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Paul Abraham

Das aktuelle Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ möchte jüdische Kultur sicht­barer werden lassen. Für das Erscheinen der neuen Paul-Abraham-Biografie des Autors Klaus Waller dürfte es kaum einen geeig­ne­teren Zeitpunkt geben. Sie zeigt in plasti­scher Sprache und packenden Zeugnissen das Drama eines verfolgten Künstlers und eines ganzen Musikgenres. 

Klaus Waller - Foto © privat

Doppelte Tragik

Berlin, ein Tag Anfang Februar 1933. Hindenburg hat Hitler zum Reichs­kanzler ernannt. Die Natio­nal­so­zia­listen sind seit wenigen Tagen an der Macht. Ihre Schergen haben mit der syste­ma­ti­schen Jagd auf jüdische Künstler begonnen. Am Abend wird im Großen Schau­spielhaus Ball im Savoy gegeben, eines der Herzstücke der florie­renden Berliner Operette. Am Bühnen­eingang wird der Komponist des Stücks tätlich angegriffen und ihm der Zugang verwehrt. Der Vorfall verwandelt einen Star der Haupt­stadt­kultur jäh in einen tief getrof­fenen, psychisch angeschla­genen Menschen. Von diesem Augen­blick an sieht er seine Zukunft nur noch im Exil. Wenige Tage später verlässt er Deutschland, gelangt über Wien, Budapest, Paris und Havanna nach New York.

Im Sommer 1930 kommt der Komponist, der mit dem Genre der Operette eines der zentralen Elemente der damaligen Populär­kultur meisterhaft beherrscht, in das schrille Berlin. Aus der kleinen jüdischen Minderheit des ungari­schen Örtchens Apatin via Budapest in die brodelnde Metropole der Weimarer Republik mit ihren Revuen, Kabaretts und Operet­ten­theatern. Mit der deutsch­spra­chigen Adaption seiner ungari­schen Operette Viktoria und ihr Husar avanciert er binnen kürzester Zeit für nahezu drei Jahre zum erfolg­reichsten Operet­ten­kom­po­nisten der Welt. Und zu einem der ersten Pop-Gesamt­künstler. Er fabri­ziert nicht nur neue erfolg­reiche Operet­ten­werke. Er lebt auch ein wahrhaft operet­ten­haftes Leben, mit Luxus, Frauen, Glücks­spiel, Villa, Limou­sinen, Butler und Chauffeur. Überdies erfindet er sich als Künstler neu, mit einer ebenfalls kompo­nierten abenteu­er­lichen Vergan­genheit. Legende und Wirklichkeit gehen eine kunst­volle Symbiose ein, auch das im Grunde die Vorlage für eine Operette.

Beide Passagen erzählen von Paul Abraham, dem Schöpfer des Block­busters Die Blume von Hawaii und weiterer Operetten wie Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus sowie Hunderter Schlager und Lieder. Deren bekann­testes dürfte Bin kein Hauptmann, bin kein großes Tier aus dem ersten Tonfilm der UFA Melodie des Herzens sein. Beide Schlüs­sel­stellen stammen aus der Neuerscheinung Paul Abraham – Der tragische König der Jazz-Operette des Autors Klaus Waller, die im Verlag Starfruit Publi­ca­tions erschienen ist.

Aufstieg und Abstieg

Mit seinem neuen Buch baut der gelernte Journalist und ehemalige Rowohlt-Lektor auf seiner ersten Ausein­an­der­setzung mit Abraham auf. Die hat er 2014 unter dem Titel Paul Abraham. Der tragische König der Operette im Eigen­verlag heraus­ge­bracht. Verdien­ter­maßen hat sie ihm den Ruf eines exzel­lenten Kenners der Materie einge­bracht. Waller ist eine gern gefragte Instanz, wenn Theater – was zuletzt immer häufiger der Fall ist – eine Abraham-Operette auf die Bühne bringen wollen.

Die Akzent­ver­schiebung im neuen Buchtitel im Vergleich zur Vorgän­ger­pu­bli­kation macht einen Aspekt augen­fällig bewusst, den der Autor mit zahlreichen neuen Quellen sorgfältig heraus­ar­beitet. Anfänglich entwi­ckelt sich der Aufstieg des kleinen „Pali“, wie Abraham Zeit seines Lebens von seinen Freunden genannt wird, aus den Musik­stilen seiner ungari­schen Heimat. Exempla­risch hierfür Zenebona, die Boule­vard­ko­mödie mit magya­risch grundierten Gesangs­nummern von 1928. Schon drei Jahre später setzt Abraham mit der Blume von Hawaii auf etwas gänzlich Neues, auf die Einbindung von Jazzele­menten. In der Jazzmusik ameri­ka­ni­scher Prove­nienz sieht der Komponist eine „neue sympho­nische Musik“. Und in der Verbindung aller Instru­mente von Orchester und Jazz eine „neue Ausdrucksform“, gar den Sprung in das „Zeitalter des Flugzeugs im Gegensatz zur Postkutsche“. „So konse­quent und innovativ“, schreibt Waller, „hatte es bisher keiner gewagt, den Hot-Jazz einzu­bringen und die Operette zu entty­pi­sieren.“ So konse­quent, dass Waller Abraham den posthumen Ritter­schlag eines „Erneuerers des Genres der Operette“ zuerkennt.

Waller hat, dem Leben des Kompo­nisten folgend, die Haupt­ka­pitel seines Buches in Aufstieg und Abstieg unter­teilt. Den „Abstieg“ lernt der Leser des Buches als einen doppelten kennen, einen künst­le­ri­schen und einen mensch­lichen. Im August 1940 erreicht der von den Natio­nal­so­zia­listen aus „seinem“ Deutschland vertriebene Abraham nach den diversen Zwischen­sta­tionen seiner Flucht New York. Erfüllt von der Hoffnung auf ein neues Leben. Er bezieht ein Zimmer in einem Hotel, das wenige Hundert Meter vom Broadway und vom Theater­viertel Manhattans liegt. Doch die Neue Welt wartet auf niemanden aus der Alten.

Paradies als Hölle

„Obwohl Paul Abraham alle Musik­genres beherrschte“, resümiert Waller, „konnte er als Unter­hal­tungs­kom­ponist am Broadway nicht Fuß fassen.“ Abrahams Erfolgs­formel in Europa, der Jazz, habe den Musik­ge­schmack der Ameri­kaner befremdet. „Jazz hatte ihrer Ansicht nach in einer europäi­schen Operette nichts zu suchen.“  Vergeblich sind dann auch etliche Versuche, seinen innova­tiven Stil mit den Standards des US-Musik­business, vor allem dem Musical, in Einklang zu bringen. Abraham erfüllt weder die Erwar­tungen der Manager noch die des Publikums. Nicht in New York, für ihn „das Paradies als Hölle“, nicht in Hollywood.

New York ist auch der Schau­platz der mensch­lichen Tragödie. 1946 sollte sie sich mit dem Ausbruch der akuten, auf einer verschleppten Syphilis mitba­sie­renden Schizo­phrenie Abrahams entfalten. Sie geht mit seiner Einlie­ferung in eine psych­ia­trische Klinik für mehr als zehn Jahre einher. Ausgelöst wohl, wie Waller heraus­ge­funden hat, durch Geldmangel. Dieser sei vermutlich auch Ursache dafür, dass die Krankheit nicht schon in einem früheren Stadium behandelt worden sei.

Ringen um Entschädigung

1956 schaffen es Freunde des Kompo­nisten, ihn nach Deutschland zurück­zu­holen. Vier Jahre später stirbt Abraham 67-jährig in Hamburg an einem Hautkrebs. „Es gehört zu Abrahams Schicksal“, gibt Waller zu bedenken, „dass heutzutage diese Krankheit bei frühzei­tigem Erkennen gute Heilungs­chancen hat.“ In das Bild der Tragödie eines vertrie­benen Künstlers passt nicht zuletzt das Ringen um eine Entschä­digung für die Vermö­gens­schäden, die Abraham durch seine Flucht vor den Nazis entstanden sind, Waller beschreibt es in einem Extra­ka­pitel unter dem bezeich­nenden Rubrum Wieder­gut­ma­chung?. Die ihm, dem Weltkünstler Abraham, 1957 letztlich zugespro­chene Summe lässt sich kaum als angemessen erfassen. Der Nachkriegs­staat, noch durch­setzt von einstigen NS-Größen, zeigt ihm die kalte Schulter.

Mit seiner ambitio­nierten Veröf­fent­li­chung verfolgt Waller nicht allein ein Einzel­schicksal mit all seinen schil­lernden Veräs­te­lungen in einem faszi­nie­renden Abschnitt der Geschichte des deutschen Musik­theaters, das sich nur als ein „dunkles Kapitel“ apostro­phieren lässt. Seine insti­tu­tio­nelle Sicht auf Abraham kristal­li­siert zugleich die weitge­hende Auslö­schung einer ganzen Musik­richtung heraus, die aus der indivi­du­ellen Zerstörung einer Künst­ler­existenz gefolgt ist. Ohne die Barbarei des NS-Regimes, argumen­tiert der Autor, hätten sich auch die deutschen Kompo­nisten nach und nach der Richtung des Musicals angenähert. „Es hätte diesen Bruch, der uns heute die ‚antiquierte Operette‘ vom ‚modernen Musical‘ unter­scheiden lässt, nicht gegeben.“ Für die Bildung einer Brücke sei Abraham „präde­sti­niert“ gewesen.

Das Denkmal, das Waller mit seiner neuen Veröf­fent­li­chung über 384 Seiten, dank einer Vielzahl erstmals eruierter Quellen und eines umfang­reichen Illus­tra­ti­ons­an­teils Abraham errichtet, liest sich wie ein Roman gewor­denes Kapitel aus einer Univer­sal­ge­schichte der Operette, die wohl noch geschrieben werden muss. Es ist –  auch wegen der milieu­af­finen Detail­be­ob­ach­tungen und der flüssigen journa­lis­ti­schen Sprache – von litera­ri­scher Qualität, unter­haltsam und anspruchsvoll. Die Kompo­nente des Anspruchs wird zudem durch ergän­zende Beiträge von Begleitern und Kennern von Leben und Werk Abrahams unter­füttert. Darunter ist ein lesens­wertes Gespräch des Inten­danten und Chefre­dak­teurs der Komischen Oper Berlin, Barry Kosky, mit dem Dirigenten und Pianisten Adam Benzwi.

Kosky, der in den letzten Jahren allein vier Abraham-Werke im Haus an der Behren­straße heraus­ge­bracht hat, formu­liert womöglich am eindrucks­vollsten, wie wir Heutigen mit dem „König der Jazz-Operette“ umgehen könnten: „Das Mindeste, was wir tun könnten, ist nicht zu weinen, sondern Abrahams wunderbare Werke auf den Spielplan zu setzen und zu sagen: Dies ist Teil unserer Kultur.“

Ralf Siepmann

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