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Wenn eine Berühmtheit ein Buch veröffentlicht, erwartet man eine ausführliche Biografie, in der der Künstler darum bemüht ist, sich selbst im Spiegel seiner Eitelkeit zu betrachten, schlimmstenfalls noch mit den Menschen abrechnet, die ihm aus seiner Sicht geschadet haben. Längst hat man sich daran gewöhnt, „Abrechnungen“ offeriert zu bekommen.
Stephen Hough ist am 22. November 1961 in Heswall in England geboren und wuchs in Cheshire auf. Nach seiner Ausbildung erlangte er mit einem „abseitigen, tendenziell romantischen Repertoire“ Bekanntheit. Sein Durchbruch gelang ihm mit der Einspielung von zwei Klavierkonzerten des Mozart-Schülers Johann Nepomuk Hummel. Seither zählt er zu den „angesehensten Künstlern unserer Zeit“, ein Begriff, der zunehmend inflationär gebraucht wird. Deshalb ist es auch nicht weiter dramatisch, wenn man den Namen noch nie gehört hat.
Beim Staccato-Verlag ist die deutsche Übersetzung seines rund 280 Seiten starken Buchs Genug – Kinderszenen erschienen. „Jedenfalls ist eine vollständige Autobiografie in der Regel langweilig und womöglich anstößig. Es ist die Person am Esstisch, die einfach nicht aufhören will zu reden. Es ist die musikalische Phrase, die keinen Atem hat“, schreibt Hough im Vorwort und stellt damit klar, dass er eben keine Autobiografie schreiben will. Stattdessen verlegt er sich in seinem Werk, das im Original Enough heißt und damit einen Reim auf seinen Nachnamen bildet, was im Deutschen verloren geht, auf die Darstellung einzelner Szenen oder Zeitabschnitte.
Rasch gelingt es Hough, den Leser mit der Darstellung seiner Kindheit in englischen Kleinstädten in den Bann zu ziehen. Die lakonische Schilderung der Normalität fesselt, obwohl man das Buch möglicherweise mit Bedenken aufgeschlagen hat. Schließlich gilt Hough laut eigenem Wikipedia-Eintrag als „offen bekennender Schwuler“. Was in seiner Jugend sicher noch ziemlich aufregend gewesen sein mag, ist heute so aufregend wie der amtierende Bundeskanzler Scholz, wenn er im Rahmen einer Regierungserklärung betonen wollte, er sei hetero, und das sei gut so. Will man wirklich schon wieder eine Homosexuellen-Biografie lesen in einer Zeit, in der in Fernsehserien inzwischen mehr Schwule als Heteros auftauchen? Aber Hough verschont seine Leser mit Schmuddel- oder schwülstigen Geschichten. Gewiss, da wird kurz erwähnt, dass er schon als kleines Kind seine Homosexualität entdeckt habe, dass er in der Pubertät vor allem die Helden des Pops erotisch findet und dass er später ganz furchtbare Angst vor AIDS hatte. Ganz unaufgeregt Aber das war es dankenswerterweise auch schon.
Was an dem Buch vielleicht am meisten gefällt, ist das Understatement. Hier gibt es keine Wunderkind-Allüren, sondern eher die Widerstände, mit denen er das erste Klavier im Elternhaus erkämpfen musste. Und richtig schön wird es in der Pubertät. Eine der Lieblingsfragen des Journalisten bei Musiker-Interviews ist, wie sie mit den Irritationen und Lustlosigkeiten der Pubertät umgegangen sind. Eine Frage, die man eigentlich gar nicht mehr stellen möchte, weil man ohnehin immer nur zu hören bekommt, dass es damit überhaupt keine Probleme gegeben habe und man schon damals eigentlich nur von der Karriere geträumt habe. Bei Hough klingt das erfrischend anders, weil er in seinem lilafarbenen Zimmer die Körper der Pop-Helden auf den Plakaten angehimmelt habe. Das ist authentisch und verleiht auch dem späteren Werdegang Glaubwürdigkeit, wenn er etwa zum Katholizismus konvertiert.
Dass er das Zeug zur Berühmtheit hat, wird nicht erst bei seinem Gewinn des Naumburg-Wettbewerbs klar, sondern lässt sich daran messen, dass er beginnt, sich mit seinen Lehrern kritisch auseinanderzusetzen. Eine der schönsten Passagen, die seine Selbstreflexion zeigen, dreht sich um das Phänomen, wie wenig sich Künstler für die Kunst anderer interessieren. „Immer wieder erstaunt es mich, wie wenig Studenten sich für den Besuch von Konzerten zu interessieren scheinen, selbst wenn man nur fünf Minuten Fußweg hat, um einen freien Platz zu ergattern. Sollte das Privileg, an einem Konservatorium zu studieren, nicht Anreiz genug sein, jede Gelegenheit zu nutzen, um ein Live-Konzert zu hören?“
Eine ungewöhnliche Biografie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesefreude bereitet und bei der man das Gefühl nicht los wird zu erleben, wie sich aus dem Kokon der Schmetterling befreit. Ein Schmetterling, der viele seiner Weggefährten längst verloren hat, sich aber das farbenfrohe Schillern noch nicht abgewöhnen möchte. Es sei ihm gegönnt.
Michael S. Zerban