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Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

Sie war die zweite Ehefrau von Walter Gropius und eine der vielen wichtigen Frauen, die das Bauhaus in seiner Bedeutung begrün­deten. Ihre Biografie von Jana Revedin ist bei Dumont Ende vergan­genen Jahres erschienen. Auf 304 Seiten schildert Jana Revedin ihren Einfluss aus der Sicht der Ich-Erzäh­lerin. Karin Coper kriti­siert die unsichtbare Grenze zwischen Fiktion und Fakten. Ein „Mangel“, mit dem sie leben kann. 

Jana Revedin - Foto © Lucia Moholy

Das Leben der Ise Frank

Vor 100 Jahren gründete Walter Gropius in Weimar die Hochschule für Gestaltung und nannte sie Bauhaus. Sie markierte den Beginn einer weltweiten Bewegung, hinter der eine revolu­tionäre Idee stand: die Verei­nigung von Kunst und Handwerk.

Das Jubiläum wird deutsch­landweit ausgiebig mit Ausstel­lungen, Veran­stal­tungen und zahlreichen Publi­ka­tionen gefeiert. Was dabei bemer­kenswert und überfällig ist: Im Focus stehen nicht allein die männlichen Initia­toren, sondern der Blick richtet sich auch auf Frauen, die am Aufbau beteiligt waren. Gerne wird nämlich vergessen, dass es neben den Ausbildern, zu denen neben Gropius Kapazi­täten wie der Architekt Mies van der Rohe, der Maler László Moholy-Nagy oder der esote­rische Farbtheo­re­tiker Johannes Itten gehörten, auch prägende weibliche Lehrkräfte gab. Die Metall­de­si­gnerin Marianne Brandt etwa, die für ihre Teekännchen berühmt wurde oder Gunta Stölzl mit ihren bahnbre­chenden Webarbeiten.

Noch weniger bekannt ist Ise Frank, die zweite Ehefrau von Walter Gropius, obwohl sie großen Anteil an der Umsetzung der Bauhaus-Idee hatte. Über sie hat die Archi­tek­tur­pro­fes­sorin Jana Revedin ein Buch geschrieben.

Ise Frank wird 1897 geboren. 1923 begegnet die gelernte Buchhänd­lerin und Litera­tur­re­zen­sentin Walter Gropius und heiratet ihn noch im gleichen Jahr. An der Seite ihres Ehemannes kämpft sie für die Bauhaus-Idee, ist zuständig für die Öffent­lich­keits­arbeit, wird Sekre­tärin, Organi­sa­torin und Mitge­stal­terin. Als das Bauhaus in Weimar, politisch bedingt, 1924 geschlossen wird, versucht sie die Schule in Köln anzusiedeln, mit Hilfe ihrer mit dem späteren Bundes­kanzler verhei­ra­teten Freundin Gussi Adenauer. Hier wird sie auch mit dem Spitz­namen Frau Bauhaus angeredet. Doch aus Köln wird nichts, das Bauhaus siedelt sich in Dessau an. Persönlich muss sie mit den Affären ihres Mannes kämpfen, mehr noch aber mit dem Tod der Tochter kurz nach der Geburt. Sie selbst geht eine Liaison mit dem Ehemann ihrer engsten Vertrauten ein, der Fotografin Irene Bayer, woran die Freund­schaft zerbricht. Als der Natio­nal­so­zia­lismus zur Bedrohung wird, emigriert das Paar, 1934 erst nach England, von dort 1937 in die USA. Hier lebt es in Harvard, wo Gropius zum Archi­tek­tur­pro­fessor berufen wird. Ise schreibt litera­rische Texte, die jedoch erst veröf­fent­licht werden, nachdem sie Gropius unter­zeichnet hat. Als Zeichen für ihre Autoren­schaft, widmet er Ise die Artikel. 1983 stirbt sie, vierzehn Jahre nach ihrem Mann.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Die Lebens­be­schreibung endet schon im Jahr 1927 mit dem Rückzug von Gropius aus dem Bauhaus­di­rek­torium und den Vorbe­rei­tungen für den Bauhaus-Film Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich? In einem dokumen­ta­ri­schen Anhang erzählt Jana Revedin, wie es mit den wichtigsten Persön­lich­keiten weiterging.

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus ist aus der Sicht Ise Franks geschrieben. Durch ihre Augen bekommen wir Einblick in das Leben rund um das Bauhaus, lernen die einzelnen Werkstätten und das Musterhaus kennen und werden Zeugen ihrer privaten und beruf­lichen Bezie­hungen. Das Problem ist nur, das nicht erkennbar wird, wo die Fiktion beginnt und was Fakten sind, auch wenn Jana Revedin diese Form im Vorwort als gewollt erklärt. So bleibt das Buch nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine flüssig geschriebene, unter­haltsame Roman­bio­grafie. Was die Lektüre auf jeden Fall erreicht: Man bekommt Lust, sich weiter mit den Bauhaus­frauen zu beschäftigen.

Karin Coper

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