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Die Kunst der Demokratie

Die Bedeutung der Kultur für eine offene Gesell­schaft wurde im vergan­genen Jahr immer lauter in Frage gestellt. Carsten Brosda will dem entge­gen­wirken und plädiert in seinem bei Hoffmann und Campe erschie­nenen Buch Die Kunst der Demokratie für mehr Offenheit. Achim Dombrowski hat es gelesen und fühlte sich gleich animiert, die Thesen auszuprobieren. 

Carsten Brosda - Foto © Berthold Fabricius

Standortbestimmung der Kultur

Von Zeit zu Zeit eine Stand­ort­be­stimmung vorzu­nehmen, kann nicht schaden oder kann sogar unbedingt geboten sein, auch außerhalb von Zeiten pande­mi­scher Ausgangsbeschränkungen.

Carsten Brosda, der Autor des vor der Krise zu Beginn dieses Jahres heraus­ge­ge­benen Buches Die Kunst der Demokratie, ist seit Februar 2017 Senator für Kultur in Hamburg. Der Titel der Veröf­fent­li­chung verrät schon den weitge­spannten Anspruch. Es geht nicht allein um eine Bestands­auf­nahme der Kunst in ihren vielfäl­tigen Ausprä­gungen, sondern um nicht weniger als ihre Rolle und Bedeutung in der modernen Gesell­schaft, ihren absoluten Freiheits­be­griff und ihre Unver­zicht­barkeit für Bestand und Funktio­nieren der Demokratie.

Künstler wollen Menschen in einer freien Welt zusam­men­führen, um Strömungen, gesell­schaft­liche Konflikt­po­ten­ziale, abwei­chende Meinungen und unter­schied­liche Stand­punkte in jeder erdenk­lichen Form zu disku­tieren, solange wir nur friedlich streiten und immer und immer wieder akzep­tieren, andere Stand­punkte aufzu­nehmen, zu verstehen und abzuwägen; letzt­endlich die täglich neu zu erler­nenden Fähig­keiten einer komplexen demokra­ti­schen Gesell­schaft zu erproben und unentwegt wieder mit Freude zu exerzieren.

Gefähr­dungen entstehen heute nicht nur durch den Rechts­po­pu­lismus, sondern auch durch die Arroganz einer starren, oft urbanen Linken, auch bestimmter Teile der Grünen und Umwelt­schützer, die ihrer­seits jedwede abwei­chende Position als ein Noch-Nicht-Verstehen betrachten und keine diskur­siven Brücken mehr für möglich halten. Beide Seiten oder besser all diese Fraktionen sind zu offenem Dialog und Diskurs nicht – oder nicht mehr – in der Lage. Jeder verbleibt in seiner Echokammer.

Brosda stellt jedoch auch Anfor­de­rungen an die Kunst. Sie darf nicht mehr auf ein bürger­liches Publikum warten, sondern muss akzep­tieren, dass ihre aktuellen und poten­zi­ellen Rezipi­enten wesentlich hetero­gener und singu­lärer werden. Die klassische Form verliert in der allge­meinen Wahrnehmung an Attrak­ti­vität. Künst­le­rische Initia­tiven müssen sich unermüdlich neu öffnen und alter­native Zugangs- und Vermitt­lungswege suchen. So sehr der Autor die unbedingte Freiheit der Kunst bedin­gungslos unter­stützt, so sehr fordert er von ihr, neue Wege der authen­ti­schen Wahrnehmung und Vermittlung zu beschreiten und einem möglichen Desin­teresse eigen­ver­ant­wortlich entgegenzuwirken.

Die Politik hat nach Auffassung des Autors in diesem Zusam­menhang die wichtige Aufgabe, der Kunst materiell, aber auch durch Ernst­haf­tigkeit und Verläss­lichkeit in der Kultur­po­litik ihren Stellenwert in einer modernen Gesell­schaft zu unter­mauern und zu sichern.

Insgesamt, sagt Brosda, sei das Ziel für alle Betei­ligten, aus der Vielzahl der indivi­du­ellen Freiheiten eine neue Gesell­schaft­lichkeit durch die Freude am Denken und Disku­tieren zu schaffen. Nur so werde die Voraus­setzung für eine funktio­nie­rende Demokratie oder Demokra­tie­fä­higkeit ganz generell gefördert und bekräftigt.

Für den optimis­ti­schen Autor steht dabei außer Frage, dass unsere Gesell­schaft diese Aufgabe bisher gemeistert hat und auch heute kein Grund besteht, an einem zukünf­tigen Gelingen zu zweifeln.

Heraus­ragend ist die Gabe Brosdas, die allzu oft rein akade­misch geführten Diskus­sionen mit erhel­lenden Beispielen aus dem täglichen Leben zu erden. Der Leser erinnert sich sofort an Situa­tionen und Beispiele, die er selbst erlebt hat. Oder wird womöglich an eigenes Verhalten erinnert, das – aus welchem verständ­lichen Grunde auch immer – die eigene Limitierung für die Anstren­gungen der Ausein­an­der­setzung mit anderen Menschen und Meinungen schlag­artig beleuchtet. Denn wir wissen ja alle sehr genau, dass die Demokratie eine oft quälend langsame und überaus anstren­gende Veran­staltung darstellt, der ein jeder von uns nicht immer gerecht werden kann.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Die Schrift ist in muster­gül­tiger Form ein wertvoller Stein­bruch für weiter­füh­rende Literatur auf vielen angespro­chenen Gebieten. Es werden sowohl Standard­werke der letzten Jahre wie auch aktuelle Veröf­fent­li­chungen aller Art, beispiels­weise aus der sozio­lo­gi­schen Analyse, hervor­ge­hoben und in den Anmer­kungen sorgfältig gelistet. Das umfasst im Einzelfall auch Verweise auf künst­le­risch besonders gelungene Romane und Filme, denen eine kluge und empathische Übersetzung eines relevanten Themas gelungen ist. Wer sich also mit Einzel­themen weiter ausein­an­der­setzen will, findet hier umfang­reiche Orien­tierung auf vertie­fende Beiträge und Diskussionen.

Der Weitblick, die Leich­tigkeit und die Verständ­lichkeit der Sprache machen das Buch zu einem großen Lese- und Erlebens­genuss. Ein beson­derer Wert der Aufar­beitung liegt – bei aller klaren Positio­nierung – in der Tatsache, dass Brosda es in einma­liger Form versteht, durch seine glänzende, immer zugleich einla­dende, verbin­dende und optimis­tische Rhetorik Lust zu machen, seinen Thesen nachzuforschen.

Die Texte sind so geschrieben, dass man bald selbst den Drang verspürt, seine eigene Offenheit und Fähigkeit zum Diskurs zu hinter­fragen und idealer­weise sofort neu auszu­pro­bieren. War da nicht ein guter Freund, der kürzlich diese kuriose Meinung vertreten hat, die ich nun gar nicht akzep­tieren will? Und soll ich mich nicht schnellstens besser wieder mit ihm darüber ausein­an­der­setzen, womöglich im besten Sinne streiten, damit ein gegen­sei­tiges Verständnis und die gemeinsame Bindung neu geschaffen oder vertieft wird? Wird sich meine Meinung ändern oder habe ich doch „Recht“? Allein die temporäre Unsicherheit oder der Zweifel an der eigenen Position vermag am Ende womöglich in eine neue Erkennt­nis­di­mension zu führen. Aber dafür ist die Begegnung mit dem anderen Menschen unerlässlich – und genau dazu ruft der Beitrag Brosdas auf.

Ist das die verbin­dende Sprache eines Kultur­staats­mi­nisters? Wir können sicher sein, dass die Begeis­terung des Autors für seine Sache lebenslang erhalten bleibt.

Achim Dombrowski

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