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Über Wolfgang Amadeus Mozart gibt es unzählige Biografien, Abhandlungen, Romane. Wer sich für Mozart und seine Musik interessiert, glaubt eigentlich das Notwendigste zu wissen, über seine Herkunft, seinen Vater Leopold, seine Frau Constanze und natürlich sein ungeheureres Schaffen in dem viel zu kurzen Leben. Doch wo kamen die Mozarts her, wie konnte Wolfgang zu einem bis heute führenden Komponisten weltweit aufsteigen, und was ist aus der Familie nach Mozarts frühem Tod geworden? Die Biografien der Familienmitglieder sind reich an Höhepunkten und Krisen, Rätseln und Verwicklungen. War Leopold Mozart wirklich der unnachgiebige Zuchtmeister des kindlich-unbekümmerten Wolfgang? War das „Bäsle“ die große, aber unmögliche Liebe des Komponisten? Und war Wolfgangs Frau Constanze der Ruin der Familie oder die Mutter ihres Nachruhms? Diese spannenden Fragen versucht der Autor Michael Lemster mit feinem Gespür für das Zeitkolorit in seinem Mozart-Buch zu beantworten und erzählt die außergewöhnliche Geschichte einer Familie, deren Geist vor allem in der klassischen Musik unsterblich wurde.
Die Geschichte der Mozarts beginnt nicht in Salzburg, sondern in einem kleinen Dorf bei Augsburg. Hier liegen die Wurzeln einer Familie, die der Menschheit ein großes Geschenk gemacht hat: drei Generationen an Musikern von europäischem Ruhm und den Pianisten, Organisten, Violinisten, Musikunternehmer und Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. Die erste zeitliche Erwähnung fällt in das Jahr 1487, beschrieben wird eine eher armselige, karge Bauernsiedlung vor den Toren Augsburgs in der Nähe des Lechrains, das heute noch die „Stauden“ heißt, benannt nach dem Gestrüpp, das dort wächst. Und der erste Name der Familie, der urkundlich erwähnt ist, ist Andris (Andreas) Motzhart. In dem Namen Motzhart steckt das Wort „Mot“, es ist das mittelhochdeutsche Wort für schwarze Erde, Moder, Sumpf. Die Mozarts waren die, die im Morast wohnten, im Moder, im Schmutz. Und die Stauden sind die Gegend, aus der sie kamen – und aus der sie unbedingt wegwollten. Nach Augsburg, mit etwa 30.000 Einwohnern im 16. Jahrhundert eine Großstadt in Mitteleuropa. Und so beschäftigt sich das erste Kapitel mit dem Überlebenswillen der Gründer der Familie Mozart, ihrer Übersiedlung nach Augsburg und den schweren Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Der Stammbaum der Familie Mozart ist dann recht schnell aufgearbeitet, und schon im zweiten Kapitel ist erstmals die Rede vom 1719 geborenen Leopold Mozart, Sohn des Buchbinders Johann Georg Mozart und Vater von Wolfgang Amadé Mozart. Leopold Mozarts Kindheit und Jugend werden unter der Überschrift Schwabe aus Augsburg – Eine Jugend im Bannkreis von Kirchen und Klöstern ein umfangreiches Kapitel gewidmet, dessen erste Begegnung mit Salzburg den 16-Jährigen nachhaltig prägen sollte. Sein musikalischer Aufstieg und der der Familie als „Compagnie“ wird intensiv beschrieben und natürlich die Liebesheirat mit Anna Maria Pertl 1747.
Beschrieben werden das Leben und Wirken von Wolfgang Amadeus Mozarts Eltern immer im gesellschaftlichen Kontext zu der damaligen Zeit. Der Leser erfährt dadurch sehr interessante Begebenheiten, die in den üblichen Biografien sonst eher zu kurz kommen. Somit ist das Buch mehr als nur eine Lebensbeschreibung, es ist auch eine sozialkritische Abhandlung über gesellschaftliche Gepflogenheiten, Standesdünkel und religiöse Abhängigkeiten. Eine insgesamt lebensprall erzählte Familiengeschichte, eingebunden in die Geschichte Europas. Lemster vermeidet im Übrigen, streng chronologisch die Geschichte der Familie abzuhandeln, sondern springt immer wieder in der Lebensgeschichte von Leopold Mozart hin und her, erwähnt hier den Wolfgang, dort dessen Frau Constanze, was insgesamt die Lektüre auflockert und den Leser doch stärker an das Buch fesselt.
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Erst im Kapitel drei wird ausführlich auf die Kindheit Wolfgang Amadeus Mozarts eingegangen. Lemster fasst das Leben Mozarts wie folgt zusammen: Wolfgang Amadé Mozart – so nannte er sich, nicht Amadeus – war zeit seines Lebens ein kränklicher Mann. Er wurde nur 35 Jahre alt. In dieser Zeit machte er 30 Jahre Musik und schrieb mehr als mancher, der 60 Jahre Zeit zum Komponieren hat. Er dachte einfach immer an Musik. Nach jedem Rückschlag, körperlich oder seelisch, erholte er sich schnell und machte weiter. Diese Vitalität ist für Lemster das Erstaunlichste. Und die scheint ihm kennzeichnend für die ganze Familie. Mozarts Vorfahren waren Bauern oder halfen als Handwerker und Baumeister, das neuzeitliche Augsburg erbauen. Denen wurde nichts geschenkt. „Die Mozarts wollten immer nach oben“, bedeutet das für Lemster. Über Leopold Mozart schreibt der Autor, dass er deutlich mehr war als ein angepasster, mäßig begabter Höfling. Er opferte sich als Baumeister der Karrieren seiner Kinder auf. Dafür nahm er erhebliche Risiken auf sich, verschuldete sich, setzte seine Stelle aufs Spiel. Vor allem brachte er seine Familie auf die Straße zu mehrjährigen Tourneen. Wolfgang war mehr als zehn Jahre unterwegs. Das wäre den meisten seiner Zeitgenossen nicht eingefallen. Interessant sind auch Lemsters Thesen zu den vielen Reisen, die Mozart machte und die als Mitursache für seinen kränklichen Zustand und seinen frühen Tod gelten. Laut Lemster waren diese Reisen auch eine „Quelle des Glücks und des Zusammenhalts, wie man sie im 18. Jahrhundert selten findet.“ Ob sie Wolfgang Amadeus Mozart wirklich krank machten, ist nicht erwiesen. Sie brachten allerdings einen anderen schwerwiegenden Nachteil mit sich. Sie wurden gesellschaftlich zweifelhaft. Und das, obwohl sie alles auf einen seriösen Auftritt setzten. Man reiste damals eben nicht herum, um seine Talente anzupreisen. Das taten im wesentlichen nur Schausteller und Abenteurer. „Unnütze Leute“, wie Habsburger-Kaiserin Maria Theresia sie nannte. „Die Kaiserin persönlich versaute Wolfgangs Karriere.“ Das ist schon eine nicht nur interessante, sondern auch höchst provokante These, ging man doch bisher davon aus, dass Wolfgang Amadeus Mozart, das Wunderkind, von Kaisern und Königen eher begünstigt wurde.
Das vierte Kapitel beschreibt Wolfgangs Werdegang vom aufgeklärten Höfling zum Individuum. Das ist jetzt die spannende Lebensphase Mozarts, die den Großteil seiner enormen Schaffensperiode ausmacht. Hier ändert sich der Stil Lemsters, er wird präziser, detaillierter, zitiert aus vielen Briefen von und über Wolfgang A. Mozart und lässt den Leser so direkt teilhaben an seinem Lesen und seinen nicht immer standesgemäßen Äußerungen wie „Was mich aber halb desperat macht, ist, daß ich an dem nemlichen Abend, als wir die Scheis-Musick da hatten, zur Gräfin Thum invitiert war …“ Insbesondere der umfangreiche Briefverkehr mit seinem Vater lässt enorme Rückschlüsse auf die Vater-Sohn-Beziehung zu. Auch sein schwieriges Verhältnis zu Wien wird ausführlich beschrieben, und natürlich auch das nicht immer ungetrübte Eheleben von Wolfgang und seiner Constanze. Das letzte Unterkapitel des vierten Abschnitts beschreibt Mozarts letzte Lebensjahre und seinen frühen Tod sowie die rätselhaften, bis heute nicht geklärten Umstände, einschließlich des immer wieder erhobenen Verdachtes, Antonio Salieri hätte Mozart vergiftet. In diesen Passagen liest sich das Buch fast wie ein Kriminalroman. Im fünften und letzten Kapitel geht es vor allem um die Nachlasspflege und das Wirken seiner Witwe Constanze sowie den beiden Söhnen Carl und Franz und den weiteren Nachkommen.
Dieses Buch über die Mozarts ist nicht nur eine Familienbiografie, sondern gleichzeitig auch ein Panorama der europäischen Geschichte. Hier unterscheidet sich das Buch am meisten von den herkömmlichen Biografien, denn Mozarts reichliche Werke, seine Opern, Symphonien, seine vielen Klavier‑, Violin- und Hornkonzerte, sie spielen in diesem Buch eine untergeordnete Rolle und werden nur am Rande erwähnt. Für den reinen Musikliebhaber ist diese Biografie dann eher zäh, für den gesellschaftlich und historisch interessierten Leser ist das Buch dagegen ein Füllhorn von Informationen und Interpretationen und sollte im Bücherschrank eines Mozartfreundes nicht fehlen.
Andreas H. Hölscher