O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Neumarkt

Seit 40 Jahren gibt es das „Neumarkter Wunder“. Grund genug für den Fotografen Frank Schinski, den Geist des erfolg­reichen Kammer­musik-Festivals in Bildern einzu­fangen. Dabei steht weniger der Ort im Vorder­grund als vielmehr die Akteure. Eine gelungene Hommage an ein Phänomen. 

Frank Schinski - Foto © privat

Hinter den Kulissen

Frank Schinski - Foto © privat

Prenzlau ist ein Städtchen in der Uckermark, rund 100 Kilometer nördlich von Berlin gelegen. Hier wurde 1975 Frank Schinski geboren. In einem kleinen Dorf nahe der polni­schen Grenze aufge­wachsen, begann er 1992 eine Ausbildung zum Maurer und verbrachte einige Jahre auf dem Bau, ehe er sein Abitur nachholte. Anstatt das nahelie­gende Archi­tek­tur­studium aufzu­nehmen, entschied Schinski sich für die Fotografie und studierte von 1999 bis 2006 an der Fachhoch­schule Hannover. Seither ist die Stadt sein Lebens­mit­tel­punkt, wenn er nicht gerade an Ausstel­lungen teilnimmt oder für inter­na­tionale Magazine und Wirtschafts­un­ter­nehmen unterwegs ist. Seit 2009 gehört er zum Berliner Fotogra­fen­kol­lektiv Ostkreuz, einer Agentur von Fotografen, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, das Zeitge­schehen zu fotogra­fieren und auf diese Weise dazu Stellung zu beziehen. Im Juli wird der Bildband Neumarkt erscheinen, für den er mit den Fotos beauf­tragt wurde.

Zwischen Nürnberg und Regensburg in der Oberpfalz liegt die gut 42.000 Einwohner umfas­sende Stadt Neumarkt. Hier wurde 1981 der Kammer­mu­siksaal im Reitstadel in Betrieb genommen. Weil man keinen Veran­stalter dafür hatte, fasste Ernst-Herbert Pflei­derer den Plan, die Veran­stal­tungen in Eigen­regie eines zu gründenden Vereins durch­zu­führen. Bis heute ist er Vorstands­vor­sit­zender und Künst­le­ri­scher Leiter der Neumarkter Konzert­freunde. Alsbald sprach sich die akustische Großar­tigkeit des Saals herum. Da war es kein großes Kunst­stück, namhafte Künstler nach Neumarkt einzu­laden. Zumal der Verein der Neumarkter Konzert­freunde bis heute genügend Geld bereit­stellt, um das Konzert­wesen im Reitstadel zu finan­zieren. Wenn Bürger viel Geld ausgeben, um sich ein solch exklu­sives Vergnügen zu leisten, auch wenn sie damit vergleichs­weise günstige Eintritts­preise ermög­lichen, kann das das Kultur­leben einer Stadt berei­chern. Das ist nicht nur in Neumarkt so. Und das ändert sich auch nicht, je älter eine Insti­tution wird. Obwohl Kammer­musik ja erst mal gerade nicht den Geruch des Elitären verbreitet. Aber wenn dann Musiker von Weltrang anreisen, wird es anspruchsvoll. Und erst recht, wenn man das 40-jährige Bestehen mit einem Buch feiern will.

Claudio Lieber­wirth hat dafür im Auftrag des Vereins eine brillante Lösung gefunden. Er hat das Konzept des Buchs entworfen und Frank Schinski mit den Fotografien beauf­tragt. Der zeigt auf rund 150 Seiten András Schiff, Christian Gerhaher oder Heinz Holliger, um nur einige Beispiele zu nennen, hinter den Kulissen. Von ihrer privaten Seite. Streich­quar­tette werden nicht im Frack, sondern mit Notebooks, vor irgend­einer Rückwand eines Hauses in der Pause oder in der Garderobe gezeigt, Geige­rinnen nicht in grandioser Geste neben dem Dirigenten, sondern in trauter Umgebung mit ihren Kindern. Dabei, und das ist das Kunst­stück, werden sie nicht „vom Sockel geholt“, sondern als Menschen in ihrem beruf­lichen Umfeld gezeigt. Iván Fischer und seine Musiker vom Budapest Festival Orchestra warten in entspannt-konzen­trierter Verfassung, andere Musiker hängen scheinbar uninter­es­siert in den Garde­roben ab. Müllmänner, die in ihrer Pause lässig am Müllwagen stehen und eine Zigarette rauchen, würden in diesem Ambiente überhaupt nicht auffallen. Das ist großartig. Der Fotograf belässt es aber nicht bei den berühmten Gästen, sondern zeigt auch dieje­nigen, die den Konzert­be­trieb vor Ort mitge­stalten. Wunderbar das Foto, dass die Dispo­nentin im Porsche zeigt. Irritierend die Haustech­niker oder die Malerin, die nur von hinten abgebildet werden. Da möchte man im Kontext vermuten, dass es der Wunsch der Mitar­beiter war, nicht erkannt zu werden.

„Abgerundet“ wird der Bildband von drei Texten, die von András Schiff, Peter Gülke und Dariusz Szymanski unter­zeichnet wurden. Und damit ist es eines von vielen Jubiläums-Büchern, die mit viel Aufwand, Geld und Engagement jeden Tag irgendwo entstehen. Was es zu etwas Beson­derem macht, sind die Bilder von Schinski, in denen nicht nur berühmte Künstler im Reitstadel wider­spiegeln, sondern dem Fotografen gelingt, das wenig spekta­kuläre Künst­ler­leben über die Stadt hinaus einzu­fangen. Nicht Neumarkt bleibt nach der Betrachtung im Gedächtnis haften, sondern das Profane des Künstlers zwischen seinen Auftritten. Wer sich viel hinter den Kulissen bewegt, den Bassisten im Famili­en­kombi anreisen und die Geigerin auf dem Bahnsteig allein abreisen sieht, wer sich vom Frack auf der Bühne befreit, gewinnt in der Bewun­derung der Leistung statt des Anscheins. Eben das gelingt Schinski mit seinen Bildern, und dafür gebührt ihm Lob.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: