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Wenn ein Opernliebhaber einen Besuch in Wien plant, dann steht der Besuch einer Aufführung an der Wiener Staatsoper selbstverständlich auf dem Plan. Als eines der international bedeutendsten Opernhäuser blickt die Wiener Staatsoper sowohl auf eine traditionsreiche Vergangenheit zurück als auch auf eine vielseitige Gegenwart: Jede Spielzeit stehen in rund 350 Vorstellungen mehr als 60 verschiedene Opern- und Ballettwerke auf dem Spielplan. Allabendlich sind neben den fest engagierten Ensemblemitgliedern internationale Stars auf der Bühne und am Dirigentenpult zu erleben, im Graben begleitet vom Wiener Staatsopernorchester, dessen Musiker in Personalunion den Klangkörper der Wiener Philharmoniker bilden. Für den Zuschauer ist es meist ein Genuss auf höchstem Niveau, was ihm auf der Opernbühne und im Orchestergraben präsentiert wird. Damit das Geschehen aber auch perfekt über die Bühne gehen kann, müssen viele Räder ineinandergreifen. Und dieses Uhrwerk ist für den Zuschauer nicht sichtbar, sondern es findet hinter den Kulissen, auf neudeutsch „Backstage“ statt. Das nicht nur zeitgleich, sondern meist schon viel früher. Der Blick hinter die Kulissen auf das Bühnenhaus, die Werkstätten, den Kostümfundus, die Schneiderei, die Garderoben und vieles mehr ist für den normalen Zuschauer in der Regel nicht sichtbar.
Seit Beginn der Intendanz von Dominique Meyer an der Wiener Staatsoper hat der Fotograf und Verleger Lois Lammerhuber jedes Jahr anlässlich des Wiener Opernballs ein Buch gestaltet – die sogenannte „Herrenspende“. Jedes dieser Bücher war einer Facette des Gesamtkunstwerkes Wiener Staatsoper gewidmet: dem Wiener Staatsopernorchester, dem Chor der Wiener Staatsoper, dem Wiener Staatsballett, dem Ensemble der Wiener Staatsoper, den Kostümwerkstätten, der Bühnentechnik, dem Entstehen einer Opernpremiere, dem Repertoire der Wiener Staatsoper und den Sängern der 150-jährigen Geschichte der Wiener Staatsoper. All diese Bücher zeigen auf eindrucksvolle Art und mit einzigartigen Bildern die vielen Facetten eines großen Opernhauses und ermöglichen dem Opernfreund so einen Blick hinter die Kulissen, wie er es sonst nicht erleben kann. Wohl kein Opernhaus auf dieser Welt ist mit diesen Bildbänden so intensiv ausgeleuchtet worden wie die Wiener Staatsoper. Viele tausend Aufnahmen mussten gesichtet, besprochen, diskutiert, freigegeben und auch wieder verworfen werden.
Der vorliegende Bildband, das neueste Werk aus der Edition Lammerhuber, zeigt nun die Lieblingsbilder von Lois Lammerhuber aus zehn Jahren Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper unter der Direktion von Dominique Meyer und wurde am 20. Februar 2020 beim Wiener Opernball als traditionelle „Herrenspende“ an die Ballgäste verteilt, als eine Art überdimensionierte Visitenkarte der Wiener Staatsoper.
Und dieser Bildband ist quasi ein „best of“ Lois Lammerhubers und seiner jahrelangen Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper. Zweihundert Fotos, Backstage aufgenommen, zeigen nicht nur diese vielen kleinen Mosaiksteine des Gesamtkunstwerkes Wiener Staatsoper, es sind auch wieder sehr intime Momente, Geschichten hinter der Geschichte, Charaktere und Emotionen abgebildet. Die Bilder sind teilweise Schnappschüsse, die den einzigartigen Moment einfangen, manchmal sogar etwas unscharf, aber dafür sehr ausdrucksstark, aber es sind auch in Szene gesetzte Bilder, kleine Kunstwerke, die alles eins gemeinsam haben: Sie geben den Menschen und deren Aufgaben hinter den Kulissen ein Gesicht, denn ohne ihre ambitionierte Arbeit wäre ein Operngenuss überhaupt nicht möglich. Wenn nach der Aufführung die Solisten, der Chor, das Orchester und der Dirigent den Applaus als verdienten Lohn entgegennehmen dürfen, bleiben die vielen fleißigen Helfer backstage unerkannt im Hintergrund. So ist dieser Bildband auch der verdiente Applaus für all diejenigen, die im täglichen Opernbetrieb nicht im Rampenlicht stehen.
| Buchidee | ![]() |
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Das Publikum an der Wiener Staatsoper ist traditionell international, und so ist es auch nur natürlich, dass die Texte in diesem Buch in drei Sprachen verfasst sind. Neben deutsch und englisch auch in französisch, eine Hommage an die Heimat des Direktors der Wiener Staatsoper und Mitautor dieses Bildbandes, Dominique Meyer. Gemeinsam mit den Brüdern Andreas und Oliver Láng, Dramaturgen an der Wiener Staatsoper, sowie mit Oliver Peter Graber, dem Ballettdramaturgen des Wiener Staatsballetts, blickt Meyer auf seine zehn Spielzeiten zurück, beginnend mit der Saison 2010⁄11 bis zur aktuellen Spielzeit 2019⁄20. Unter der Überschrift „10 Spielzeiten, 100 Monate, eine Würdigung“ werden die Highlights der jeweiligen Saison beschrieben. Diese Würdigung beinhaltet nicht nur die künstlerischen Höhepunkte einer Spielzeit, sondern auch technische Innovationen wie das Internet Streaming, neue Formate wie Kammermusikkonzerte oder Oper für junges Publikum. Neben einigen durchaus interessanten Zahlen und Fakten sind es aber immer die kleinen persönlichen Geschichten, die dann zu einem Höhepunkt einer Spielzeit werden. Zu einer ehrlichen Würdigung gehören aber auch Tatsachen, die weniger schön oder populär sind. Dass am 5. September 2014 der damalige Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst aufgrund „künstlerischer Differenzen“ mit Dominique Meyer seinen sofortigen Rücktritt erklärte, wird in der entsprechenden Spielzeitreplik leider nicht erwähnt.
Diese zehn Spielzeiten werden jeweils mit einer ganzseitigen Tuschfederzeichnung illustriert und heben die besonderen Momente aus Meyers Intendanz hervor. Diese künstlerisch hochwertigen und beeindruckenden Zeichnungen stammen nicht aus der Feder eines Zeichners, sondern von dem lyrischen Tenor und langjährigem Staatsopern-Ensemblemitglied Benedikt Kobel. Besonders gelungen ist die Zeichnung zum ersten Live-Stream der Produktion Adriana Lecouvreur mit Anna Netrebko in der Spielzeit 2013⁄14, die man sich per Fernbedienung live ins Wohnzimmer holen konnte.
Ebenfalls sehr sehenswert ist seine Zeichnung aus der Spielzeit 2015⁄16, die den Komponisten von Hänsel und Gretel, Engelbert Humperdinck, zeigt, wie er an seine Oper denkt. Dabei ist das Konterfei der Knusperhexe das Gesicht Richard Wagners, der ja bekanntermaßen einen großen Einfluss auf den jungen Komponisten Humperdinck hatte. Seine letzte Zeichnung zur aktuellen Spielzeit ist dem 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens gewidmet, den die Wiener Staatsoper mit der Neuproduktion der Erstfassung der großen Befreiungsoper Leonore (Fidelio) würdigt. Und Beethoven lässt die Partitur seiner Leonore I wie einen Vogel aus dem Käfig fliegen.
An die Beschreibung der Dekade unter Dominique Meyer schließt sich nun der Hauptteil des Bildbandes an, die Würdigung der Wiener Staatsoper als Gesamtkunstwerk Backstage in Bildern unter der Überschrift: „10 Spielzeiten, 100 Monate, 100 Bilder“

Und diese 100 Bilder, ganz- oder doppelseitig, illustrieren den Alltag hinter der Bühne, sowohl die aufregenden als auch die stillen oder einsamen Momente. Es sind farbenfrohe, teilweise expressive Bilder, die Lammerhuber mit der Kamera eingefangen hat, und die die vielschichtigen Facetten und Mosaiksteine im Opernbetrieb skizzieren. Sei es der Opernchor oder das Ballett mit starken Nahaufnahmen, sowohl bei einer Aufführung oder einer Probe, oder glücklich und erleichtert nach der Vorstellung. Aber Kunst ist auch Schwerstarbeit. Eines der beeindruckendsten Fotos ist Lammerhuber von Natalie Kusch gelungen, Solotänzerin des Wiener Staatsballets, nach einem Auftritt. Auf der Hinterbühne allein sitzend, die Fußspitzen noch in Position, und mit einer Hand den Schweiß mit einem Tuch aus dem Gesicht wischend, der Gesichtsausdruck wirkt angestrengt, fast leidend. Das ist so eines der Bilder, die desillusionierend auf den wirken, der sich den wahren Alltag eines Künstlers, egal ob Sänger oder Tänzer, gar nicht vorstellen kann. Aber Natalie Kusch kann auch lächeln. Ein anderes Foto zeigt sie mit Ludmila Konovalova, die sich gerade die Füße taped, bei einer Probe im Ballettsaal. Der Kontrast zwischen diesen beiden Fotos könnte gar nicht größer sein. Und das ist wiederum das besondere an den Fotos von Lammerhuber, die allesamt selbst kleine Kunstwerke sind, weil sie nicht nur den Moment einfangen, sondern die Atmosphäre des Augenblicks auf den Leser übertragen. Das gilt vor allem für ein doppelseitiges Bild von Edita Gruberová als Elisabetta in Donizettis Roberto Devereux, eine ihrer Paraderollen, die sie zwischen 2000 und 2014 dreißigmal an der Wiener Staatsoper gegeben hat. Das Bild zeigt die Gruberová nicht auf der Bühne beim triumphalen Schlussapplaus, sondern in ihrer Garderobe, wo sie mit ernstem, ja fast schon kritisch prüfendem Blick in den Spiegel schaut. Auf der Ablage jede Menge Schminkfarbe, Schminkpads und Pinsel, die Atmosphäre in der Garderobe ist kühl und nüchtern. Was mag die Gruberová wohl in diesem Moment denken? Reflektiert sie ihre jahrzehntelange Karriere, memoriert sie den nächsten Auftritt? Oder denkt sie ganz banal an den Wochenendeinkauf? Dieses Geheimnis teilt sie nicht mit uns, und es ist unserer Fantasie vorbehalten, diesen Augenblick mit ihr zu teilen.
Es gibt noch ein Garderobenfoto in diesem Bildband. Es zeigt eine verschmitzt lächelnde Elīna Garanča mit Lockenwicklern. Ein sehr persönliches, ja, fast schon intimes Foto, das die Künstlerin pur zeigt, ohne gestylte Frisur und große Garderobe, so wie der Mensch nebenan. Das sind eben die Besonderheiten der Bilder von Lammerhuber, in denen immer der Mensch im Vordergrund steht, und nicht die Rolle oder die Figur, mit all seinen kleinen Eitelkeiten und Verletzlichkeiten. Und ob es der konzentrierte Blick des musikalischen Studienleiters Thomas Lausmann am Flügel, dessen Konterfei sich im aufgestellten Notenständer reflektiert, oder der Bass-Bariton Wolfgang Bankl mit mächtiger Trommel als Zirkusdirektor in seiner Garderobe ist: Jedes der 100 Fotos aus zehn Jahren hat seinen eigenen Stil, seinen eigenen Charakter. Ein ganz besonderes Foto ist das von der Kostümdesignerin Sue Blane mit Laptop auf einem roten Sofa, eine Zigarette in der Hand, unter einem großformatigen Werbeplakat für einen Film über Jessye Norman, in der gegenüberliegenden Wand hinter einem Bullauge ein überdimensionierter violetter Stiefel mit vier Absätzen. Auch dieses Bild ist ein kleiner Stein im Gesamtkunstwerk Wiener Staatsoper. Das einzige Schwarzweiß-Foto in diesem Bildband zeigt den Dirigenten Christian Thielemann mit dem Operndirektor Dominique Meyer. Als ob die beiden sich verschworen hätten; Meyer redet auf Thielemann ein, und dessen entspannt zufriedener Gesichtsausdruck scheint einen gewissen Triumph nicht verbergen zu wollen.
Der Bildband mit den 100 Lieblingsbildern von Lammerhuber, den herrlichen Tuschzeichnungen von Kobel und den Beschreibungen von zehn Spielzeiten Meyers mit seinen Dramaturgen ist für jeden Opernfreund eine Bereicherung, da er selten gesehene Momente hinter den Kulissen zeigt, und für die Freunde der Wiener Staatsoper eigentlich ein „must have“. Und in jedem Fall ist dieser Bildband mehr wert als eine Herrenspende auf dem Wiener Opernball. Es bleibt abzuwarten, ob Verleger Lammerhuber mit dem neuen Intendanten der Wiener Staatsoper diese Tradition fortführt und der Fotograf Lammerhuber uns weiter an reizvollen und persönlichen Augenblicken vor und hinter den Kulissen mit seiner Kamera teilhaben lässt. Den Opernfreund wird es freuen.
Andreas H. Hölscher