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Gesamtkunstwerk

Zehn Jahre lang hat Lois Lammer­huber mit der Wiener Staatsoper zusam­men­ge­ar­beitet. In seinem 200 Seiten starken Buch Gesamt­kunstwerk, das Ende Februar erschienen ist, nimmt er die Leser mit hinter die Kulissen des Opern­be­triebs. Mit 112 Fotos gibt er Einblicke in eine faszi­nie­rende Welt. Andreas H. Hölscher hat sich das Werk angeschaut und ist begeistert. 

Lois Lammerhuber - Foto © Francis Giacobetti

Blick hinter die Kulissen

Wenn ein Opern­lieb­haber einen Besuch in Wien plant, dann steht der Besuch einer Aufführung an der Wiener Staatsoper selbst­ver­ständlich auf dem Plan. Als eines der inter­na­tional bedeu­tendsten Opern­häuser blickt die Wiener Staatsoper sowohl auf eine tradi­ti­ons­reiche Vergan­genheit zurück als auch auf eine vielseitige Gegenwart: Jede Spielzeit stehen in rund 350 Vorstel­lungen mehr als 60 verschiedene Opern- und Ballett­werke auf dem Spielplan. Allabendlich sind neben den fest engagierten Ensem­ble­mit­gliedern inter­na­tionale Stars auf der Bühne und am Dirigen­tenpult zu erleben, im Graben begleitet vom Wiener Staats­opern­or­chester, dessen Musiker in Perso­nal­union den Klang­körper der Wiener Philhar­mo­niker bilden. Für den Zuschauer ist es meist ein Genuss auf höchstem Niveau, was ihm auf der Opern­bühne und im Orches­ter­graben präsen­tiert wird. Damit das Geschehen aber auch perfekt über die Bühne gehen kann, müssen viele Räder inein­an­der­greifen. Und dieses Uhrwerk ist für den Zuschauer nicht sichtbar, sondern es findet hinter den Kulissen, auf neudeutsch „Backstage“ statt. Das nicht nur zeitgleich, sondern meist schon viel früher. Der Blick hinter die Kulissen auf das Bühnenhaus, die Werkstätten, den Kostüm­fundus, die Schnei­derei, die Garde­roben und vieles mehr ist für den normalen Zuschauer in der Regel nicht sichtbar.

Seit Beginn der Intendanz von Dominique Meyer an der Wiener Staatsoper hat der Fotograf und Verleger Lois Lammer­huber jedes Jahr anlässlich des Wiener Opern­balls ein Buch gestaltet – die sogenannte „Herren­spende“. Jedes dieser Bücher war einer Facette des Gesamt­kunst­werkes Wiener Staatsoper gewidmet: dem Wiener Staats­opern­or­chester, dem Chor der Wiener Staatsoper, dem Wiener Staats­ballett, dem Ensemble der Wiener Staatsoper, den Kostüm­werk­stätten, der Bühnen­technik, dem Entstehen einer Opern­pre­miere, dem Reper­toire der Wiener Staatsoper und den Sängern der 150-jährigen Geschichte der Wiener Staatsoper. All diese Bücher zeigen auf eindrucks­volle Art und mit einzig­ar­tigen Bildern die vielen Facetten eines großen Opern­hauses und ermög­lichen dem Opern­freund so einen Blick hinter die Kulissen, wie er es sonst nicht erleben kann. Wohl kein Opernhaus auf dieser Welt ist mit diesen Bildbänden so intensiv ausge­leuchtet worden wie die Wiener Staatsoper. Viele tausend Aufnahmen mussten gesichtet, besprochen, disku­tiert, freige­geben und auch wieder verworfen werden.

Der vorlie­gende Bildband, das neueste Werk aus der Edition Lammer­huber, zeigt nun die Lieblings­bilder von Lois Lammer­huber aus zehn Jahren Zusam­men­arbeit mit der Wiener Staatsoper unter der Direktion von Dominique Meyer und wurde am 20. Februar 2020 beim Wiener Opernball als tradi­tio­nelle „Herren­spende“ an die Ballgäste verteilt, als eine Art überdi­men­sio­nierte Visiten­karte der Wiener Staatsoper.

Und dieser Bildband ist quasi ein „best of“ Lois Lammer­hubers und seiner jahre­langen Zusam­men­arbeit mit der Wiener Staatsoper. Zweihundert Fotos, Backstage aufge­nommen, zeigen nicht nur diese vielen kleinen Mosaik­steine des Gesamt­kunst­werkes Wiener Staatsoper, es sind auch wieder sehr intime Momente, Geschichten hinter der Geschichte, Charaktere und Emotionen abgebildet. Die Bilder sind teilweise Schnapp­schüsse, die den einzig­ar­tigen Moment einfangen, manchmal sogar etwas unscharf, aber dafür sehr ausdrucks­stark, aber es sind auch in Szene gesetzte Bilder, kleine Kunst­werke, die alles eins gemeinsam haben: Sie geben den Menschen und deren Aufgaben hinter den Kulissen ein Gesicht, denn ohne ihre ambitio­nierte Arbeit wäre ein Opern­genuss überhaupt nicht möglich. Wenn nach der Aufführung die Solisten, der Chor, das Orchester und der Dirigent den Applaus als verdienten Lohn entge­gen­nehmen dürfen, bleiben die vielen fleißigen Helfer backstage unerkannt im Hinter­grund. So ist dieser Bildband auch der verdiente Applaus für all dieje­nigen, die im täglichen Opern­be­trieb nicht im Rampen­licht stehen.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Das Publikum an der Wiener Staatsoper ist tradi­tionell inter­na­tional, und so ist es auch nur natürlich, dass die Texte in diesem Buch in drei Sprachen verfasst sind. Neben deutsch und englisch auch in franzö­sisch, eine Hommage an die Heimat des Direktors der Wiener Staatsoper und Mitautor dieses Bildbandes, Dominique Meyer. Gemeinsam mit den Brüdern Andreas und Oliver Láng, Drama­turgen an der Wiener Staatsoper, sowie mit Oliver Peter Graber, dem Ballett­dra­ma­turgen des Wiener Staats­bal­letts, blickt Meyer auf seine zehn Spiel­zeiten zurück, beginnend mit der Saison 201011 bis zur aktuellen Spielzeit 201920. Unter der Überschrift „10 Spiel­zeiten, 100 Monate, eine Würdigung“ werden die Highlights der jewei­ligen Saison beschrieben. Diese Würdigung beinhaltet nicht nur die künst­le­ri­schen Höhepunkte einer Spielzeit, sondern auch technische Innova­tionen wie das Internet Streaming, neue Formate wie Kammer­mu­sik­kon­zerte oder Oper für junges Publikum. Neben einigen durchaus inter­es­santen Zahlen und Fakten sind es aber immer die kleinen persön­lichen Geschichten, die dann zu einem Höhepunkt einer Spielzeit werden. Zu einer ehrlichen Würdigung gehören aber auch Tatsachen, die weniger schön oder populär sind. Dass am 5. September 2014 der damalige General­mu­sik­di­rektor Franz Welser-Möst aufgrund „künst­le­ri­scher Diffe­renzen“ mit Dominique Meyer seinen sofor­tigen Rücktritt erklärte, wird in der entspre­chenden Spiel­zeit­replik leider nicht erwähnt.

Diese zehn Spiel­zeiten werden jeweils mit einer ganzsei­tigen Tusch­fe­der­zeichnung illus­triert und heben die beson­deren Momente aus Meyers Intendanz hervor. Diese künst­le­risch hochwer­tigen und beein­dru­ckenden Zeich­nungen stammen nicht aus der Feder eines Zeichners, sondern von dem lyrischen Tenor und langjäh­rigem Staats­opern-Ensem­ble­mit­glied Benedikt Kobel. Besonders gelungen ist die Zeichnung zum ersten Live-Stream der Produktion Adriana Lecou­vreur mit Anna Netrebko in der Spielzeit 201314, die man sich per Fernbe­dienung live ins Wohnzimmer holen konnte.

Ebenfalls sehr sehenswert ist seine Zeichnung aus der Spielzeit 201516, die den Kompo­nisten von Hänsel und Gretel, Engelbert Humper­dinck, zeigt, wie er an seine Oper denkt. Dabei ist das Konterfei der Knusperhexe das Gesicht Richard Wagners, der ja bekann­ter­maßen einen großen Einfluss auf den jungen Kompo­nisten Humper­dinck hatte. Seine letzte Zeichnung zur aktuellen Spielzeit ist dem 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens gewidmet, den die Wiener Staatsoper mit der Neupro­duktion der Erstfassung der großen Befrei­ungsoper Leonore (Fidelio) würdigt. Und Beethoven lässt die Partitur seiner Leonore I wie einen Vogel aus dem Käfig fliegen.

An die Beschreibung der Dekade unter Dominique Meyer schließt sich nun der Hauptteil des Bildbandes an, die Würdigung der Wiener Staatsoper als Gesamt­kunstwerk Backstage in Bildern unter der Überschrift: „10 Spiel­zeiten, 100 Monate, 100 Bilder“

Foto © Lois Lammerhuber

Und diese 100 Bilder, ganz- oder doppel­seitig, illus­trieren den Alltag hinter der Bühne, sowohl die aufre­genden als auch die stillen oder einsamen Momente. Es sind farben­frohe, teilweise expressive Bilder, die Lammer­huber mit der Kamera einge­fangen hat, und die die vielschich­tigen Facetten und Mosaik­steine im Opern­be­trieb skizzieren. Sei es der Opernchor oder das Ballett mit starken Nahauf­nahmen, sowohl bei einer Aufführung oder einer Probe, oder glücklich und erleichtert nach der Vorstellung. Aber Kunst ist auch Schwerst­arbeit. Eines der beein­dru­ckendsten Fotos ist Lammer­huber von Natalie Kusch gelungen, Solotän­zerin des Wiener Staats­ballets, nach einem Auftritt. Auf der Hinter­bühne allein sitzend, die Fußspitzen noch in Position, und mit einer Hand den Schweiß mit einem Tuch aus dem Gesicht wischend, der Gesichts­aus­druck wirkt angestrengt, fast leidend. Das ist so eines der Bilder, die desil­lu­sio­nierend auf den wirken, der sich den wahren Alltag eines Künstlers, egal ob Sänger oder Tänzer, gar nicht vorstellen kann. Aber Natalie Kusch kann auch lächeln. Ein anderes Foto zeigt sie mit Ludmila Konovalova, die sich gerade die Füße taped, bei einer Probe im Ballettsaal. Der Kontrast zwischen diesen beiden Fotos könnte gar nicht größer sein.  Und das ist wiederum das besondere an den Fotos von Lammer­huber, die allesamt selbst kleine Kunst­werke sind, weil sie nicht nur den Moment einfangen, sondern die Atmosphäre des Augen­blicks auf den Leser übertragen. Das gilt vor allem für ein doppel­sei­tiges Bild von Edita Gruberová als Elisa­betta in Donizettis Roberto Devereux, eine ihrer Parade­rollen, die sie zwischen 2000 und 2014 dreißigmal an der Wiener Staatsoper gegeben hat. Das Bild zeigt die Gruberová nicht auf der Bühne beim trium­phalen Schluss­ap­plaus, sondern in ihrer Garderobe, wo sie mit ernstem, ja fast schon kritisch prüfendem Blick in den Spiegel schaut. Auf der Ablage jede Menge Schmink­farbe, Schminkpads und Pinsel, die Atmosphäre in der Garderobe ist kühl und nüchtern. Was mag die Gruberová wohl in diesem Moment denken? Reflek­tiert sie ihre jahrzehn­te­lange Karriere, memoriert sie den nächsten Auftritt? Oder denkt sie ganz banal an den Wochen­end­einkauf? Dieses Geheimnis teilt sie nicht mit uns, und es ist unserer Fantasie vorbe­halten, diesen Augen­blick mit ihr zu teilen.

Es gibt noch ein Garde­ro­benfoto in diesem Bildband. Es zeigt eine verschmitzt lächelnde Elīna Garanča mit Locken­wicklern. Ein sehr persön­liches, ja, fast schon intimes Foto, das die Künst­lerin pur zeigt, ohne gestylte Frisur und große Garderobe, so wie der Mensch nebenan. Das sind eben die Beson­der­heiten der Bilder von Lammer­huber, in denen immer der Mensch im Vorder­grund steht, und nicht die Rolle oder die Figur, mit all seinen kleinen Eitel­keiten und Verletz­lich­keiten. Und ob es der konzen­trierte Blick des musika­li­schen Studi­en­leiters Thomas Lausmann am Flügel, dessen Konterfei sich im aufge­stellten Noten­ständer reflek­tiert, oder der Bass-Bariton Wolfgang Bankl mit mächtiger Trommel als Zirkus­di­rektor in seiner Garderobe ist: Jedes der 100 Fotos aus zehn Jahren hat seinen eigenen Stil, seinen eigenen Charakter. Ein ganz beson­deres Foto ist das von der Kostüm­de­si­gnerin Sue Blane mit Laptop auf einem roten Sofa, eine Zigarette in der Hand, unter einem großfor­ma­tigen Werbe­plakat für einen Film über Jessye Norman, in der gegen­über­lie­genden Wand hinter einem Bullauge ein überdi­men­sio­nierter violetter Stiefel mit vier Absätzen. Auch dieses Bild ist ein kleiner Stein im Gesamt­kunstwerk Wiener Staatsoper. Das einzige Schwarzweiß-Foto in diesem Bildband zeigt den Dirigenten Christian Thielemann mit dem Opern­di­rektor Dominique Meyer. Als ob die beiden sich verschworen hätten; Meyer redet auf Thielemann ein, und dessen entspannt zufrie­dener Gesichts­aus­druck scheint einen gewissen Triumph nicht verbergen zu wollen.

Der Bildband mit den 100 Lieblings­bildern von Lammer­huber, den herrlichen Tusch­zeich­nungen von Kobel und den Beschrei­bungen von zehn Spiel­zeiten Meyers mit seinen Drama­turgen ist für jeden Opern­freund eine Berei­cherung, da er selten gesehene Momente hinter den Kulissen zeigt, und für die Freunde der Wiener Staatsoper eigentlich ein „must have“. Und in jedem Fall ist dieser Bildband mehr wert als eine Herren­spende auf dem Wiener Opernball. Es bleibt abzuwarten, ob Verleger Lammer­huber mit dem neuen Inten­danten der Wiener Staatsoper diese Tradition fortführt und der Fotograf Lammer­huber uns weiter an reizvollen und persön­lichen Augen­blicken vor und hinter den Kulissen mit seiner Kamera teilhaben lässt. Den Opern­freund wird es freuen.

Andreas H. Hölscher

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