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Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie

Anne Stern nimmt die Leser mit in das Dresden des Jahres 1841 zum gerade eröff­neten könig­lichen Hoftheater von Gottfried Semper und zeichnet ein poeti­sches Gesell­schaftsbild dieser Zeit. Andreas H. Hölscher hat das Buch gelesen und ist tief in die Historie eingetaucht. 

Anne Stern - Foto © Max Zerrahn

Magischer Ort

Wer als Opern­freund an Dresden denkt, dem fällt natürlich als aller­erstes die Semperoper ein, eines der berühm­testen Opern­häuser der Welt mit einer sehr wechsel­vollen Geschichte. Denn die heutige Semperoper hat einen großen Vorgän­gerbau, nämlich das König­liche Hoftheater Dresden, das zwischen 1841 und 1869 als Haus für Oper und Schau­spiel in der königlich sächsi­schen Residenz­stadt Dresden diente. Von 1838 bis 1841 errichtete der Architekt Gottfried Semper als Nachfol­gebau des bishe­rigen Moret­ti­schen Hoftheaters ein reprä­sen­ta­tives Opernhaus, das neue König­liche Hoftheater. Die Eröffnung erfolgte am 12. April 1841 mit Carl Maria von Webers Jubel­ou­vertüre und Johann Wolfgang von Goethes Drama Torquato Tasso. In den folgenden Jahren war hier Richard Wagner Kapell­meister und brachte an diesem Haus, unter anderem mit Wilhelmine Schröder-Devrient und Joseph Tichat­scheck, verschiedene Urauf­füh­rungen seiner Musik­dramen heraus: Rienzi, Der fliegende Holländer und Tannhäuser. Der Rundbau in den Formen der italie­ni­schen Frühre­nais­sance wurde als eines der schönsten europäi­schen Theater gerühmt. Der erste Theaterbau Sempers lag erheblich näher zum Schloss als sein heute noch bestehendes zweites Opernhaus; vor der Oper wurde 1840 der Vorläufer des heutigen Theater­platzes angelegt. Am 21. September 1869 wurde dieses Theater­ge­bäude bei einem Brand auf Grund einer Unvor­sich­tigkeit bei Repara­tur­ar­beiten völlig zerstört. Nach der Katastrophe wurde der Spiel­be­trieb einige Jahre lang in einem Interims­theater, der sogenannten „Bretterbude“, fortge­setzt. Unter­dessen arbeitete Semper an neuen Bauplänen für das zweite König­liche Hoftheater, der heutigen Dresdner Semperoper.

In dieser Zeit, genauer gesagt im Jahr 1841, spielt Anne Sterns neuer Roman Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie. Anne Stern, Jahrgang 1982, wuchs in Berlin auf. Sie studierte in Potsdam Germa­nistik und Geschichte auf Lehramt und promo­vierte anschließend in deutscher Litera­tur­wis­sen­schaft. Nach dem Referen­dariat unter­richtete sie an verschie­denen Berliner Schulen. Heute ist sie freibe­ruf­liche Schrift­stel­lerin. In ihren Werken stehen Frauen im Mittel­punkt. Die Handlungen spielten bisher im histo­ri­schen Berlin mit einem Schwer­punkt auf den 1920-er und 1930-er Jahren. Stern begann ihre schrift­stel­le­rische Karriere zunächst neben­be­ruflich im Selbst­verlag, wo sie die Reihen Die Familie-Pauly-Saga und Die Frauen vom Karls­platz zunächst als E‑Book veröf­fent­lichte. Dann wechselte sie zu einem Buchverlag. Die Reihe Fräulein Gold über eine Hebamme in den 1920-er Jahren erschien im Rowohlt Verlag und erreichte die Bestseller-Listen. Die vorherige Reihe Die Frauen vom Karls­platz wurde daraufhin zusätzlich als rororo-Taschenbuch veröf­fent­licht. Anschließend schrieb sie eine fiktive Roman­bio­grafie über die Freund­schaft zwischen der Malerin Lotte Laser­stein und ihrem Modell Traute Rose.

2022 erschien mit Drei Tage im August im Aufbau-Verlag ein Roman über eine Choco­la­terie in der Straße Unter den Linden, der 1936 angesiedelt ist. Nun hat sie mit Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie einen Ausflug in das histo­rische Dresden unternommen.

Es ist das Jahr 184.1 Das feierlich eröffnete König­liche Hoftheater Dresden wirkt in seiner Pracht wie ein Palast für die Musik. Doch hinter den Kulissen geht es genauso drama­tisch zu wie auf der Bühne. Die Prima­bal­lerina hütet ein tragi­sches Geheimnis, sie ist ungewollt schwanger geworden, und das von einem verhei­ra­teten Mann, der von seiner Verant­wortung nichts wissen will. Der soziale Abstieg, die gesell­schaft­liche Ächtung mit allen Konse­quenzen ist die Folge. Und so gibt es viele Protago­nis­tinnen, die um ihre Träume und Wünsche kämpfen, oft leider vergeblich. Da ist die Requi­si­teurin, die ihrer Vergan­genheit entfliehen will, und da ist die Kostüm­schnei­derin, die den Glauben an wahre Leiden­schaft verloren hat. Dennoch ist das König­liche Hoftheater für sie alle ein magischer Ort. Und dann gibt es die Haupt­figur in diesem Roman, die junge Elise Spielmann. Schon bei ihrem ersten Besuch in der Oper ist sie von der Musik und der Dramatik auf der Bühne verzaubert. Kein Wunder, handelt es sich dabei doch um eine Aufführung der Oper Der Freischütz von Carl Maria von Weber mit der legen­dären Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient als Agathe. Elise Spielmann entstammt einer Musiker­fa­milie und träumt davon, eine gefeierte Violi­nistin zu werden. Die Musik ist das Wichtigste in ihrem Leben. Doch die gesell­schaft­lichen Konven­tionen zu dieser Zeit sahen für eine Frau aus bürger­lichen Verhält­nissen keine Karriere im Musik­ge­schäft vor, schon gar nicht als Violi­nistin. Auch wenn es mit der fast gleich­alt­rigen Clara Schumann tatsächlich eine Frau zu dieser Zeit gibt, die als Klavier­vir­tuosin und Kompo­nistin Erfolge feiert, bleibt diese Zukunft für Elise verschlossen. Auf Drängen ihrer Eltern soll sie den weitaus älteren Adam Jacobi heiraten, einen erfolg­reichen und einfluss­reichen Musik­kri­tiker. Ihn und Elises Vater verbindet ein dunkles Geheimnis einer gemein­samen Vergan­genheit, und die Verbindung von Elise mit Jacobi soll eine alte Schuld ihres Vaters tilgen. Doch Elise ist für eine derartig konven­tionell arran­gierte Hochzeit nicht bereit, ihre Liebe gilt der Musik. Dann lernt sie, am Abend der Aufführung des Freischütz, den talen­tierten Maler­ge­hilfen Christian Hilde­brand kennen. Es entwi­ckelt sich eine zarte, aber verbotene Beziehung zwischen ihnen, in größter Heimlichkeit und gegen alle Konventionen.

Gleich­zeitig ziehen sich im ganzen Land revolu­tionäre Kräfte zusammen, die Vorboten des Dresdner Maiauf­standes vom Mai 1849, an dem auch Richard Wagner beteiligt war, und in dessen Folge das König­liche Hoftheater einem Brand zum Opfer fiel, sind schon 1841 erkennbar. Das sind die Rahmen­be­din­gungen für Anne Sterns Roman, die in einem wunderbar poeti­schen Stil die Geschichte der wider­spens­tigen Elise Spielmann erzählt, die aus den vorherr­schenden gesell­schaft­lichen Zwängen ausbrechen will. Doch ihre zarte Liebe zu Christian Hilde­brand scheint aussichtslos zu sein, zu groß ist der gesell­schaft­liche Abstand zwischen den beiden Charak­teren. Kumula­ti­ons­punkt ist und bleibt daher die Oper und die Musik. Neben der Beschreibung des Freischütz ist es auch Beethovens Fidelio und Adolphe Adams Ballett Giselle, die in dem Roman einen größeren Part einnehmen. Er beginnt mit einem Prolog im Dezember 1820, Georg Spielmann hofft auf die Geburt eines Sohnes, doch es wird ein Mädchen, Elise. Ihm begegnen zwei arme Kinder, die selbst­ge­bas­telte Papier­la­ternen verkaufen. Auf den Laternen sind Leonore und Florestan, die beiden Haupt­fi­guren aus Beethovens Fidelio, abgebildet. Ihr Vater war Theater­diener im Moret­ti­schen Haus und hatte den Kindern die Geschichte der Oper erzählt. Im Laufe des Romans wird der Leser erkennen, dass die beiden Kinder Christian und seine Schwester Ernestine sind, die zwanzig Jahre später im König­lichen Hoftheater beschäftigt sind. Christian als Hilfs­maler, Ernestine als Requi­si­ten­hel­ferin. Und so beginnt die eigent­liche Geschichte in Dresden am 17. April 1841 und entwi­ckelt sich in 39 Kapiteln in einer Art Tagebuchform bis zum 15. Januar 1842. Neun Monate, in denen die verbotene Beziehung von Elise und Christian harten Bewäh­rungs­proben unter­zogen wird, in der Adam Jacobi sein Recht als Verlobter Elises einfordert, und in denen es viele Theater­ge­schichten aus dem König­lichen Hoftheater Dresden zu erzählen gibt, unter der histo­ri­schen Leitung des General­inten­danten Wolf Adolf August von Lüttichau.

Der Epilog ist vom Juli 1844, in der Zwischenzeit ist einiges passiert, was hier natürlich nicht vorweg­ge­nommen werden soll. Das Ende ist jeden­falls offen, so dass der Roman eine Fortsetzung fordert. Und da Anne Stern dafür bekannt ist, ihre Romane als Reihen anzulegen, könnte dieser Band der Auftakt für eine neue Famili­ensaga um Elise Spielmann sein. Und von 1842 bis 1849 wirkte Richard Wagner als Komponist und Hofka­pell­meister in Dresden. Wenn da nicht genügend Stoff für mehrere weitere Bände vorhanden ist. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht im Zeichen der zuneh­menden Revolution. Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie ist ein liebevoll und poetisch geschrie­bener Roman über Oper, Liebe, Selbst­ver­wirk­li­chung und schwere Generationenkonflikte.

Im Nachwort fasst Anne Stern die Geschichte der Semperoper zusammen, vom König­lichen Hoftheater bis hin zur Wieder­eröffnung des vom Krieg stark zerstörten zweiten Opern­hauses im Februar 1985 mit Webers Freischütz und der legen­dären Insze­nierung des Fidelio von Beethoven von Christine Mielitz, kurz vor dem Fall der Mauer 1989.  Nicht nur Freunde der Semperoper Dresden dürften an dem histo­ri­schen Roman ihre Freude haben.

Andreas H. Hölscher

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