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Vielleicht entwickelt man eine besondere Fantasie, wenn man in dem Puppentheater groß wird, in dem die Eltern arbeiten. Möglicherweise hat Daria Wilke schon in frühester Kindheit in Moskau erfahren, wie es ist, in verschiedenen Welten zu leben. Um dieses Wissen im Studium der Psychologie, Pädagogik und Geschichte zu kanalisieren. Sie begann ihre Karriere als Journalistin in Russland, ehe sie im Alter von 24 Jahren nach Wien ging, wo sie bis heute lebt und an der hiesigen Universität arbeitet. Einen Namen machte sie sich mit Kinder- und Jugendbüchern in russischer Sprache. Jetzt veröffentlicht sie ihren ersten deutschsprachigen Roman im Wiener Residenz-Verlag. Dabei hat der Verlag sich nicht lumpen lassen. Solch eine hochwertige Verarbeitung sieht man nicht mehr oft. Und so unauffällig das Buch wirkt, verspricht es mit seinem türkisfarbenen Reliefdruck auf dem Einband doch mehr als die übliche Kost.
Rund 300 Seiten benötigt die Autorin, um eine vielschichtige, kontroverse Geschichte zu erzählen, gegen die jeder Kriminalroman-Autor vor Neid erblasst. Und endlich wissen wir, dass es die ganz große Literatur noch gibt, diesen einen Roman, der in Poesie den Leser fesselt. Allein das Thema ist so abstrus, geradezu pervers und von einer Monstrosität, die bis zum Schluss kaum fassbar ist. Kastraten sind für die Geschichte der Oper oder der Kirchenmusik so unerlässlich wie ein Werk von Claudio Monteverdi. Jahrhundertelang wurden Jungen kastriert, um ihre vorpubertären Stimmen zu bewahren, ohne Rücksicht auf die allzu bekannten Nebenwirkungen. Am 22. November 1903 schrieb Papst Pius X. vor, in der Kirchenmusik zur Besetzung von Sopran- und Altstimmen ausschließlich Knaben einzusetzen. Damit war der Kastrationspraxis die Grundlage entzogen.
War sie das wirklich? Allein die Vorstellung ist gruselig. Wilke geht in ihrer Geschichte davon aus, dass die Kastrationen nie aufgehört haben, lediglich dem öffentlichen Blick entzogen wurden. Und so landet der Leser gleich zu Beginn in einem Schloss mit dem bezeichnenden Namen settecento, also 1700, in dem der Barock in all seinen Facetten lebt. Einsam in der Steiermark liegt das Internat, dessen Leiter kleine Jungen kauft, sie kastrieren lässt und zu Sängern ausbildet. Rasch fühlt man sich, auch wegen der atmosphärisch dichten Zeichnung, an Krabat erinnert – und so düster und unheimlich bleibt es auch. Vor der barocken Folie erlebt Matteo, der zu diesem Zeitpunkt bereits kastriert ist, sein Coming of age. Mehr soll nicht verraten werden. Oder vielleicht noch so viel: Die Kastrationen im Schloss enden, nicht ohne den Hinweis darauf, dass settecento nur eine von vielen Brutstätten ist, die eine finanziell gutgestellte Kundschaft bedienen, die der Schönheit der Hyazinthenstimme nicht zu entsagen vermag.
Nein, die Beklemmung und die Schönheit weichen einander nicht von der Seite. In nahezu jedem Satz findet Wilke Metaphern, die die Handlung in Stimmungen eintauchen, wie wir sie kennen. Oder? Wer Wien besucht, wird auch als unbeleckter Tourist feststellen, dass die Musik hier mehr als an jedem anderen Ort dieser Welt eine besondere Rolle spielt, und die Morbidität hinter jeder Ecke lauert. Die Autorin verfügt über jene wunderbare Fantasie, die das Alltägliche in Wien potenziert. Das Märchen, das zwischenzeitlich Science-Fiction wird, eine fantastische Erzählung, kehrt wieder zurück ins Märchenhafte. Wilke lässt sich nicht von der Sterilität neuer Literatur beeindrucken, sondern schwelgt in Bildern.
Kurzum: Dieses Buch hält man gern in Händen, lässt sich in seinen Bann schlagen und ist am Ende zutiefst beeindruckt. Zwischendurch ist man in die Vergangenheit abgetaucht, um viel von der Geschichte der Kastraten zu erfahren – und die heutigen Falsett-Stimmen mit kritischer Distanz zu betrachten. Weil einen die Hyazinthenstimmen immer noch gefangen halten. Ein großartiges Buch, wie man es in den letzten Jahrzehnten nicht mehr lesen durfte.
Michael S. Zerban