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Ein Streifzug, noch dazu ein geschichtlicher, erfolgt selten systematisch, unterliegt oft den Einfällen und Launen des Streifenden, der gerne auch vom Wege abschweift. Doch schon der Blick auf das Inhaltsverzeichnis offenbart die historische Orientierung dieses Nachschlagewerkes, mit dem die Herausgeber, beide ausgewiesene Musikwissenschaftler, das Thema Musik erschließen. Auf knapp 400 Seiten, gegliedert in sieben Kapitel und einen Anhang, streifen die insgesamt 18 Autoren durch etwa 1200 Jahre Musikgeschichte und präsentieren dem Leser viel Bekanntes, doch auch manche spannende Überraschung. Ihnen geht es nicht um eine durchlaufende, die Musikgeschichte in ihrer x‑ten Fassung, sie möchten Geschichten erzählen, also genau das, was Geschichte spannend macht: 183 Geschichten von Menschen und ihrer Musik. Es entsteht ein „facettenreiches Bild der Musikgeschichte“, in der die Entwicklung der Notation oder Kompositionsabenteuer in der Musik ebenso ihren Platz haben wie die Musikforschung oder außergewöhnliche Biografien.
Schon das der Antike gewidmete Eingangskapitel mit dem Titel „Musikgeschichte (fast) ohne Musik“ macht neugierig. Die Autoren können sich nur auf rund 50 Schriftfragmente stützen, die aus gut 1500 Jahren Musikgeschichte erhalten geblieben sind – eigentlich ein kümmerlicher Fundus, eben nur ein Stück Musikgeschichte „fast ohne Musik“. Das ist im Zeitalter der digitalen, individuell verfügbaren Musik kaum vorstellbar. Die wenigen erhaltenen Zeugnisse aus der Antike enthalten Ton- und Rhythmuszeichen, die über den lebendigen Klang dieser Musik wenig verraten. Erst mit der Kirchenmusik des frühen Mittelalters und der neu erfundenen Notation der Neumen, aus denen sich später die Noten entwickeln, entsteht eine neue, „gewaltige musikalische Entwicklung“. Nun wird sicht- und hörbar, wie „Klang und Gedanken“ sich begegnen, wenn Klänge erhalten bleiben und nicht weitestgehend verklingen, verloren gehen.
Eingeschoben in die Sachartikel verwenden die Herausgeber Marginalspalten, um kurze Sacherläuterungen zu geben zu Begriffen wie „Antike“ oder Themenkomplexen wie „Musik und die Seele“. Hier finden auch markante Zitate einen herausgehobenen Platz. Im Text zur Antike gehen die Autoren auf die Funktion von Musik und Musikinstrumenten ein und erläutern ihre Bedeutung bei Gesang, Tänzen und Kampfdarstellungen. Der Leser erfährt viel über die „feierlichen Gesänge“ der griechischen Antike und kann das Notenbild eines antiken Musikzeugnisses aus dem ersten Jahrhundert nach Christus nachvollziehen, mit dem der Gesang Carpe diem! vertont wurde. Die Autoren legen großen Wert auf die ersten Schritte vom Klang zur einfachen Tonschrift und erläutern, wie dieser Weg die „Einheit der Musenkünste von Wort, Ton und Bewegung“ erhalten hat und verfolgen die Musiktheorie von ihren Anfängen bei Pythagoras bis in die moderne Astrophysik.
Optisch gut abgegrenzt, folgt ein Kapitel über 500 Jahre „Christliches Zeitalter“ oder Mittelalter. Geschickt, sachkundig und knapp skizzieren die Autoren diese Zeit „heilsgeschichtlicher“ Auffassung, die neben den Schöpfungen der Werke von Dante, Giotto, Thomas von Aquin und den zahlreichen gotischen Kathedralen die Vokalpolyphonie hervorbrachte, die ebenfalls ohne die musikalische Schrift, also die Noten nicht denkbar ist. Sie wird die Voraussetzung für die Entstehung einer vereinheitlichten Liturgie, eine „große musikalische Leistung“, die wesentlich zur Entstehung eines „umfassenden Kulturraumes“ beiträgt. Damit wird die Form der mündlichen Musikübermittlung durch die Schriftlichkeit erweitert und die Voraussetzung für die Musikübermittlung und den Musikunterricht geschaffen. Durchweg gut lesbare Kopien zeitgenössischer Dokumente wie etwa des Codex aus dem schweizerischen Kloster Einsiedeln veranschaulichen einzelne Stadien.
Eigenheiten der Gregorianik verdeutlichen die Autoren mit Hilfe einer Kopie aus dem Hartker-Codex. Überraschend die Hinweise auf die strenge Unterscheidung zwischen Musiktheorie und Musikpraxis und das allmähliche Entstehen eines Regelwerkes für das Komponieren. Die Orgel beschreibt der Mönch Notker um 800 als „jenes hervorragende Musikinstrument“, das „das Grollen des Donners, aber auch die Geschwätzigkeit der Leier oder die Süße der Zimbel nachmacht“. Details aus der Instrumentenkunde oder theoretische Ausführungen zur Mehrstimmigkeit, der Leser erfährt viel Neues in einem gut verständlichen Stil. Ob die ars nova, die Motette oder das französische Lied, mit den wachsenden Möglichkeiten der Musikschrift erweitern sich die „dichtungs- und kompositionstechnischen Möglichkeiten und der Anspruch“ der Musik. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kann man „alles aufschreiben“, wie die abgedruckten Balladen aus dem Codex Chantilly belegen.
Die Aufgaben der Musik werden vielfältiger, Turmglocken und Turmbläser helfen, das städtische Leben zeitlich zu ordnen, die Noten dokumentieren das öffentliche musikalische Leben, ohne es zum Klingen bringen zu können. Als erste professionelle Musiker tauchen in den Städten die Stadtmusiker, auch Stadtpfeifer auf, die oft mehrere Instrumente beherrschen. Im dritten Kapitel erfährt der Leser Neues über die Musikentwicklung im 15. und 16. Jahrhundert, etwa über die „Neue Musik“ aus England, lernt den „bewaffneten Mann“ der Messe kennen und wird in die Erfindung des Musikdrucks eingeführt. 1501 schafft der Italiener Petrucci mit Drucktypen aus Metall die Voraussetzungen für die Verbreitung des Notenlesens und die Entstehung eines Musikmarktes. Für Martin Luther, selbst aktiver Musiker und Sänger, ist die Musik „… ein Geschenk Gottes und nicht eine Erfindung der Menschen; denn sie macht die Seelen fröhlich und sie verjagt den Teufel …“. Die vielseitige reformierte Musikkultur wird zu einem wichtigen Bestandteil der lutherschen Reformation. Zahlreiche neue Ideen kennzeichnen die Musikentwicklung im 16. Jahrhundert, „musizierende Frauen“ und die Entstehung erster Musikakademien werden erwähnt, sie bieten Platz für musiktheoretische Diskussionen und holen Musik in den privaten Raum.
Auf der Grundlage einer durch Johannes Kepler Grund gelegten neuen Weltsicht entstehen in Italien und Frankreich mit der Oper, der Kantate und dem Oratorium neue Formen der Musik, die das Theater in ein „Haus der Leidenschaften“ verwandeln und neue soziale Schichten entstehen lassen. Eine immer freiere musikalische Kreativität schafft Neuerung wie die Mehrchörigkeit und weltliche Konzerte. Eine wachsende musikalische „Figurenlehre“ kennzeichnet das reichhaltige Musikleben des Barock, in dem auch die Rolle der Frauen zunimmt. Sie beteiligen sich am musikalischen Leben als Instrumentenbauerinnen, Verlegerinnen und Musikpädagoginnen.
Mit den Komponisten Haydn, Mozart und Beethoven beginnt die überaus reiche und formende Epoche der klassischen Periode. Die Autoren berichten über zahlreiche, wenig bekannte Besonderheiten der „großen“ Musiker wie Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann und zeichnen ein lebendiges Bild dieser Epoche. Daneben finden sich musikwissenschaftliche Erläuterungen zum beliebten Volkslied ebenso wie über spezielle Fragen der Oper bis zu Reformansätzen bei Christoph Willibald Gluck. Die Kammermusik wird ebenso verhandelt wie die Sinfonie als „höchste Gattung“, und in einem eigenen Kapitel Wolfgang Amadé Mozart, den Zeitgenossen nicht nur als Tonkünstler bewundern, sonder auch für einen „musikalischen Taschenspieler“ halten.
Aus den unruhigen Zeiten des 19. Jahrhunderts berichten die Autoren von der Öffnung der ersten nordamerikanischen Oper in New York – und ihrer raschen Pleite. Die Zusammenführung aller Stimmen einer Komposition in einer Studienpartitur schafft die Voraussetzungen für einen neuen Dirigierstil. In den Wiener Salons erlebt das Streichquartett eine lebendige Blüte, die großen Synfonien wie etwa 1824 Beethovens Neunte mit der Vertonung des Schiller-Gedichtes An die Freude entwerfen musikalisch ein neues Weltbild. E.T.A. Hoffmann nennt diese Musik „die romantischste aller Künste“. Von den Salonkonzerten an den adligen Höfen bis zur Grand Opéra in Paris breitet sich ein lebendiges Musikleben in Europa aus, bringt die Werke von Guiseppe Verdi und Richard Wagner europaweit auf die Bühne und entdeckt die Musik und Kultur der Afroamerikaner.
Das von dem Musikwissenschaftler Hugo Riemann geschaffene erste Musiklexikon schafft die theoretischen Grundlagen einer Harmonie- und Kompositionslehre, die noch heute ihre Bedeutung hat. Um die Jahrhundertwende wird die Frage „Was ist Musik“ mit der Neuen Musik anders beantwortet. Ähnlich der abstrakten Malerei verlassen auch Komponisten wie Arnold Schönberg, Igor Strawinsky oder Bela Bartók die vertrauten Pfade der Harmonielehre. Technische Entwicklungen wie Aufzeichnungen, Fernübertragungen und Speicherungen bringen völlig neue Formen des Umgangs mit Musik und holen Musikaufführungen „von der Bühne ins Wohnzimmer“.
Bei einem Streifzug durch zwölf Jahrhunderte kann und darf der neu aufkommende Jazz nicht fehlen, der, von New Orleans ausgehend, der Kultur im Süden der USA eine neue Vielfalt verleiht, die vom Ragtime über den Dixieland bis hin zur Musik auf den Mississippi-Dampfern reicht. Radio und Schallplatte verschaffen der Musik eine Verbreitung und Vervielfältigung, die sich auch in den Arrangements und veränderten Formen der Orchester wie beispielsweise den „big bands“ widerspiegelt. Kompositionen wie die Dreigroschenoper von Brecht und Weill überspringen die Trennung von E- und U‑Musik und machen neue Ohrwürmer wie den Mackie-Messer-Song populär. Auf den Donaueschinger Musiktagen von 1961 stellt eine Avantgarde „schillernde Klangflächen“ und „Klangbänder“ vor an Stelle von Melodien und Rhythmen. Aus der klassischen Oper wird „totales Theater“, die gewohnte Partitur verändert sich zur grafischen Notation. 2014 erzeugt in Donaueschingen ein aus zwölf Meter Höhe herabstürzender Flügel einen zufälligen, aber gewollten Klang. Angesichts solcher Experimente und zahlreicher elektronischer Formen der Geräuschentwicklung formuliert Peter Androsch das „Akustische Manifest“ und fordert mit Blick auf das „Irrenhaus der Akustik“ lakonisch: „Weg damit!“
Bleeck und Mosch schließen den Band, der wegen des verwendeten starken Bilddruckpapiers schwer in der Hand liegt, mit einem Autoren‑, Namens- und Sachregister und dem Abbildungsverzeichnis. Musikliebhaber und ‑fachleute werden in diesem gediegenen Fachbuch viel Neues erfahren und ebenso gern darin lustvoll blättern, um ihr Wissen zu erweitern und sich – ganz nebenbei – bestens zu unterhalten – eine gelungene Bereicherung.
Horst Dichanz