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Wer an Richard Wagner und sein Bayreuth denkt, hat in erster Linie natürlich das Festspielhaus und die Villa Wahnfried im Kopf. Hier lebte Wagner mit seiner Familie seit Ende April 1874. Bis zur Eröffnung des Festspielhauses mit der Uraufführung des Ring des Nibelungen sollten noch zwei weitere Jahre vergehen. Doch wie kam es überhaupt, dass Wagner ausgerechnet in Bayreuth sein Festspielhaus errichtete?
Am 30. März 1866 erreichten Richard und Cosima Wagner nach einer Reise durch mehrere Schweizer Städte den Vierwaldstättersee und entdeckten das idyllische Haus Tribschen auf einer Landzunge bei Luzern. Einige Tage später mietete Wagner das Haus an und konnte es bereits am 15. April beziehen. Erneut übernahm der Förderer König Ludwig die Kosten und überwies die Jahresmiete aus München. Wagner nahm seine unterbrochene Kompositionsarbeit an den Meistersingern wieder auf und konnte das Werk am 24. Oktober 1867 vollenden. Am 18. Juli 1870 wurde die Ehe Cosimas und Hans von Bülows geschieden, am 25. August wurden Cosima und Richard Wagner in der protestantischen Kirche von Luzern getraut. Am 25. Dezember desselben Jahres fand die Uraufführung des Siegfried-Idylls als Geburtstagsgeschenk für Cosima auf der Treppe in Wagners Haus in Tribschen statt. Wagner wählte 1871 Bayreuth als Festspielort und kündigte erstmals Festspiele zur Aufführung des Ring des Nibelungen an. Er hatte die Stadt bereits 1835 während einer Reise nach Nürnberg kennen und schätzen gelernt. Als er seine Erinnerungen an das „lieblich beleuchtete Bayreuth“ 1865 in Mein Leben festhielt, hatte er sich noch nicht für sie entschieden. Im März 1870 las er einen Lexikonartikel über das eindrucksvolle Markgräfliche Opernhaus Bayreuths, das er am 19. April 1871 erstmals besichtigte. Er erkannte, dass es für den Ring ungeeignet war und entschloss sich, ein eigenes Opernhaus errichten zu lassen. Am 12. Mai 1871 kündigte er bereits die ersten Festspiele mit dem kompletten Ring für das Jahr 1873 an, obwohl er die Götterdämmerung noch nicht abgeschlossen hatte. Honoratioren wie der Bankier Friedrich Feustel und der Bürgermeister Theodor von Muncker erkannten die Bedeutung des Projekts für die Stadt und unterstützten es. Nachdem der Verwaltungsrat der Festspiele am 1. Februar 1872 gegründet worden war, siedelte Wagner mit seiner Familie im April nach Bayreuth über.
Zunächst wohnten sie im Hotel Fantaisie neben dem gleichnamigen Schloss in Donndorf. Am 24. September bezog die Familie eine Stadtwohnung in der Dammallee 7. Wagners künstlerisches Selbstverständnis verlangte ein eigenes Haus, zu dessen Finanzierung der König mit einem großen Geldgeschenk beitrug. So konnte Wagner im Februar 1872 am Hofgarten ein Grundstück für 12.000 Gulden kaufen, auf dem eine repräsentative Künstlervilla errichtet werden sollte. Als Villa Wahnfried wurde sie nach weiteren Zuschüssen erst im Jahre 1874 fertiggestellt und am 28. April bezogen.
Der Bayreuther Bankier Friedrich Feustel hatte 1872 für die Familie Wagner die gesamte oberste Etage im Hotel Fantaisie gemietet. Richard, Cosima und die fünf Kinder lebten hier einen glücklichen Sommer vom 30. April 1872 bis in den September, begleitet von Hund Russ, Kindermädchen und Köchin. Von den Räumlichkeiten überlebte als so genanntes Wagner-Zimmer nur die Nr. 2, das einstige Schlafzimmer von Richard und Cosima mit den Biedermeiermöbeln von damals und dem Balkon zum Park – seit der Zerstörung von Haus Wahnfried im Zweiten Weltkrieg der einzige Raum mit original erhaltener Inneneinrichtung, den Wagner in seiner Bayreuther Zeit bewohnte. Das Wagner-Zimmer wurde bis Oktober 2015 an Hotelgäste vermietet, die letzten 29 Jahre von Ulrich und Michaela Herath, die neben dem Hotel auch eine beliebte Konditorei und Gaststätte betrieben. Vor allem für Wagnerianer war das ein echter Geheimtipp. Für Nicht-Wagnerianer war das Zimmer wegen seiner spartanischen Ausstattung ohne Waschbecken und Dusche/WC im Zimmer eher weniger interessant. Im Vorfeld des Wagner-Jubiläumsjahres 2013 gingen Karla Fohrbeck und Frank Piontek mit zwei Faltprospekten an die Öffentlichkeit, in denen sie auf Basis der Cosima-Tagebücher auf Wagners Zeit in Donndorf und das Richard-Wagner-Zimmer hinwiesen. Das Echo war bescheiden, die geistige Grenze zwischen Stadt und Landkreis scheinbar nicht zu überbrücken.
Als eine Nürnberger Immobiliengesellschaft das denkmalgeschützte rote Hotel Fantaisie zwecks Umwandlung in eine Wohnresidenz kaufte und modernisierte, wurden die Original-Möbel beim Eigentümer, der Brauerei Maisel, zwischengelagert. Bis sich dann die Oberfrankenstiftung erbarmte, sie kaufte und als Dauerleihgabe der Stadt Bayreuth überließ. Die erfolgreiche, aber befristete Sonderausstellung im Historischen Museum fand wegen Platznot und Umbaumaßnahmen zur Neueröffnung aber schon 2021 ein Ende. Dafür öffnete sich am Originalschauplatz im Fantaisie eine neue Gelegenheit.

Der Wagner-Begeisterung des neuen Eigentümers Adrian Indlekofer von Appartement Nr. 8 im zweiten Stock ist es zu verdanken, dass nach Sanierung und Modernisierung des einstigen Hotel Fantaisie seit Frühjahr 2021 sogar zwei Wohnräume Richard Wagners als Gedenkstätte zur Verfügung stehen und nach Absprache jetzt auch wieder besichtigt werden können: Für das ehemalige Schlafzimmer von Richard und Cosima hat die Oberfrankenstiftung die Original-Möbel als Leihgabe zur Verfügung gestellt: Das eheliche Doppelbett, in dem schon viele Hotelgäste schliefen, Schrank, Kommode und zwei Nachttischchen – alles im schlichten, aber eleganten Landhaus-Biedermeier der 1870-er Jahre. In dem ehemaligen Arbeitszimmer des Komponisten daneben werden Faksimile-Dokumente, historische Fotografien und Grafiken zum ersten entscheidenden Sommer in Bayreuth präsentiert sowie ein „Wagner-Klavier“, auf dem gelegentlich auch Festspielkünstler oder Wagnerliebhaber spielen dürfen. In diesem Zimmer vollendete Richard Wagner unter anderem die Komposition der Orchesterskizze zur Götterdämmerung. „Als Dirigent beschäftige ich mich schon seit Jahrzehnten mit Wagner und seiner Musik. Für mich war die Führung durch das Wagnerzimmer ein ganz besonderes Erlebnis. Ich empfehle diesen außergewöhnlichen Ort wärmstens allen Bayreuth-Besuchern“, schrieb Christian Thielemann im Gästebuch des Wagnerzimmers.
Über diesen besonderen Ort hat nun der Bayreuther Wagner-Experte Frank Piontek liebevoll eine 82 Seiten starke Broschüre mit dem treffenden Namen Genius Loci zusammengestellt. Das Vorwort, Präludium genannt, stammt von keinem Geringerem als dem langjährigen Bayreuther Dirigenten Christian Thielemann. Das Grußwort von Sven Friedrich, dem langjährigen Direktor des Richard-Wagner-Museums und Nationalarchivs in Bayreuth enthält Zitate aus den Tagebüchern Cosima Wagners mit Hinweisen auf die ersten Besuche des Ortes und die zahlreichen Besuche in der Umgebung, wie dem Salamandertal, das Richard Wagner an die Wolfsschlucht in Carl Maria von Webers Freischütz erinnerte.
Ein Schwerpunkt der Broschüre sind die Beschreibungen der Arbeiten am Bau des Festspielhauses und der Villa Wahnfried, die mit zahlreichen historischen Dokumenten und Abbildungen illustriert sind. Besonders schön zu lesen ist das fiktive Gespräch des Erzählers mit Cosima Wagner über den Aufenthalt der Wagners in Schloss Fantaisie, garniert mit Briefen Richard Wagners aus dieser Zeit. Doch ist die Broschüre nicht nur ein Zeitdokument über einen besonderen Ort. Und Piontek wäre nicht Piontek, wenn er nicht in seinem unermesslichen Dokumenten-Archiv grübe. Unter dem Titel Was einer komponiert stellt Piontek die Entstehung der Orchesterskizze zum Ring zusammen. Am Schluss geht es wieder in die Echtzeit, mit Bildern und kleinen Dokumenten über die Eröffnung des Wagnerzimmers, die erst durch das Engagement des Münchner Wagnerianers Adrian Indlekofer möglich wurde. Als vor ein paar Jahren das frühere Hotel zum Apartmenthaus umgebaut wurde und Wagners Spuren zu verschwinden drohten, fasste sich Indlekofer ein Herz: Er kaufte die Wohnung mit den alten Wohnräumen Wagners. Und richtete zwei der Zimmer ohne öffentliche Subvention auf eigene Faust als Museum ein. Wer die Wagnerzimmer sehen will, kann sich bei ihm persönlich melden. Camilla Nylund, die letztjährige Isolde in Bayreuth, hatte das getan und war tief beeindruckt von der Örtlichkeit.
Wer nun neugierig geworden ist und einen Besuch des Wagnerzimmers bei seinem nächsten Bayreuth-Aufenthalt einplant, dem sei dieses Kleinod an Broschüre ans Herz gelegt, die auf den Besuch nicht nur ideal vorbereitet, sondern unbedingte Lust macht. Und das gilt nicht nur für Wagnerianer.
Andreas H. Hölscher