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Die Hyazinthenstimme

Dieser Tage erscheint im Residenz-Verlag ein Roman­debüt. Zum ersten Mal hat Daria Wilke ein Buch auf Deutsch verfasst. Sie wird dafür gefeiert werden. Weil sie die Schönheit in einer sensa­tio­nellen Bilder­sprache mit der Grausamkeit konfron­tiert. Und eine Coming-of-age-Geschichte zu einem Märchen macht. „Moderne“ Literatur war gestern, heute geht es um Kastraten. 

Daria Wilke - Foto © Aleksandra Pawloff

Rückkehr der göttlichen Stimmen

Vielleicht entwi­ckelt man eine besondere Fantasie, wenn man in dem Puppen­theater groß wird, in dem die Eltern arbeiten. Mögli­cher­weise hat Daria Wilke schon in frühester Kindheit in Moskau erfahren, wie es ist, in verschie­denen Welten zu leben. Um dieses Wissen im Studium der Psycho­logie, Pädagogik und Geschichte zu kanali­sieren. Sie begann ihre Karriere als Journa­listin in Russland, ehe sie im Alter von 24 Jahren nach Wien ging, wo sie bis heute lebt und an der hiesigen Univer­sität arbeitet. Einen Namen machte sie sich mit Kinder- und Jugend­bü­chern in russi­scher Sprache. Jetzt veröf­fent­licht sie ihren ersten deutsch­spra­chigen Roman im Wiener Residenz-Verlag. Dabei hat der Verlag sich nicht lumpen lassen. Solch eine hochwertige Verar­beitung sieht man nicht mehr oft. Und so unauf­fällig das Buch wirkt, verspricht es mit seinem türkis­far­benen Relief­druck auf dem Einband doch mehr als die übliche Kost.

Rund 300 Seiten benötigt die Autorin, um eine vielschichtige, kontro­verse Geschichte zu erzählen, gegen die jeder Krimi­nal­roman-Autor vor Neid erblasst. Und endlich wissen wir, dass es die ganz große Literatur noch gibt, diesen einen Roman, der in Poesie den Leser fesselt. Allein das Thema ist so abstrus, geradezu pervers und von einer Monstro­sität, die bis zum Schluss kaum fassbar ist. Kastraten sind für die Geschichte der Oper oder der Kirchen­musik so unerlässlich wie ein Werk von Claudio Monte­verdi. Jahrhun­der­telang wurden Jungen kastriert, um ihre vorpu­ber­tären Stimmen zu bewahren, ohne Rücksicht auf die allzu bekannten Neben­wir­kungen. Am 22. November 1903 schrieb Papst Pius X. vor, in der Kirchen­musik zur Besetzung von Sopran- und Altstimmen ausschließlich Knaben einzu­setzen. Damit war der Kastra­ti­ons­praxis die Grundlage entzogen.

War sie das wirklich? Allein die Vorstellung ist gruselig. Wilke geht in ihrer Geschichte davon aus, dass die Kastra­tionen nie aufgehört haben, lediglich dem öffent­lichen Blick entzogen wurden. Und so landet der Leser gleich zu Beginn in einem Schloss mit dem bezeich­nenden Namen sette­cento, also 1700, in dem der Barock in all seinen Facetten lebt. Einsam in der Steiermark liegt das Internat, dessen Leiter kleine Jungen kauft, sie kastrieren lässt und zu Sängern ausbildet. Rasch fühlt man sich, auch wegen der atmosphä­risch dichten Zeichnung, an Krabat erinnert – und so düster und unheimlich bleibt es auch. Vor der barocken Folie erlebt Matteo, der zu diesem Zeitpunkt bereits kastriert ist, sein Coming of age. Mehr soll nicht verraten werden. Oder vielleicht noch so viel: Die Kastra­tionen im Schloss enden, nicht ohne den Hinweis darauf, dass sette­cento nur eine von vielen Brutstätten ist, die eine finan­ziell gutge­stellte Kundschaft bedienen, die der Schönheit der Hyazin­then­stimme nicht zu entsagen vermag.

Nein, die Beklemmung und die Schönheit weichen einander nicht von der Seite. In nahezu jedem Satz findet Wilke Metaphern, die die Handlung in Stimmungen eintauchen, wie wir sie kennen. Oder?  Wer Wien besucht, wird auch als unbeleckter Tourist feststellen, dass die Musik hier mehr als an jedem anderen Ort dieser Welt eine besondere Rolle spielt, und die Morbi­dität hinter jeder Ecke lauert. Die Autorin verfügt über jene wunderbare Fantasie, die das Alltäg­liche in Wien poten­ziert. Das Märchen, das zwischen­zeitlich Science-Fiction wird, eine fantas­tische Erzählung, kehrt wieder zurück ins Märchen­hafte. Wilke lässt sich nicht von der Steri­lität neuer Literatur beein­drucken, sondern schwelgt in Bildern.

Kurzum: Dieses Buch hält man gern in Händen, lässt sich in seinen Bann schlagen und ist am Ende zutiefst beein­druckt. Zwischen­durch ist man in die Vergan­genheit abgetaucht, um viel von der Geschichte der Kastraten zu erfahren – und die heutigen Falsett-Stimmen mit kriti­scher Distanz zu betrachten. Weil einen die Hyazin­then­stimmen immer noch gefangen halten. Ein großar­tiges Buch, wie man es in den letzten Jahrzehnten nicht mehr lesen durfte.

Michael S. Zerban

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