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Die Notwendigkeit von Kultur geht im Verständnis eines kapitalistischen Systems gegen Null. Die ersten, die darunter leiden, sind die Kinder, weil das Bildungssystem solcher Gesellschaften seine Prioritäten verändert. Es geht immer weniger darum, dass die Kinder eine humanistische Erziehung erfahren, sondern rechtzeitig auf den Gelderwerb ausgerichtet werden. Da stehen Fächer wie Mathematik oder Englisch im Vordergrund, während der Kunst‑, Musik- und Deutschunterricht an Bedeutung verliert, ja, allmählich aus den Lehrplänen verschwindet. Eine solche Entwicklung ist derzeit in Deutschland verstärkt zu beobachten. Dass solche Bestrebungen kurzsichtig sind und nicht nur zu einer geistigen Verarmung der Gesellschaft führen, sondern auch der kapitalistischen Zielsetzung schaden, leuchtet ein und braucht hier nicht näher erläutert zu werden. Umso bedeutsamer werden Projekte, die einer solchen Entwicklung entgegenwirken – und seien sie noch so klein. Wie beispielsweise ein Gesangsbuch mit afrikanischen Kinderliedern.
Das hat Anne Schlüter in diesem Jahr im Eigenverlag herausgebracht. Wenn Kinder solche Lieder lernen, werden sie damit später vermutlich keine Börsenkurse beeinflussen können oder das Wissen erwerben, wie man möglichst schmerzfrei in einem Tresor voller Goldtaler schwimmt. Aber sie entwickeln ein Verständnis für andere Kulturen, Gemeinschaftssinn und damit Verantwortung für andere Menschen und Respekt gegenüber anderen Ethnien. Keine schlechten Voraussetzungen für das Leben, nicht einmal im Kapitalismus.
Schlüter studierte Anglizistik und Romanistik, unterrichtete anschließend einige Jahre im nordamerikanischen Vermont und in Paris. Nebenher studierte sie Schauspiel und schloss sich einer Laienspielschar an. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie als Leitungsassistenz bei der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Rückblickend klingt das eher schicksalhaft, so, als habe sie alles Wissen gesammelt, um aus ihrem Volontariat in einer Schule in Kenia den größtmöglichen Gewinn ziehen zu können, damit endlich ihr Büchlein entstehen konnte. In der Schule in Tiwi, etwa 20 Kilometer von Mombasa entfernt, führte sie Theaterprojekte durch. Am Ende ihres Volontariats erlebte sie eine Überraschung. Die Schulkinder „stellten sich in der Gruppe auf und sangen für mich ihre Lieder“, um sich für ihre Arbeit zu bedanken. Sie fasste den Entschluss, die Lieder aufzuschreiben und zu übersetzen, um sie für Kinder in Europa zugänglich zu machen.
Das Ergebnis ist aufwändig geraten. Zwölf Lieder ließ sie von Helfern in der Schule in Suaheli aufschreiben und ins Englische übertragen. Die englischen Texte übersetzte sie selbst ins Deutsche. Die Notation für die Lieder überarbeitete die Komponistin Anna Seropian. Dazu kamen Zeichnungen der Schüler. Eine Einführung und ein paar Fotos runden das Erscheinungsbild ab. Entstanden ist so ein Büchlein von knapp 30 Seiten, das schön anzuschauen ist und Lust darauf macht, sich mit den Liedern auseinanderzusetzen. Auf Anweisungen für Mimik und Gestik während des Vortrags der Lieder hat Schlüter bewusst verzichtet. Nach ihrer Ansicht kommt es „nicht auf die perfekte Erfüllung einer Vorlage an, sondern auf spielerische Lebendigkeit und das Bewusstmachen eines gedachten Dialogs mit Kindern fernab in Afrika“.
Wer als Lehrer – zum Beispiel für das nächste Schulfest – mal ein Projekt daraus entwickeln möchte, sollte das Büchlein gleich im Klassensatz bestellen. Denn der Erlös kommt vollständig dem Schulprojekt in Tiwi zugute. Und Schlüter wird vermutlich gern als Beraterin bei der Durchführung zur Verfügung stehen.
Inzwischen lebt die Autorin längst wieder in Deutschland, hat hier ein Kunstgeschichtsstudium mit dem Master abgeschlossen. Wer weiß schon, für welches Projekt das nun schon wieder gut ist.
Michael S. Zerban