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Vom Kellner zum Opernherrscher
Wie es hinter den Kulissen eines Theaters so zugehen kann und welche Querelen es vor einer Aufführung manchmal zu bewältigen gilt, davon handelt in überspitzter Form Gaetano Donizettis Buffa Le Convenienze e le Inconvenienze teatrali, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Viva la Mamma. Sie wurde 1827 im Teatro Nuovo in Neapel uraufgeführt, zur Zeit des Impresarios Domenico Barbaja, der solche Aufregungen nur zu gut kannte. Donizetti war einer der Komponisten, die von ihm gefördert wurden, auch Rossini und Bellini haben ihm ihre Karriere zu verdanken. Das Belcanto-Dreigestirn ist in die Musikgeschichte eingegangen, Barbaja hingegen höchstens Fachleuten bekannt.
Das will der Autor Philip Eisenbeiss ändern. Er begab sich auf die Spuren des Theatermannes und erforschte seinen Lebensweg, der ihn dermaßen faszinierte, dass er eine eigenständige Biografie über ihn verfasste. Ungewöhnlich dabei ist nicht nur das Sujet, sondern auch der berufliche Hintergrund von Eisenbeiss. Denn im wirklichen Leben arbeitet er in Hongkong als Headhunter im Finanzbereich. Die Leidenschaft zur Oper treibt ihn allerdings seit Teenagertagen um. Damals wollte er sogar Sänger werden, woraus aufgrund mangelnder Stimmqualität nichts wurde. Stattdessen tritt er nun mit einem bemerkenswerten Opernbuch an die Öffentlichkeit.
Domenico Barbaja wurde 1778 in einem kleinen Ort nahe Mailand geboren. Er verdiente sein Geld zunächst als Kaffeehauskellner, dann wechselte er als Croupier an die Scala. In deren Foyers fanden Glücksspiele statt, die eine wichtige Einnahmequelle für die Oper waren. Barbaja entwickelte ein untrügliches Gespür für das Gewerbe, führte das Roulette ein und wurde reich damit. Dadurch empfahl er sich für größere Aufgaben. Er fand sie im Teatro San Carlo in Neapel. Hier übernahm er 1809 nicht nur das Glücksspielgeschäft, sondern auch die daran gekoppelte Leitung des größten Opernhauses Italiens und das des kleineren Teatro del Fondo, in dem meistens Komödien gespielt wurden, gleich mit dazu.
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Dieser Posten umfasste einerseits alle finanziellen und wirtschaftlichen Angelegenheiten, andererseits die künstlerischen Belange. In beiden Bereichen erwies sich Barbaja als gewieft. Er war ein klug agierender Geschäftsmann und Strippenzieher, und er hatte ein gutes Gespür für Gesangstalente. Es gelang ihm, ein Künstlermonopol mit den damals gefragtesten Primadonnen und männlichen Stars wie Isabella Colbran, Giuditta Pasta, Domenico Donzelli und Luigi Lablache aufzubauen und dadurch das Teatro San Carlo in eine Blütezeit zu führen. 1822 übernahm Barbaja auch das Wiener Kärntnertor-Theater und etablierte dort mit großem Erfolg italienische Spielzeiten. 1826 kam die Mailänder Scala hinzu, so dass der Impresario zeitweise für drei Opernhäuser verantwortlich war. Mitte der 30-er Jahre aber begann sein Stern zu sinken. Er machte finanzielle Verluste, führte anstrengende Prozesse und erlebte persönliche Niederlagen. Im Oktober 1841 starb er unerwartet.
Barbaja beherrschte über dreißig Jahre die Opernwelt. Das lag auch daran, dass er stets gute Beziehungen zu Neapels Königshaus und seinen wechselnden Machthabern unterhielt. Deshalb begnügt sich Eisenbeiss nicht mit der Schilderung von Barbajas Lebensweg, sondern bezieht den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund mit ein. Darüber hinaus erfährt man Näheres zu Theaterarchitektur und den Städten, in denen Barbaja wirkte, und nicht zuletzt zu den mit ihm verbundenen Komponisten, Sängern und Kollegen. Ergebnis ist eine so faktenreiche wie kurzweilige Kulturgeschichte. Das Buch, das von Harald Stadler in ein flüssiges Deutsch übersetzt wurde, ist mit historischen Stichen, teils in Farbe, reich bebildert. Ein Anhang mit Erläuterungen, Kurzangaben zu den beschriebenen Persönlichkeiten, einer Auflistung der von Barbaja in Auftrag gegebenen Opern und sogar ein Stammbaum der damals regierenden Königshäuser runden es ab.
Im Übrigen hat das Buch einen sichtbaren Erfolg gebracht. Die Büste Barbajas, die etwas verborgen in der Untergeschoss-Cafeteria des Teatro San Carlo postiert war, steht jetzt im prächtigen Foyer des Hauses.
Karin Coper