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Genius loci

Vor über 150 Jahren bezogen Richard Wagner und seine Familie erstmals Quartier in Bayreuth, im „Hotel Fantaisie“. Mittler­weile ist es komplett saniert. Wagner-Experte Frank Piontek hat darüber eine wunderbare kleine Broschüre verfasst. Andreas H. Hölscher hat sie gelesen. 

Frank Piontek - Foto © privat

Ein ganz besonderer Ort

Wer an Richard Wagner und sein Bayreuth denkt, hat in erster Linie natürlich das Festspielhaus und die Villa Wahnfried im Kopf. Hier lebte Wagner mit seiner Familie seit Ende April 1874. Bis zur Eröffnung des Festspiel­hauses mit der Urauf­führung des Ring des Nibelungen sollten noch zwei weitere Jahre vergehen. Doch wie kam es überhaupt, dass Wagner ausge­rechnet in Bayreuth sein Festspielhaus errichtete?

Am 30. März 1866 erreichten Richard und Cosima Wagner nach einer Reise durch mehrere Schweizer Städte den Vierwald­stät­tersee und entdeckten das idyllische Haus Tribschen auf einer Landzunge bei Luzern. Einige Tage später mietete Wagner das Haus an und konnte es bereits am 15. April beziehen. Erneut übernahm der Förderer König Ludwig die Kosten und überwies die Jahres­miete aus München. Wagner nahm seine unter­bro­chene Kompo­si­ti­ons­arbeit an den Meister­singern wieder auf und konnte das Werk am 24. Oktober 1867 vollenden. Am 18. Juli 1870 wurde die Ehe Cosimas und Hans von Bülows geschieden, am 25. August wurden Cosima und Richard Wagner in der protes­tan­ti­schen Kirche von Luzern getraut. Am 25. Dezember desselben Jahres fand die Urauf­führung des Siegfried-Idylls als Geburts­tags­ge­schenk für Cosima auf der Treppe in Wagners Haus in Tribschen statt. Wagner wählte 1871 Bayreuth als Festspielort und kündigte erstmals Festspiele zur Aufführung des Ring des Nibelungen an. Er hatte die Stadt bereits 1835 während einer Reise nach Nürnberg kennen und schätzen gelernt. Als er seine Erinne­rungen an das „lieblich beleuchtete Bayreuth“ 1865 in Mein Leben festhielt, hatte er sich noch nicht für sie entschieden. Im März 1870 las er einen Lexikon­ar­tikel über das eindrucks­volle Markgräf­liche Opernhaus Bayreuths, das er am 19. April 1871 erstmals besich­tigte. Er erkannte, dass es für den Ring ungeeignet war und entschloss sich, ein eigenes Opernhaus errichten zu lassen. Am 12. Mai 1871 kündigte er bereits die ersten Festspiele mit dem kompletten Ring für das Jahr 1873 an, obwohl er die Götter­däm­merung noch nicht abgeschlossen hatte. Honora­tioren wie der Bankier Friedrich Feustel und der Bürger­meister Theodor von Muncker erkannten die Bedeutung des Projekts für die Stadt und unter­stützten es. Nachdem der Verwal­tungsrat der Festspiele am 1. Februar 1872 gegründet worden war, siedelte Wagner mit seiner Familie im April nach Bayreuth über.

Zunächst wohnten sie im Hotel Fantaisie neben dem gleich­na­migen Schloss in Donndorf. Am 24. September bezog die Familie eine Stadt­wohnung in der Dammallee 7. Wagners künst­le­ri­sches Selbst­ver­ständnis verlangte ein eigenes Haus, zu dessen Finan­zierung der König mit einem großen Geldge­schenk beitrug. So konnte Wagner im Februar 1872 am Hofgarten ein Grund­stück für 12.000 Gulden kaufen, auf dem eine reprä­sen­tative Künst­ler­villa errichtet werden sollte. Als Villa Wahnfried wurde sie nach weiteren Zuschüssen erst im Jahre 1874 fertig­ge­stellt und am 28. April bezogen.

Der Bayreuther Bankier Friedrich Feustel hatte 1872 für die Familie Wagner die gesamte oberste Etage im Hotel Fantaisie gemietet. Richard, Cosima und die fünf Kinder lebten hier einen glück­lichen Sommer vom 30. April 1872 bis in den September, begleitet von Hund Russ, Kinder­mädchen und Köchin. Von den Räumlich­keiten überlebte als so genanntes Wagner-Zimmer nur die Nr. 2, das einstige Schlaf­zimmer von Richard und Cosima mit den Bieder­mei­er­möbeln von damals und dem Balkon zum Park – seit der Zerstörung von Haus Wahnfried im Zweiten Weltkrieg der einzige Raum mit original erhal­tener Innen­ein­richtung, den Wagner in seiner Bayreuther Zeit bewohnte. Das Wagner-Zimmer wurde bis Oktober 2015 an Hotel­gäste vermietet, die letzten 29 Jahre von Ulrich und Michaela Herath, die neben dem Hotel auch eine beliebte Kondi­torei und Gaststätte betrieben. Vor allem für Wagne­rianer war das ein echter Geheimtipp. Für Nicht-Wagne­rianer war das Zimmer wegen seiner sparta­ni­schen Ausstattung ohne Wasch­becken und Dusche/​WC im Zimmer eher weniger inter­essant. Im Vorfeld des Wagner-Jubilä­ums­jahres 2013 gingen Karla Fohrbeck und Frank Piontek mit zwei Faltpro­spekten an die Öffent­lichkeit, in denen sie auf Basis der Cosima-Tagebücher auf Wagners Zeit in Donndorf und das Richard-Wagner-Zimmer hinwiesen. Das Echo war bescheiden, die geistige Grenze zwischen Stadt und Landkreis scheinbar nicht zu überbrücken.

Als eine Nürnberger Immobi­li­en­ge­sell­schaft das denkmal­ge­schützte rote Hotel Fantaisie zwecks Umwandlung in eine Wohnre­sidenz kaufte und moder­ni­sierte, wurden die Original-Möbel beim Eigen­tümer, der Brauerei Maisel, zwischen­ge­lagert. Bis sich dann die Oberfran­ken­stiftung erbarmte, sie kaufte und als Dauer­leihgabe der Stadt Bayreuth überließ. Die erfolg­reiche, aber befristete Sonder­aus­stellung im Histo­ri­schen Museum fand wegen Platznot und Umbau­maß­nahmen zur Neueröffnung aber schon 2021 ein Ende. Dafür öffnete sich am Origi­nal­schau­platz im Fantaisie eine neue Gelegenheit.

Frank Piontek – Foto © privat

Der Wagner-Begeis­terung des neuen Eigen­tümers Adrian Indle­kofer von Appar­tement Nr. 8 im zweiten Stock ist es zu verdanken, dass nach Sanierung und  Moder­ni­sierung des einstigen Hotel Fantaisie seit Frühjahr 2021 sogar zwei Wohnräume Richard Wagners als Gedenk­stätte zur Verfügung  stehen und nach Absprache jetzt auch wieder besichtigt werden können: Für das ehemalige Schlaf­zimmer von Richard und Cosima hat die Oberfran­ken­stiftung die Original-Möbel als Leihgabe zur Verfügung gestellt: Das eheliche Doppelbett, in dem schon viele Hotel­gäste schliefen, Schrank, Kommode und zwei Nacht­tischchen – alles im schlichten, aber eleganten Landhaus-Bieder­meier der 1870-er Jahre. In dem ehema­ligen Arbeits­zimmer des Kompo­nisten daneben werden Faksimile-Dokumente, histo­rische Fotografien und Grafiken zum ersten entschei­denden Sommer in Bayreuth präsen­tiert sowie ein „Wagner-Klavier“, auf dem gelegentlich auch Festspiel­künstler oder Wagner­lieb­haber spielen dürfen.  In diesem Zimmer vollendete Richard Wagner unter anderem die Kompo­sition der Orches­ter­skizze zur Götter­däm­merung. „Als Dirigent beschäftige ich mich schon seit Jahrzehnten mit Wagner und seiner Musik. Für mich war die Führung durch das Wagner­zimmer ein ganz beson­deres Erlebnis. Ich empfehle diesen außer­ge­wöhn­lichen Ort wärmstens allen Bayreuth-Besuchern“, schrieb Christian Thielemann im Gästebuch des Wagnerzimmers.

Über diesen beson­deren Ort hat nun der Bayreuther Wagner-Experte Frank Piontek liebevoll eine 82 Seiten starke Broschüre mit dem treffenden Namen Genius Loci zusam­men­ge­stellt. Das Vorwort, Präludium genannt, stammt von keinem Gerin­gerem als dem langjäh­rigen Bayreuther Dirigenten Christian Thielemann. Das Grußwort von Sven Friedrich, dem langjäh­rigen Direktor des Richard-Wagner-Museums und Natio­nal­ar­chivs in Bayreuth enthält Zitate aus den Tagebü­chern Cosima Wagners mit Hinweisen auf die ersten Besuche des Ortes und die zahlreichen Besuche in der Umgebung, wie dem Salaman­dertal, das Richard Wagner an die Wolfs­schlucht in Carl Maria von Webers Freischütz erinnerte.

Ein Schwer­punkt der Broschüre sind die Beschrei­bungen der Arbeiten am Bau des Festspiel­hauses und der Villa Wahnfried, die mit zahlreichen histo­ri­schen Dokumenten und Abbil­dungen illus­triert sind. Besonders schön zu lesen ist das fiktive Gespräch des Erzählers mit Cosima Wagner über den Aufenthalt der Wagners in Schloss Fantaisie, garniert mit Briefen Richard Wagners aus dieser Zeit. Doch ist die Broschüre nicht nur ein Zeitdo­kument über einen beson­deren Ort. Und Piontek wäre nicht Piontek, wenn er nicht in seinem unermess­lichen Dokumenten-Archiv grübe. Unter dem Titel Was einer kompo­niert stellt Piontek die Entstehung der Orches­ter­skizze zum Ring zusammen. Am Schluss geht es wieder in die Echtzeit, mit Bildern und kleinen Dokumenten über die Eröffnung des Wagner­zimmers, die erst durch das Engagement des Münchner Wagne­rianers Adrian Indle­kofer möglich wurde. Als vor ein paar Jahren das frühere Hotel zum Apart­menthaus umgebaut wurde und Wagners Spuren zu verschwinden drohten, fasste sich Indle­kofer ein Herz: Er kaufte die Wohnung mit den alten Wohnräumen Wagners. Und richtete zwei der Zimmer ohne öffent­liche Subvention auf eigene Faust als Museum ein. Wer die Wagner­zimmer sehen will, kann sich bei ihm persönlich melden. Camilla Nylund, die letzt­jährige Isolde in Bayreuth, hatte das getan und war tief beein­druckt von der Örtlichkeit.

Wer nun neugierig geworden ist und einen Besuch des Wagner­zimmers bei seinem nächsten Bayreuth-Aufenthalt einplant, dem sei dieses Kleinod an Broschüre ans Herz gelegt, die auf den Besuch nicht nur ideal vorbe­reitet, sondern unbedingte Lust macht. Und das gilt nicht nur für Wagnerianer.

Andreas H. Hölscher

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