O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Nicht-Besucherforschung

Ein Titel, der vermutlich jeden Inten­danten elektri­siert, und deshalb ist er ja auch so gewählt. Er steht als Überschrift über einer Studie, von der der Verfasser behauptet, klassische kultu­relle Insti­tu­tionen könnten die Zahl ihrer Besucher um rund 75 Prozent steigern. Eben, indem sie sich um die Nicht-Besucher kümmern. Das Ergebnis scheint ein wenig dünn. 

Martin Tröndle - Foto © Zeppelin Universität

Wenig Erkenntnis für viel Geld

Satte 65 Euro für ein Büchlein, im Billig­druck herge­stellt, das aber immerhin als Hardcover ohne Quellen­an­gaben gerade mal 120 Seiten umfasst – das ist eine starke Ansage des Springer-Verlags. Für den Preis muss man schon mal ordentlich abliefern.

Martin Tröndle, Heraus­geber der Studie, die so exklusiv angepriesen wird, lehrt und forscht an der privaten Fried­richs­ha­fener Zeppelin Univer­sität in den Bereichen Kunst- und Kultur­so­zio­logie, Kultur­po­litik und Kultur­ma­nagement, Kunst­for­schung und empirische Ästhetik. Nach dem Abitur in Schwen­ningen studierte er in Trossingen und Bern „Musik“. In Ludwigsburg wurde er mit dem Thema Integriertes Kultur­ma­nagement summa cum laude promo­viert. Nach verschie­denen Stationen im Kultur­be­trieb hat er seit 2009 einen Lehrstuhl für kultu­relle Produktion inne, der von einem privat­wirt­schaft­lichen Unter­nehmen finan­ziert wird.

Es gibt ein Thema, das allen unter den Nägeln brennt, die auch nur im Entfern­testen in die Leitung einer kultu­rellen Insti­tution einbe­zogen sind: Wie können wir neues Publikum gewinnen? Vor vielleicht 20 Jahren inter­es­sierte das keinen Inten­danten. Bis man plötzlich feststellte, dass die alten Besucher mit Geld wegstarben, aber keine neuen Alten nachkamen. Seither ist viel geschehen. Kaum ein Opernhaus oder Theater, das inzwi­schen nicht über eine Abteilung für Theater­päd­agogik verfügt. Dass Essen mittler­weile Säuglings­kon­zerte anbietet, ist auch keine Seltenheit mehr. Aber bis die Umwor­benen alle mal erwachsen sind, könnte es passieren, dass all die großen Säle leerstehen. Denn selbst, wenn die Alten immer älter werden, ist es immer noch eine Beson­derheit, dass 90-Jährige eine Aufführung besuchen. Dabei, so ist aller­orten nachzu­lesen, ist die klassische Musik kräftig auf dem Vormarsch. Aber es bleibt die Lücke der 20- bis 40-Jährigen, die mit dem Aufbau von Karriere und Familie beschäftigt sind und sich absolut nicht dafür inter­es­sieren, ins Theater, Museum oder in die Oper zu gehen. Wie kommt man an die ran? Hier warten die Verant­wort­lichen bis heute auf den Heils­bringer, der das entschei­dende Konzept präsentiert.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Da kommt Tröndle gerade recht. Nicht-Besucher­for­schung nennt er seine Studie. Und weil das sehr deutsch klingt, lautet der Unter­titel vorsichts­halber Audience Develo­pment für Kultur­ein­rich­tungen. Allein für den Titel hat er vermutlich 24 Marketing-Preise verdient. Daran kann kein Publi­kums­ent­wickler vorbei, der Tag für Tag Plakate anfer­tigen lässt, Flashmops veran­staltet und die PR-Abteilung ständig vergrößert, um in den wenigen Medien, die noch über Kultur berichten, präsent zu sein. Um abends zu erleben, dass doch nur wieder die üblichen Verdäch­tigen in der Aufführung auftauchen. Das sind gerade mal ein paar Prozent der Gesamt­be­völ­kerung. Endlich gibt es mal jemanden, der durch gutbür­ger­liche Viertel und soziale Brenn­punkte läuft und die Leute fragt, warum sie nicht ins Theater wollen. Das ist ja wohl seit mindestens Jahren überfällig.

Weit gefehlt. Tröndle und sein Team bleiben lieber in ihrer Enklave. Sie befragen ein Studen­ten­kol­lektiv. Als wäre damit die Unter­su­chung nicht invalide genug, weil damit die meisten Jugend­lichen außen vor bleiben, konzen­trieren sich die Wissen­schaftler auf die Bundes­haupt­stadt. Berlin ist nun wirklich nicht reprä­sen­tativ für den Rest der Republik. Darüber hinaus verärgert das Buch, indem es mit dem Finger auf andere Studien zeigt, wie etwa die von Bartsch et al. zum Nutzungs­ver­halten bei Nicht‑, Wenig- und Vielbe­su­chern. „Leider wirkt die Studie aufgrund mehrfacher Logik- und Recht­schreib­fehler unsauber“. Solche Fehler finden sich ohne Schwie­rig­keiten auch bei der hier vorge­legten Studie. Da sollten die Fried­richs­ha­fener die Füße ganz still­halten. Zumal Carolin Bartsch ihre Studie wesentlich überzeu­gender anlegte, indem sie eine Befragung an drei öffent­lichen Plätzen in Mönchen­gladbach durch­führte und damit wohl eher eine breite Öffent­lichkeit erreichte als die „Nicht-Besucher­for­schung“.

Tatsächlich scheint der Studien-Überblick, der der Studie voran­ge­stellt ist, mehr Erkennt­nisse zu bieten als die Studie selbst. Die quali­tative Unter­su­chung anhand der durch­ge­führten Inter­views wirkt eher tendenziös als erkennt­nis­reich. Oder zumindest nach den voran­ge­gan­genen Erläu­te­rungen intrans­parent. Auf gerade mal dreizehn Seiten übernimmt dann Tröndle selbst die Auswertung der Studie. Und spätestens hier erfährt man, dass das Geld für den Erwerb des Buchs zum Fenster rausge­schmissen war. Der Professor der Privat-Univer­sität empfiehlt Nähe. Und erläutert: Die kultu­rellen Insti­tu­tionen sind für die Besucher da und nicht umgekehrt. Ach ja, die wichtigste Erkenntnis soll hier nicht vorent­halten werden: Besucher gehen nicht gern allein in eine Aufführung. Daraus zu schließen, dass das auch für Maler, Schreiner und KFZ-Mecha­tro­niker gilt, ist vielleicht nicht zu weit gegriffen. Die Studie gibt es nicht her. Tröndle wird sich vermutlich zugute­halten können, den Begriff der Nicht-Besucher-Forschung – denn so sollte es richtig heißen – populär gemacht zu haben. Die Erkenntnis, dass eine kultu­relle Insti­tution alles daran­setzen muss, sich in der Stadt zu verankern, also durch geeignete Maßnahmen wie eine Opern-Rallye bei den Bürgern anzukommen, ist etwas älter als die Studie. Und wer in diese Richtung weiter­denkt, kann sich satte 65 Euro sparen und sieht ganz überra­schend vielleicht mal Menschen in der Aufführung, die vorher nicht da waren.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: