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Josef "Angelo" Neumann

Selbst für profunde Kenner der Werke Richard Wagners und dessen Leben ist der Name Josef „Angelo“ Neumann eher unbekannt. Heinz Irrgeher ist es zu verdanken, dass „Wagners verges­sener Prophet“ seinen verdienten Platz in der Musik­ge­schichte erhält. Andreas H. Hölscher hat das Werk gelesen. 

https://www.univerlag-leipzig.de

Der Impresario

Wer sich mit der Rezep­ti­ons­ge­schichte der Werke Richard Wagners beschäftigt, wird im Laufe des Studiums allge­meiner Literatur auf viele bedeutsame Namen stoßen. Dirigenten, Sänger, Regis­seure, Famili­en­mit­glieder und befreundete Kompo­nisten, die alle einen großen Anteil daran haben, dass die Werke Wagners schon zu seinen Lebzeiten populär wurden und er und sein Schaffen bis heute auf der ganzen Welt zum Kulturgut gehören. Einen Namen wird man dabei eher nicht finden, und wenn, dann nur als Randnotiz.  Josef „Angelo“ Neumann, geboren am 18. August 1838 in Stampfen und am 20. Dezember 1910 in Prag gestorben, war ein deutscher Opern­sänger im Stimmfach Bariton und Theater­in­tendant. Früh entwi­ckelte Neumann sein Interesse am Gesang und erhielt eine Ausbildung zum Opern­sänger. Nach Engage­ments in Berlin, Köln, Krakau, Ödenburg, Preßburg und Danzig kam er 1862 an die Wiener Opern­bühnen, wo er bis 1876 tätig blieb. Während dieser Jahre machte er erste Bekannt­schaft mit Richard Wagner und dessen Werk. 1876, im Jahr der ersten Festspiele in Bayreuth und der zykli­schen Urauf­führung von Wagners Ring des Nibelungen wurde er Opern­di­rektor in Leipzig. Seine Ägide begann mit einer Insze­nierung des Lohengrin, es folgten weitere Wagner-Opern sowie Auffüh­rungen von Verdis Aida und Bizets Carmen. Im April 1878 erfolgte in Leipzig die erste externe Aufführung des gesamten Rings des Nibelungen nach dessen Urauf­führung 1876 in Bayreuth. 1881 organi­sierte er weitere Auffüh­rungen des Rings in Berlin. Nach Erwerb der origi­nalen Bühnen­bilder sowie auch der Kostüme der Bayreuther Urauf­führung unternahm Neumann eine Art Europa­tournee mit Gesamt­auf­füh­rungen des Rings des Nibelungen durch ein reisendes Ensemble. Zwischen September 1882 und Juni 1883 erfolgten insgesamt heute unvor­stellbare 135 Ring-Vorstel­lungen und über 50 Wagner-Konzerte, unter anderem im April 1883, zwei Monate nach Wagners Tod, im Teatro La Fenice in Venedig.1885 wurde Angelo Neumann Intendant des Stände­theaters in Prag, dessen Neubau als Neues Deutsches Theater er organi­sierte. Ein Prunksaal in der heutigen Prager Staatsoper, der Státní Opera erinnert an seinen Namen. An seinem Begräbnis im Dezember 1910 nahm noch das kultu­relle und politische deutsche Prag teil, doch bald gerieten Neumann und auch sein Grab in Verges­senheit. Anlässlich seines 100. Todes­tages wurde es gesucht, gefunden und restauriert.

Das Josef „Angelo“ Neumann wieder in das Bewusstsein der Opern­freunde, vor allem der Anhänger der Werke Richard Wagners gedrungen ist, ist vor allem dem Wiener Autor Heinz Irrgeher zu verdanken. Vor knapp 80 Jahren in der Stadt an der schönen blauen Donau geboren, hat er an der Univer­sität Wien Jura studiert und promo­viert. Sein beruf­liches Leben verbrachte er in leitenden Funktionen im Bankge­werbe. Doch seine wahre Berufung und Leiden­schaft war und ist die Musik, vor allem die Oper. So war Heinz Irrgeher von 1981 bis 1994 Präsident des einfluss­reichen Vereins der Freunde der Wiener Staatsoper.                          Nach Beendigung seiner beruf­lichen Tätigkeit in der Privat­wirt­schaft gründete und leitete er die Stretta, das Magazin der Freunde der Wiener Staatsoper, für das Heinz Irrgeher auch regel­mäßig Artikel schrieb. Zudem widmete er sich ab 2006 dem Studium der Musik­wis­sen­schaft und beendete es im Jahr 2011 mit einer Diplom­arbeit über Josef „Angelo“ Neumann. Über Neumann, Wagners verges­senen Propheten, hat er ein eigenes Buch verfasst.

Mit sehr viel Liebe zum Detail und einer akribi­schen Recherche zeichnet Irrgeher den beein­dru­ckenden Lebensweg von Neumann nach und zeigt auf, wie wichtig Neumann einer­seits für die Stadt Leipzig und ihr kultu­relles Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts war, und wie wichtig anderer­seits Neumann für die Verbreitung der Werke Wagners, vor allem seines Rings des Nibelungen gewesen ist. Der Sänger Josef Neumann hatte, bis eine Erkrankung des Stimm­ap­pa­rates ihn zur Aufgabe des Sänger­be­rufes zwang, etwa 1.000 Auffüh­rungen in mittleren Partien seines Fachs an Wiener Hofoper gesungen, darunter auch den Nacht­wächter in der Wiener Erstauf­führung der Meister­singer von Nürnberg. Nach Beendigung seiner Sänger­laufbahn wurde Neumann Regie­as­sistent am Burgtheater Wien. Der hiesige Oberre­gisseur August Förster hatte sich 1875 erfolg­reich um die Intendanz der Oper Leipzig beworben und nahm Neumann als Opernchef gleich mit. 1876 begann die erfolg­reiche Zeit von Neumann, zu diesem Zeitpunkt gerade mal 38 Jahre alt, in Leipzig, und er setzte mit dem in Leipzig mehrfach durch­ge­fal­lenen Lohengrin ein Ausru­fe­zeichen. Dank des neuen Dirigenten Josef Sucher wurde die Aufführung ein trium­phaler Erfolg. Die Leipziger Tages­zeitung schrieb in ihrer Rezension, „dass Leipzig den Lohengrin erst an diesem Tag kennen­ge­lernt habe“. Beflügelt von diesem Erfolg verhan­delte Neumann mit Bayreuth über die Auffüh­rungs­rechte des Rings des Nibelungen, der gerade als Zyklus urauf­ge­führt wurde und für die meisten europäi­schen Bühnen der damaligen Zeit als nicht aufführbar galt. Doch Neumann setzte sich gegen viele Wider­stände durch und holte den Ring nach Leipzig, der Geburts­stadt Richard Wagners, die mit ihrem so berühmten Sohn zeitlebens fremdelte und erst seit den Feier­lich­keiten zum 200. Geburtstag Wagners 2013 nach und nach mit den Auffüh­rungen aller dreizehn fertig­ge­stellten Opern den gebüh­renden Respekt zollte. Leipzig war tatsächlich die erste Bühne nach Bayreuth, die den Ring 1878 innerhalb von vier Monaten geschlossen aufführte und noch in derselben Saison 187879 zu Gesamt­auf­füh­rungen innerhalb einer Woche überging. Irrgeher vergleicht das Wirken Neumanns an der Oper Leipzig, der neben dem Ring dem Publikum leichtes Reper­toire im Alten Leipziger Stadt­theater bot, mit anderen großen Häusern, die vor Auffüh­rungen einzelner Ring-Werke wochenlang so genannte „Schließtage“ hatten. Besonders bemer­kenswert ist die Tatsache, dass es in Leipzig im Jahre 1879 insgesamt 41 Wagner-Auffüh­rungen gegeben hat, darunter vier komplette Ringe. Eine Zahl, die heute unvor­stellbar ist.

Das setzte sich in den folgenden Jahren weiter so fort und kumulierte 1882 mit nochmals 58 Wagner-Auffüh­rungen einschließlich zweier geschlos­sener Ringe und einem fulmi­nantem Wagner-Fest am Ende von Neumanns Zeit in Leipzig, wo unter Ausnahme der drei Jugend­werke Wagners – Die Feen, Das Liebes­verbot und Rienzi – und des Parsifal, der gerade erst in Bayreuth urauf­ge­führt wurde und für die kommenden 30 Jahre ausschließlich im Festspielhaus gegeben wurde, sämtliche Wagner-Opern in der Reihen­folge ihrer Entstehung aufge­führt wurden. Es sollte im Übrigen ganze unglaub­liche 140 Jahre dauern, bis in diesem Sommer in Leipzig im Rahmen des Festivals Wagner22 alle dreizehn Bühnen­werke Wagners in einem Zeitraum von drei Wochen in chrono­lo­gi­scher Reihen­folge zu sehen waren.

Auch über die Grenzen Leipzigs hinaus war Neumann missio­na­risch für Wagners Ring tätig. So kam es 1881 zu einem erfolg­reichen Gastspiel mit vier Gesamt­auf­füh­rungen am Berliner Victoria-Theater, und der Komponist nebst Gattin Cosima und Tochter besuchte seiner­seits den ersten und letzten Zyklus und ließ sich vom Berliner Publikum feiern. Irrgeher hat dazu eine herrliche Anekdote über Hans von Bülow gefunden, dem Dirigenten der Urauf­füh­rungen von Tristan und Isolde und Die Meister­singer von Nürnberg sowie in erster Ehe mit Cosima, Wagners zweiter Ehefrau, verhei­ratet. Von Bülow besuchte das Opernhaus einmal mit schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte und Trauerflor und auf die Frage nach dem traurigen Anlass gab er zur Antwort, dass das seine „übliche Kleidung für noble Leich­be­gäng­nisse sei.“ Und auf die Frage, warum er nicht in Bayreuth dirigiere, antwortete er angeblich, „er fürchte, Wagner werde ihm auch seine zweite Frau wegnehmen und dafür die erste, nämlich Cosima, zurückgeben.“

Im Mai 1882 gastierte Neumann mit dem Ring In London und brachte ihn dort viermal zyklisch zur erfolg­reichen Aufführung, in Anwesenheit des zukünf­tigen engli­schen Königs. In Sachen Missio­nars­arbeit für Wagner, insbe­sondere für dessen Ring, war Neumann unermüdlich. Nach seiner Leipziger Zeit gründete Neumann das „Wandernde Wagner­theater“. Zuvor hat er von Wagner die Auffüh­rungs­rechte für Europa und die Bayreuther Kulissen erworben. Er chartert einen Sonderzug mit zwölf Waggons voll mit den Kulissen, Technikern, Musikern, zwei Beset­zungen, einem Chor und fährt mit diesem fast zwei Jahre quer durch Europa  und führt in dieser Zeit in 55 Städten, von Breslau bis Budapest, von Danzig bis Antwerpen, von Königsberg bis Mailand, von Köln bis Rom den gesamten Ring auf, oft mit Zusatz­vor­stel­lungen der Walküre, und Wagner-Konzerten an den „Rasttagen“ zwischen Walküre und Siegfried. Das war eine für die damalige Zeit unvor­stellbare logis­tische Meister­leistung und Organi­sation, die Josef „Angelo“ Neumann vollbrachte und damit den Ring in dieser kurzen Zeit in ganz Deutschland und halb Europa nicht nur bekannt, sondern auch gesell­schafts­fähig gemacht hatte. Ein im wahrsten Sinne des Wortes Prophet Wagners.

Auch erwies sich Neumann als sehr geschäfts­tüchtig, indem er Auffüh­rungs­rechte und Parti­turen weiter­ver­kaufte, bei finan­zi­eller Betei­ligung Wagners, der also in doppelter Hinsicht von Neumann profi­tieren konnte. Nach einer Kurzin­tendanz in Bremen geht Neumann dann 1885 nach Prag, wird dort Chef der Deutschen Bühnen und ab 1887 des Neuen Deutschen Theaters, das er bis zu seinem Tode 1910 leitet und auch dort Maßstäbe setzt und insbe­sondere die Werke Wagners pflegt.

Mit dieser beson­deren Lebens­ge­schichte hat sich Irrgeher im Rahmen seiner Diplom­arbeit, die er mit fast 70 Jahren erfolg­reich abschloss, eingehend in seinem Buch Josef „Angelo“ Neumann – Wagners verges­sener Prophet auf insgesamt 271 Seiten liebevoll und akribisch beschäftigt. Das Geleitwort zu diesem Buch schrieb Ulf Schirmer, bis zu diesem Sommer Intendant und General­mu­sik­di­rektor der Oper Leipzig und Initiator des diesjäh­rigen Festivals Wagner22. Schirmer schreibt über das schwierige Verhältnis der Stadt Leipzig zu Wagner, und über die erste Ring-Aufführung 1878 unter Neumann, die Wagner im Übrigen selbst in einem Telegramm so kommen­tiert hat: „Heil Leipzig, meiner Vater­stadt, die eine so kühne Theater­di­rektion hat.“ Ergänzt wird das Geleitwort von Dominique Meyer, dem ehema­ligen Direktor der Wiener Staatsoper und Inten­danten der Mailänder Scala, der Irrgehers Verdienste um die Wieder­erwe­ckung der Bedeutung Neumanns für das kultu­relle Leben des späten 19. Jahrhun­derts, insbe­sondere in Sachen Wagner und dessen Ring hervorhebt.

Diese Biografie Neumanns ist im Übrigen nicht in Wien, Irrgehers Heimat­stadt und langjäh­riger künst­le­ri­scher Wirkungs­stätte als Präsident des Vereins der Freunde der Wiener Staatsoper erschienen, sondern wie auch sein aktuelles Buch Wiener Operng’schichten im Leipziger Univer­si­täts­verlag, eine späte Reminiszenz an das Wirken Neumanns und Wagners in Leipzig. Die Lebens­ge­schichte Neumanns, von Irrgeher spannend wie ein Roman geschrieben, ist für Wagner­freunde ein Muss, aber auch Opern­lieb­haber, die Wagner nicht so in den Vorder­grund stellen, werden in diesem Buch viele neue Erkennt­nisse und histo­rische Bezüge kennen­lernen. Josef „Angelo“ Neumanns Bedeutung für die Verbreitung der Werke Wagners in Europa ist bis heute unumstritten, er ist leider nur für über 100 Jahre in Verges­senheit geraten.

Andreas H. Hölscher

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