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In ihrem Werk Die Provenienz der Kultur – Von der Trauer des Verlustes zum universalen Menschheitserbe vermeidet Bénédicte Savoy, den Hunderten von Definitionen von Kultur eine weitere hinzuzufügen, sie arbeitet historisch-philosophisch, ihr Ziel ist ein kulturgeschichtlich-politisches. In ungewöhnlicher Klarheit und Direktheit stellt sie fest, dass „die Kolonien in Afrika, Asien und der Südsee einen hohen kulturellen Tribut an Europa“ gezahlt haben. Savoy möchte die Widersprüche und Spannungen „der Idee des Museums“ sichtbar machen und erinnert daran, dass die Worte „Museum“ und „Kulturerbe“ zum unübersetzbaren Wortschatz der europäischen Sprachen zählen.
Ihre zahlreichen Beispiele aus den Ländern und Hauptstädten, von Wien über Paris und London bis Sankt Petersburg, ja bis zu den Benin-Bronzen aus dem fernen Nigeria rauben einem fast den Atem. Savoy sieht nicht nur die Akkumulation von Objekten, sondern betont auf 72 Seiten auch die mit den Objekten verbundene Wissensproduktion und die Weltherrschaftsfantasien. In unmissverständlich sprachlicher Schärfe verbindet sie „das Begehren von Objekten“ mit der libido dominandi, dem Wunsch nach Herrschaft. In zahlreichen Kunstwerken entdeckt sie eine „Allianz von Ideologie und Ästhetik“ und präsentiert damit eine neue Sicht von Kunstgeschichte, deren besitzergreifendes Ziel sie vielfach belegt und offen legt.
Sie enttarnt die Statue von Champillon in Paris als „unerträgliches wie wertvolles Dokument“ eines Kulturraubzuges, als die Kehrseite der „westlichen Wissens- und Kulturtradition“, deren Rückseite sie als „lichtlos und dunkel“ beschreibt. Indem sie den Lesern ihre drei Skulpturen, die ihren Schreibtisch zieren, als ständige Begleiter und Freundinnen präsentiert, nutzt sie geschickt und anschaulich ihre „drei Statuen“ quasi als kunsthistorische Führer und Blicke lenkende Lupen für die Leser. Die leiten den Leser mit ihren teils provozierenden Fragen und Thesen und geben der Darstellung eine persönliche Note, die keineswegs auf zuverlässige Recherchen verzichtet und zu überraschenden Schlüssen führt. Auch wenn Savoys Schlussvision eines „zwingenden“ Nachdenkens über eine Restitution eher als „schöner Traum“ erscheint, weisen ihre Argumente klar in diese Richtung. Die von Philippa Sissis und Hanns Zischler besorgte Übersetzung aus dem Französischen verzichtet auf eine schwergewichtige wissenschaftliche Begrifflichkeit, sie präsentiert wissenschaftliche Ergebnisse von Savoy und anderen mit sprachlich leichter Hand, das Lesen wird zum Vergnügen.
Nach dieser originellen und sorgfältigen, als erweiterte Antrittsvorlesung am Collége de France in Paris zunächst erstellten Arbeit von Savoy haben Arbeit und Geschichte der europäischen Museen ihre politische Unschuld verloren, der Kunstgeschichte werden ihre politischen Verflechtungen deutlich gemacht. Die These geht weit über bisherige Verhandlungen und Rückführungsdiskussionen von geraubter Kultur hinaus. Sie wirft auch die Frage auf, ob andere, nicht so leicht „materiell“ fassbare Kulturbereiche wie etwa die Musik, die Dichtung, das Theater ähnlichen Raubzügen unterliegen und die Frage nach ihrer Provenienz ebenfalls zu neuen Sichtweisen führt. Es gehört zum Wesen der Forschung, dass sie mit jedem neuen Ergebnis viele neue Fragen aufwirft. Und es gehört zu den Aufgaben des Collége de France und seinen 54 Professuren, „das Wissen in seiner Entstehung zu lehren“. Hierzu wird Bénédicte Savoy an diesem weltweit renommierten französischen Institut nun Gelegenheit haben.
Ob Savoys Arbeit allerdings dazu reicht, das wissenschaftlich-theoretische Fundament für ein „Weltkulturerbe“ zu formen und daraus eine „ideologiefreie“ Kulturpolitik entstehen zu lassen, ist eher eine Frage der praktischen Alltagspolitik, die offensichtlich nach anderen Maßstäben agiert. Die Liste des Weltkulturerbes, die die UNESCO seit 1972 führt und ständig erweitert, weist inzwischen 832 Nennungen in 193 Ländern auf, doch über Sanktionsmöglichkeiten verfügt die UNESCO nicht. Ihre Liste kann erst dann Kulturgüter schützen, wenn die Nennungen in nationales Recht übergeführt werden. Und das ist nach einer vom WWF in Auftrag gegebenen Studie noch viel zu selten der Fall.
Die Unzulänglichkeiten der Kulturpolitik können die Verdienste der Arbeit von Bénédicte Savoy nicht schmälern. Ihre Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen werden die Provenienzpolitik der Museen verändern und – vielleicht einmal – zu ihrem Standard werden. Denn auch davon „hängt ihre gesellschaftliche Akzeptanz“ ab.
Horst Dichanz