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Franz Schreker - eine kulturhistorische Biografie

Im Böhlau-Verlag ist erstmals in deutscher Übersetzung die profunde Biografie Franz Schrekers von Chris­topher Hailey erschienen. Der britische Musik­wis­sen­schaftler gründete die Franz Schreker Foundation, deren Vorsit­zender er bis heute ist. 1993 erschien seine vielbe­achtete Biografie. Karin Coper hat sie gelesen. Die histo­rische Einordnung macht aus dem Buch einen schönen Schmöker.

Franz Schreker - Foto © Wikipedia

Umjubelt, vergessen und wiederentdeckt

Franz Schreker, dessen Opern in der Weimarer Republik zu den meist­ge­spielten gehörten, geriet nach seinem Tod 1934 fast vollständig in Verges­senheit. Der jüdisch­stämmige Komponist war ein Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kultur­po­litik, sein Werk wurde verboten. Seit den 1970-er Jahren hat Schrekers Oeuvre jedoch eine bemer­kens­werte und nachhaltige Renais­sance erlebt. Damals entdeckte auch der britische Musik­wis­sen­schaftler Chris­topher Hailey sein Interesse an ihm. 1986 gründete er die Franz Schreker Foundation, deren Vorsit­zender er bis heute ist, und publi­zierte 1993 die erste umfang­reiche Biografie, aller­dings in engli­scher Sprache. Sie liegt nun endlich, erweitert und aktua­li­siert, auch in Deutsch vor, in der flüssigen und gut lesbaren Übersetzung von Caroline Schneider-Kliemt und Volkmar Putz.

Franz Schreker, geboren 1878, wächst in beschei­denen Verhält­nissen in Wien auf. Mit 14 Jahren beginnt er am Konser­va­torium zunächst Geige, dann Kompo­sition zu studieren. Erste Sporen im Musik­be­trieb verdient er sich als Organist und Chordi­rigent – 1907 gründet er den Philhar­mo­ni­schen Chor, mit dem er Schön­bergs Gurre­lieder zur Urauf­führung bringt. Mit Liedern, das früheste entsteht 1894, beginnt er seine kompo­si­to­rische Laufbahn. Kein Glück hat er mit seinem Opern­erstling Flammen, datiert von 1901. Er wird nur konzertant und mit Klavier­be­gleitung gegeben, im Original erst hunderte Jahre später in Kiel. Der Durch­bruch gelingt Schreker 1908 mit der Pantomime Der Geburtstag der Infantin, und 1912 erringt die Oper Der ferne Klang einen sensa­tio­nellen Erfolg. Sie ist keine Eintags­fliege: mit Die Gezeich­neten und Der Schatz­gräber erobert er die deutsch­spra­chigen Musik­thea­ter­bühnen. Die symbol­haften, erotisch aufge­la­denen und in üppigsten Orches­ter­farben schil­lernden Opern, zu denen er selbst den Text schreibt, treffen den Nerv der Zeit.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Auch als Lehrer ist er hochan­ge­sehen, zu seinen Schülern gehören Alois Hába und Ernst Krenek. 1912 wird er als Dozent an die Wiener Akademie und 1920 als Rektor an die Berliner Musik­hoch­schule berufen. Doch Mitte der Goldenen Zwanziger beginnt sein Stern zu sinken. Er ringt um neue Formen, aber es sind andere Stilrich­tungen, wie die Zeitopern von Krenek oder Weill, die bei Kritik und Publikum ankommen. Überdies ist Schreker zunehmend antise­mi­ti­schen Ressen­ti­ments ausge­setzt. Seine Oper Chris­to­phorus, die in Freiburg ankündigt ist, wird abgesagt. 1932 wird er zum Rücktritt von seinem Hochschul­posten gedrängt, und im gleichen Jahr erlebt er an der Berliner Staatsoper mit seinem letzten Bühnenwerk Der Schmied von Gent ein Fiasko und wird ausgebuht. Er bemüht sich noch vergeblich um eine Ausreise nach Amerika, doch angesichts gesund­heit­licher und existen­zi­eller Probleme bleibt er in Berlin, wo er 1934 stirbt.

Chris­topher Hailey zeichnet Schrekers Lebens­ge­schichte mittels einer Fülle von Quellen fundiert nach, beschränkt sich aber nicht auf eine rein biogra­fische Nacher­zählung, sondern bildet auch die kultu­rellen, gesell­schafts- und hochschul­po­li­ti­schen Verflech­tungen in den Städten Wien und Berlin ab. Auszüge aus Schrekers Korre­spondenz, unter anderem mit dem Universal-Verlag, mit Arnold Schönberg und dem Musik­kri­tiker Paul Bekker, vertiefen den Einblick in sein kompo­si­to­ri­sches Wirken und dokumen­tieren das Zweifeln und die Krisen.

Der akribisch recher­chierte, zudem reich bebil­derte und mit vielen Noten­bei­spielen versehene Band ist im Rahmen der Reihe Wiener Veröf­fent­li­chungen zur Musik­ge­schichte im Böhlau-Verlag erschienen. Er bietet zudem einen Anhang mit Kommen­taren sowie eine Auflistung von Schrekers Werken, sämtlichen Auffüh­rungs­daten und Mitwir­kenden der Opern sowie seiner Tondo­ku­mente und ist somit eine Schatz­grube für alle, die sich mit dem Kompo­nisten und seinem Umfeld näher beschäf­tigen wollen.

Karin Coper

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