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Oberbilk. Hinterm Bahnhof

Es gibt Bücher, die nur scheinbar einen rein lokalen Bezug haben. Wenn man in sie hinein­taucht, entdeckt man plötzlich eine neue Welt, die Menschen auf der ganzen Welt beschäf­tigen kann. Von Alexandra Wehrmann und Markus Luigs erscheint dieser Tage ein Buch, in dem sie in Wort und Bild erklären, warum der eigene Stadtteil der schönste Ort der Welt sein kann. 

Alexandra Wehrmann und Markus Luigs - Foto © Anne Orthen

Die ganze Welt in einem Stadtteil

Heimat ist in diesen Tagen eher ein Begriff, den so mancher misstrauisch beäugt. Heimat heißt dank des unfähigen Krisen­ma­nage­ments der Regierung, in der eigenen Wohnung gefangen zu sein, de facto einem Reise­verbot zu unter­liegen. Es heißt mitzu­er­leben, wie immer mehr Geschäfte in der Umgebung endgültig schließen, die viel zur Lebens­qua­lität im eigenen Stadt­viertel beigetragen haben. Spazier­gänge werden zu psycho­lo­gi­schen Heraus­for­de­rungen, weil sie die ewig gleichen Bilder bieten. Da ist ziemlich wohltuend, dass ein Buch erscheint, in dem einem erklärt wird, wie wertvoll die Heimat ist.

Alexandra Wehrmann und Markus Luigs sind Düssel­dorfer. Ein Stadtteil aller­dings hat es ihnen ganz besonders angetan. Nein, es ist nicht die Königs­allee, nicht der Markt­platz vor dem Rathaus, die Altstadt, Ehrenhof, Nordpark oder gar Oberkassel. Das sind die Orte, wo man Touristen hinschickt. Das „echte“ Düsseldorf sind Bilk, Oberbilk und Flingern. Und die beiden legen sich noch genauer fest. Oberbilk. Hinterm Bahnhof heißt der rund 300-seitige Wort-Bildband mit 300 Fotografien, den Journa­listin und Fotograf jetzt – endlich – veröf­fent­licht haben. Im Eigen­verlag mit umfang­reicher Crowd­sourcing- und Marketing-Kampagne. Schon allein das war ein wahnsin­niger Arbeits­aufwand. Und da ist die eigent­liche Arbeit noch gar nicht mit einge­rechnet. 38 Menschen hat Wehrmann inter­viewt, ihre Geschichten aufge­schrieben. Luigs hat sie dabei mit der Kamera begleitet, eindrucks­volle Bilder aus dem Stadtteil festge­halten, vor allem aber von jenen, die die beiden am meisten inter­es­siert haben: den Menschen, die in diesem Stadtteil leben.

Wie macht man einem Veedel eine Liebes­er­klärung? Nun, indem man beispiels­weise ein Lied schreibt. En unserem Veedel von der Kölner Band Bläck Fööss entwi­ckelte sich ja über die Jahre zu so etwas wie einer Hymne, die nicht nur in Köln zum schönsten, auf jeden Fall innigsten Liedgut gehört, das auch Menschen mitsingen, die der rheini­schen Mundart weit entfernt sind. Da können Wehrmann und Luigs eigentlich nicht mithalten. Sie ist Journa­listin, schreibt für verschiedene Medien und betreibt seit 2015 ihren Blog Theycal­lit­klein­paris, der sich mit Düssel­dorfer Themen im weitesten Sinne befasst. Daneben organi­siert sie in „normalen“ Zeiten Stadt­rund­gänge, die eben nicht die üblichen Touristen-Stationen im Fokus haben. Sie lebt am Lessing­platz in Oberbilk. Er ist Fotograf und Designer mit Büro in Flingern. Also keine guten Voraus­set­zungen, um den Bläck Fööss musika­lisch etwas entge­gen­zu­setzen. Zumal ja auch die Veedel, die die Kölner Band besingt, viel pitto­resker sind als der Stadtteil hinter dem Düssel­dorfer Haupt­bahnhof. Denn Oberbilk ist eher die raue Schale als der weiche Kern einer Stadt. Hier geht man nicht hin, um schick zu essen oder nobel einzu­kaufen. Hier leben viele Nationen auf kleinem Raum. Das große Geld wird woanders verdient, auch wenn immer wieder Razzien der Polizei versuchen, das Gegenteil zu beweisen. In Oberbilk schaut man auch schon mal misstrauisch auf Leute „von außerhalb“. Da fällt die Liebes­er­klärung schwer.

Nicht so Wehrmann und Luigs. Sie haben sich entschlossen, in Wort und Bild eine Welt nachzu­zeichnen, die so mannig­faltig wie heterogen ist. Und das ist ihnen einzig­artig gelungen. Wehrmann zieht alle Register journa­lis­ti­schen Handwerks. Nicht litera­rische Ambitionen zieren das Werk, sondern journa­lis­tisch gut erzählte Geschichten. Jeder der 38 befragten Menschen, das sei blind bezeugt, werden sich in diesen Minia­turen voll und ganz wieder­finden. Ganz nebenbei lässt Wehrmann auf diesem Weg Vergan­genheit und Zukunft des Stadt­teils mit einfließen. Das ist großartig. Das Kapitel mit der gendernden Doktorin kann man getrost überspringen, um dafür umso begeis­terter in die Lebens­ge­schichten von Menschen mit kleinen und großen Träumen einzu­tauchen. Menschen, von denen viele an diesem Ort gestrandet sind und so etwas wie ein kleines Glück gefunden haben. Menschen, die im sozialen Geflecht abseits von Reichtum und Schicki­micki aufge­wachsen sind und auch gar nichts anderes wollen. Da darf man ob manches Einzel­schicksals auch gern mal eine Träne verdrücken und sich gerührt an die eigene Lebens­ge­schichte erinnert fühlen. Oder sich auch mit dem Leiter der Zentral­bi­bliothek auf die größere Zukunft im neuen Gebäude vor dem Haupt­bahnhof freuen. Der Facet­ten­reichtum ist überwäl­tigend und nicht gekünstelt struk­tu­riert. Wehrmann – und auch Luigs mit seinen sehr persön­lichen Fotos – kommen den Menschen so nah, dass sich die Frage nach einer Reprä­sentanz gar nicht stellt. Bloßge­stellt wird niemand.

Das Buch zu öffnen, heißt, sich in eine ganz eigene Welt zu begeben, die anderer­seits viele Stadt­teile in der Welt beschreibt, ohne die Eigen­arten dieses Viertels außer Acht zu lassen. Ob Wehrmann und Luigs sich bewusst sind, ein Manifest der Mensch­lichkeit verfasst zu haben, wird man kaum erfahren. Gelungen ist es ihnen. Und mögli­cher­weise ist es sogar Politikern ein Fingerzeig, mit mehr Feingefühl mit den Stadt­teilen umzugehen. Denn auch das Biotop Oberbilk ist in seiner Einzig­ar­tigkeit bedroht.

Eigentlich war es „nur“ als Liebes­er­klärung gedacht, aber es ist viel mehr daraus geworden. Es ist ein Beispiel dafür, wie wir Menschen mitein­ander umgehen können. Deshalb ist es kein Buch für Düssel­dorfer – für die sowieso – kein Buch für Touristen, die eine Stadt abseits von Kirchen und Protz wahrhaftig entdecken wollen, sondern ein Werk für Menschen, die sich in ihrer Heimat wieder richtig wohlfühlen wollen. Absolut empfehlenswert!

Michael S. Zerban

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