Art sicher einzig­ar­tiges Zeitdo­kument, was man in den Händen hält. Dieser Bildband ist sicher ein wunder­schönes Geschenk für alle, die diese Musik lieben, und für Thielemann-Fans sogar ein Muss. Und dafür, dass man so nah dran ist an dem Maestro, gebührt hier vor allem dem Fotografen und Verleger Lois Lammer­huber ein großes Kompliment, mit dem Gespür für den richtigen Moment auf den Auslöser-Knopf der Kamera gedrückt zu haben.

Andreas H. Hölscher

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