Leonard Bernstein – Der Charismatiker

Leonard Bernstein wäre im vergan­genen Jahr 100 Jahre alt geworden. Sven Oliver Müller hat eine Biografie über ihn verfasst, die inzwi­schen als Taschenbuch erschienen ist. Der Autor bemüht sich insbe­sondere, nicht nur fakti­sches Wissen anzuhäufen, sondern auch den Charakter des Musikers aufzu­zeigen. Karin Coper hat das Buch gelesen. 

Sven Oliver Müller - Foto © Uni Tübingen

Die vielen Gesichter des Leonard Bernstein

2018 wurde der 100. Geburtstag von Leonard Bernstein weltweit gefeiert: auf der Musik­thea­ter­bühne und im Konzertsaal, mit CD-Einspie­lungen und Wieder­auf­lagen seiner eigenen Platten­auf­nahmen. Die Erinne­rungen galten einem Ausnah­me­künstler. Bernstein war Dirigent und Komponist, Pianist und Pädagoge, dazu ein Welten­bürger und Medienstar, politisch und gesell­schaftlich gleicher­maßen aktiv. All diese Lebens­fa­cetten betrachtet der Histo­riker Sven Oliver Müller in seiner Biografie, die letztes Jahr bei Reclam herauskam und kürzlich auch als Taschen­buch­ausgabe erschienen ist. Wobei Biografie nicht ganz die richtige Bezeichnung ist. Denn der Autor beschränkt sich nicht auf eine chrono­lo­gische Nacher­zählung von Bernsteins Werdegang. In zehn Kapiteln porträ­tiert er den ameri­ka­ni­schen Tausend­sassa unter thema­ti­schen Gesichts­punkten und setzt dessen Wirken in Beziehung zu seiner starken Ausstrahlung, die dem Band den Titel gibt: Leonard Bernstein, der Charismatiker.

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Leonard Bernstein wurde 1918 in New York in eine jüdische Emigran­ten­fa­milie hinein­ge­boren. Die Musik beherrschte sein Leben seit Kindes­tagen. Er entdeckte das Klavier­spiel und entwi­ckelte sich zu einem vielver­spre­chenden Pianisten. Seine musika­lische Ausbildung erhielt er an der Harvard-Univer­sität, obwohl sich seine Eltern zunächst aus finan­zi­ellen Gründen dem Berufs­wunsch entge­gen­stellten. Kapell­meis­ter­le­genden wie Dimitri Mitro­poulos und Sergei Kousse­vitzky erkannten sein Talent und ebneten ihm den Weg in eine Dirigen­ten­laufbahn, die 1943 spekta­kulär begann. Der damals 25-Jährige sprang kurzfristig für Bruno Walter ein und leitete ein Konzert der New Yorker Philhar­mo­niker, das landesweit im Rundfunk übertragen wurde und mit der Geburt eines neuen Pultstars endete. 1958 wurde er als erster Ameri­kaner Chef dieses Orchesters. Er entwi­ckelte eine ungeheure mediale Produk­ti­vität und hinterließ, als er 1990 starb, ein riesiges Vermächtnis von über 800 Schallplattenaufnahmen.

Mindestens ebenso wichtig war für Bernstein das Kompo­nieren. Fünfund­siebzig Werke aller Gattungen entstanden im Laufe der Jahre, von der Klavier­sonate bis zur ausla­denden Sinfonie. Jedoch war ihm mit dem Musical West Side Story nur ein nachhal­tiger Publi­kumshit vergönnt.

Enorm waren seine pädago­gi­schen Fähig­keiten. Die Ausbil­dungs­pro­gramme, die sich heute jede Kultur­ein­richtung auf die Fahne schreibt, hatten in Bernstein einen Vorreiter. Mit der im Fernsehen ausge­strahlten Reihe Young People’s Concerts, die von 1958 bis 1972 ausge­strahlt wurde, warb er leiden­schaftlich für Musik jeglicher Art und begeis­terte damit nicht nur junge Menschen.

Auch in die Politik mischte er sich ein. Er unter­stützte John F. Kennedy und die Demokra­tische Partei, setzt sich für Bürger­rechtler ein, engagierte sich für Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen, gab Benefiz­kon­zerte für Amnesty International.

Seine Omnipräsenz in vielen öffent­lichen Bereichen machte ihn zum Medienstar, der nicht nur die seriöse Kultur­kritik, sondern auch die Boule­vard­presse beschäf­tigte. Denn er umgab sich mit den Schönen und Reichen dieser Welt und zelebrierte einen glamou­rösen und exzes­siven Lebensstil. Bernsteins Ehefrau, die chile­nische Schau­spie­lerin Felicia Montealegre, gab dem rast- und ruhelosen Künstler Halt. Trotz heftiger Krisen und seiner rücksichtslos ausge­lebten Bisexua­lität stand sie bis zu ihrem frühen Tod bedin­gungslos hinter ihm.

Sven Oliver Müller ist ein aufschluss­reiches, gut lesbares Buch über Leonard Bernstein geglückt. Es vermittelt einen fakten­reichen und durch etliche Fotos illus­trierten Einblick in ein schil­lerndes Künst­ler­leben. Der geht einher mit dem Versuch, Bernsteins Persön­lichkeit in all ihren positiven und negativen Aspekten psycho­lo­gisch zu erfassen und in Einklang zu bringen mit der Faszi­nation, die von ihm ausging. Bernstein selbst fand für seine Erfolge eine lapidare Begründung: „Ich glaube, dass ich als Musiker einfach Glück gehabt habe …!“

Karin Coper

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