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Lebenslänglich frohlocken

Silke Aichhorn ist freischaf­fende Harfe­nistin. Man denkt, der Alltag einer Konzert­mu­si­kerin ist glamourös, und wer Harfe spielt, dem fliegen die Engel zu. Doch das Geschäft mit der Musik ist alles andere als eine Traum­fabrik. Silke Aichhorn erzählt Skurriles aus ihrem Alltag. Andreas H. Hölscher hat Aichhorns Harfen­aben­teuer verschlungen. 

Silke Aichhorn - Foto © privat

Gruftmuggen und Brautmütter

Silke Aichhorn ist Harfe­nistin. Das ist an sich nichts Beson­deres. In jedem größeren Orchester gibt es eine Harfe, die meist im Hinter­grund spielt, selten mal größere Soloeinätze hat. Auch das Reper­toire für die Harfe als Soloin­strument ist im Vergleich zu anderen Instru­menten eher übersichtlich. Dass die Harfe aber nicht nur Profession, sondern auch Passion sein kann, das beweist Aichhorn seit über zwei Jahrzehnten als renom­mierte Solo-Harfe­nistin. Wer denkt, eine Harfe­nistin ist eine verträumte Zupferin an einem Märchen­in­strument, die engels­gleich auf einer Wolke schwebend mit perlenden Tonreihen den Zuhörer verzaubert, der reduziert sie auf ein stereo­ty­pi­sches Klischee und hat Aichhorn noch nicht kennen­ge­lernt. Die Frau steht mit beiden Füßen nicht nur auf den sieben Pedalen ihrer 40-kg-Harfe, sondern ist fest geerdet. Die Mutter zweier Kinder ist eine Powerfrau, die sich um alles selbst kümmert. Sie arran­giert und vertreibt viele Kompo­si­tionen für Harfe selbst. Sie hat ein eigens CD-Label, einen eigenen Noten­verlag und einen Online-Shop. 33 Alben hat sie mittler­weile einge­spielt, die sie alle selbst produ­ziert und über ihre Homepage vertreibt. Von klassi­schen Harfen­kon­zerten von Ernst & Théophile Eichner über Barock­musik, Kammer­musik, Crossover und wunder­baren Arran­ge­ments von großen sympho­ni­schen Stücken wie Smetanas Die Moldau, von Opern­arien bis hin zu Popsongs reicht ihr sehr breites Repertoire.

Sie ist Unter­neh­merin, ihre eigene Managerin und ihr eigenes Logis­tik­un­ter­nehmen. Alle Konzerte plant sie selbst, organi­siert ihre Reisen, gibt Unter­richt und ist dabei noch sehr stark sozial im Bereich der Hospiz­or­ga­ni­sation engagiert. Sie gibt Konzerte in großen Konzert­hallen genauso wie in Senio­ren­heimen. Sie begleitet bei Beerdi­gungen die Verstor­benen musika­lisch auf ihrer letzten Reise, sie verzaubert Braut­paare an ihrem schönsten Tag, sie unter­stützt und fördert dem Nachwuchs im Bereich „Jugend musiziert.“ Sie ist präsent auf Messen, hält Lesungen und ist Werbe­bot­schaf­terin für ihr Instrument. Aichhorn ist eine Powerfrau, ein Energie­bündel, eine Macherin. Sie ist alles, nur nicht das, was man sich landläufig unter einer Harfe­nistin vorstellt. Dass ihr vollge­packter Alltag nicht routi­ne­mäßig abläuft und stets voller schöner wie böser Überra­schungen ist.

Ihren ersten Harfen­un­ter­richt erhielt Aichhorn 1981 an der Musik­schule in der oberbaye­ri­schen Kreis­stadt Traun­stein. Neun Jahre später begann sie ihr Hochschul­studium am Conser­va­toire de Lausanne, das sie 1997 in Köln abschloss. Mit ihrem umfang­reichen Reper­toire ist sie in verschie­denen Kammer­mu­sik­be­set­zungen, als Solistin mit Orchester bei inter­na­tio­nalen Festivals sowie bei Fernseh- und Rundfunk­auf­nahmen zu hören. 2006 gründete sie ihr eigenes CD-Label Hörmusik. Aichhorn ist mehrfache Preis­trä­gerin inter­na­tio­naler Wettbe­werbe. Besonders bemer­kenswert: Seit März 2013 ist sie Hospiz­bot­schaf­terin der Caritas Traun­stein, seit Oktober 2021 der Hospiz­ver­ei­nigung Düren-Jülich und seit 2016 ist sie zudem Geschäfts­füh­rerin des Regio­nal­aus­schusses Jugend musiziert Südostbayern.

Wenn ihr dann noch neben all dem Zeit verbleibt, betätigt sich Aichhorn als Autorin. Lebens­länglich Frohlocken heißt ihr erstes Buch, das 2019 erschien und mit „Skurriles aus dem Alltag einer Harfe­nistin“ unter­titelt ist. Das Coverfoto zeigt Aichhorn als engels­gleiche Harfe­nistin auf Wolke sieben, die sich gar nicht engels­gleich die Haare rauft. Denn in diesem kurzwei­ligen Buch beschreibt sie Erleb­nisse aus ihrem Berufs­alltag, die einem tatsächlich die Haare zu Berge stehen lassen können und räumt dabei bis hin zur Desil­lu­sio­nierung mit den gängigen Klischees auf.  Es sind über 40 kleine Geschichten, die Aichhorn auf gut 180 Seiten präsen­tiert. Doch hinter jeder Geschichte verbergen sich heitere wie nachdenk­liche Episoden, Begeg­nungen und Erleb­nisse. Man taucht ein in die Welt einer freischaf­fenden Künst­lerin und ist schnell von der harten Realität ernüchtert. Das ist kein Glamour-Leben mit Cocktail-Partys, Fünf-Sterne-Hotels und umschwär­menden Fanclubs, das ist der harte Alltag einer Musikerin, die in diesem Business zu überleben versucht und dabei immer Mensch bleibt. Dabei lernt man auch ganz neue Begriffe kennen. Die „Gruft-Mugge“, das musika­lische Gelegen­heits­ge­schäft bei Beerdi­gungen. Das klingt despek­tierlich, ist es aber nicht, Künstler unter­ein­ander haben ihre eigene Termi­no­logie, und das macht das Ganze wieder so sympa­thisch. Man leidet mit Aichhorn, wenn sie ihre 40-kg-Harfe alleine aus dem Auto wuchtet und mit einer Sackkarre drei Etagen ohne Aufzug hochschleppen muss. Dass das keine Übertreibung ist, kann man auf einem der vielen YouTube-Videos von und mit der Musikerin sehen.

Man verzweifelt mit ihr am gesunden Menschen­ver­stand von Veran­staltern jeglicher Couleur, die das Unmög­liche verlangen, möglichst noch umsonst, die Künstler wie Gebrauchs­ge­gen­stände behandeln und oft keinerlei Ahnung von Musik oder dem Instrument haben. Manchmal zitiert sie aus dem E‑Mail-Verkehr mit dem Veran­stalter, natürlich ohne Namen zu nennen, und da kann man nur noch den Kopf schütteln ob des Dilet­tan­tismus dieser so genannten Profis. Aichhorn nimmt das alles mit erstaun­licher Gelas­senheit hin, bei ihr steht immer die Musik und die Kunst im Vorder­grund, alles andere ist überflüs­siges Beiwerk und zu vernach­läs­sigen. Die meisten Geschichten aber sind einfach nur köstlich. Auch eine „Gruft-Mugge“ kann erhei­ternd sein, wenn der Pfarrer voller Ergrif­fenheit ob des engels­gleichen Harfen­spiel vergisst, dass er eine Beerdigung zu Ende bringen muss. Hyste­rische Braut­mütter, die alle fünf Minuten das musika­lische Programm der Hochzeit umschmeißen, Naviga­ti­ons­geräte, die einen falsch leiten oder vollge­stopfte Autobahnen, die die Anreise zum Konzert zu einem Horrortrip machen. Und dann gibt es die alljähr­liche Bethlehem-Rallye. Nein, das ist keine Rennstrecke in Israel, sondern der weihnacht­liche und vorweih­nacht­liche Wahnsinn, da in dieser Zeit Konzerte mit der Harfe Hochkon­junktur haben.

All das beschreibt Aichhorn in einer sehr eingän­gigen und plasti­schen Sprache. Man muss weder Harfen­kennt­nisse haben noch Musik­lieb­haber sein, um ihr Buch zu verstehen, denn Skurri­li­täten gibt es in jedem Alltag. Aichhorn kann davon nicht nur ein Lied singen, sondern gleich ein ganzes Konzert.

Es gibt aber neben den Banali­täten des Alltags dann auch so großartige Momente wie ein Privat­konzert bei Papst Benedikt XIV in Rom oder ein Kurzauf­tritt im Bayeri­schen Komödi­en­stadl als Schwester Leonora. Die Drehar­beiten dazu beschreibt sie herzhaft komisch in dem Kapitel „Nonne und Arsch­pfei­fen­rössl.“ Man lernt im Laufe des Buches, dass sie statt „Triumph­gemüse“ am Ende eines Konzertes, gemeint ist der obliga­to­rische Blumen­strauß, eher für Schokolade oder Mozart­kugeln empfänglich ist. Das Thema Hunger und Essen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, und eine Burger­kette mit einem goldenen M auf dem Dach ist oft die letzte Rettung nach einem Konzert, bei dem man alles gedacht hat, nur nicht an die Verpflegung für die Künstler.

Besonders berüh­rende Momente in diesem Buch sind die Geschichten, wenn sie in Kranken­häusern oder Alten­heimen spielt. Eine sehr bewegende Geschichte erzählt Aichhorn von einem kleinen Konzert in einem Hospiz, das sie für einen im Sterben liegenden Mann gegeben hat, für den sie die Arabesque Nr. 1 von Claude Debussy spielte. Sie schreibt, dass dem Mann am Ende des Stückes die Tränen über die Wangen gelaufen sein, er sie angestrahlt habe, sich bedankt habe, mit der Hand nach oben gedeutet hab und gesagt hat: „Jetzt ist der Weg offen.“ Ein kurzer Moment des Lebens­glücks auf dem letzten Weg.

Das Buch ist humorvoll, manchmal bayrisch direkt, aber immer voller Respekt und Anstand, trotz vieler Situa­tionen, die genau das vermissen lassen. Es macht gute Laune und Lust auf Harfen­musik. Ob als Bettlektüre, im Zug, bei schlechtem Wetter auf der Couch, dieses Buch, das es selbst­ver­ständlich auch als E‑Book gibt, passt immer, weil es so herrlich kurzweilig ist. Am besten dazu im Hinter­grund eine der vielen Harfen­ein­spie­lungen von Silke Aichhorn laufen lassen, dann kann man schnell und einfach in ihren wunder­baren Kosmos eintauchen.

Andreas H. Hölscher

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