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Maria Callas

Eva Gesine Baurs neue und umfang­reiche Biografie über Maria Callas als Psycho­gramm einer heraus­ra­genden Sängerin und einer einsamen, nach Anerkennung dürstenden Frau, liest sich wie ein spannender Roman. Andreas H. Hölscher hat ein ganz neues Bild dieser Ausnah­me­künst­lerin gewonnen. 

Eva Gesine Baur - Foto © Irène Zandel

Eine griechische Tragödie

Wenn heute in den Medien über eine Operndiva, also eine „Göttin der Oper“, gesprochen wird, dann fällt meist der Name Anna Netrebko. Neben ihren heraus­ra­genden Quali­täten als Sängerin sorgten vor allem ihr Sexappeal, ihre offene Art und ihr Geschick bei der Selbst­ver­marktung dafür, dass sie zum Liebling der Medien und zu einer Berühmtheit der Klassik­szene wurde. Doch Göttinnen können auch tief fallen, und Anna Netrebkos halbherzige Distan­zierung von Putin zu Beginn des russi­schen Angriffs­krieges gegen die Ukraine machten aus der einzigen Diva eine „Persona non grata“ an den großen Opern­häusern. Doch Netrebko ist natürlich nicht die erste und einzige Diva am Opern­himmel gewesen. Eine gewisse Maria Anna Cecilia Sofia Kaloge­ro­poulos, deren Geburtsname heute nur Experten bekannt ist, sollte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Dimen­sionen in der Opernwelt neu definieren. Die Rede ist von Maria Callas, der Operndiva des 20. Jahrhun­derts schlechthin. Dieser Ausnah­me­sän­gerin hat die Kultur­his­to­ri­kerin und Schrift­stel­lerin Eva Gesine Baur eine neue Biografie gewidmet, im Jubilä­umsjahr der Callas, die am 2. Dezember dieses Jahres ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Man könnte meinen, noch eine Biografie über die Callas, die Geschichte ist doch hinlänglich bekannt und auser­zählt. Selbst Eva Gesine Baur bekennt in ihrem Vorwort zu der Biografie mit dem passenden Übertitel Spuren­suche: „Es schien keine Lücke erkennbar, die noch zu schließen wäre, abgesehen von jenen, die allein Spezia­listen kennen. So hat sich der Inter­na­tionale Maria-Callas-Club von September 1990 an in nahezu hundert Ausgaben von je zweiund­siebzig Seiten bemüht, Dokumente, Zeitzeug­nisse sowie sämtliche Inter­views zu publi­zieren und auf Glaub­wür­digkeit zu prüfen, was nicht immer zweifelsfrei gelingen kann. Die archäo­lo­gische Arbeit, die eigent­liche Callas auszu­graben, wird erschwert durch das, wovon sie in wachsenden Schichten überlagert wird: Aussagen von Menschen, die sie kannten, abgegeben nach ihrem Tod. Kollegen, die zu Lebzeiten von Maria Callas fast nichts über sie gesagt hatten, packten aus, nahe, vor allem aber entfernte Verwandte, vorüber­ge­hende Freunde, Kommi­li­tonen, Zufalls­be­kannte, Regis­seure, Dirigenten, Klavier­be­gleiter, Bühnen­bildner, Schall­plat­ten­pro­du­zenten, Lehre­rinnen, Sänger, wie üblich auch Hauspersonal.“

Warum dann diesem überreich vorhanden Material eine neue Biografie hinzu­fügen, nur weil der 100. Geburtstag vor der Tür steht? Baur gibt selbst die Antwort: „Sicher ist besten­falls, dass die Neugier für Maria Callas als Frau das Interesse an der Künst­lerin zudeckt. Die oft als Sensa­tionen angekün­digten Auskünfte von Wegge­fährten, die sie, wie schon der Boulevard-Journa­lismus in ihren letzten beiden Lebens­jahr­zehnten, in die Niede­rungen des Allge­mein­mensch­lichen herab­holen, verdrängen jene Frage, die am wichtigsten bleibt: Was hat sie einzig­artig werden lassen? Warum ist sie die einzige Sänger­per­sön­lichkeit der Vergan­genheit, die heute keineswegs nur in der Musik, sondern auch im Theater, im Film, in der Bildenden Kunst und sogar den Klatsch­ko­lumnen gegen­wärtig ist? Wenngleich über die Stimme, das Äußere, das Verhalten derartige Uneinigkeit besteht, sind sich alle darin einig, dass sie unnach­ahmbar blieb. Was die epochale Leistung von Maria Callas war, ist heute aber kaum jemandem bewusst.“

Und hier setzt die über 500 Seiten starke Biografie von Baur an, den Menschen Maria von der Diva Callas abzugrenzen. Heraus­ge­kommen ist ein Psycho­gramm einer gespal­tenen Persön­lichkeit. Einer krankhaft ehrgei­zigen Sängerin, egoma­nisch und egozen­trisch, mit psycho­pa­tho­lo­gi­schen Zügen, immer nach Ruhm und Anerkennung gierend. Und einer einfachen, schlichten Frau, wenig gebildet, die sich nach Liebe verzehrt, aber eigentlich nicht lebens­fähig ist und am Ende völlig vereinsamt. In dreißig chrono­lo­gisch aufein­ander aufbau­enden Kapiteln lässt Baur nicht nur die Karriere der Callas wieder lebendig werden, sie erzählt vor allem die traurige Lebens­ge­schichte der Maria, und das ist, um es vorweg­zu­nehmen, der besondere Verdienst dieser Biografie, den Menschen Maria hinter der Diva Callas mit all seinen Schwächen zu beschreiben. Letzt­endlich wird die Callas vom Sockel der Diva gestoßen, denn diese Biografie stimmt am Ende den Leser traurig und nachdenklich.

Wer war diese Maria Anna Cecilia Sofia Kaloge­ro­poulos wirklich? Sie wird am 2. Dezember 1923 im New Yorker Washington Heights als Tochter der griechi­schen Einwan­derer George Kaloge­ro­poulos und Evangelina Dimit­riadis geboren. Der Vater ändert 1929 den Namen in Callas. Im griechi­schen Viertel von Manhattan eröffnet George kurz darauf eine Apotheke. Callas besucht die Schule in Brooklyn und beginnt im Alter von acht Jahren ihre erste Gesangs­aus­bildung. 1936 zieht sie, nach der Scheidung der Eltern, mit ihrer Mutter nach Griechenland. In Athen absol­viert sie ab 1938 ein Gesangs­studium am Konser­va­torium. Marias Lehrerin ist die berühmte Kolora­tur­so­pra­nistin Elvira de Hidalgo, die ihrer neuen Schülerin gegenüber anfänglich sehr skeptisch ist. Aber Maria singt, zwar noch unkon­trol­liert, aber voller Dramatik. Und sie erweist sich als ausge­sprochen fleißig und ernsthaft. Folge­richtig erhält sie schon ein Jahr später ihre ersten Rollen an der Athener Oper. Mit nur 15 Jahren vollzieht sie ihr Gesangs­debüt in einer Aufführung der Caval­leria Rusticana am Athener Opernhaus. Infolge des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs verzögern sich die weiteren künst­le­ri­schen Engage­ments der Sängerin. Es folgen knapp zehn Jahre inten­siven Rollen­stu­diums und gewis­sen­hafter Ausbildung, bis Maria 1947 in Italien an der Arena di Verona engagiert wird. Der Dirigent der Aufführung, Tullio Serafin, wird auf ihr außer­ge­wöhn­liches Talent aufmerksam, während sie mit der Titel­rolle in La Gioconda selbst noch nicht beein­drucken kann. Serafin wird einer der großen Förderer der jungen Callas.

Im selben Jahr hat sie ihren Auftritt an der Mailänder Scala. 1949 heiratet sie den erfolg­reichen, 27 Jahre älteren Unter­nehmer Giovanni Battista Meneghini, den sie in Verona kennen­ge­lernt hat und der fortan ihre Karriere als Sängerin unter­stützt und organi­siert. Auch nimmt sie die italie­nische Staats­bür­ger­schaft an. In den folgenden Jahren wird ihre Stimme immer besser, werden ihre Auftritte immer drama­ti­scher und packender, bis sie sich bei den Floren­tiner Mai-Festspielen und im Dezember 1951 an der Mailänder Scala endgültig durch­setzen kann. Jetzt reißen sich die großen Bühnen der Welt förmlich um sie, sie ist eine Diva geworden.

Die 1950-er Jahre sind das Jahrzehnt der Callas. An der Scala ist sie jetzt die Haupt­at­traktion. Sie nimmt eine Reihe von Schall­platten auf und singt überall auf der Welt: Die tragi­schen Heldinnen Verdis und Puccinis werden zu ihren Marken­zeichen. Doch zwei Rollen sollen ihr Leben und ihre Karriere prägen und sie untrennbar mit dem Namen Callas verbinden: die Pries­te­rinnen Norma und Medea in den gleich­na­migen Opern von Vincenzo Bellini und Luigi Cherubini. Insbe­sondere mit der Rolle der Medea identi­fi­zierte sich Callas wie mit keiner anderen. Sie sang und spielte die Medea nicht, sie war Medea. Regisseur Franco Zeffi­relli sprach nach einer Vorstellung der Callas als Medea an der Mailänder Scala von einer neuen Zeitrechnung. „Die Welt der Oper hat sich verändert. Es gibt nun so etwas wie eine neue Zeitzählung: v. C. und n. C. – vor Callas und nach Callas.“ Sie schafft es, ein Reper­toire wieder­zu­be­leben, das fast in Verges­senheit geraten war. Den Opern von Donizetti, Bellini und Rossini kann sie dank ihrer enorm beweg­lichen Stimme und ihrer drama­ti­schen Ausdrucks­kraft wieder Leben einhauchen.

Durch zahlreiche Konzerte an den bedeu­tendsten Häusern der Welt entwi­ckelt sich Callas in den folgenden Jahren zu einem der begehr­testen Soprane der Welt. 1954 tritt sie in der Rolle der Norma erstmals in den USA auf. Ihr Debüt an der Metro­po­litan Oper in New York feiert sie 1956. Ihr weit gefächertes Reper­toire und die drama­tische Dichte ihrer Rollen­ge­staltung machen sie weltbe­rühmt. Ihre Stimme lebt vor allem vom drama­ti­schen Ausdruck. 1957 lernt sie den griechi­schen Reeder Aristo­teles Onassis kennen – ein Skandal, heißt es damals, denn beide sind noch verhei­ratet und zeigen sich trotzdem ungeniert gemeinsam in aller Öffent­lichkeit. Ab jetzt beherrscht sie eher die Klatsch­spalten als die Feuil­letons. Sie sei hyste­risch, egozen­trisch, unbere­chenbar. Das ist in etwa das Bild, das in der Presse von Callas gezeichnet wurde. So wurde sie zu einer Diva stili­siert, die man auch hassen durfte. Es gibt einen Schnapp­schuss, der sie mit gefletschten Zähnen zeigt. Das Bild geht um die Welt und formt die öffent­liche Meinung. Callas ist keine normale Frau, sondern eine gefähr­liche Tigerin. Zum großen Skandal weitet sich eine abgesagte Vorstellung 1958 in Rom aus. Sie soll vor glanz­vollem Publikum die Saison eröffnen. Alles, was Rang und Namen hat, ist präsent, einschließlich des italie­ni­schen Staats­prä­si­denten. Maria Callas aber ist erkältet, will eigentlich ganz absagen, möchte aber auch das Publikum nicht enttäu­schen. Mitten in der Vorführung muss sie dann doch abbrechen. In der Presse wird sie dafür diffa­miert. „Das sei typisch für diese Diva“ hieß es damals. Auch als Jahre später ihre Liaison mit Onassis zerbrach, weidet sich die Öffent­lichkeit noch an ihrem Schicksal, obwohl sie sich lange von der Bühne zurück­ge­zogen hat.

Im Jahr 1971 wird ihre Ehe mit Meneghini aufgelöst. Die Diva beweist indes auch ein beacht­liches schau­spie­le­ri­sches Können, als sie 1969 in dem Film Medea in der Regie von Pier Paolo Pasolini auftritt. Zu ihren letzten Konzerten tritt Callas nochmals 1974 auf die Bühne. Am 16. September 1977 stirbt Maria Callas im Alter von nur 53 Jahren in Paris vermutlich an den Folgen eines Herzinfarktes.

Maria Callas sprengte als Sängerin Konven­tionen und trium­phierte vor allem in tragi­schen Rollen. Dabei verband sie eine fast unheim­liche technische Perfektion mit einer Inten­sität des Ausdrucks, die betroffen machte. Doch die Risse und Wider­sprüche, die sie in ihren Figuren spürbar machte, prägten auch ihr Leben. Eva Gesine Baur schildert den lebens­langen Konflikt mit der Mutter, ihren Hunger nach Liebe und Anerkennung, ihre Bezie­hungs­un­fä­higkeit, ihren von unbedingtem Willen, ja, schon krank­haftem Ehrgeiz gezeich­neten Aufstieg und die Jahre ihres größten Ruhms. Sie erzählt von den Skandalen, die sie verfolgten, und den Männern in ihrem Leben. Keine wurde auf der Bühne so wie sie umjubelt, keine wie sie wurde auf der Bühne so nieder­ge­macht. Keine ihrer „Konkur­ren­tinnen“ ihrer Zeit, wie Renata Tebaldi, Joan Sutherland, Elisabeth Schwarzkopf oder die junge Monts­errat Caballé, haben so polari­siert und hyste­rische Reaktionen provo­ziert wie die Callas. Auch ihre Stimme spaltet bis heute Fans und Experten. Schön im klassi­schen Sinne war sie nie, dafür aber drama­tisch und ausdrucks­stark wie keine zuvor und kaum eine nach ihr.

Ihre glücklose Ehe mit Meneghini, ihre tragische Liebe zu Onassis, ihre Schwär­merei für Luchino Visconti und die Leiden­schaft für Pier Paolo Pasolini, die Dramen auf der Bühne wurden auch zum Drama ihres Lebens und waren daher von der tragi­schen Kunst nicht zu trennen. Sie war eine „Diva assoluta“, die am Ende einsam und verlassen war, und doch bis heute unver­gessen ist. Baur schreibt diese Biografie spannend wie ein Roman. Die ersten zwei Kapitel kommen noch etwas zäh daher, doch dann nimmt die Geschichte Fahrt auf, und man taucht ein in das Leben einer ungewöhn­lichen Frau und einer Ausnah­me­künst­lerin. Baur trennt immer wieder zwischen „Maria“ und der „Callas“ und legt die Lebens­ge­schichte als ein verstö­rendes Psycho­gramm an. Sie tappt nicht in die Falle, die Callas als Boulevard-Objekt zu degra­dieren, sondern konzen­triert sich auf die Fakten, was die über 50 Seiten umfang­reichen Anmer­kungen und Erläu­te­rungen sowie das Quellen­ver­zeichnis am Schluss der Biografie auch belegen. Heraus­ge­kommen ist eine faszi­nie­rende und überaus lesens­werte Biografie über Die Stimme der Leiden­schaft, so der Unter­titel dieser Biografie. Zudem ist sie auch Zeitzeugnis großer geschicht­licher Ereig­nisse, die im Kontext zum Leben der Callas Eingang finden, wie das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Ermordung von John F. Kennedy, die ersten Auftritte der Beatles, der Militär­putsch in Griechenland und vieles andere mehr. Dieses Buch ist nicht nur für Opern­lieb­haber oder Verehrer der Callas ein Muss, man kann es auch ohne große Vorkennt­nisse lesen und genießen. Wenn man dann noch die Stimme der Callas im Hinter­grund hört, dann versteht man noch besser, was Eva Gesine Baur eindrucksvoll nieder­ge­schrieben hat.

Andreas H. Hölscher

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