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Es scheint ein etwas reißerischer Untertitel eines Buches zu sein mit gleich zwei besonderen Begriffen: Metamorphosen eines Wunderkinds. Als „Metamorphose“ versteht man im Allgemeinen den Wandel der Gestalt oder der Form. Nicht selten ist die Veränderung unumkehrbar. Das Wort „Metamorphosis“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Umwandlung. Und der Begriff „Wunderkind“ ist eine Bezeichnung für ein Kind, welches auf bestimmten Gebieten Fähigkeiten zeigt, die in aller Regel erst im Erwachsenenalter oder gar nicht erreicht werden. Dass die beiden Begriffe im Kontext zu einem faszinierenden Porträt des Künstlers Kit Armstrong von der Autorin Inge Kloepfer benutzt werden, ist absolut legitim, denn ihr Buch ist eine Reise in die Gedankenwelt eines Ausnahmetalents, das sich ständig neu zu erfinden scheint und sein noch junges, aber schon so erfolgreiches Künstlerleben voller Metamorphosen steckt.
Doch ein „Wunderkind“ wollte Kit Armstrong nie sein. Die Bezeichnung lehnt er kategorisch für sich ab. Trotzdem muss er mit einer Vielzahl von Superlativen leben, die ihn seit frühester Kindheit begleiten und sich wie Sedimente um ihn herum abgelagert haben. Die Erwartungen an ihn waren übermenschlich und sind es heute immer noch. Daran kann man auch scheitern. Denn „Wunderkind“ ist man irgendwann nicht mehr. Und dann? Den Begriff „Wundererwachsener“ gibt es nicht. Dann gilt es sich zu verändern, vielleicht sogar, sich immer wieder neu zu erfinden, im Sinne einer Metamorphose.
„Kit Armstrong ist die größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin.“ Der Satz stammt von keinem Geringeren als von dem Pianisten Alfred Brendel, selbst eine Ikone in der Welt der Starpianisten und in der Regel sehr sparsam mit Lob und Anerkennung. Brendel, der Kit Armstrong seit 2005 als Lehrer und Mentor begleitet, schreibt ihm „Verständnis der großen Klavierliteratur als eine Einheit von Gefühl und Verstand, Frische und Verfeinerung“ zu.
Wer ist nun dieser Kit Armstrong mit seinen scheinbar übermenschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten? Er wird am 5. März 1992 in Los Angeles geboren, seine Mutter stammt gebürtig aus Taiwan, den Vater hat er nie kennengelernt Mit neun Monaten beginnt Kit zu sprechen, etwas später beginnt er zu rechnen. Als er fünf ist, bekommt er den ersten Klavierunterricht, das erste Konzert gibt er im Alter von acht Jahren. Im Jahr 2000, im Alter von sieben Jahren, komponierte er auch die Sinfonie Celebration, mit der er heute allerdings nicht mehr zufrieden ist und sie daher lieber nicht aufgeführt sehen will, da die Sinfonie seiner Meinung nach nicht die Möglichkeiten des Orchesters zufriedenstellend darstelle.
Einem breiten Publikum wird er bekannt, als er mit zehn Jahren bei der Late Show mit David Letterman im US-Fernsehen eine seiner eigenen Kompositionen spielt. Von diesem Auftritt gibt es einen faszinierenden Mitschnitt auf YouTube.
Schon von früh an ist Armstrong fasziniert von den Naturwissenschaften. Als jüngster Student in der Geschichte der Chapman University of California beginnt er mit sieben Jahren sein Studium der Physik. Armstrong besucht damit die Highschool und die Universität zugleich. In den nächsten Jahren studiert er an unterschiedlichen Universitäten unter anderem die Fächer Mathematik, Biologie, Chemie, Musik und Komposition. Sein Klavierstudium schließt Armstrong an der renommierten Royal Academy of Music in London mit Auszeichnung ab.
Seitdem Kit Armstrong vor nahezu zwanzig Jahren die internationalen Bühnen betrat, fasziniert er die Musikwelt. Kaum ein anderer junger Künstler – Kit Armstrong ist gerade mal 32 Jahre alt – ist auf derart vielen Gebieten versiert und universell ausgebildet wie er. Von der New York Times als „brillanter Pianist“ gefeiert, der „musikalische Reife und jugendliche Kühnheit in seinem exzeptionellen Spiel verbindet“, hat Kit Armstrong eine ganz eigene künstlerische Handschrift ausgeprägt. Die intensive Beschäftigung mit der Musik steht bei ihm auf selbstverständliche Art und Weise in enger Beziehung mit anderen Künsten sowie mit Naturwissenschaften und Mathematik. Sein Repertoire geht zurück bis ins 16. Jahrhundert, zu den Anfängen der Tastenmusik bei den großen englischen Virginalisten, und reicht bis ins 21. Jahrhundert. Seine Programme sind eine einzigartige Mischung musikalischer Entdeckungen mit den großen Meisterwerken der Klavierliteratur.
Als Armstrong im Jahr 2012 eine Kirche im nordfranzösischen Städtchen Hirson nahe der belgischen Grenze erwarb, beginnt eine einzige Erfolgsgeschichte, die seither großes Echo in den Medien findet. Mit der Kirche St. Thérèse ist es ihm gelungen, ein sozio-kulturelles Zentrum zu schaffen, das regelmäßig Konzerte und interdisziplinäre Projekte für ein regionales und überregionales Publikum veranstaltet.
Als leidenschaftlicher Kammermusiker hat Armstrong enge künstlerische Partnerschaften mit anderen führenden Instrumental- und Vokalsolisten entwickelt. Zusammen mit Renaud Capuçon spielte er alle Mozart-Violinsonaten bei der Mozartwoche Salzburg und im Berliner Boulez-Saal. Armstrong trat auch mit Orgelkonzerten in der Berliner Philharmonie, der Kölner Philharmonie und im Konzerthaus Wien auf. Die Edition Peters verlegt seine Kompositionen, und zu den Auftraggebern seiner Werke gehören das Gewandhaus Leipzig und das Musikkollegium Winterthur. Zu Armstrongs bisherigen Soloalben gehören Liszts Symphonische Szenen und Bach, Ligeti, Armstrong, beide erschienen bei Sony Classical.
Nun hat Inge Kloepfer den Ausnahmekünstler über einen längeren Zeitraum begleitet, mit ihm gesprochen, diskutiert, ihm zugehört und Fragen gestellt. Herausgekommen ist dabei ein intimes Porträt eines Jahrhunderttalents auf dem Weg zu sich selbst.
Inge Kloepfer ist selbst eine preisgekrönte Bestseller- und Filmautorin. Sie publiziert seit vielen Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit dem amerikanischen Dirigenten Kent Nagano veröffentlichte sie den Longseller Erwarten Sie Wunder! Expect the Unexpected, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde und den sie für NDR/Arte verfilmte. 2021 folgte das Buch 10 Lessons of my Life. Was wirklich zählt.
In elf ganz unterschiedlichen Kapiteln sowie einem Prolog und einem Epilog nähert sich Kloepfer dem Pianisten, Organisten, Naturwissenschaftler, aber vor allem dem Menschen Kit Armstrong mit verblüffender Offenheit auf beiden Seiten. Jedem Kapitel folgt eine kleine Fragerunde zu den unterschiedlichsten Themen. Die sind besonders spannend zu lesen, da viele Antworten Armstrongs unerwartet sind, sehr direkt, was untypisch amerikanisch ist, und häufig auch mit Gegenfragen unterlegt, die Kloepfer aber souverän pariert. Das ist so lebendig geschrieben, dass man das Gefühl hat, man sitze mittendrin in diesem Frage-Antwort-Spiel. Eine dieser Runden beschäftigt sich mit dem Thema Faulheit. Auf die Frage, welche Eigenschaften Armstrong denn gerne hätte, antwortet er „Motivation, oder anders: Das Gegenteil von Faulheit.“ Überrascht fragt Kloepfer: „Du bist doch nicht faul?“ Die verblüffende Antwort Armstrongs ist: „Hm. Doch, im Grunde bin ich faul. Oder zumindest nicht fleißig.“ Die zutiefst menschliche Antwort lässt Kloepfer nicht so im Raume stehen und hakt nach: „Aber du arbeitest viel.“ Armstrongs offene wie überraschende Antwort steht symptomatisch für seine konstante Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun: „Ja, aber es kostet mich Kraft. Deswegen fände ich ein bisschen mehr natürliche Motivation ganz praktisch. Ich habe mich noch nicht einmal entschieden, die Musik zu meinem Beruf zu machen. Es war einfach so, dass mir das Klavierspielen so ungleich viel leichter fällt, als mich in eine mathematische Aufgabe zu vertiefen – so wie Wasser ja auch den Weg des geringsten Widerstands findet. Und weil ich in der Musik auch nicht scheitern kann. Anders als in der Mathematik.“
Eine ganz neue Facette von Armstrong entdeckt der Leser, wenn das Gespräch auf das Thema Essen und Kochen gelenkt wird. Wenn Armstrong über Musik sprichst, nimmt er häufig Bezug auf das Essen und Kochen. Warum eigentlich? Armstrongs direkte Antwort überrascht erneut: „Kochen ist für mich ein Zeitvertreib, je aufwendiger, desto besser. Die Zubereitung eines Gerichts ist doch nichts anderes als eine Komposition. Nur dass sie um einiges einfacher ist als ihr musikalisches Pendant. Für mich jedenfalls. Denn beim Kochen stelle ich nicht den Anspruch an mich selbst, besser zu sein als andere. In der Musik habe ich den natürlich schon.“
Auf die Nachfrage, was ihm das Kochen gebe, erläutert Armstrong: „Kochen erfordert Kreativität, dazu die Auseinandersetzung mit schönen Zutaten. Das bereitet mir Freude. Schon das Reden darüber tut das übrigens. Es gibt Kollegen, mit denen ich zwar gemeinsam musiziere, mich aber ausschließlich über Gerichte und Lebensmittel unterhalte. Rein praktisch gesprochen: Es entspannt mich. Und das schon körperlich.“ Die Fragerunde schließt sich an ein Kapitel an, in dem es um das „Geheimnis des Empfindens“ geht. Am Schluss des Kapitels kommt Armstrong auch auf das Thema Interpretation zu sprechen, und da ist er in seiner Diktion nicht gerade zimperlich: „Es kommt durchaus vor, dass ein Stück von einem Interpreten an der einen oder anderen Stelle anders gespielt wird, als ich mir das vorgestellt habe“, sagt er. „Im Zweifel stehen sich zwei Meinungen gegenüber. Und ich kann mit meinem Verständnis des Zusammenwirkens von Komponist und Interpret noch nicht einmal sagen, dass meine unbedingt gewichtiger oder gar richtiger ist.“ Für Armstrong heißt das, man muss sich von Traditionen befreien, um die Sozialisierung wohldosiert durch Persönliches zu ersetzen. „Ich bin davon überzeugt, dass man dank des Persönlichen der ursprünglichen Absicht des Komponisten manchmal sogar näher kommen kann. Aber all das ist nur mit einer Einstellung möglich, die gerade nicht pedantisch ist.“ Auch Kloepfers Nachfrage, ob es für einen Interpreten auch Grenzen der Freiheit gäbe, antwortet Armstrong nachdenklich: „Ja! Wenn man die Carbonara mit Sahne kocht. Das geht nicht, denn es wäre dann ein Gericht, das man nicht mehr Carbonara nennen dürfte. In eine Carbonara gehört keine Sahne!“
Die verblüffende und entwaffnende Offenheit Armstrongs zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Und neben den vielen biografischen Aspekten gibt es auch heitere Anekdoten. Armstrong gibt in der Trierer Konstantinbasilika ein Orgelkonzert, ohne jemals vorher Orgelspielen gelernt zu haben. Diese Transferleistung, vom Klavier auf die Orgel umzuschalten, ist für einen normalen Musiker schon gar nicht nachvollziehbar. Doch für Armstrong ist das genauso einfach wie die Analyse mathematischer Formeln, mit denen er schon im Alter von zwei Jahren begonnen hatte. Und so ist das Buch mehr als nur eine Biografie eines prominenten Pianisten, es ist das intime Porträt eines Jahrhunderttalents auf dem Weg zu sich selbst. Und es ist so spannend geschrieben, dass man selbst kein Musikexperte sein muss, um das Faszinosum Kit Armstrongs zu entdecken und zu verstehen.
Und wer Armstrong, der übrigens auch fließend deutsch spricht, selbst einmal erleben möchte, kann das bereits in der kommenden Woche beim Mozartfestival in Würzburg tun. Im Rahmen seiner Mozart-Expeditionen spielt er im Kaisersaal der Residenz an zwei Abenden jeweils ein Doppelkonzert mit Klavierkonzerten und Sonaten von Mozart.
Andreas H. Hölscher