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In Köln hat man einen verlorengegangenen Sohn der Stadt wiederentdeckt. Das hat ziemlich lange gedauert. 2015 gründeten einige Anhänger des Komponisten die Kölner Offenbach-Gesellschaft. Gerade noch rechtzeitig, um im kommenden Jahr den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach gebührend zu feiern. Und schon jetzt ist abzusehen, dass es ein ziemlich großes Fest wird. Bis jetzt ist von 125 Veranstaltungen allein für Köln und Umland die Rede – und da sind die, die nicht im offiziellen Kalender der Gesellschaft auftauchen, noch gar nicht mitgerechnet. Drei Jahre hatten die Verantwortlichen Zeit, Gelder zu sammeln, eine schier unglaubliche logistische Leistung zu vollbringen und eine Kampagne ins Leben zu rufen, die den ganzen Aufwand auch kommuniziert. Titel der Kampagne, über dessen Aussprache beim offiziellen Festakt der Eröffnung des „Offenbach-Jahres“ noch Zweifel herrschten, ist Yes, we cancan. Abgesehen vom fehlenden Leerzeichen, könnte man ihn etwa mit Ja, wir können Dose übersetzen. So ist das, wenn man mit Fremdsprachen ohne Not herumwerkelt. Da darf man noch einige Kuriositäten erwarten, schließlich steht es mit den Französisch-Kenntnissen der Kölner nicht zum Besten.
Um das Schlimmste zu vermeiden, kann man sich allerdings als kulturbeflissener Mensch schon mal auf die sprachlichen Unwägbarkeiten in Offenbachs Werk vorbereiten. Denn mit Hilfe eines finanzkräftigen Sponsors hat die Offenbach-Gesellschaft bei Heiko Schon das Buch Jacques Offenbach – Meister des Vergnügens in Auftrag gegeben, das rechtzeitig im November erschienen ist. Im Mittelpunkt steht der „Mozart der Champs-Élysées“, wie Rossini den Kollegen genannt hat.
Chronologische Biografien sind unmodern geworden. Ob zu Recht oder Unrecht, darüber mögen die Leser entscheiden. Auch Schon durchbricht die Zeitschiene, stellt Leben und Schaffen des Komponisten unter verschiedenen Aspekten dar. Redundanzen sind damit zwangsläufig gegeben. Aber damit kann man ja unter Umständen leben, schließlich erhöhen sie auch den Lerneffekt. Gleichzeitig will das Buch den Anspruch eines Nachschlagewerks erfüllen. Und da können solche Aspekte durchaus der schnellen Orientierung dienen. Zwischen die einzelnen Kapitel hat Schon Werkbeschreibungen gesetzt, die er dankenswert um die „besten Nummern“ und „Hörtipps“ erweitert. Ob das jetzt wirklich zwischen die Kapitel oder als Katalog an das Ende des rund 200 Seiten starken, recht grobschlächtig gefertigten Buches gehört, ist Geschmackssache. Immerhin finden sich am Ende des Buches noch einmal entsprechende Verzeichnisse, mittels derer man dann wieder auf die Beschreibungen zurückgreifen kann.
Die einzelnen Kapitel sind von durchaus verschiedener Qualität. Taucht der Autor vergleichsweise tief in die Werkgeschichte ein, bleiben viele andere Themen – zu sehr – an der Oberfläche. Hier gibt es noch viel Luft nach oben. Für einen ersten Zugang aber reicht es allemal. Und das war der Anspruch der Auftraggeber, die den Einstieg in das Thema Offenbach erleichtern wollten, ohne ein musikwissenschaftlich fundiertes Kompendium vorzulegen. Eines aber wird klar: Es wird noch viel über Jacques Offenbach zu reden geben. Über Finanzpolitik, Frauengeschichten und das Seelenleben des Menschen. Alles angerissen schon bei Schon, aber bar jeder Vollendung.
Was jedoch bei Schon aufleuchtet – und davor sollten sich die Kölner durchaus hüten – ist die Überbetonung kölnischer Einflüsse. Gewiss, Offenbach wurde in Köln sozialisiert, aber wer dort aufgewachsen ist, weiß, dass das Klischee lebt, glüht und gleißt. Um die „rheinische Frohnatur“ in Köln zu erleben, muss man lange suchen und wird eher zufällig fündig werden. Hier wäre eine realistischere Einschätzung abseits des Karnevals für die Zukunft durchaus wünschenswert.
Jede Menge Euphorie zu Beginn eines solchen Festjahres, in das sich offenbar jede Menge schlechtes Gewissen mischt, was bei Schon nicht stattfindet, ist absolut begrüßenswert. Und da passt das Werk von Schon durchaus hinein. Für Menschen, die sich bislang mit Offenbach abseits von Hoffmanns Erzählungen oder Orpheus in der Unterwelt kaum beschäftigt haben, wird das Buch ein wirklich guter Einstieg sein. Vor allem die Preisgestaltung lädt ein, sich mit dem Offenbachschen Oeuvre auseinanderzusetzen. Schließlich, geht es nach der Offenbach-Gesellschaft in Köln, ist das Offenbach-Jahr lediglich ein Auftakt, der in den kommenden Jahren noch viel Aufwind erfahren soll. Über 40 Abbildungen, die das Buch bietet, dürften die Kaufentscheidung nicht nur bei den Kölnern überdies positiv beeinflussen.
Michael S. Zerban