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Musik

Beim Bären­reiter-Verlag ist das Buch Musik – Ein Streifzug durch 12 Jahrhun­derte von Tobias Bleek und Ulrich Mosch heraus­ge­geben worden. 18 Autoren geben auf rund 400 Seiten Wissens­wertes über histo­rische Musik zum Besten. Heraus­ge­kommen sind dabei spannende Geschichten, die zum Schmökern einladen. Horst Dichanz hat das Buch gelesen und war angetan. Inter­es­santes aus der Welt der (vergan­genen) Musik

Tobias Bleek - Foto © Markus Feger

Streifzug durch zwölf Jahrhunderte

Ein Streifzug, noch dazu ein geschicht­licher,  erfolgt selten syste­ma­tisch, unter­liegt oft den Einfällen und Launen des Strei­fenden, der gerne auch vom Wege abschweift. Doch schon der Blick auf das Inhalts­ver­zeichnis offenbart die histo­rische Orien­tierung dieses Nachschla­ge­werkes, mit dem die Heraus­geber, beide ausge­wiesene Musik­wis­sen­schaftler, das Thema Musik erschließen. Auf knapp 400 Seiten, gegliedert in sieben Kapitel und einen Anhang, streifen die insgesamt 18 Autoren durch etwa 1200 Jahre Musik­ge­schichte und präsen­tieren dem Leser viel Bekanntes, doch auch manche spannende Überra­schung. Ihnen geht es nicht um eine durch­lau­fende, die Musik­ge­schichte in ihrer x‑ten Fassung, sie möchten Geschichten erzählen, also genau das, was Geschichte spannend macht: 183 Geschichten von Menschen und ihrer Musik. Es entsteht ein „facet­ten­reiches Bild der Musik­ge­schichte“, in der die Entwicklung der Notation oder Kompo­si­ti­ons­aben­teuer in der Musik ebenso ihren Platz haben wie die Musik­for­schung oder außer­ge­wöhn­liche Biografien.

Schon das der Antike gewidmete Eingangs­ka­pitel mit dem Titel „Musik­ge­schichte (fast) ohne Musik“ macht neugierig. Die Autoren können sich nur auf rund 50 Schrift­frag­mente stützen, die aus gut 1500 Jahren Musik­ge­schichte erhalten geblieben sind – eigentlich ein kümmer­licher Fundus, eben nur ein Stück Musik­ge­schichte „fast ohne Musik“. Das ist im Zeitalter der digitalen, indivi­duell verfüg­baren Musik kaum vorstellbar. Die wenigen erhal­tenen Zeugnisse aus der Antike enthalten Ton- und Rhyth­mus­zeichen, die über den leben­digen Klang dieser Musik wenig  verraten. Erst mit der Kirchen­musik des frühen Mittel­alters und der neu erfun­denen Notation der Neumen, aus denen sich später die Noten entwi­ckeln, entsteht eine neue, „gewaltige musika­lische Entwicklung“. Nun wird sicht- und hörbar, wie „Klang und Gedanken“ sich begegnen, wenn Klänge erhalten bleiben und nicht weitest­gehend verklingen, verloren gehen.

Einge­schoben in die Sachar­tikel verwenden die Heraus­geber Margi­nal­spalten, um kurze Sacher­läu­te­rungen zu geben zu Begriffen wie „Antike“ oder Themen­kom­plexen wie „Musik und die Seele“. Hier finden auch markante Zitate einen heraus­ge­ho­benen Platz. Im Text zur Antike gehen die Autoren auf die Funktion von Musik und Musik­in­stru­menten ein und erläutern ihre Bedeutung bei Gesang, Tänzen und Kampf­dar­stel­lungen. Der Leser erfährt viel über die „feier­lichen Gesänge“ der griechi­schen Antike und kann das Notenbild eines antiken Musik­zeug­nisses aus dem ersten Jahrhundert nach Christus nachvoll­ziehen, mit dem der Gesang Carpe diem! vertont wurde. Die Autoren legen großen Wert auf die ersten Schritte vom Klang zur einfachen Tonschrift und erläutern, wie dieser Weg die „Einheit der Musen­künste von Wort, Ton und Bewegung“  erhalten hat und verfolgen die Musik­theorie von ihren Anfängen bei Pytha­goras bis in die moderne Astrophysik.

Optisch gut abgegrenzt, folgt ein Kapitel über 500 Jahre „Christ­liches Zeitalter“ oder Mittel­alter. Geschickt, sachkundig und knapp skizzieren die Autoren diese Zeit „heils­ge­schicht­licher“ Auffassung, die neben den Schöp­fungen der Werke von Dante, Giotto, Thomas von Aquin und den zahlreichen gotischen Kathe­dralen die Vokal­po­ly­phonie hervor­brachte, die ebenfalls ohne die musika­lische Schrift, also die Noten nicht denkbar ist. Sie wird die Voraus­setzung für die Entstehung einer verein­heit­lichten Liturgie,  eine „große musika­lische Leistung“, die wesentlich zur Entstehung eines „umfas­senden Kultur­raumes“ beiträgt. Damit wird die Form der mündlichen Musik­über­mittlung durch die Schrift­lichkeit erweitert und die Voraus­setzung für die Musik­über­mittlung und den Musik­un­ter­richt geschaffen.  Durchweg gut lesbare Kopien zeitge­nös­si­scher Dokumente wie etwa des Codex aus dem schwei­ze­ri­schen Kloster Einsiedeln veran­schau­lichen einzelne Stadien.

Eigen­heiten der Grego­rianik verdeut­lichen die Autoren mit Hilfe einer Kopie aus dem Hartker-Codex. Überra­schend die Hinweise auf die strenge Unter­scheidung zwischen Musik­theorie und Musik­praxis und das allmäh­liche Entstehen eines Regel­werkes für das Kompo­nieren. Die Orgel beschreibt der Mönch Notker um 800 als „jenes hervor­ra­gende Musik­in­strument“,  das „das Grollen des Donners, aber auch die Geschwät­zigkeit der Leier oder die Süße der Zimbel nachmacht“. Details aus der Instru­men­ten­kunde oder theore­tische Ausfüh­rungen zur Mehrstim­migkeit, der Leser erfährt  viel Neues in einem gut verständ­lichen Stil.  Ob die ars nova, die Motette oder das franzö­sische Lied, mit den wachsenden Möglich­keiten der Musik­schrift erweitern sich die „dichtungs- und kompo­si­ti­ons­tech­ni­schen Möglich­keiten und der Anspruch“ der Musik. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhun­derts kann man „alles aufschreiben“, wie die abgedruckten Balladen aus dem Codex Chantilly belegen.

Die Aufgaben der Musik werden vielfäl­tiger, Turmglocken und Turmbläser helfen, das städtische Leben zeitlich zu ordnen, die Noten dokumen­tieren das öffent­liche musika­lische Leben, ohne es zum Klingen bringen zu können. Als erste profes­sio­nelle Musiker tauchen in den Städten die Stadt­mu­siker, auch Stadt­pfeifer auf, die oft mehrere Instru­mente beherr­schen. Im dritten Kapitel erfährt der Leser Neues über die Musik­ent­wicklung im 15. und 16. Jahrhundert, etwa über die „Neue Musik“ aus England, lernt den „bewaff­neten Mann“ der Messe kennen und wird in die Erfindung des Musik­drucks einge­führt. 1501 schafft der Italiener Petrucci mit Druck­typen aus Metall die Voraus­set­zungen für die Verbreitung des Noten­lesens und die Entstehung eines Musik­marktes. Für Martin Luther, selbst aktiver Musiker und Sänger, ist die Musik „… ein Geschenk Gottes und nicht eine Erfindung der Menschen; denn sie macht die Seelen fröhlich und sie verjagt den Teufel …“. Die vielseitige refor­mierte Musik­kultur wird zu einem wichtigen Bestandteil der luther­schen Refor­mation. Zahlreiche neue Ideen kennzeichnen die Musik­ent­wicklung im 16. Jahrhundert, „musizie­rende Frauen“ und die Entstehung erster Musik­aka­demien werden erwähnt, sie bieten Platz für musik­theo­re­tische Diskus­sionen und holen Musik in den privaten Raum.

Auf der Grundlage einer durch Johannes Kepler Grund gelegten neuen Weltsicht  entstehen in Italien und Frank­reich mit der Oper, der Kantate und dem Oratorium neue Formen der Musik, die das Theater in ein „Haus der Leiden­schaften“ verwandeln und neue soziale Schichten entstehen lassen. Eine immer freiere musika­lische Kreati­vität schafft Neuerung wie die Mehrchö­rigkeit und weltliche Konzerte. Eine wachsende musika­lische „Figuren­lehre“ kennzeichnet das reich­haltige Musik­leben des Barock, in dem auch die Rolle der Frauen zunimmt. Sie betei­ligen sich am musika­li­schen Leben als Instru­men­ten­baue­rinnen, Verle­ge­rinnen und Musikpädagoginnen.

Mit den Kompo­nisten Haydn, Mozart und Beethoven beginnt die überaus reiche und formende Epoche der klassi­schen Periode. Die Autoren berichten über zahlreiche, wenig bekannte Beson­der­heiten der „großen“ Musiker wie Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann und zeichnen ein leben­diges Bild dieser Epoche. Daneben finden sich musik­wis­sen­schaft­liche Erläu­te­rungen zum beliebten Volkslied ebenso wie über  spezielle Fragen der Oper bis zu Reform­an­sätzen bei Christoph Willibald Gluck. Die Kammer­musik wird ebenso verhandelt wie die Sinfonie als „höchste Gattung“, und in einem eigenen Kapitel Wolfgang Amadé Mozart, den Zeitge­nossen nicht nur als Tonkünstler bewundern, sonder auch für einen „musika­li­schen Taschen­spieler“ halten.

Aus den unruhigen Zeiten des 19. Jahrhun­derts berichten die Autoren von der Öffnung der ersten nordame­ri­ka­ni­schen Oper in New York – und ihrer raschen Pleite. Die Zusam­men­führung aller Stimmen einer Kompo­sition in einer Studi­en­par­titur schafft die Voraus­set­zungen für einen neuen Dirigierstil. In den Wiener Salons erlebt das Streich­quartett eine lebendige Blüte, die großen Synfonien wie etwa 1824 Beethovens Neunte mit der Vertonung des Schiller-Gedichtes An die Freude entwerfen musika­lisch ein neues Weltbild. E.T.A. Hoffmann nennt diese Musik „die roman­tischste aller Künste“. Von den Salon­kon­zerten an den adligen Höfen bis zur Grand Opéra in Paris breitet sich ein leben­diges Musik­leben in Europa aus, bringt die Werke von Guiseppe Verdi und Richard Wagner europaweit auf die Bühne und entdeckt die Musik und Kultur der Afroamerikaner.

Das von dem Musik­wis­sen­schaftler Hugo Riemann geschaffene erste Musik­le­xikon schafft die theore­ti­schen Grund­lagen einer Harmonie- und Kompo­si­ti­ons­lehre, die noch heute ihre Bedeutung hat. Um die Jahrhun­dert­wende wird die Frage „Was ist Musik“ mit der Neuen Musik anders beant­wortet. Ähnlich der abstrakten Malerei verlassen auch Kompo­nisten wie Arnold Schönberg, Igor Strawinsky oder Bela Bartók die vertrauten Pfade der Harmo­nie­lehre. Technische Entwick­lungen wie Aufzeich­nungen, Fernüber­tra­gungen und Speiche­rungen bringen völlig neue Formen des Umgangs mit Musik und holen Musik­auf­füh­rungen „von der Bühne ins Wohnzimmer“.

Bei einem Streifzug durch zwölf Jahrhun­derte kann und darf der neu aufkom­mende Jazz nicht fehlen, der, von New Orleans ausgehend, der Kultur im Süden der USA eine neue Vielfalt verleiht, die vom Ragtime über den Dixieland bis hin zur Musik auf den Missis­sippi-Dampfern reicht. Radio und Schall­platte verschaffen der Musik eine Verbreitung und Verviel­fäl­tigung, die sich auch in den Arran­ge­ments und verän­derten Formen der Orchester wie beispiels­weise den „big bands“ wider­spiegelt. Kompo­si­tionen wie die Dreigro­schenoper von Brecht und Weill überspringen die Trennung von E- und U‑Musik und machen neue Ohrwürmer wie den Mackie-Messer-Song populär. Auf den  Donau­eschinger Musik­tagen von 1961 stellt eine Avant­garde „schil­lernde Klang­flächen“ und „Klang­bänder“ vor an Stelle von Melodien und Rhythmen. Aus der klassi­schen Oper wird „totales Theater“, die gewohnte Partitur verändert sich zur grafi­schen Notation. 2014 erzeugt in Donau­eschingen ein aus zwölf Meter Höhe herab­stür­zender Flügel einen zufäl­ligen, aber gewollten Klang. Angesichts solcher Experi­mente und zahlreicher elektro­ni­scher Formen der Geräusch­ent­wicklung formu­liert Peter Androsch das „Akustische Manifest“ und fordert mit Blick auf das „Irrenhaus der Akustik“ lakonisch: „Weg damit!“

Bleeck und Mosch schließen den Band, der wegen des verwen­deten starken Bilddruck­pa­piers schwer in der Hand liegt, mit einem Autoren‑, Namens- und Sachre­gister und dem Abbil­dungs­ver­zeichnis. Musik­lieb­haber und ‑fachleute werden in diesem gedie­genen Fachbuch viel Neues erfahren und ebenso gern darin lustvoll blättern, um ihr Wissen zu erweitern und sich – ganz nebenbei – bestens zu unter­halten – eine gelungene Bereicherung.

Horst Dichanz

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