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Satte 65 Euro für ein Büchlein, im Billigdruck hergestellt, das aber immerhin als Hardcover ohne Quellenangaben gerade mal 120 Seiten umfasst – das ist eine starke Ansage des Springer-Verlags. Für den Preis muss man schon mal ordentlich abliefern.
Martin Tröndle, Herausgeber der Studie, die so exklusiv angepriesen wird, lehrt und forscht an der privaten Friedrichshafener Zeppelin Universität in den Bereichen Kunst- und Kultursoziologie, Kulturpolitik und Kulturmanagement, Kunstforschung und empirische Ästhetik. Nach dem Abitur in Schwenningen studierte er in Trossingen und Bern „Musik“. In Ludwigsburg wurde er mit dem Thema Integriertes Kulturmanagement summa cum laude promoviert. Nach verschiedenen Stationen im Kulturbetrieb hat er seit 2009 einen Lehrstuhl für kulturelle Produktion inne, der von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen finanziert wird.
Es gibt ein Thema, das allen unter den Nägeln brennt, die auch nur im Entferntesten in die Leitung einer kulturellen Institution einbezogen sind: Wie können wir neues Publikum gewinnen? Vor vielleicht 20 Jahren interessierte das keinen Intendanten. Bis man plötzlich feststellte, dass die alten Besucher mit Geld wegstarben, aber keine neuen Alten nachkamen. Seither ist viel geschehen. Kaum ein Opernhaus oder Theater, das inzwischen nicht über eine Abteilung für Theaterpädagogik verfügt. Dass Essen mittlerweile Säuglingskonzerte anbietet, ist auch keine Seltenheit mehr. Aber bis die Umworbenen alle mal erwachsen sind, könnte es passieren, dass all die großen Säle leerstehen. Denn selbst, wenn die Alten immer älter werden, ist es immer noch eine Besonderheit, dass 90-Jährige eine Aufführung besuchen. Dabei, so ist allerorten nachzulesen, ist die klassische Musik kräftig auf dem Vormarsch. Aber es bleibt die Lücke der 20- bis 40-Jährigen, die mit dem Aufbau von Karriere und Familie beschäftigt sind und sich absolut nicht dafür interessieren, ins Theater, Museum oder in die Oper zu gehen. Wie kommt man an die ran? Hier warten die Verantwortlichen bis heute auf den Heilsbringer, der das entscheidende Konzept präsentiert.
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Da kommt Tröndle gerade recht. Nicht-Besucherforschung nennt er seine Studie. Und weil das sehr deutsch klingt, lautet der Untertitel vorsichtshalber Audience Development für Kultureinrichtungen. Allein für den Titel hat er vermutlich 24 Marketing-Preise verdient. Daran kann kein Publikumsentwickler vorbei, der Tag für Tag Plakate anfertigen lässt, Flashmops veranstaltet und die PR-Abteilung ständig vergrößert, um in den wenigen Medien, die noch über Kultur berichten, präsent zu sein. Um abends zu erleben, dass doch nur wieder die üblichen Verdächtigen in der Aufführung auftauchen. Das sind gerade mal ein paar Prozent der Gesamtbevölkerung. Endlich gibt es mal jemanden, der durch gutbürgerliche Viertel und soziale Brennpunkte läuft und die Leute fragt, warum sie nicht ins Theater wollen. Das ist ja wohl seit mindestens Jahren überfällig.
Weit gefehlt. Tröndle und sein Team bleiben lieber in ihrer Enklave. Sie befragen ein Studentenkollektiv. Als wäre damit die Untersuchung nicht invalide genug, weil damit die meisten Jugendlichen außen vor bleiben, konzentrieren sich die Wissenschaftler auf die Bundeshauptstadt. Berlin ist nun wirklich nicht repräsentativ für den Rest der Republik. Darüber hinaus verärgert das Buch, indem es mit dem Finger auf andere Studien zeigt, wie etwa die von Bartsch et al. zum Nutzungsverhalten bei Nicht‑, Wenig- und Vielbesuchern. „Leider wirkt die Studie aufgrund mehrfacher Logik- und Rechtschreibfehler unsauber“. Solche Fehler finden sich ohne Schwierigkeiten auch bei der hier vorgelegten Studie. Da sollten die Friedrichshafener die Füße ganz stillhalten. Zumal Carolin Bartsch ihre Studie wesentlich überzeugender anlegte, indem sie eine Befragung an drei öffentlichen Plätzen in Mönchengladbach durchführte und damit wohl eher eine breite Öffentlichkeit erreichte als die „Nicht-Besucherforschung“.
Tatsächlich scheint der Studien-Überblick, der der Studie vorangestellt ist, mehr Erkenntnisse zu bieten als die Studie selbst. Die qualitative Untersuchung anhand der durchgeführten Interviews wirkt eher tendenziös als erkenntnisreich. Oder zumindest nach den vorangegangenen Erläuterungen intransparent. Auf gerade mal dreizehn Seiten übernimmt dann Tröndle selbst die Auswertung der Studie. Und spätestens hier erfährt man, dass das Geld für den Erwerb des Buchs zum Fenster rausgeschmissen war. Der Professor der Privat-Universität empfiehlt Nähe. Und erläutert: Die kulturellen Institutionen sind für die Besucher da und nicht umgekehrt. Ach ja, die wichtigste Erkenntnis soll hier nicht vorenthalten werden: Besucher gehen nicht gern allein in eine Aufführung. Daraus zu schließen, dass das auch für Maler, Schreiner und KFZ-Mechatroniker gilt, ist vielleicht nicht zu weit gegriffen. Die Studie gibt es nicht her. Tröndle wird sich vermutlich zugutehalten können, den Begriff der Nicht-Besucher-Forschung – denn so sollte es richtig heißen – populär gemacht zu haben. Die Erkenntnis, dass eine kulturelle Institution alles daransetzen muss, sich in der Stadt zu verankern, also durch geeignete Maßnahmen wie eine Opern-Rallye bei den Bürgern anzukommen, ist etwas älter als die Studie. Und wer in diese Richtung weiterdenkt, kann sich satte 65 Euro sparen und sieht ganz überraschend vielleicht mal Menschen in der Aufführung, die vorher nicht da waren.
Michael S. Zerban