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Metamorphosen eines Wunderkinds

Metamor­phosen eines Wunder­kinds ist die spannende Geschichte eines Hochbe­gabten, eines Jahrhun­dert­ta­lents, eines vielsei­tigen Künstlers, aber auch ein faszi­nie­rendes Porträt eines ganz natürlich wirkenden Menschen mit außer­ge­wöhn­lichen Fähig­keiten. Andreas H. Hölscher hat es gelesen. 

Inge Kloepfer - Foto © Daniel Biskuit

Außergewöhnliche Gedankenwelt

Es scheint ein etwas reiße­ri­scher Unter­titel eines Buches zu sein mit gleich zwei beson­deren Begriffen: Metamor­phosen eines Wunder­kinds. Als „Metamor­phose“ versteht man im Allge­meinen den Wandel der Gestalt oder der Form. Nicht selten ist die Verän­derung unumkehrbar. Das Wort „Metamor­phosis“ stammt aus dem Griechi­schen und bedeutet Umwandlung. Und der Begriff „Wunderkind“ ist eine Bezeichnung für ein Kind, welches auf bestimmten Gebieten Fähig­keiten zeigt, die in aller Regel erst im Erwach­se­nen­alter oder gar nicht erreicht werden. Dass die beiden Begriffe im Kontext zu einem faszi­nie­renden Porträt des Künstlers Kit Armstrong von der Autorin Inge Kloepfer benutzt werden, ist absolut legitim, denn ihr Buch ist eine Reise in die Gedan­kenwelt eines Ausnah­me­ta­lents, das sich ständig neu zu erfinden scheint und sein noch junges, aber schon so erfolg­reiches Künst­ler­leben voller Metamor­phosen steckt.

Doch ein „Wunderkind“ wollte Kit Armstrong nie sein. Die Bezeichnung lehnt er katego­risch für sich ab. Trotzdem muss er mit einer Vielzahl von Super­la­tiven leben, die ihn seit frühester Kindheit begleiten und sich wie Sedimente um ihn herum abgelagert haben. Die Erwar­tungen an ihn waren übermenschlich und sind es heute immer noch. Daran kann man auch scheitern. Denn „Wunderkind“ ist man irgendwann nicht mehr. Und dann? Den Begriff „Wunder­erwach­sener“ gibt es nicht. Dann gilt es sich zu verändern, vielleicht sogar, sich immer wieder neu zu erfinden, im Sinne einer Metamorphose.

„Kit Armstrong ist die größte musika­lische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin.“ Der Satz stammt von keinem Gerin­geren als von dem Pianisten Alfred Brendel, selbst eine Ikone in der Welt der Starpia­nisten und in der Regel sehr sparsam mit Lob und Anerkennung. Brendel, der Kit Armstrong seit 2005 als Lehrer und Mentor begleitet, schreibt ihm „Verständnis der großen Klavier­li­te­ratur als eine Einheit von Gefühl und Verstand, Frische und Verfei­nerung“ zu.

Wer ist nun dieser Kit Armstrong mit seinen scheinbar übermensch­lichen Fähig­keiten und Fertig­keiten? Er wird am 5. März 1992 in Los Angeles geboren, seine Mutter stammt gebürtig aus Taiwan, den Vater hat er nie kennen­ge­lernt Mit neun Monaten beginnt Kit zu sprechen, etwas später beginnt er zu rechnen. Als er fünf ist, bekommt er den ersten Klavier­un­ter­richt, das erste Konzert gibt er im Alter von acht Jahren. Im Jahr 2000, im Alter von sieben Jahren, kompo­nierte er auch die Sinfonie Celebration, mit der er heute aller­dings nicht mehr zufrieden ist und sie daher lieber nicht aufge­führt sehen will, da die Sinfonie seiner Meinung nach nicht die Möglich­keiten des Orchesters zufrie­den­stellend darstelle.

Einem breiten Publikum wird er bekannt, als er mit zehn Jahren bei der Late Show mit David Letterman im US-Fernsehen eine seiner eigenen Kompo­si­tionen spielt. Von diesem Auftritt gibt es einen faszi­nie­renden Mitschnitt auf YouTube.

Schon von früh an ist Armstrong faszi­niert von den Natur­wis­sen­schaften. Als jüngster Student in der Geschichte der Chapman University of California beginnt er mit sieben Jahren sein Studium der Physik. Armstrong besucht damit die Highschool und die Univer­sität zugleich. In den nächsten Jahren studiert er an unter­schied­lichen Univer­si­täten unter anderem die Fächer Mathe­matik, Biologie, Chemie, Musik und Kompo­sition. Sein Klavier­studium schließt Armstrong an der renom­mierten Royal Academy of Music in London mit Auszeichnung ab.

Seitdem Kit Armstrong vor nahezu zwanzig Jahren die inter­na­tio­nalen Bühnen betrat, faszi­niert er die Musikwelt. Kaum ein anderer junger Künstler – Kit Armstrong ist gerade mal 32 Jahre alt – ist auf derart vielen Gebieten versiert und universell ausge­bildet wie er. Von der New York Times als „brillanter Pianist“ gefeiert, der „musika­lische Reife und jugend­liche Kühnheit in seinem exzep­tio­nellen Spiel verbindet“, hat Kit Armstrong eine ganz eigene künst­le­rische Handschrift ausge­prägt. Die intensive Beschäf­tigung mit der Musik steht bei ihm auf selbst­ver­ständ­liche Art und Weise in enger Beziehung mit anderen Künsten sowie mit Natur­wis­sen­schaften und Mathe­matik. Sein Reper­toire geht zurück bis ins 16. Jahrhundert, zu den Anfängen der Tasten­musik bei den großen engli­schen Virgi­na­listen, und reicht bis ins 21. Jahrhundert. Seine Programme sind eine einzig­artige Mischung musika­li­scher Entde­ckungen mit den großen Meister­werken der Klavierliteratur.

Als Armstrong im Jahr 2012 eine Kirche im nordfran­zö­si­schen Städtchen Hirson nahe der belgi­schen Grenze erwarb, beginnt eine einzige Erfolgs­ge­schichte, die seither großes Echo in den Medien findet. Mit der Kirche St. Thérèse ist es ihm gelungen, ein sozio-kultu­relles Zentrum zu schaffen, das regel­mäßig Konzerte und inter­dis­zi­plinäre Projekte für ein regio­nales und überre­gio­nales Publikum veranstaltet.

Als leiden­schaft­licher Kammer­mu­siker hat Armstrong enge künst­le­rische Partner­schaften mit anderen führenden Instru­mental- und Vokal­so­listen entwi­ckelt. Zusammen mit Renaud Capuçon spielte er alle Mozart-Violin­so­naten bei der Mozart­woche Salzburg und im Berliner Boulez-Saal. Armstrong trat auch mit Orgel­kon­zerten in der Berliner Philhar­monie, der Kölner Philhar­monie und im Konzerthaus Wien auf. Die Edition Peters verlegt seine Kompo­si­tionen, und zu den Auftrag­gebern seiner Werke gehören das Gewandhaus Leipzig und das Musik­kol­legium Winterthur. Zu Armstrongs bishe­rigen Soloalben gehören Liszts Sympho­nische Szenen und Bach, Ligeti, Armstrong, beide erschienen bei Sony Classical.

Nun hat Inge Kloepfer den Ausnah­me­künstler über einen längeren Zeitraum begleitet, mit ihm gesprochen, disku­tiert, ihm zugehört und Fragen gestellt. Heraus­ge­kommen ist dabei ein intimes Porträt eines Jahrhun­dert­ta­lents auf dem Weg zu sich selbst.

Inge Kloepfer ist selbst eine preis­ge­krönte Bestseller- und Filmau­torin. Sie publi­ziert seit vielen Jahren in der Frank­furter Allge­meinen Sonntags­zeitung. Mit dem ameri­ka­ni­schen Dirigenten Kent Nagano veröf­fent­lichte sie den Longseller Erwarten Sie Wunder! Expect the Unexpected, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde und den sie für NDR/​Arte verfilmte. 2021 folgte das Buch 10 Lessons of my Life. Was wirklich zählt.

In elf ganz unter­schied­lichen Kapiteln sowie einem Prolog und einem Epilog nähert sich Kloepfer dem Pianisten, Organisten, Natur­wis­sen­schaftler, aber vor allem dem Menschen Kit Armstrong mit verblüf­fender Offenheit auf beiden Seiten. Jedem Kapitel folgt eine kleine Frage­runde zu den unter­schied­lichsten Themen. Die sind besonders spannend zu lesen, da viele Antworten Armstrongs unerwartet sind, sehr direkt, was untypisch ameri­ka­nisch ist, und häufig auch mit Gegen­fragen unterlegt, die Kloepfer aber souverän pariert. Das ist so lebendig geschrieben, dass man das Gefühl hat, man sitze mittendrin in diesem Frage-Antwort-Spiel. Eine dieser Runden beschäftigt sich mit dem Thema Faulheit. Auf die Frage, welche Eigen­schaften Armstrong denn gerne hätte, antwortet er „Motivation, oder anders: Das Gegenteil von Faulheit.“ Überrascht fragt Kloepfer: „Du bist doch nicht faul?“ Die verblüf­fende Antwort Armstrongs ist: „Hm. Doch, im Grunde bin ich faul. Oder zumindest nicht fleißig.“ Die zutiefst mensch­liche Antwort lässt Kloepfer nicht so im Raume stehen und hakt nach: „Aber du arbeitest viel.“ Armstrongs offene wie überra­schende Antwort steht sympto­ma­tisch für seine konstante Ausein­an­der­setzung mit dem eigenen Tun: „Ja, aber es kostet mich Kraft. Deswegen fände ich ein bisschen mehr natür­liche Motivation ganz praktisch. Ich habe mich noch nicht einmal entschieden, die Musik zu meinem Beruf zu machen. Es war einfach so, dass mir das Klavier­spielen so ungleich viel leichter fällt, als mich in eine mathe­ma­tische Aufgabe zu vertiefen – so wie Wasser ja auch den Weg des geringsten Wider­stands findet. Und weil ich in der Musik auch nicht scheitern kann. Anders als in der Mathematik.“

Eine ganz neue Facette von Armstrong entdeckt der Leser, wenn das Gespräch auf das Thema Essen und Kochen gelenkt wird.  Wenn Armstrong über Musik sprichst, nimmt er häufig Bezug auf das Essen und Kochen. Warum eigentlich? Armstrongs direkte Antwort überrascht erneut: „Kochen ist für mich ein Zeitver­treib, je aufwen­diger, desto besser. Die Zubereitung eines Gerichts ist doch nichts anderes als eine Kompo­sition. Nur dass sie um einiges einfacher ist als ihr musika­li­sches Pendant. Für mich jeden­falls. Denn beim Kochen stelle ich nicht den Anspruch an mich selbst, besser zu sein als andere. In der Musik habe ich den natürlich schon.“

Auf die Nachfrage, was ihm das Kochen gebe, erläutert Armstrong: „Kochen erfordert Kreati­vität, dazu die Ausein­an­der­setzung mit schönen Zutaten. Das bereitet mir Freude. Schon das Reden darüber tut das übrigens. Es gibt Kollegen, mit denen ich zwar gemeinsam musiziere, mich aber ausschließlich über Gerichte und Lebens­mittel unter­halte. Rein praktisch gesprochen: Es entspannt mich. Und das schon körperlich.“ Die Frage­runde schließt sich an ein Kapitel an, in dem es um das „Geheimnis des Empfindens“ geht. Am Schluss des Kapitels kommt Armstrong auch auf das Thema Inter­pre­tation zu sprechen, und da ist er in seiner Diktion nicht gerade zimperlich: „Es kommt durchaus vor, dass ein Stück von einem Inter­preten an der einen oder anderen Stelle anders gespielt wird, als ich mir das vorge­stellt habe“, sagt er. „Im Zweifel stehen sich zwei Meinungen gegenüber. Und ich kann mit meinem Verständnis des Zusam­men­wirkens von Komponist und Interpret noch nicht einmal sagen, dass meine unbedingt gewich­tiger oder gar richtiger ist.“ Für Armstrong heißt das, man muss sich von Tradi­tionen befreien, um die Sozia­li­sierung wohldo­siert durch Persön­liches zu ersetzen. „Ich bin davon überzeugt, dass man dank des Persön­lichen der ursprüng­lichen Absicht des Kompo­nisten manchmal sogar näher kommen kann. Aber all das ist nur mit einer Einstellung möglich, die gerade nicht pedan­tisch ist.“ Auch Kloepfers Nachfrage, ob es für einen Inter­preten auch Grenzen der Freiheit gäbe, antwortet Armstrong nachdenklich: „Ja!  Wenn man die Carbonara mit Sahne kocht. Das geht nicht, denn es wäre dann ein Gericht, das man nicht mehr Carbonara nennen dürfte. In eine Carbonara gehört keine Sahne!“

Die verblüf­fende und entwaff­nende Offenheit Armstrongs zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Und neben den vielen biogra­fi­schen Aspekten gibt es auch heitere Anekdoten. Armstrong gibt in der Trierer Konstan­tin­ba­silika ein Orgel­konzert, ohne jemals vorher Orgel­spielen gelernt zu haben. Diese Trans­fer­leistung, vom Klavier auf die Orgel umzuschalten, ist für einen normalen Musiker schon gar nicht nachvoll­ziehbar. Doch für Armstrong ist das genauso einfach wie die Analyse mathe­ma­ti­scher Formeln, mit denen er schon im Alter von zwei Jahren begonnen hatte. Und so ist das Buch mehr als nur eine Biografie eines promi­nenten Pianisten, es ist das intime Porträt eines Jahrhun­dert­ta­lents auf dem Weg zu sich selbst. Und es ist so spannend geschrieben, dass man selbst kein Musik­ex­perte sein muss, um das Faszi­nosum Kit Armstrongs zu entdecken und zu verstehen.

Und wer Armstrong, der übrigens auch fließend deutsch spricht, selbst einmal erleben möchte, kann das bereits in der kommenden Woche beim Mozart­fes­tival in Würzburg tun. Im Rahmen seiner Mozart-Expedi­tionen spielt er im Kaisersaal der Residenz an zwei Abenden jeweils ein Doppel­konzert mit Klavier­kon­zerten und Sonaten von Mozart.

Andreas H. Hölscher

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