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Kinder, singt mit uns!

Sehr aufwändig hat Anne Schlüter ein Buch erarbeitet und gestaltet, um es schließlich im Eigen­verlag heraus­zu­bringen. Es ist ein Gesangsbuch, das Kinder ermutigen soll, afrika­nische Kinder­lieder zu singen. Was erst mal reichlich exotisch klingt, ist es auch, erfüllt aber durchaus einen tieferen Sinn. 

Anne Schlüter - Foto © privat

Kulturelle Annäherung

Die Notwen­digkeit von Kultur geht im Verständnis eines kapita­lis­ti­schen Systems gegen Null. Die ersten, die darunter leiden, sind die Kinder, weil das Bildungs­system solcher Gesell­schaften seine Priori­täten verändert. Es geht immer weniger darum, dass die Kinder eine humanis­tische Erziehung erfahren, sondern recht­zeitig auf den Gelderwerb ausge­richtet werden. Da stehen Fächer wie Mathe­matik oder Englisch im Vorder­grund, während der Kunst‑, Musik- und Deutsch­un­ter­richt an Bedeutung verliert, ja, allmählich aus den Lehrplänen verschwindet. Eine solche Entwicklung ist derzeit in Deutschland verstärkt zu beobachten. Dass solche Bestre­bungen kurzsichtig sind und nicht nur zu einer geistigen Verarmung der Gesell­schaft führen, sondern auch der kapita­lis­ti­schen Zielsetzung schaden, leuchtet ein und braucht hier nicht näher erläutert zu werden. Umso bedeut­samer werden Projekte, die einer solchen Entwicklung entge­gen­wirken – und seien sie noch so klein. Wie beispiels­weise ein Gesangsbuch mit afrika­ni­schen Kinderliedern.

Das hat Anne Schlüter in diesem Jahr im Eigen­verlag heraus­ge­bracht. Wenn Kinder solche Lieder lernen, werden sie damit später vermutlich keine Börsen­kurse beein­flussen können oder das Wissen erwerben, wie man möglichst schmerzfrei in einem Tresor voller Goldtaler schwimmt. Aber sie entwi­ckeln ein Verständnis für andere Kulturen, Gemein­schaftssinn und damit Verant­wortung für andere Menschen und Respekt gegenüber anderen Ethnien. Keine schlechten Voraus­set­zungen für das Leben, nicht einmal im Kapitalismus.

Schlüter studierte Angli­zistik und Romanistik, unter­richtete anschließend einige Jahre im nordame­ri­ka­ni­schen Vermont und in Paris. Nebenher studierte sie Schau­spiel und schloss sich einer Laien­spiel­schar an. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie als Leitungs­as­sistenz bei der Kunst­sammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Rückbli­ckend klingt das eher schick­salhaft, so, als habe sie alles Wissen gesammelt, um aus ihrem Volon­tariat in einer Schule in Kenia den größt­mög­lichen Gewinn ziehen zu können, damit endlich ihr Büchlein entstehen konnte. In der Schule in Tiwi, etwa 20 Kilometer von Mombasa entfernt, führte sie Theater­pro­jekte durch. Am Ende ihres Volon­ta­riats erlebte sie eine Überra­schung. Die Schul­kinder „stellten sich in der Gruppe auf und sangen für mich ihre Lieder“, um sich für ihre Arbeit zu bedanken. Sie fasste den Entschluss, die Lieder aufzu­schreiben und zu übersetzen, um sie für Kinder in Europa zugänglich zu machen.

Das Ergebnis ist aufwändig geraten. Zwölf Lieder ließ sie von Helfern in der Schule in Suaheli aufschreiben und ins Englische übertragen. Die engli­schen Texte übersetzte sie selbst ins Deutsche. Die Notation für die Lieder überar­beitete die Kompo­nistin Anna Seropian. Dazu kamen Zeich­nungen der Schüler. Eine Einführung und ein paar Fotos runden das Erschei­nungsbild ab. Entstanden ist so ein Büchlein von knapp 30 Seiten, das schön anzuschauen ist und Lust darauf macht, sich mit den Liedern ausein­an­der­zu­setzen. Auf Anwei­sungen für Mimik und Gestik während des Vortrags der Lieder hat Schlüter bewusst verzichtet. Nach ihrer Ansicht kommt es „nicht auf die perfekte Erfüllung einer Vorlage an, sondern auf spiele­rische Leben­digkeit und das Bewusst­machen eines gedachten Dialogs mit Kindern fernab in Afrika“.

Wer als Lehrer – zum Beispiel für das nächste Schulfest – mal ein Projekt daraus entwi­ckeln möchte, sollte das Büchlein gleich im Klassensatz bestellen. Denn der Erlös kommt vollständig dem Schul­projekt in Tiwi zugute. Und Schlüter wird vermutlich gern als Beraterin bei der Durch­führung zur Verfügung stehen.

Inzwi­schen lebt die Autorin längst wieder in Deutschland, hat hier ein Kunst­ge­schichts­studium mit dem Master abgeschlossen. Wer weiß schon, für welches Projekt das nun schon wieder gut ist.

Michael S. Zerban

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