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Isolde

Eva Riegers Biografie über Isolde Wagner beleuchtet das kompli­zierte Verhältnis zu ihrer Mutter Cosima Wagner und ihren Kampf um Anerkennung als legitime Tochter Richard Wagners. Andreas H. Hölscher hat das Buch gelesen und nicht allzu viele neue Erkennt­nisse gewonnen. 

Eva Rieger - Foto © Daniel Ospelt

Die Ausgestoßene

Das Interesse an Richard Wagner und seiner Familie ist ungebrochen, in regel­mä­ßiger Reihen­folge erscheinen Bücher, die sich mit Wagners Leben, seinen Werken und dem bis heute umstrit­tenen Famili­enclan der Wagners beschäf­tigen. Vor einem halben Jahr erschien eine neue und sehr lesens­werte Biografie von Sabine Zurmühl über Cosima Wagner, und Laurence Dreyfus erzählt in seinem kürzlich erschienen Roman Parsifals Verführung über das schwierige Verhältnis von Hermann Levi, dem jüdischen Dirigenten der Urauf­führung des Parsifal in Bayreuth 1882 zu Richard und insbe­sondere Cosima Wagner.

Nun hat die Musik­wis­sen­schaft­lerin Eva Rieger ein Buch über Isolde Beidler vorgelegt, Cosima Wagners dritte Tochter und das erste gemeinsame Kind mit Richard Wagner. Der Makel der damaligen Zeit: Cosima, Tochter von Franz Liszt, war zum Zeitpunkt der Geburt Isoldes 1865 noch mit dem Dirigenten Hans von Bülow verhei­ratet, und auch Richard Wagner war noch mit Minna Planer verhei­ratet, von der er aber schon seit Jahren getrennt lebte und die 1866 verstarb. Nun also eine Biografie über eine unehe­liche Wagner-Tochter. Was ist das Besondere an Isoldes Leben, dass Rieger ihr eine eigene Biografie widmet? Der Unter­titel des Buches lautet „Eine unver­söhn­liche Famili­en­ge­schichte“. Damit ist schnell klar, es geht hier nicht nur um Isolde, sondern um den ganzen Famili­enclan mit Cosima Wagner in der Haupt­rolle. Das ist einer­seits die Stärke des Buches, die unter­schied­lichen Verflech­tungen des Clans und seine zum Teil toxischen Auswir­kungen auf einzelne Famili­en­mit­glieder zu beleuchten, anderer­seits aber auch die Schwäche, denn eine auf Isolde Beidler geborene von Bülow reduzierte Biografie wäre deutlich kürzer und kompakter gewesen. Rieger hat sich als Wissen­schaft­lerin mit Friedens­er­ziehung, Musik­erziehung, Filmmusik und vor allem mit dem Themen­kreis „Frau und Musik“ beschäftigt, ist Autorin zahlreicher Bücher und bezeichnet sich noch immer als Feministin. Sie studierte Schul­musik, Musik­wis­sen­schaft und Anglistik an der Hochschule für Musik, der Techni­schen Univer­sität und der Freien Univer­sität Berlin. Von 1978 bis 1991 lehrte sie an den Univer­si­täten Göttingen und Hildesheim, und von 1991 bis 2000 war sie Profes­sorin für Histo­rische Musik­wis­sen­schaft mit dem Schwer­punkt Sozial­ge­schichte der Musik an der Univer­sität Bremen. Ähnlich wie Sabine Zurmühl in ihrer Biografie Cosima wirft Rieger den weiblichen Blick auf den Wagner-Clan, mit einem eher zwiespäl­tigen Resümee der „Herrin des Hügels“ und teilweise schonungs­loser Analyse der männlichen Protago­nisten, unter denen Richard  Wagner als liebender und fürsorg­licher Vater trotz aller mensch­licher Defizite noch ganz positiv wegkommt.

Es ist nicht das erste Buch, dass Eva Rieger über Frauen im Schatten oder Dunst­kreis von Richard Wagner schreibt. Stationen einer Liebe ist ein Buch über Minna Planer, Wagners erste Frau. Im Buch Leuch­tende Liebe, lachender Tod schreibt Rieger über Richard Wagners Bild der Frau im Spiegel seiner Musik. Auch über Friedelind Wagner, Wagner-Enkelin und ebenfalls eine Verstoßene des Clans, weil sie sich gegen die Verein­nahmung von Bayreuth und der Festspiele durch Hitler und das NS-Regime gewandt hatte, hat die Autorin eine Biografie verfasst, genauso wie über Frida Leider, einer „Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit“, die als heraus­ra­gende Darstel­lerin von Brünn­hilde und Isolde in Bayreuth zwischen 1928 und 1938 auch von den Nazi-Größen vergöttert wurde. Insofern steht die neue Biografie Isolde schon in einer gewissen Tradition ihrer bisher veröf­fent­lichten Bücher.

Wenn man sich der mit 344 Seiten durchaus umfang­reichen Biografie nähert, dann wird sehr schnell klar, dass man das Buch in zwei Teile aufsplitten muss. Der Verlag hat es angekündigt als „Die Biografie eines Frauen­lebens im Kaiser­reich – mit neuen Erkennt­nissen über Richard Wagner“. Das mit den neuen Erkennt­nissen ist aller­dings so eine Sache. Zwar heißt es in dem Buch, dass Rieger Zugang zu bisher unver­öf­fent­lichten Quellen hatte und ihre Darstellung „ein neues Licht auf die damaligen Machen­schaften in Bayreuth“ werfe. Diese Aussage impli­ziert, dass man nach diesem Buch ein komplett neues Verständnis von Wagner und Bayreuth habe. Das mag vielleicht für Leser gelten, die sich bisher noch nicht intensiv mit dem „Mythos Wagner“ oder „Mythos Bayreuth“ beschäftigt haben. Das Bild von Richard und Cosima Wagner wird durch diese Biografie nicht wirklich neu beleuchtet, denn für inter­es­sierte und belesene Wagne­rianer gibt es wenig neue Erkennt­nisse. Das Wagner ein Famili­en­mensch war, ein liebender und fürsorg­licher Vater, das ist nicht wirklich neu. Und dass Cosima, die in ihrer Kindheit unter der schwie­rigen und unnah­baren Beziehung zu ihrem Vater Franz Liszt zu leiden hatte und mit dem Dirigenten Hans von Bülow eine unglück­liche Ehe führte, dass alles ist in vielen Biografien über Cosima schon erfasst worden, sowohl von Oliver Hilmes als auch von Sabine Zurmühl, nur um zwei der wichtigsten Veröf­fent­li­chungen der letzten zehn Jahre zu nennen, neben den Tagebü­chern von Richard und Cosima Wagner. So sind die ersten 100 Seiten des Buches mehr dem Leben und Tod Richard Wagners und Cosimas Umgang und Unter­ordnung mit demselben gewidmet, über Isoldes durchaus glück­liche Kindheit in Tribschen und Bayreuth wird hier mehr im Kontext gesprochen. Neue Erkennt­nisse gibt es erst seit einigen Jahren durch Isoldes Enkelin Dagny Beidler, Jahrgang 1942, die persön­liche Notizen und Bilder aus dem Nachlass der begabten Malerin und des Dirigenten Franz Beidler öffentlich zugänglich machte und viele Quellen Rieger zur Verfügung stellte, wie die in ihrer Danksagung vermerkt.

In der Einleitung zur Biografie schreibt Rieger:  „Man kann sich Isolde, dem ersten Kind Richard Wagners und der dritten Tochter Cosima von Bülows, von zwei Seiten nähern: zum einen als Tochter eines der wichtigsten Kompo­nisten des 19. Jahrhun­derts, der sich mit dem Festspielhaus in Bayreuth sowie mit der Schaffung eines viertä­gigen Opern­ver­bundes in die Musik­ge­schichte einge­schrieben hat, zum anderen als einer Frau, die zwischen der wilhel­mi­ni­schen Welt mit der sich anpas­senden Ehefrau einer­seits und dem emanzi­pa­to­ri­schen Feld der dem Mann ebenbür­tigen Frau anderer­seits stand.“ Isolde war Cosimas Lieblings­tochter, obgleich sie ihr eine „dämonische Natur“ attes­tierte, wie sie in einem Brief an Mary Fiedler formu­lierte, für Richard Wagner war sie Loldi. Obwohl das Kind von Richard Wagner war, erkannte Hans von Bülow es als sein Kind an. Und Wagner wurde Pate bei der Taufe. Unter dieser Identi­täts­krise sollte Isolde ihr ganzes Leben leiden. Auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester Eva, wie Isolde ein Kind Richard Wagners, war noch offiziell eine von Bülow. Das dritte Kind Wagner, Siegfried, der männliche Erbe und Thron­folger in Bayreuth, wurde geboren, da war Cosima ebenfalls noch mit von Bülow verhei­ratet. Sie zögerten die Taufe jedoch so lange hinaus, bis Cosima von Hans geschieden und mit Richard verhei­ratet war, so dass Siegfried de jure ein „echter“ Wagner war. Diese besondere Stellung Siegfrieds sollte die Kindheit und das ganze weitere Leben Isoldes nachhaltig beein­flussen. Für Isolde war Richard Wagner der Vater, und zu dessen 67. Geburtstag zeichnete sie die 65 „Rosen­stöcke-Bilder“ mit Szenen aus seinem Leben.

Als Richard Wagner starb, war Isolde 17 Jahre alt, und die Konti­nuität, die das junge, rebel­lische Mädchen in seinem Leben brauchte, war auf einmal dahin, alles sollte sich ändern. Cosima übernahm die Leitung der Festspiele in Bayreuth, und ihr einziges Ziel war, das Erbe Richard Wagners zu bewahren und den gemein­samen Sohn Siegfried auf seine Aufgaben als künftigen Leiter der Bayreuther Festspiele vorzu­be­reiten. Ihre eigene unglück­liche Kindheit, ihr zeitlebens angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater Franz Liszt, ihre unglück­liche Ehe mit Hans von Bülow und ihr fast schon devotes Verhalten gegenüber Richard Wagner und seine Verherr­li­chung nach dessen Tod waren keine guten Ratgeber für ihr Verhältnis zu ihren Kindern. Siegfried wurde auf einen Sockel gehoben, Eva auf eine unter­stüt­zende Rolle im Hause Bayreuth einge­schworen. Nur bei Isolde funktio­nierte das alles nicht. Sie sah sich als Richard Wagners legitime Tochter und wollte als solche auch anerkannt werden.

Als sie den um sieben Jahre jüngeren Schweizer Dirigenten Franz Beidler kennen­lernt, scheint Isolde anzukommen. Auch Cosima gibt der Verbindung zunächst ihren Segen, im Dezember 1900 heiraten Isolde und Franz.  Cosima wollte für ihre Tochter nur das Beste – nämlich eine gute Partie. Die war der Musiker und Dirigent Franz Beidler aber im Cosima­schen Sinne nicht. Ihm fehle die „vornehme Gesinnung“, so die Herrin des Hügels, die ihn nach guter Zusam­men­arbeit vom Bayreuther Hügel verbannte, als er sich weigerte, einen Dirigier­termin zu übernehmen.

Jetzt beginnt quasi der zweite Teil der Biografie von Eva Rieger. Bisher hat sich das Buch eher zäh gelesen, zu viele chrono­lo­gisch anein­ander gereihte Brief­zitate und andere Quellen­nach­weise machen aus dieser Biografie mehr eine wissen­schaftlich-histo­rische Abhandlung, die manchmal ermüdend wirkt und wenig Spannung bietet, zumal die Fakten dem Wagner-Kenner durchaus bekannt sein sollten. Doch mit der Emanzi­pation Isoldes, mit Ihrem Mann Franz Beidler und dem 1901 geborenen Sohn Franz Wilhelm Beidler, Wagners erstem Enkel, nimmt die Biografie Fahrt auf und wird zu dem, was im Vorfeld versprochen wurde, ein Krimi, ein Drama, eine Famili­en­tra­gödie. Auch der Schreibstil Riegers ändert sich, alles liest sich flüssiger, fast scheint es, als ob die Autorin erleichtert sei, die histo­rische Vorge­schichte abgear­beitet zu haben, um sich jetzt mit Feuer­eifer dem Kernthema der Biografie zu widmen. Zunächst läuft alles in die Richtung, Franz Beidler wird in Bayreuth akzep­tiert, er darf erste Dirigate übernehmen, wird umjubelt. Und das ist das Problem, er wird zu einer ernst­haften Konkurrenz für Siegfried Wagner, der als Komponist aus dem übermäch­tigen Schatten seines Vaters heraus­treten möchte, der im Vergleich zu Beidler ein eher mittel­mä­ßiger Dirigent ist, aber von seiner Mutter konti­nu­ierlich auf seine künftige Rolle als Festspiel­leiter getrimmt wird. Siegfried Wagner ist homose­xuell, eine für die damalige gesell­schaft­liche Situation gefähr­liche Lage, denn es drohte bei Bekannt­werden Gefängnis und gesell­schaft­liche Ächtung. Ein schwuler Festspiel­leiter in Bayreuth: zu Beginn des 20. Jahrhun­derts ein Ding der Unmög­lichkeit. Und bei einer poten­zi­ellen Kinder­lo­sigkeit Siegfrieds wäre Isoldes Sohn Franz-Wilhelm der poten­zielle Nachfolger von Siegfried Wagner auf dem Grünen Hügel gewesen. Das war wiederum ganz entgegen aller Pläne Cosimas. Und so entspannte sich ein intri­gantes Famili­en­drama. Mit Hilfe von Schwie­gersohn Houston Chamberlain, dem Ehemann von Isoldes Schwester Eva und Siegfried Wagner wird Franz Beidler aus Bayreuth wegge­ekelt, seine aufstre­bende Karriere zerstört, zumal auch Cosima sich öffentlich gegen ihn stellt. Isolde greift zum äußersten, will Siegfrieds Homose­xua­lität öffentlich machen, wenn Franz Beidler nicht wieder nach Bayreuth zurück­kehren darf. Gleich­zeitig strebt sie einen Erbschafts­prozess an mit dem Ziel, als legitime Tochter Richard Wagners anerkannt zu werden. Doch dieser durchaus erpres­se­rische Versuch geht nach hinten los. Cosima weiß um die Gefahr, die Siegfried, den Festspielen und damit dem Erbe Richard Wagners droht. Cosima verstößt ihre eigene Tochter, sagt im Prozess aus, dass sie die legitime Tochter Hans von Bülows sei, und das Bayreuther Landge­richt folgt der Aussage Cosima Wagners und weist am 19. Juni 1914 die Klage zurück. Damit ist Isolde gesell­schaftlich erledigt, Franz Beidlers Karriere zerstört und der Anspruch von Franz Wilhelm Beidler, Wagners erstem Enkel, auf eine mögliche Nachfolge in Bayreuth obsolet. Isolde zieht sich daraufhin verbittert zurück, bricht alle Kontakte zum Haus Wahnfried ab, wird depressiv und erkrankt später an einer Tuber­kulose, an deren Folgen sie 1919 in München mit gerade einmal 53 Jahren verstirbt.

Siegfried Wagner heiratet aus familiärem Zwang die fast 30 Jahre jüngere Winifred Williams-Klind­worth, zeugt mit ihr vier Kinder, darunter die späteren Festspiel­leiter Wieland und Wolfgang Wagner, und ist damit gesell­schaftlich sakro­sankt, die Erbfolge Cosimas und die Festspiele sind gerettet. Dieses Famili­en­drama beschreibt Rieger spannend und lässt den Mythos um den Famili­enclan der Wagners tatsächlich in einem anderen Licht erscheinen. Was wäre aus Isolde und ihrer Familie geworden, hätte Richard Wagner noch länger gelebt?  Vielleicht wäre einiges anders gekommen, und Isolde wären Schmach und Demüti­gungen erspart geblieben. So beschreibt dieses Buch eines von vielen dunklen Kapiteln in Bayreuth. Riegers Werk ist für Wagner-Freunde wie auch für Wagner-Gegner ein inter­es­santes Buch mit vielen histo­ri­schen Fakten, auch wenn es für den Fachmann nur wenig neues zu entdecken gibt. Ein umfang­reiches Quellen­ver­zeichnis und Perso­nen­re­gister erleichtern die eine oder andere Recherche.

Andreas H. Hölscher

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